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Briefe

HELDENKLAU
aus DER SPIEGEL 6/1961

HELDENKLAU

Die Ereignisse vor und nach der Uraufführung des unter meiner Leitung hergestellten Films »Lebensborn«, das Einschlagen von Scheiben, das Abreißen von Photos und Plakaten, die Bedrohung von Theaterbesitzern und die Aufmärsche von SS-Leuten lassen erkennen, wie stark die Kräfte von gestern noch am Werk sind. Das Presse -Kommuniqué des Verbandes der ehemaligen Waffen-SS, das das »Machwerk Lebensborn« anprangert, hebt die »wahrhaft menschliche Aufgabe« der SS hervor. Sie bestand angeblich darin, Familien zusammenzuführen.

Wenn sich die Waffen-SS heute scheinheilig gibt und durch ihr Presse-Organ die Forderung stellt, der Aufführung des in meiner »Sudelküche« hergestellten »Lebensborn«-Films Einhalt zu gebieten, so will ich daran erinnern, daß sich nach meinen eigenen Erfahrungen und auf Grund dokumentarischer Unterlagen Angehörige der Waffen-SS in unmenschlicher Weise an der Deportierung und Erschießung von wehrlosen Menschen beteiligt haben. Die aufgefundenen Original -Fernschreiben des blutigen Henkers Jürgen Stroop, des Vernichters des Warschauer Gettos, an Himmler dokumentieren eine äußerst aktive willige Mitwirkung der Waffen-SS an den Erschießungen der von den brennenden Dächern springenden Frauen und Kinder.

Deshalb vermag ich keinen großen Unterschied zwischen SS und Waffen-SS zu sehen. Der einzige Unterschied liegt vielleicht darin, daß die SS aus Mördern und Bestien ohnegleichen bestand, während es Angehörige der Waffen-SS gegeben hat, die als Soldaten ihre Pflicht erfüllten, ohne an Verbrechen gegen wehrlose Menschen beteiligt gewesen zu sein.

Den Piloten, der die erste Atombombe abwarf, trieb die Seelenqual in geistige Umnachtung. Ein französischer Offizier, der 1945 in Rastatt ein Verbrechen beging, stellte sich vor kurzer Zeit dem Gericht. Ich habe aber noch nie davon gehört, daß auch nur einer der SS-Mörder sich freiwillig dem Gericht gestellt hätte, weil ihn die Erinnerung an den letzten Todesschrei oder an das Flehen Tausender von ausgemergelten Opfern nicht schlafen ließ.

Berlin ARTUR BRAUNER

Sie sprechen im Zusammenhang mit dem »Lebensborn«-Film von »Himmlers Gebärverein«. In den Akten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozesses heißt es jedoch wörtlich:

...Die Arbeit des Lebensborns war nicht auf die SS beschränkt. Seine 700 Angestellten bestanden zu 80 Prozent aus Frauen. Auch bei den männlichen Mitarbeitern wurde SS-Zugehörigkeit nicht gefordert. Von den Vätern ehelicher und außerehelicher Kinder, die in Lebensborn-Heimen geboren wurden, gehörte nur ungefähr die Hälfte der allgemeinen SS oder Waffen-SS an ...

Dies bestätigt auch die Urteilsbegründung im Prozeß gegen den Leiter des Lebensborn, Max Sollmann:

... Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Verein Lebensborn eine Wohlfahrtseinrichtung und in erster Linie ein Entbindungsheim war ...

Hamburg 20 EGON BERTRAM

Brauner

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