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PERSONALIEN Helmut Schön, Ernst Albrecht, Jürgen Wolter, Walter Scheel, Berndt von Staden, Karl Haehser, Charlotte Peter, Durgum Vahap, Rainer Barzel, Helmut Schmidt

aus DER SPIEGEL 21/1978

Helmut Schön, 62, Fußball-Bundestrainer, dessen Konterfei derzeit täglich in Zusammenhang mit Berichten über die Vorbereitungen zu den Weitmeisterschaftsspielen in Argentinien in den redaktionellen Teilen der deutschen Tagespresse erscheint, hat sich nun auch seinen Platz im Anzeigenteil der Zeitungen gesichert: Schön ließ sich von dem Frankfurter Photographen Horst Riehl für die Kaufhaus-Kette Karstadt als Dressman ablichten (Photo). Strahlend und lässig wirbt der sonst eher spröde wirkende Sportlehrer für die offizielle Kicker-Kleidung, in der die deutsche Mannschaft »auch nach langen Reisen noch tipptopp in Form« (Anzeigentext) in Buenos Aires aus dem Flugzeug klettern soll. Schöns gelungener Einstand als Amateur-Modell kommt nicht von ungefähr, der Bundestrainer hält auch privat auf Schick. Die »Bunte": »Nie hat es einen besser angezogenen Bundestrainer in Deutschland gegeben.«

Ernst Albrecht, 47, niedersächsischer Landes- und sechsfacher Familienvater, ließ sein Haus bei Hannover kurzfristig in ein Tonstudio umwandeln (Photo). Grund: Der musikalische Ministerpräsident sang unter Anleitung des Arrangeurs Jürgen Wolter (l.) gemeinsam mit Frau Heidi-Adele, 47, Tochter Ursula, 19, und den Söhnen Hans-Holger, 14, und Barthold, 11, zwei Volkslieder ("Wohlauf in Gottes schöne Welt«, »Alle Birken grünen in Moor und Heid") für eine Schallplatte ein, die zugunsten der neugegründeten Landesstiftung »Familie in Not« verkauft werden soll. Ein Teil des Familienchors besitzt schon Mikrophon-Erfahrung: Nach der Wahl Albrechts zum Ministerpräsidenten 1976 stellten sich Frau Heidi-Adele und die fünf jüngsten Albrecht-Kinder in einer Regional-Fernsehsendung des Norddeutschen Rundfunks den Niedersachsen und ihren Nachbarn mit Jägerliedern vor. Spitzname der Albrechts seit diesem Auftritt: »Die Trapp-Familie«. Walter Scheel, 58, kunstsinniger Bundespräsident und Solosänger ("Hoch auf dem gelben Wagen"), kann künftig, sooft er mag, in Düsseldorfs neuer Tonhalle kostenlos Konzerten lauschen. Das werbewirksame Service-Angebot für das Staatsoberhaupt kam von Düsseldorfs Oberstadtdirektor Gerd Högener, der Scheel »stets zwei Karten, bei Bedarf auch mehr« für alle Aufführungen des im April eingeweihten Musiktempels offerierte. Während der Bundespräsident »den liebenswürdigen Gedanken« mit Dank akzeptierte, reagierte die Düsseldorfer Lokalpresse auf Högeners Einfall kritisch. Die »Rheinische Post": »Vielleicht könnten die beiden Plätze allabendlich ... auch an Musikinteressierte verschenkt werden, die nicht so gut bei Kasse sind wie die Herrschaften der Obrigkeit.«

