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Artikel 21 / 76

»Herr Hitler will den Frieden retten«

aus DER SPIEGEL 39/1964

4. Fortsetzung und Schluß

Flugblätter gegen Bomben

Vom 3. September an führten England und Frankreich wiederum Krieg mit Deutschland. »Die lange Zeit des Hingehaltenseins war vorüber; die Macht des Bösen war endlich in die Schranken gefordert worden«, meinte der Unterhaus-Abgeordnete Wedgwood.

Für Premierminister Chamberlain war es eine »schmerzliche Enttäuschung«, daß der Friede nicht gerettet werden konnte, »aber ich weiß, daß meine beharrlichen Bemühungen die Welt überzeugt haben, daß hier keine Schuld liegen kann. Jenes Bewußtsein des moralischen Rechts, dessen sich die Deutschen nicht rühmen können, muß eine gewaltige Kraft auf unserer Seite sein«.

Die Kriegserklärung erfüllte die Polen mit neuen Hoffnungen. Endlich würde England seine Versprechungen erfüllen. Polen würde alles erhalten, was England »an Hilfe und Unterstützung« gewähren konnte.

Der polnische Luftwaffenattaché überbrachte am 5. September dem britischen Luftfahrtministerium eine Botschaft, worin um eine sofortige Aktion britischer Bomber gegen deutsche Flugplätze und Industriegebiete ersucht wurde. Diese Aktion sollte den deutschen Druck auf Polen vermindern. Der Abgeordnete Amery sprach am gleichen Tag mit Luftfahrtminister Kingsley Wood und fragte, ob die Regierung den Polen helfen würde. Er erhielt keine Antwort und »ging sehr zornig fort«.

Amery erwähnte den damals populären Plan, den Schwarzwald mit Brandbomben anzuzünden. »Oh, das kann man nicht tun«, sagte Kingsley Wood, »das ist Privateigentum. Sie werden nächstens noch verlangen, daß wir das Ruhrgebiet bombardieren.«

Ein Bombardement der Munitionsfabriken von Essen oder der deutschen Verbindungslinien kam nicht in Frage. Da es sich hier um Privateigentum handelte, hätte man dadurch nur die »amerikanische Öffentlichkeit« vor den Kopf gestoßen. Der Labour-Politiker Dalton trat mit diesem Projekt an Kingsley Wood heran, erhielt aber den Bescheid, das verstieße gegen die Haager Konvention: »Sie müssen sich auf wirkliche militärische Ziele konzentrieren.« Am 6. September wurde im Unterhaus noch erklärt, die Deutschen bombardierten nur polnische Militärziele; sie griffen nicht die Zivilbevölkerung an. Aber England hatte schon am 3. September von der polnischen Regierung die Mitteilung erhalten, daß 27 polnische Städte bombardiert und über tausend Zivilisten getötet worden waren.

Nach Rücksprache mit dem polnischen Botschafter in London, Raczynski, beschloß der konservative Abgeordnete Spears, das »Problem der mangelnden Unterstützung« im Parlament zur Sprache zu bringen. Aber der Luftfahrtminister riet ihm dringend davon ab: »Infolge unseres unglücklichen demokratischen Systems«, sagte Kingsley Wood, »könnten im Unterhaus strategische Fragen diskutiert werden, was höchst gefährlich wäre.« Und so unterblieb die Anfrage.

Raczynski erhielt am 9. September von Außenminister Beck Anweisung, »der britischen Regierung die Lage klarzulegen und in der Frage der Kriegspläne und der Hilfe für Polen um definitiven Bescheid zu bitten«. An jenem Abend sagte der französische Ministerpräsident Daladier dem polnischen Botschafter in Paris, die Franzosen versuchten schon drei Tage lang zu helfen. Aber die Engländer hätten sich geweigert, irgend etwas zu tun - aus Angst, »die Amerikaner vor den Kopf zu stoßen«.

Am 11. September sprach der polnische Botschafter in London wieder im Foreign Office vor. Raczynski sagte zu Staatssekretär Cadogan: »Das ist sehr ungerecht an uns gehandelt. Das mindeste, was wir fragen können, ist doch: Was seid Ihr bereit, für uns zu tun?« Cadogan entgegnete, daß am gleichen Tag eine Antwort erfolgen würde. Sie wurde aber weder damals noch später gegeben.

