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RECHT / TRUNKSUCHT Helden gegen Teufel

aus DER SPIEGEL 39/1968

Jeden Tag, wenn ihr Mann zu Mannesmann ins Stahlwerk ging, wurde Wilma Glupp*, 35, zu Hause schwach, und der Durst übermannte sie. Monatelang, so schrieb der Arzt ins Attest, habe sie »übermäßig Alkohol getrunken und sowohl ihr Kind als auch ihren Haushalt vernachlässigt«.

Frau Wilma gelobte Besserung, kurte ambulant mit dem Medikament Exhorran -- nur standfester wurde sie nicht. Das Ordnungsamt bemühte den Amtsrichter, und die Duisburgerin wurde »wegen Alkoholismus« zwangsweise in die geschlossene Anstalt Süchteln verwiesen. Entlassungsvermerk nach zehn Wochen: Weitere nervenärztliche Behandlung und Betreuung durch die Trinkerfürsorge seien unerläßlich. Krankenhausrechnung: 770 Mark.

Die Kosten wollte niemand tragen. Das war im Falle Wilma Glupp so wie bei fast allen Alkoholsüchtigen, deren Zahl allein zwischen 1951 und 1966 um das Vierfache gestiegen Ist und die von der »Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren« heute auf etwa 600 000 geschätzt wird.

»Alle als Kostenträger in Betracht kommenden Einrichtungen wie Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und Sozialhilfe«, so klagt der Münchner Obermedizinalrat Dr. Helimut Kramm, »versuchen die Last von sich abzuwälzen.« Er nennt es Anachronismus, daß Krankenkassen erst zahlen sollen, wenn der Trinker »zerrüttet« ist.

Doch der Anachronismus war bisher alltäglich. Die moderne Konsumgesellschaft preist den Alkohol und verdammt die Alkoholiker. Sie spricht

* Name von der Redaktion geändert. den Weingeist heilig und konserviert zugleich das jahrhundertealte bürgerliebe Vorurteil vom Trunksüchtigen als dem sozial Aussätzigen, charakterlich Minderwertigen und moralischen Versager, dem allenfalls durch die bemühte Hilflosigkeit der Sozialfürsorge oder Trinkerheilverbände geholfen werden soll.

Kundigen Medizinern galt solche Theorie schon lange überholt. Für sie ist jeder Trinker krank, wenn er seinen Hang nicht mehr zügeln kann.

Die Betriebskrankenkasse der Mannesmann AG war -- wie alle gesetzlichen Krankenkassen -- auch anderer Ansicht. »Trunksucht als solche« sei keine Krankheit, befand sie im Falle Wilma Glupp und lehnte es ab, die Kosten der Entziehungskur zu übernehmen. Beglichen hatte die Rechnung zunächst als zuständige Sozialbehörde der Landschaftsverband Rheinland, aber dessen Juristen wollten die 770 Mark nur auslegen und verlangten sie von der Krankenkasse zurück. Der Streit ging durch alle Instanzen.

Die Bundesrichter standen vor der Frage, ob sie die Trinker auch in Zukunft der Sozialhilfe überlassen -- die wenig bessern kann und als diskriminierend empfunden wird -- oder den Krankenkassen abverlangen sollten, in Zukunft nicht erst für Folge- und Begleiterscheinungen der Trunksucht aufzukommen. Sie entschieden sich bei Frau Wilma und grundsätzlich dafür, Trinker beizeiten ärztlich zu kurieren.

Getreu der Bodelschwinghschen These »Wenn du einem geretteten Trinker begegnest, dann begegnest du einem Helden«, beschlossen die Kasseler Richter vom 3. Senat, dem Lande wieder Helden zu schenken. Sie entschieden, jeder »regelwidrige Körper- oder Geisteszustand« sei eine Krankheit und bedürfe der Heilbehandlung.

Dazu gehöre die »körperliche wie auch psychische Abhängigkeit vom Alkohol«, die es in den meisten Fällen nicht mehr erlaube, »mit eigener Willensanstrengung vom Alkohol loszukommen«. Schon in diesem Stadium soll die ärztliche Behandlung beginnen, und Krankenkassen müssen fortan dafür aufkommen.

An Patienten wird kaum Mangel herrschen. In den 19 Trinkerheilstätten der Bundesrepublik sind die mehr als 1100 Betten schon jetzt ständig belegt. Die Kundschaft Stammt aus allen sozialen Schichten. Ob sie geheilt werden können, hängt vom Zeitpunkt der Behandlung wie von der Behandlungsmethode ab.

Bislang bieten die Ergebnisse kaum Grund zu Optimismus -- mehr als die Hälfte der Trinker findet den Weg zurück zur Flasche. Doch Mediziner glauben, es seien bisher nur die falschen Helfer am Werk.

Tatsächlich werken neben Sachverstand auch fromme Zuversicht und naive Bekehrerfreude am Dammbau gegen den Alkohol. So desparate Unternehmungen wie die Guttempler oder die »Hoheneck-Zentrale mit

Kreuzbund« investieren ihre Kräfte -- solche Vereinigungen sind heute sp unwirksam wie früher, weil -- so Dr. Ernst Kröber, Psychiater und Neurologe in Bethel -- »sie im Grunde die Einstellung der Gesellschaft dem Alkoholkranken gegenüber übernommen haben und geradezu konservieren. Manche selbstzufriedene Grüppchen und Konventikel, denen Alkoholgegnerschaft Religionsergänzung oder Weltanschauung geworden ist, sind so sehr mit sich selbst und mit dem emotionell angefeuerten Kampf gegen den 'Teufel Alkohol' beschäftigt, daß für praktische Hilfe im konkreten Fall oft nicht mehr viel Zeit und Kraft bleibt«.

Künftig kann -- auch wer das letzte Geld vertrunken -- ohne Furcht vor hohen Kosten zum Arzt gehen. Ist er süchtig, gilt er nicht länger als gesund. Denn -- so die Bundesrichter in Kassel -- »diese Ansicht muß als durch die Fortschritte der medizinischen Erkenntnis überholt bezeichnet werden«.

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