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Herbert Brückner

aus DER SPIEGEL 45/1976

ist Vorsitzender der Umweltminister-Konferenz der Bundesländer; nächstes Jahr wird er der Länderkonferenz der Gesundheitsminister präsidieren. In Bremen, dem kleinsten Bundesland, amtiert Brückner, 38, als Senator für beide Bereiche: Umwelt und Gesundheit.

Für den Sozialdemokraten ist diese Fächerkombination eine »ideale Lösung«, denn »was ich bei der Umweltverschmutzung verhindere, kommt der Gesundheit zugute; was ich für die Gesundheit ausgebe, spare ich an Krankenkosten.«

Diese Amtsphilosophie weist auf Zusammenhänge, denen die Bürger des Industriestaats Bundesrepublik ausgesetzt sind und die im Bonner »Umweltbericht 76« so beschrieben werden: »Bei der Ermittlung der Faktoren, die die Gesundheit des Menschen und die Intaktheit seines Lebensbereichs beeinträchtigen und gefährden können, stößt man in vielen Fällen auf die auftretenden, verwendeten und emittierten Chemikalien.« Gift ist »überall«, warnt der Bericht, »im Wasser, in der Luft und im Boden«.

Viele dieser Substanzen, die in die Hunderte gehen, werden gewollt freigesetzt -- Pestizide etwa oder Waschmittel; andere Giftstoffe, so die Abgase aus Fabriken, Hausheizungen oder Kraftfahrzeugen, fallen ungewollt an. »Ihre Vielfalt und ihre Verbreitung nehmen noch immer zu«, resümiert die Bundesregierung, »und die geringe Abbaubarkeit vieler dieser Stoffe stellt eine zusätzliche Gefahr dar.«

Schlimmer: Diese Gefahr für Leib oder gar Leben, die da den Bürger buchstäblich vom Frühstück bis zum Abendbrot bedroht, ist bislang nur in grobem Umfang bekannt und bekämpfbar. Für die Fragen der Politiker nach den Grenzen der Belastbarkeit, die die Giftmengen und der menschliche Organismus setzen, hält die Wissenschaft eine breite und verwirrende Skala von Antworten bereit -- mal relativ Gewisses, mal ziemlich Unsicheres, zu oft noch Lückenhaftes.

»Die Wirkungen mancher dieser Stoffe«, resignieren die Bonner Umweltforscher, »sind häufig nicht oder nicht genügend bekannt« -- ob sie menschliche Organe angreifen oder Krebs verursachen, Erbschädigungen auslösen oder Mißgeburten.

Zwar haben Gesetze und Verordnungen hier und da schon Dämme gesetzt gegen die Chemikalienflut. Bonn erließ Verwaltungsvorschriften zur Reinhaltung der Luft; mit dem Benzinbleigesetz soll die Bleibelastung, mit der Schwefelgehalt-Verordnung die Schwefelbelastung der Luft gesenkt werden; es gibt Höchstmengen-Verordnungen für chemische Substanzen in Nahrungsmitteln und für Zusätze in Futtermitteln. Doch abgesehen davon, daß Praxis und Kontrolle häufig von den Vorstellungen der Gesetzesmacher abweichen, ist vieles noch nicht erfaßt -- und nach dem Stande der Forschung wohl auch noch nicht faßbar.

In Pilzen das Schwermetall Cadmium und Quecksilber in den Fischen, Blei auf der Petersilie oder Hormone in der Kalbshaxe, Golden Delicious mit Insektiziden und Katenschinken mit krebsauslösenden Stoffen -- ob das nun höchste Gefahr bedeutet oder vielleicht doch nur halb so schlimm ist, bleibt vorerst ungewiß.

Bremens Brückner fordert deshalb »nette Strategien« für Forschung, Lebensmittelüberwachung und Verbraucherinformation. Wünschenswert sind für ihn zum Beispiel exakte Marktkorb-Analysen, um wenigstens die durchschnittliche Schadstoffbelastung bei Tisch ermitteln zu können. Und auch über den Markt will der Senator mehr Information vermitteln: durch Kennzeichen, die den Giftgehalt in Lebensmitteln ausweisen -- »Bonus für denjenigen, der umweltfreundlich produziert, Erleichterung für denjenigen, der kauft«.

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