Der Labour-Politiker Dalton, der in Polen viele Freunde hatte, schlug Kingsley Wood vor, er selbst wolle »als ein Symbol der Realität unseres Bündnisses gegen Deutschland« nach Polen fliegen. Der Minister erwiderte, daß er an »dem Vorschlag keinen Gefallen finde«; der Plan werde »nicht für ratsam gehalten«.

Churchill belehrte Dalton, es läge nicht im britischen Interesse, mit dem Luftkrieg im Westen den Anfang zu machen. Churchill glaubte, eine Verzögerung gäbe den britischen und französischen Heeren die Möglichkeit, ihren Luftschutz besser auszubauen. Es könnten mehr Flugzeuge produziert werden. »Um die amerikanische Meinung zu beeinflussen«, sollten zuerst englische Frauen und Kinder und nicht deutsche getroffen werden.

Das letzte Argument ließ die Polen unberücksichtigt. Außerdem produzierten die Deutschen während der Zeit des Scheinkrieges mehr an Ausrüstung als die Engländer. Was die Sandsäcke für den Luftschutz betraf, so beklagte General Alan Brooke dauernd die Tatsache, daß sie in England in Mengen vorhanden seien, nicht aber in Frankreich, wo man ihrer dringender bedurfte. Es war ein Transport-, kein Produktionsproblem.

Churchill meinte: »Auf lange Sicht ist Polen nur zu helfen, indem man den Krieg gegen Deutschland gewinnt.« Das sprach nicht für eine unmittelbare Hilfe, die Polen gewährt werden sollte. »Auf lange Sicht« waren die Polen tot.

Premierminister Chamberlain hatte Churchill als ersten Lord der Admiralität und Eden als Minister für Angelegenheiten der Dominien in seine Regierung aufgenommen. Aber die sogenannte nationale Regierung konnte nicht auf die Unterstützung des ganzen Landes zählen. Der Haß gegen Chamberlain selbst, seine Günstlinge und seine Minister war zu stark geworden.

Dalton erklärte, warum die Labour -Party es ablehnte, sich der Regierung anzuschließen. Sie habe kein Zutrauen zu Chamberlain und Finanzminister Simon, sagte er. »Wir hätten gerne eine Versetzung Sir Horace Wilsons (Berater Chamberlains). Wenn wir erführen, daß er zum Gouverneur der Windward -Inseln ernannt worden ist und England verlassen hat, um diesen höchst verantwortlichen Posten anzutreten, dann würde das einen günstigen Eindruck auf uns machen.«

Den Labour-Führern erschienen die Beschwichtigungspolitiker wenig besser als Verbrecher. Aber ein großer Teil des Widerstands gegen Chamberlains Politik und Regierung rührte von jenen her, die auf Grund ihrer Qualifikationen glaubten, daß sie den Krieg wirkungsvoller führen könnten als jene, die damit beauftragt waren.

Lloyd George hatte den letzten Krieg gewonnen. Er glaubte, daß er auch diesen schneller beenden könnte, als gemeinhin für möglich gehalten wurde. »Er haßt die Regierung im allgemeinen und Neville (Chamberlain) im besondern, und es schmerzt ihn bitter, daß er wenig oder keine Möglichkeit hat, den Lauf der Dinge zu ändern.« Der Abgeordnete Amery, der in den zwanziger Jahren hohe Regierungsämter bekleidet hatte, mußte sich mit der Lektüre Prousts bescheiden, obwohl auch er glaubte, daß er einen konstruktiveren Beitrag zum Krieg hätte leisten können.

Um die pessimistische Stimmung der Gegner des Appeasement zu heben, wurden Reisen an die Maginotlinie gefördert. Eine Gruppe von Unterhaus -Abgeordneten stattete ihr Ende Oktober einen Besuch ab, und selbst König Georg VI. fuhr ab und an nach Frankreich. Amery belustigte den französischen Ministerpräsidenten Daladier, »indem er die ganze Angelegenheit als 'l'enfant prodigieux d'un mariage entre une cuirasse et une mine'« schilderte. Dalton brüllte vor Lachen, und der Abgeordnete Harold Nicolson zitierte einschlägige Stellen aus der französischen Poesie.

Aber die Bitterkeit gegen die Männer der Führung ließ sich nicht weglachen, und Chamberlain sah, wo die Bitterkeit begann: »Die Amerys, Duff Coopers und Konsorten werden von einem Gefühl der Unzufriedenheit beherrscht, weil sie nur zuschauen können.«

Das einzige Ministerium, das sich auf den Krieg umstellte und einen wirklichen Krieg ins Auge faßte, war die Admiralität. Churchill trug dafür Sorge, daß seine Leute den Krieg führten. Aber er konnte keinen Einfluß auf andere Minister ausüben. Sie schliefen weiter, zauderten weiter und suchten weiter nach passenden Ausreden für ihre Unfähigkeit. Das Luftfahrtministerium war defätistisch. Bedachte man, daß gerade der Luftkrieg eine wichtige Rolle spielen würde, so war das eine Katastrophe.

