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Helmut Kohl als Symbol

Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 47/1989

Helmut Kohl hat seine Pflicht getan. Die kenne er, versichert er im letzten Satz seiner so lustlos, fast mürrisch vorgetragenen Regierungserklärung am vergangenen Donnerstag, daß Willy Brandt den Kanzler davor warnt, »jetzt die beleidigte Leberwurst zu spielen«.

Nicht trotzig aber gibt sich der Regierungschef, nicht arrogant oder hochfahrend - eher resigniert, als sei er der einzige Verlierer der vergangenen Tage. Nahezu unbewegt spricht Helmut Kohl von bewegenden Ereignissen, unfroh über »Freude und Genugtuung«, ganz und gar unfeierlich über das »Fest des Wiedersehens, der Zusammengehörigkeit und der Einheit«. Bis zur Tonlosigkeit abgeflacht klingt seine Stimme, in der eine Woche zuvor das Pathos vibrierte, als sei jeder Satz dem Text der Nationalhymne entliehen.

»Die ganze Welt schaut heute auf die Deutschen«, liest Helmut Kohl vom Blatt. Er wirkt, als wäre ihm peinlich, dabei mit in den Blick zu geraten. Kann Willy Brandt diesen Mann gemeint haben, wenn er »überzogene Selbstgerechtigkeit« und »Überheblichkeit« anprangert?

Der Kanzler hat das Unglück gehabt, von den »historischen Ereignissen«, die über Nacht »das Gesicht Deutschlands und Europas verändert haben«, in Warschau überrascht zu werden. Die Unterbrechung dieser Reise hat ihm, außer Pfiffen und Buhrufen am Schöneberger Rathaus, wenig eingetragen. Ist es das, was Helmut Kohl so dämpft?

Einsam und wie in sich selbst verkrochen sitzt Kohl nach seiner Rede auf der Bank. Brandt, der sich geradezu liebevoll dem entrückten Kohl zuwendet, sagt, ihm hätten die Pfiffe in Berlin auch nicht gefallen: »Aber Pöbel war das nicht.«

Da pumpt sich Helmut Kohl in seinem Sitz auf, lacht verächtlich und schickt seine flatternden Blicke schräg nach oben ins Ungefähre. Es ist das einzige Mal an diesem Morgen, daß er einen Durchblick gestattet auf jene aufgebläht pompöse Kanzlerfigur, die sich in Polen und Berlin als Herrscher aufführte in einer Welt, wie nur noch er sie sehen kann.

So hat Kohl am Freitag vorletzter Woche von den Stufen des Schöneberger Rathauses herab gegen eine pfeifende Menge angesungen, Mund und Stimme so schief nach oben verzerrt wie den Blick. Und da, wohin er ins Weite blickt, muß irgendwo die Geschichte sein, auf deren Sonnenseite Helmut Kohl einen mächtigen Schatten wirft. Lachhaft wirkt dieser monströse Auftritt und furchterregend zugleich.

Denn dies ist ja nicht irgendein Lied, liebe Freunde und Landsleute, das er »in dieser schicksalhaften Stunde der Weltpolitik« anstimmt, so ergriffen wie tags zuvor die Abgeordneten im Plenum. Es ist jenes »Lied der Deutschen«, das ihn beflügelt hat von Warschau bis Berlin, um seine »Botschaft der Bereitschaft zum Miteinander« abzuliefern. Eine solche Geste, weiß Helmut Kohl, »spricht ja für vieles. Sie sagt mehr, als man mit Wörtern ausdrücken kann«. In beträchtlicher nationaler Wallung, fiebernd vor »innerer Leidenschaft«, hatte er am Vorabend der Öffentlichkeit einen Einblick in Helmut Kohl gestattet. Er, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, gewähltes Verfassungsorgan, und er, Helmut Kohl ganz persönlich, verkündeten ungefragt: »Ob einer groß ist als Kanzler oder nicht, das ist keine Frage der Zeitgenossen, das wird später beurteilt.« Und ohne zu wissen, ob man ihm dereinst ein Monument setzen werde, triumphierte er über ungenannte Widersacher: »Die, die sich die größten Denkmäler gebaut haben, werden später am wenigsten noch in den Denkmälern aufgesucht.«

Da tauchten aus dem Nebel der Geschichte die Umrisse Helmut des Großen auf, der ständig Brücken baut »zwischen Ost und West«, sich als Akteur sieht in »einer Brückenfunktion, die uns zuwächst«.