Berndt von Staden, 58, Bonns Botschafter in Washington, wurde von den werbebewußten Managern des New Yorker Fußballklubs »Cosmos« zur Dekoration eines Franz-Beckenbauer-Tages gewonnen. Zur Ehrung des deutschen Kickers, zu der auch die Fischer-Chöre ins Giant-Stadion von New York geladen waren, hatte sich der sonst eher sportabstinente Diplomat einen Spruch in Bronze gießen lassen, der Beckenbauers »Verdienste um den amerikanischen Fußball« und seinen »Beitrag zur deutsch-amerikanischen Freundschaft« lobend verewigt. Karl Haehser, 50, Parlamentarischer Staatssekretär, der im Bonner Finanzministerium für Bundesunternehmen zuständig ist, sorgte für Sprengstoff im niedersächsischen Landtagswahlkampf. Bei einem Besuch in Bad Lauterberg ließ er den 80 Meter hoben Schornstein der ehemaligen Schnittker-Werke, einst Treibstoffproduzent für V-Waffen, in die Luft jagen. Mit der Beseitigung des Schlotes wird bundeseigenes Gelände für einen Kurpark frei. Haehser: »Ich habe den Bürgern klargemacht, daß die Ruine nur deswegen so lange stehenbleiben konnte, weil die niedersächsische Landesregierung ein Gutachten verzögert hat.«

Charlotte Peter, 53, Chefredaktorin der Schweizer Frauenzeitschrift »EIle«, mußte sich wegen der Veröffentlichung allzu origineller Kochrezepte verantworten. Die Journalistin hatte von einem Amerika-Besuch ein »Anarchisten-Kochbuch« mitgebracht und ihren Leserinnen daraus die Zubereitung der Gerichte »Pot-Suppe«, »Hackbeafsteak Anarchist« und »Spaghetti-Sauce nach Hippie-Art« empfohlen. Gewürzpfiff aller drei Leckereien: Haschisch. Weil die Redaktorin zudem -- angeblich arglos -- vermerkt hatte, das Rauschgift gedeihe auch im Schweizer Klima und sei ohne große Mühe auf dem Balkon zu ziehen, griff die Staatsanwaltschaft ein. Wegen öffentlicher Aufforderung zum Betäubungsmittelkonsum und Bekanntgabe von Gelegenheiten zum Erwerb von Drogen wurde die »Elle«-Chefin zu 2000 Franken Geldstrafe verurteilt.

Durgum Vahap, 38, Kontrolleur in der Achsenfertigung beim Opel-Werk in Bochum, schaffte im Alleingang den Sprung in den 38 Mitglieder starken Betriebsrat der 19 000-Mann-Belegschaft. Bei der Vertrauensleute-Versammlung, die über die Kandidatenliste entschied, war der Türke auf den aussichtslosen Platz 68 gesetzt worden. Daraufhin kandidierte Vahap zum Verdruß der IG Metall, die ihm mit Ausschluß drohte, als Solist mit seiner »türkischen Liste« und erreichte ein Wahlergebnis von 354 Stimmen, gerade ausreichend für das Mandat.

Rainer Barzel, 53, CDU-Bundestagsabgeordneter, mochte Parteikollegen im niedersächsischen Landtagswahlkampf keine Schützenhilfe gewähren, weil er erfahren hatte, daß einen Tag vor seinem für den kommenden Donnerstag geplanten Auftritt auf dem Wolfenbüttler Marktplatz sein Intimfeind Franz Josef Strauß dort ebenfalls eine Rede halten wird. Barzel zog seine Zusage kurzerhand zurück. Die Wolfenbüttler sind nun auf jeden Fall stolz, daß Strauß ihre Einladung angenommen hat -- die offizielle des CDU-Landesvorsitzenden Wilfried Hasselmann hatte er nämlich ausgeschlagen.

Helmut Schmidt, 59, Bundeskanzler, wird diese Woche auf der UN-Sondergeneralversammlung für Abrüstungsfragen in New York einen zweiten kompetenten, doch ihm unliebsamen Deutschen neben sich als Redner dulden müssen: Wolff Geisler, Arzt und Mitglied der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB), gegen den die Bonner Staatsanwaltschaft vergeblich wegen eines Aktendiebstahls in der Südafrikanischen Botschaft ermittelte. Während der Kanzler den Willen seiner Regierung zu verstärkten Abrüstungsbemühungen vor dem Uno-Forum dokumentieren wird, will Geisler Gegenteiliges beweisen. Gestützt auf die verschwundenen Botschaftsakten, möchte er vor dem UN-Komitee gegen Apartheid erneut zeigen, daß deutsche Firmen seit Jahren -- zum Teil mit Wissen der Bonner Regierungsstellen -- in Rüstungsfragen mit südafrikanischen Behörden zusammenarbeiten.

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