In den dreißiger Jahren machten viele Mythen über die Luftstreitkräfte und Luftüberlegenheit die Runde. »Der schwere Bomber wird immer durchkommen«, war eine. Ein während der Münchener Krise in Deutschland populärer Witz illustriert das Problem:

»Die Engländer«, sagten die Berliner, »haben so viele Flugzeuge, daß der Himmel schwarz von ihnen ist, und die französischen Maschinen sind so zahlreich, daß man die Sonne nicht sehen kann; aber wenn Göring auf den Knopf drückt, müssen sogar die Vögel zu Fuß gehen.«

Zahlen waren belanglos. Als Lindbergh im September 1938 jedermann erzählte, daß die deutsche Luftwaffe riesig und die russische wertlos sei, glaubte man ihm aufs Wort. Die Furcht vor schweren Luftangriffen lastete schwer über den Vorkriegsjahren, aber man konnte sich nicht zum Handeln entschließen.

Das Luftfahrtministerium hatte seit Jahren Minister, die dem Appeasement huldigten: Hoare, Londonderry, Swinton, Kingsley Wood und wieder Hoare. Sie verbrachten ihre schönsten Stunden im Luftfahrtministerium beim Sammeln von Informationen und Zahlen, die einen Krieg unmöglich erscheinen ließen.

Da die ursprüngliche Voraussetzung des Vorkriegsdenkens falsch war - der Gedanke, daß ein Gegner unmittelbar beim Ausbruch eines Krieges Bomber einsetzen würde -, erwies sich die aus ihr abgeleitete Politik ebenfalls als unzutreffend. Infolgedessen litten die politischen Maßnahmen darunter. Es ist schwer, einem Mann ein Gefühl für Verantwortung einzuflößen, der glaubt, daß er in einem Bombenangriff ums Leben kommt, ehe seine Pläne realisiert werden.

Die hypnotisierende Wirkung der Gefahr eines schweren Bombardements läßt sich erkennen, wenn man die Haltung der britischen Strategen gegenüber einem europäischen Krieg in den Jahren vor seinem Ausbruch untersucht. Ihre Theorien gingen von einem festen Punkt aus: dem schweren Bombardement Englands durch den Feind. Kein künftiger Krieg würde ohne diese Luftangriffe auskommen, und die strategischen Maßnahmen müßten diesem Umstand Rechnung tragen.

Das Bombardement würde unmittelbar und wirkungsvoll sein. Als 1940 Aga Khan und andere Leute Hitler rieten, seine schweren Bomber nach England zu schicken, waren sie nicht über die Maßen brutal. Sie brachten lediglich die Unzulänglichkeiten des militärischen Denkens zum Ausdruck, mit dem sie vor dem Krieg vertraut gemacht worden waren.

Den Deutschen zufolge glaubte der Herzog von Windsor, daß »fortgesetzte schwere Bombardements England zum Frieden reif machen würden«. Auch der Aga Khan war überzeugt, daß Luftangriffe erfolgreicher sein würden als eine Invasion und daß er bald Hitlers Eintreffen in Windsor mit Champagner begießen könne.

Das militärische Denken der Regierung Chamberlains widersprach direkt der Theorie, die Beschwichtigungspolitik diene nur dazu, Zeit für die Wiederaufrüstung zu gewinnen.

Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland war die Regierung der Ansicht, England sollte seinem Bündnispartner im Falle eines Krieges mit Deutschland vor allem mit See- und Luftstreitkräften zu Hilfe eilen. »Wir sollten kein großes Heer auf den Kontinent schicken; die Rolle des Heeres soll auf die Landesverteidigung der britischen Überseegebiete beschränkt bleiben.«

Das erklärte Ziel war eine Streitmacht von fünf Divisionen, die mehr zum Schutz des Weltreichs als zur Kriegsführung in Europa ausgerüstet werden sollte. Die Rolle der Luftstreitmacht sollte zum größten Teil defensiv sein, aber stark genug, um allen Angriffen auf England Widerstand leisten zu können. »Eine Beteiligung der Luftstreitkräfte an großangelegten Operationen zu Land oder eine Entsendung großer einsatzbereiter Luftstreitkräfte in Übersee waren nicht vorgesehen.«