Massig und hochaufgerichtet saß Helmut Kohl da, mehr nach innen lauschend als nach außen donnernd. Die Öffnung der Mauer schien ihn in einen tranceähnlichen nationalen Größenrausch versenkt zu haben.

Oh, er war sicher, daß er kühlen Kopf bewahrte auch in dieser historischen Stunde. Achtet nicht alle Welt in Ost und West auf uns, die Deutschen? Auf unsere Sprache? Darauf, daß wir in ruhiger Weise reagieren? Daß wir gelernt haben aus der Geschichte?

Er, Helmut Kohl, hatte; und deshalb nannte er seinen Abstecher an die Heimatfront nicht einfach nur eine Unterbrechung des ohnehin heiklen und von Peinlichkeiten und Pannen befrachteten Besuches in Polen. »Nehmen Sie es als Bild«, riet er seinem Gastgeber Tadeusz Mazowiecki nach der Rückkehr, als Signal deutscher Zuverlässigkeit.

So lernten die Polen ganz nebenbei das Grundgeheimnis der Kanzlergröße: Nichts, was Helmut Kohl tut, ist einfach nur, was es ist. Alles hat Bedeutung darüber hinaus, verweist auf Höheres oder Tieferes, ist Geste oder Symbol. Alles wird aufgeladen mit Energie aus jener historischen Waberwelt, deren unmittelbarer Herrscher jener Mann aus Oggersheim im Herzen Europas ist, der bei gutem Wetter von seinem Balkon aus das Hambacher Schloß sehen kann und damit den Blick frei hat auf viele Blütezeiten der europäischen Geschichte. Den »Wind der Freiheit«, der »stürmisch durch Europa weht«, spürt Helmut Kohl schon seit Jahrhunderten.

Mit diesem Wind im Rücken und so federnd beschwingt, als summe in ihm unablässig das »Lied der Deutschen«, war Kohl nach Berlin gedüst, hatte im Flugzeug mit eigener Schrift seine Rede niedergeschrieben, die er, im Gang stehend, sich selbst vorlas - kein Zweifel, Helmut Kohl war bereit für die historische Stunde.

Wie groß müssen Wut, Enttäuschung und Kränkung gewesen sein, als ihm keiner zuhören wollte. »Schändlich«, murmelte er noch tags darauf, als er von Bonn zurück an die Weichsel flog, »Pöbel« habe man vor ihm aufgebaut.

Nun ist aber Kohl nicht der Mann, der sich von solchen Widrigkeiten umwerfen läßt. Nicht umsonst hat er sich Kilo für Kilo angespeckt, um gegen Kälteschocks gewappnet zu sein. Von weit her fegt seine große Hand wegwerfend durch die Luft: »Das war doch alles bestellt.«

Nein, was in Kohls Leben stattgefunden hat und was nicht, bestimmt immer noch er selbst. Einen Tag danach war sein zentrales Berlin-Erlebnis ein spontaner Abstecher zum Checkpoint Charlie, »da war ich doch vor allem«. Plötzlich leuchtete der Kanzler wieder: diese Stimmung, »so positiv«, ein Geschiebe wie im Stadion nach einem Länderspiel. Nein, mehr noch, er hat es gerade seinem Freund Francois Mitterrand am Telefon erzählt: »Wie auf den Champs-Elysees am 14. Juli.«

In eine Gruppe von Brandenburgern war der Kanzler geraten, lauter 16jährige, und mittendrin blieben die Autos stehen - »aber kein Gehupe, kein Vogelzeigen; die kommen einfach mal raus, und dann hoch die Tassen, phantastisch«.

So war es in Berlin. Und war nicht auch das wieder ein Symbol? Der Kanzler, der unbemerkt vom Fernsehen - was er an anderer Stelle heftig rüffelt - als Mensch wie du und ich im jubelnden Volk steht? Ein Sieger wie alle, nur größer?

Bis zur Rückkehr in Warschau hatte er sich längst wieder in Stimmung verdrängt. War es nicht großartig, daß er zurück war? Versöhnung, danach laßt uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand.

Am nächsten Tag während einer Messe auf dem Gut des von den Nazis hingerichteten Widerständlers Graf Moltke im ehemals schlesischen Kreisau verdichtete sich des Kanzlers historisch überhöhte Wunschwelt sorgsam inszeniert zur Hauptmetapher seiner Reise. Da pfiff keiner, da buhte niemand. »Helmut, Helmut«, riefen die polnischen Schlesier, »denk an uns«, »du bist auch unser Kanzler«. Weihrauch wallte; Transparente, Fahnen flatterten, und die Fernsehkameras schweiften über jenen gelben Baldachin, unter dem auf ausdrücklichen Wunsch Kohls vor den frisch getünchten Wänden der arg heruntergekommenen Gutsgebäude seine Minister saßen.

