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»Herr Hitler hat den Bus verpaßt«

Vor 40 Jahren, am 9. April 1940, ließ Adolf Hitler die neutralen Länder Norwegen und Dänemark besetzen. Er kam den Alliierten um Stunden zuvor. Doch der deutsche Sieg war kein Gewinn: Fortan lagerten 300 000 Mann Besatzung nutzlos in Skandinavien, während die überdehnten Fronten in Ost und West an Truppenmangel litten.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Im alten Kabinettssaal der Berliner Reichskanzlei leitete Adolf Hitler am 1. April 1940 die Generalprobe für einen Militärcoup, den er »eine der frechsten Unternehmungen« der neueren Kriegsgeschichte nannte. Mit ausgewählten Kommandeuren aus Heer, Marine und Luftwaffe spielte er die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch.

Zwar wurden nur sechs Divisionen des Heeres, das sich gerade zum großen Angriff auf Frankreich rüstete, für den Skandinavien-Raid abgezweigt. Doch die Kriegsmarine bot fast alle ihre Schiffe auf, und die Luftwaffe stellte 470 Frontflugzeuge sowie 500 Transportmaschinen.

Planer Hitler gab die Parole aus: »Zahlenmäßige Schwäche muß durch kühnes Handeln und überraschende Durchführung ausgeglichen werden.« Er setzte auch den Termin fest: Am 9. April 1940 um 5.15 Uhr sollten die Truppen in den sieben wichtigsten Häfen Norwegens an Land gehen.

Am Abend des 9. April meldete General von Falkenhorst, Chef des Unternehmens: »Besetzung Norwegens und Dänemarks auftragsgemäß durchgeführt.«

Das britische Kriegskabinett war wie gelähmt. Vor allem die Admirale mochten einfach nicht glauben, daß die kleine deutsche Flotte unter den Kanonen der mächtigsten Flotte der Welt ein Unternehmen gewagt hatte, das die Briten selber gerade auszuführen gedachten. Die Deutschen waren ihnen in Norwegen nur um Stunden zuvorgekommen.

Zwei Tage später hatte sich Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, wieder gefaßt. Vor dem Unterhaus erklärte er: »Ich glaube, daß der strategische Schnitzer, zu dem unser Todfeind provoziert worden ist, große Vorteile für uns bringt.«

Hitler war tatsächlich von den Alliierten hinreichend provoziert worden. Die Historiker sind sich heute längst darüber einig, daß Hitler Norwegen gern neutral und unbesetzt gelassen hätte, wenn ihn seine Gegner nicht zu diesem Abenteuer gezwungen hätten.

Der Krieg war noch nicht drei Wochen alt, da hatte Churchill dem britischen Kabinett schon einen Plan vorgelegt, die norwegischen Hoheitsgewässer so zu verminen, daß die Deutschen kein schwedisches Erz mehr auf dem Wasserweg über Narvik beziehen könnten. Ohne dieses Erz, das wußte Churchill so gut wie Hitler, war der Krieg für Deutschland verloren.

Das britische Außenministerium mochte sich noch nicht mit derart rüden Methoden befreunden; es erhob Einwände. Daraufhin erschienen in S.85 britischen Zeitungen Kommentare, die Churchills Vorschläge guthießen und den deutschen Großadmiral Raeder aufschreckten.

Der Marine-Oberbefehlshaber trug seinem Führer am 10. Oktober 1939 »die Norwegenfrage« vor: ob es angesichts der britischen Bedrohung nicht an der Zeit sei, Stützpunkte in Norwegen zu gewinnen? Doch Hitler winkte ab. Er trug sich mit dem Plan, Frankreich zu besiegen, und da war es zu riskant, sich auf Nebenkriegsschauplätzen zu verzetteln.

Churchill, auf der anderen Seite, blieb jedoch hartnäckig. Nach dem russischen Überfall auf Finnland am 30. November 1939 hatte er den rechten Grund gefunden, die deutsche Erzroute abzuschnüren: Ein Expeditionskorps sollte den Finnen Hilfe bringen und bei der Gelegenheit Narvik und Bergen besetzen.