Nach »München« hatte Chamberlain zu Daladier gesagt, er werde das Wiederaufrüstungsprogramm auf die Fliegerabwehr konzentrieren. Der französische Ministerpräsident war nicht beeindruckt gewesen. »Offenbar war Luftschutz wichtig, aber seiner Ansicht nach war es besser, London mit Hilfe von Bombern zu verteidigen, die deutsche Städte bombardieren konnten, anstatt sich hauptsächlich auf Flugzeugabwehrkanonen zu konzentrieren.«

Daladier hatte gewollt, daß England »mindestens bis zum achten Tag nach Ausbruch der Feindseligkeiten« zwei Divisionen nach Frankreich entsende. Chamberlain lehnte es ab, sich zu binden, erklärte sich jedoch zu weiteren Gesprächen darüber bereit.

Nach der Besetzung Prags durch deutsche Truppen wurden die Engländer realistischer; sie nahmen Stabsbesprechungen mit den Franzosen auf. Diese Gespräche symbolisierten aufs neue die militärische Natur des Bündnisses zwischen England und Frankreich, wenn auch nicht dessen Schlagkraft. Eden hatte auf diesen Unterredungen bestanden: ein »posthumer« Triumph.

Der Plan, den britischen Bündnisbeitrag auf die See- und Luftstreitkräfte zu beschränken, wurde aufgegeben. Man beschloß, eine britische Armee nach Europa zu entsenden. Zunächst mußte aber die Territorialarmee auf die doppelte Stärke gebracht und die Dienstpflicht eingeführt werden, obgleich im Kabinett keine Einigkeit darüber erzielt werden konnte. Viele begriffen nicht, daß Deutschland im Osten nicht vom Kampf abgehalten werden konnte, wenn die Verbündeten im Westen sich auf die Defensive einrichteten

Man weigerte sich einzusehen, daß man werde kämpfen müssen. Innenminister Hoare bemerkte, daß Chamberlain »zweifelsohne zwischen Hoffnung und Ernüchterung hin und her schwankte. Der Ausblick war trübe, aber alles in allem schienen die Kräfte des Friedens Boden zu gewinnen«.

Die optimistische Stimmung war auch im März 1939 nicht zerstört worden. Hoare schrieb: »Chamberlain und seine Kollegen gaben niemals die Hoffnung auf, einen Weltkrieg zu verhüten, solange et nicht tatsächlich ausgebrochen war.« Aber auch für den Fall des Kriegsausbruchs hielten Hoare, Kingsley Wood, Simon oder Chamberlain eine unmittelbare militärische Aktion nicht für sinnvoll. Sie standen mit der Hoffnung, England könnte, solange es nicht angegriffen werde, seine Rüstungsschwäche beheben, nicht allein.

Noch im Januar 1940 sagte ein Vertreter dieser Ansicht bei einen Frühstück: »Die Zeit arbeitet für uns.« Eine leise Stimme antwortete: »Die Zeit baut nur dem Stärksten eine Brücke.« »Ist das von Shakespeare?«, fragte einer der Gäste. »Nein«, war die Erwiderung, »das sage ich.« Es war Orme Sargent, stellvertretender Staatssekretär und entschiedenster Gegner der Beschwichtigungspolitik im Foreign Office. Er hatte recht.

Als der Krieg ausgebrochen war, wurde Englands Armee nach Europa geschickt. Von Luftangriffen auf Deutschland war keine Rede. Statt einer Antwort auf die Bomben, die über Warschau, Krakau und Kattowitz fielen, warfen englische Piloten Flugblätter ab.

Die Engländer glaubten, das deutsche Volk brauchte nur die Wahrheit über die Verruchtheit seiner Herrscher zu wissen, um sich wie ein Mann gegen sie zu erheben. Kingsley Wood war fest davon überzeugt, daß diese »Wahrheitsbomben« der deutschen Regierung schwer zu schaffen machten.

Die Deutschen hatten im gleichen Jahr in Indien gesehen, wie über einem feindlichen Stamm an einem Tag Flugblätter und am nächsten Bomben abgeworfen wurden. Man nahm an, die von den Briten in Waziristan angewandten Methoden würden auch in Europa benutzt werden. Aber eine große Zahl britischer Flugzeuge konnte kaum Flugblätter geschweige denn Bomben abwerfen.