Hier endlich floß alles zusammen, was des Kanzlers heile Welt nährt: nationaler Stolz und katholische Glaubensfestigkeit, historische Rechtfertigung durch Verweis auf »den deutschen Widerstand gegen die Tyrannei«, die zeremonielle Beschwichtigung der Verlierer von gestern und der vereinnahmende Freundschaftsrollgriff für den Sieger von heute. Und Kohl selbst liefert die hausgemachte Interpretation: »Wir haben die Geschichte gespürt. Sie war da, gerade auf diesem Platz in Europa.«

Die Geschichte - immer spricht der studierte Historiker von ihr wie von einer willigen Gefährtin, die ihm jederzeit zu Diensten ist. Nicht als Ergebnis menschlichen Handelns scheint er Historie zu begreifen, sondern als eine mystisch raunende Schicksalsgestalt, die lehrt, straft und belohnt, zu der man also besser ein »vernünftiges Verhältnis« unterhält.

Das ergibt sich nahezu von selbst, wenn man wie der Kanzler eine »eigene, ganz persönliche Mitte« hat: »15jährig erlebte ich den Krieg sehr persönlich als eine sehr drastische Sache«, damals war sein Bruder als 18jähriger Soldat gefallen. »Diese Lektion hat mich sehr beeinflußt, daher habe ich mich sehr früh mit der Politik befaßt, um auf andere einzuwirken.« Das ist, zur Legende verdichtet, die aktuelle politische Botschaft der Geschichte an Helmut Kohl. Sie hat ihn nach Polen geführt. Ihre oft anmaßende und unbescheidene Form ist freilich nicht zu verstehen ohne den Wertehintergrund, der unerschütterliche Stabilität garantiert.

Mit Stichworten wie Vaterland, Heimatliebe, Pflichtgefühl, »Stolz auf die kulturellen Leistungen« des Volkes, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Maßhalten umschreibt Kohl eine seit Kaisers Zeiten ungebrochene deutsche Bürgermentalität, die »den Staat« - welchen auch immer - gehorsam verinnerlicht hat; und entscheidend für sein Geschichtsverständnis ist, daß die Weltsicht im Elternhaus vor, während und nach Hitler unverändert blieb. Kohl: »Die Orientierung ging keinen Augenblick verloren.«

Viel Neues in der Grundauffassung ist nicht hinzugekommen in all seinen Politikerjahren. Weder Kohls Wendepolitik noch sein »Geschichtsverständnis« sind von der schon zu Jugendzeiten verfestigten Ideologie zu trennen, in der die nahezu heilige Familie zugleich als Keimzelle und als Modell für den Staat herhalten muß, neuerdings auch für das »europäische Haus«. Das ist abendländisch, christlich, frei - das historisch legitimierte »Gute« schlechthin. Alles, was diese Idylle stört, wird verleugnet, verdrängt oder »dem Bösen« angelastet, und dazu gehören neben den Nazis »immer auch« die Kommunisten.

So war es weder ein Wunder, daß Kohl seine Besuche am Denkmal des Warschauer Gettos und in Auschwitz im Geschwindschritt erledigte, noch daß er zu dem konservativen Katholiken Tadeusz Mazowiecki ein freundliches, wenn auch gängelndes Verhältnis fand.

Und doch waren die Unterschiede augenfällig. Der gebeugte Tadeusz Mazowiecki, den seine Landsleute einen »Schmerzensmann« nennen, hat seine Überzeugungen sichtbar im Leben erhärtet. Kohls stabiles Weltbild dient - wie das Gewicht, das er auf die Waagschale der Geschichte bringt - vorwiegend dazu, sich die unbequemen, widersprüchlichen, schmerzlichen Seiten des Lebens vom Leibe zu halten.

Deshalb hat Willy Brandt am Donnerstag in den Wind geredet, als er den Kanzler mahnend fragt, »ob unsere politische Sprache der veränderten Gemütslage noch gerecht wird«. Da erstarrt der Kanzler zum Symbol seiner selbst, verschließt sich in eisiger Abwehr. Die Botschaft ist klar: Eher wird Helmut Kohl versuchen, die Gemütslage der Republik wieder seiner Sprache anzupassen.

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