Mit den Neutralitätsregeln ging der Erste Seelord dabei höchst eigenwillig um: »Unser Gewissen ist unser oberster Richter ... Als tatsächliche Vertreter der Prinzipien des Völkerbundes haben wir das Recht, ja die Pflicht, vorübergehend die Gültigkeit gerade der Gesetze aufzuheben, denen wir wieder Geltung und Sicherheit verschaffen wollen.«

So weit mochte das britische Kriegskabinett noch nicht gehen, aber es ließ den Plan immerhin prüfen. Am 5. Februar 1940 beschloß der Alliierte Oberste Kriegsrat endlich, englische und S.86 französische Truppen in Stärke von drei bis vier Divisionen nach Narvik in Marsch zu setzen. Ziel: die schwedischen Erzgruben von Gällivare.

Inzwischen hatte auch der deutsche Marine-OB seinem Führer wieder mit Warnungen vor einer britischen Skandinavien-Aktion in den Ohren gelegen. Wohl nur, um den lästigen Admiral zu beruhigen, bildete Hitler am 27. Januar innerhalb des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) einen Sonderstab, der unter dem Stichwort »Weserübung« einen allgemeinen Operationsplan gegen Norwegen erarbeiten sollte -- für den Notfall.

Der kleine Arbeitsstab, dem nur wenige Offiziere angehörten, ging gemächlich zu Werke, während Churchill nun einen vollends bizarren Plan entwickelte, um den deutschen Erznachschub zu unterbinden: Handelsschiffe mit Rammsporn sollten die Erzfrachter in den Grund bohren.

Doch am 16. Februar 1940 veränderte sich schlagartig die beiderseitige Planungsidylle: An diesem Tag enterte der britische Zerstörer »Cossack« das deutsche Versorgungsschiff »Altmark«, das sich in einen norwegischen Fjord geflüchtet hatte. Die Navy befreite britische Kriegsgefangene, die von der »Altmark« aus dem Südatlantik nach Deutschland gebracht werden sollten.

Zwar protestierte Oslo in London gegen diese schwerwiegende Neutralitätsverletzung, aber Hitler hielt diesen Protest -- wohl nicht einmal ganz zu Unrecht -- für reines Theater und den Vorfall für abgekartetes Spiel zwischen England und Norwegen. Nun begann auch er, sich intensiver mit einer Invasion in Norwegen zu befassen.

Hitler beauftragte den General der Infanterie Nikolaus von Falkenhorst, die operativen Planungen zur Besetzung Norwegens auszuarbeiten -- der Wettlauf nach Norden zwischen Deutschen und Alliierten hatte begonnen.

Als Falkenhorst von Hitler kam, kaufte er sich erst einmal einen Baedeker. Es war die einzige Quelle, aus der er sich über das Land informieren konnte, das er erobern sollte -- so sehr lag eine Operation gegen Norwegen außerhalb der Berechnungen des deutschen Generalstabs.

Vorerst lagen die Alliierten mit ihrer Planung vorn. Während Hitler überhaupt keinen Termin festgelegt hatte, wollten sie schon am 20. März losschlagen. Vom norwegischen Narvik aus sollten ihre Truppen bis in das schwedische Gällivare vorstoßen.

Die Transportschiffe lagen bereit, die Landungstruppen wollten an Bord gehen, da zerschlug der finnisch-sowjetische Friedensvertrag am 12. März die alliierte Planung. Der ursprüngliche Vorwand für den Einmarsch war hinfällig geworden.

Nun versuchten sie es mit List: Am 28. März beschloß der Oberste Alliierte Kriegsrat, die neutralen Gewässer Norwegens zu verminen und Hitler auf diese Weise zu einer überstürzten Besetzung Süd-Norwegens zu provozieren. Dadurch wäre dann die große Landung der Alliierten in Narvik und anderswo gerechtfertigt gewesen.

Ende März erfuhr Hitler, daß eine britische Invasion in Norwegen bevorstehe. Am 3. April lief seine Aktion »Weserübung« an: Die 200 Schiffe der Ausfuhrstaffel mit Waffen, Gerät, Munition und Proviant hatten mit Kurs Norwegen die deutschen Häfen verlassen. Acht Tanker folgten von Hamburg und Wilhelmshaven aus.