Am 27. Oktober warfen vier Flugzeuge Flugblätter über Frankfurt, München und Stuttgart ab. Im ersten Flugzeug verloren zwei Besatzungsmitglieder infolge der Kälte das Bewußtsein, beide Motoren setzten aus, und das Flugzeug machte eine Bruchlandung. Im zweiten versagte ein Motor; die Besatzung sprang mit Ausnahme des Bordschützen im Heck, der unbenachrichtigt blieb, mit dem Fallschirm ab. Im dritten Flugzeug fror der Bordschütze in seinem Gefechtsstand im Bug völlig ein. Die Besatzung des letzten Flugzeugs kehrte wohlbehalten zurück, war jedoch »nicht fähig, überlegt zu handeln«.

»Für die Royal Air Force jener Zeit«, schrieb Innenminister Hoare, »war das ein Kapitel heroischer Tapferkeit, verzweifelter Hoffnung, großartiger Improvisation.«

Aber das war kein Ersatz für ein zielbewußtes Handeln und wirksames Planen. Kingsley Wood besaß nicht die Eigenschaften, die notwendig waren, um das Luftfahrtministerium aus dem Defätismus zu reißen. Wie Hoare schrieb: Kingsley Woods »schlechter Gesundheitszustand und seine Unerfahrenheit in militärischen Fragen trugen in einem Krieg, der kein wirklicher Krieg zu sein schien, einigermaßen zur Verdunkelung der Aktivitäten der Royal Air Force bei«.

Am 21. Oktober skizzierte Kriegsminister Hore-Belisha in einer Radiorede die britischen Kriegsziele:

»Wir traten in den Kampf nicht lediglich deshalb ein, um die Tschechoslowakei wiederherzustellen. Wir kämpfen auch nicht nur zwecks Wiederherstellung eines polnischen Staates. Unsere Ziele werden nicht von geographischen Grenzen bestimmt. Uns geht es um die Grenzen des menschlichen Geistes. Das ist kein Krieg um eine Landkarte ... Diese Tyrannei, deren Herausforderung wir angenommen haben, muß und wird gestürzt werden ... Nur die Niederlage Nazi-Deutschlands kann die Finsternis erleuchten, die jetzt unsere Städte umhüllt, kann den Horizont Europas und der ganzen Welt erhellen.«

Einen Kabinettsminister konnte man kaum hindern, seine Meinung zu äußern, aber sonst war der britische Rundfunk energischer. Er verweigerte dem früheren Botschafter Seiner Majestät in Berlin, Sir Horace Rumbold, im Radio über Deutschland zu sprechen, weil er zu antideutsch war. Mit einem ähnlichen Bann wurde der Unterhaus -Abgeordnete Harold Nicolson belegt.

Nazi-Deutschland würde gestürzt werden, und man würde einen polnischen Staat wieder gründen. In Hore-Belishas Radioansprache war nicht von dem polnischen Staat die Rede, der vor September bestanden hatte. Polen hatte, indem es in den Krieg zog, Großbritannien endgültig in Verlegenheit gebracht. Wenige nur empfanden freundliche Gefühle für Polen.

Am 24. September sprach Dahlerus mit Ogilvie Forbes, dem früheren britischen Geschäftsträger in Berlin, der beim Ausbruch des Krieges nach Oslo

versetzt worden war. Der Schwede hielt es nach den jüngsten Reden Chamberlains und Churchills für unwahrscheinlich, daß es zu irgendwelchen englischdeutschen Friedensverhandlungen kommen würde.

Ogilvie Forbes bestritt das und nahm den Standpunkt ein, die englische Regierurig könne sehr wohl derartige Verhandlungen mit Deutschland führen wenn nur eine Formel gefunden würde, die den Völkern Europas die Integrität ihres Gebietes und ihrer Freiheit sicherte, und zwar durch einen Vertrag unter den europäischen Großmächten. Polen gelte als verloren, und deshalb stünde man auf dem Standpunkt, daß es nur darauf ankomme; wenigstens die eigene Haut zu retten.

Die Briten glaubten, daß Hitler sich seiner unmittelbaren Gewinne erfreuen könnte und wieder Friede herrschen würde, wenn der Chamberlain so teure Viermächtepakt verwirklicht werden könnte. Manche deutsche Gegner Hitlers dachten ähnlich. Im Oktober stellten Erich Kordt, Chef des Minister-Büros im Auswärtigen Amt, und Hasso von Etzdorf, damals Vortragender Legationsrat, heute Botschafter in London, die sich daneben mit Plänen für einen Militärputsch gegen Hitler trugen, Friedensbedingungen auf, die sie nach dem Sturz Hitlers den Briten vorlegen wollten.