In London drängte der weltweit als Zögerer bekannte Briten-Premier Neville Chamberlain die Militärs, sie sollten sich mit den Minen und der Invasion beeilen. Und vor konservativen Parteifreunden hielt er eine Rede, die in dem berühmt gewordenen Satz gipfelte: »Mr. Hitler is a man, who has missed the bus.«

Tatsächlich konnte Hitler zu diesem Zeitpunkt annehmen, daß er den Anschluß verpaßt habe. Seine Invasionsflotte war auf dem Marsch, würde aber erst am 9. April am Ziel sein. Er saß in der Reichskanzlei und erwartete jeden Augenblick, daß seine Geheimdienste ihm die britische Landung in Norwegen melden würden.

Am 8. April sah sich dann das neutrale Norwegen endgültig in den Krieg der Großmächte hineingezogen. Frühmorgens S.88 legten die Engländer Minenfelder innerhalb der Drei-Meilen-Zone aus (Operation »Wilfred"). Die Gesandten Frankreichs und Englands versäumten nicht, die norwegische Regierung zu informieren.

Kaum hatten sie ihre Noten überreicht, trafen in Oslo Meldungen ein, daß deutsche Truppentransporter und Kriegsschiffe mit nördlichen Kursen marschierten -- offensichtlich auf dem Weg nach Norwegen.

Gleichwohl machten die Norweger nicht sofort mobil. Sie waren, wie Churchill später bekannte, »hauptsächlich mit den britischen Unternehmungen beschäftigt«. In den entscheidenden 24 Stunden war die Aufmerksamkeit der Norweger allein von der britischen Minen-Aktion beansprucht. Um die deutsche Invasion kümmerten sie sich erst, als es schon zu spät war.

Überdies, so beruhigte der britische Militärattache die Osloer Regierung, sei die Royal Navy bereits unterwegs.

Nichts konnte Hitler an diesem Tage gelegener kommen als Churchills »Wilfred«. Die britische Verletzung der norwegischen Neutralität verlieh seinem Abenteuer das Mäntelchen der Notwehr.

Zudem hatte er Glück: Britische Luftaufklärer sichteten einen deutschen Flottenverband westlich von Norwegen: 14 Zerstörer, die Schlachtschiffe »Scharnhorst« und »Gneisenau« sowie den schweren Kreuzer »Admiral Hipper«. Die Zerstörer transportierten Landungstruppen für Narvik und Drontheim. Die Dickschiffe fuhren ohne Fracht, sie sollten die Engländer glauben machen, die deutsche Flotte plane einen Durchbruch in den Nordatlantik.

Die Briten gingen in die Falle. Die englischen Kreuzer, die bereits Truppen für die Norwegen-Invasion an Bord hatten, luden die Soldaten schleunigst aus, um mit Volldampf in die Schlacht zu eilen.

Aber während sie im Schneegestöber nach den feindlichen Schlachtschiffen suchten, erreichten zehn deutsche Zerstörer unbehelligt Narvik. Sie brauchten nur zwei alte Küstenpanzer zu torpedieren, dann konnte Generalleutnant Dietl mit 2000 Gebirgsjägern an Land gehen.

Im mittelnorwegischen Drontheim griffen die Deutschen zu einer List. Als sich der Kreuzer »Hipper« und vier Zerstörer mit 1700 Infanteristen der Küste näherten, wollte eine norwegische Batterie am Eingang des Fjords per Blinkspruch wissen, wer da kam. »Hipper« lief genau auf die Batterie zu und signalisierte: »I come on government instructions.« Als die verwirrten Kanoniere endlich schossen, waren die Ziele schon außer Reichweite.

Doch nicht überall verlief die »Weserübung« nach Plan. Kurz vor Oslo S.91 wurde im 80 Kilometer langen Oslo-Fjord Deutschlands neuester schwerer Kreuzer »Blücher« von uralten norwegischen Krupp-Kanonen gefechtsunfähig geschossen und von einer Torpedobatterie versenkt.

In Bergen kenterte der kleine Kreuzer »Königsberg« nach einem britischen Bombenangriff -- zum erstenmal in der Geschichte des Seekrieges war ein größeres Kriegsschiff von Flugzeugen versenkt worden.

Auch vor Narvik erlitt die deutsche Marine eine Niederlage. Alle zehn Zerstörer der Invasionsflotte wurden von der Navy versenkt. Die Kriegsmarine besaß nun kaum noch ein heiles Schiff.

Doch inzwischen war Dänemark von zwei Divisionen überrumpelt worden. Schon am Mittag des 9. April war alles vorbei. Und an demselben Tag marschierte eine kleine Infanterietruppe mit klingendem Spiel in Oslo ein. Fortan fiel in der norwegischen Hauptstadt kein Schuß mehr. Gleichzeitig besetzten Fallschirmjäger strategisch wichtige Flugplätze Norwegens.

Als die Alliierten sich nun daranmachten, Narvik einzunehmen, befürchtete Hitler, daß General Dietl mit seinen 2000 Gebirgsjägern und den 2000 Matrosen von den versenkten Zerstörern schon bald würde kapitulieren müssen.

Deshalb wollte er dem Gebirgsgeneral Dietl befehlen, sich von Narvik nach Drontheim zurückzuziehen. Der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Jodl, belehrte seinen Führer: »Man soll eine Sache erst verloren geben, wenn sie verloren ist.«

Nun wurde Hitler erst recht kopflos. Er diktierte dem OKW-Chef Keitel einen Befehl, in dem Dietl anheimgestellt wurde, sich in Schweden internieren zu lassen.

Doch der Verbindungsoffizier des Oberkommandos des Heeres (OKH), Oberstleutnant von Loßberg, weigerte sich, diesen Befehl an die Funkstelle weiterzugeben. Loßberg zu Jodl: »Die oberste Beratung des Führers befindet sich augenscheinlich in einer Nervenkrise, wie 1914 in den schlimmsten Tagen der Marneschlacht.« Dann zerriß er den Führerbefehl.

Daraufhin setzte Jodl hinter Hitlers und Keitels Rücken einen Funkspruch auf, in dem er Dietl anwies, Narvik so lange wie möglich zu halten. Später widerrief sogar Hitler seinen eigenen Befehl, ohne zu ahnen, daß er nie abgeschickt worden war.

Eine Woche nach der deutschen Invasion landeten 13 000 Briten nördlich und südlich von Drontheim bei Namsos und Andalsnes. Ihr Plan: die 2000 Deutschen in Drontheim in die Zange zu nehmen. Dann aber setzte die deutsche Luftwaffe den Landungstruppen unablässig zu.

Wichtigster Helfer der deutschen Bomber war die BBC. Die britische Rundfunkanstalt meldete regelmäßig die Namen aller Ortschaften, in welche die Briten-Streitmacht gerade einmarschiert war.

Während die Briten bereits den Rückzug erwogen, rechnete Hitler wieder einmal mit dem Schlimmsten. Seinem Adjutanten vertraute er an: »Ich kenne den englischen Soldaten aus dem Weltkrieg. Wo er einmal sitzt, kriegen wir ihn nie wieder raus.«

Doch bald zeigte sich, daß die deutschen Infanteristen der britischen Übermacht gewachsen waren. Am 23. April nahmen sie sogar die ganze Führungsspitze der britischen 148. Infanteriebrigade gefangen.

Der Kommandeur hatte zahlreiche Geheimakten bei sich. Aus ihnen war ersichtlich, daß er ursprünglich für die Besetzung des norwegischen Flugplatzes Stavanger vorgesehen war, lange vor dem deutschen Angriffstermin.

Prompt ließ Hitler ein Weißbuch verteilen, in dem mit zahlreichen Faksimiles nachgewiesen wurde, daß die Alliierten vorgehabt hatten, Norwegen zu besetzen. Die Deutschen hätten darauf nur reagiert.

Am 2. Mai waren die letzten Engländer aus Mittelnorwegen verschwunden. Nun wurde nur noch um Narvik gekämpft. Am 13. Mai griffen die Alliierten an, aber erst am 27. Mai gelang es ihnen, Dietls Truppen aus der Stadt zu vertreiben.

Zu dieser Zeit aber waren die deutschen Armeen schon weit in Frankreich vorgestürmt, und der Zusammenbruch der alliierten Front zeichnete sich ab. Daher wurde das englischfranzösische Expeditionskorps schon am 7. Juni aus Narvik evakuiert. Norweger deckten ihren Rückzug. Sie kapitulierten am 10. Juni.

Damit hatte Deutschland diesen Feldzug gewonnen. Es war, wie der Historiker Hubatsch zutreffend formulierte, »ein gegen alle methodische Kriegführung errungener Erfolg«.

S.91Vor dem königlichen Stadtschloß.*

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