»Ein Friede, der nicht Deutschlands ethnische Grenzen (ungefähr so wie sie in München festgelegt wurden) beeinträchtigen würde und der eine Landverbindung zwischen Ostpreußen und dem Reich herstellen und Deutschland die oberschlesischen Industriebezirke wiedergeben würde. Eine solche Lösung würde Deutschlands wirkliches nationales Interesse befriedigen. Sie würde die Belastung Deutschlands mit fremden Elementen vermeiden und ihm dennoch aus geographischen und wirtschaftlichen Gründen einen vorherrschenden Einfluß auf die Rumpf-Tschechei und auf Rumpf-Polen zugestehen.«

Zwei Tage nach seinem Besuch bei Ogilvie Forbes hatte Dahlerus eine Besprechung mit Hitler und Göring. Hitler sagte, eine Vorbedingung für Friedensbesprechungen wäre, daß ihm völlig freie Hand in bezug auf Polen gelassen würde. Er denke nicht daran, sich von irgend jemand in die Lösung der Polenfrage hineinreden zu lassen.

Polen wäre natürlich Hitlers letzte Forderung: »Darüber hinaus sei er durchaus bereit, den Status quo des übrigen Europas mitzugarantieren.« Polen sei kein Land, für das sich zu kämpfen lohnte, meinte Hitler. Er war enttäuscht. Bei einem Frontbesuch hatte er festgestellt, daß »die Weichsel, angeblich der große Strom Polens, überall versandet und nur mit dem Paddelboot befahrbar« sei.

Bei dieser Besprechung mit Dahlerus, die drei Wochen nach Kriegsbeginn stattfand, war Hitler bereit, Friedensbedingungen zu diskutieren. Er hielt es fürs Beste, wenn Frankreich oder ein neutrales Land sich um die Einleitung von Friedensgesprächen bemühte; »zum Beispiel könne der Duce ja diese Rolle übernehmen«. Dahlerus erwiderte, daß »man den Duce doch nicht für neutral genug hielte, man hätte an die Königin von Holland gedacht«.

Am nächsten Tag marschierten deutsche Truppen in Warschau ein. Der Blitzkrieg hatte sich als erfolgreich erwiesen.

Am 6. Oktober, dem Tag nach seiner Truppenschau in der polnischen Hauptstadt, richtete Hitler im Reichstag seinen ersten und einzigen ausführlichen Friedensappell an die Westmächte. Seine Rede sollte in englischer Übersetzung in der Form einer Flugschrift über England von Flugzeugen abgeworfen werden.

Zur Überraschung der Deutschen fanden die Friedensbedingungen in den englischen Zeitungen eine so weite Verbreitung, daß sich das als überflüssig erwies. Hitler trat angesichts der sich aus dem Zusammenbruch Polens ergebenden Probleme für eine europäische Konferenz ein, auf der auch Deutschlands koloniale Forderungen und die Frage der Rüstungsbeschränkungen besprochen werden sollten.

Die Friedensbedingungen wurden am 12. Oktober von Premierminister Chamberlain öffentlich abgelehnt. Die Furcht vor einem Luftangriff hatte sich gelegt. Bei der Ablehnung der Hitlerschen Ouvertüren war den Führern Englands wenig über Hitlers Zukunftspläne bekannt. Churchill empfahl, Hitler »im Winter in seinem eigenen Saft schmoren zu lassen, während wir unsere Aufrüstung beschleunigen und unsere Bündnisse fester knüpfen«.

Hitler überwand zusehends rasch die Opposition zweier seiner Generale, Brauchitschs und Halders, und hoffte, Frankreich im Spätherbst angreifen zu können. Der Erfolg des Blitzkriegs gegen Polen hatte ihm bewiesen, wie wertvoll es war, die Initiative zu ergreifen, und wie schwach der Westen war.

England und Frankreich würden die Zeit, in der er mit Polen beschäftigt war, sicherlich ausgenutzt haben, wenn sie ernstlich ans Kämpfen gedacht hätten. Die 76 englisch-französischen Divisionen standen im September nur 32 deutschen Divisionen hinter dem Westwall gegenüber.

Die Franzosen unternahmen kleine Vorstöße in die Grenzgebiete zwischen der Maginot- und Siegfriedlinie. Eine bedeutsame militärische Aktion wurde weder unternommen noch auch nur erwogen. Selbst wenn die Engländer dieser Politik hätten entgegentreten wollen, mußten sie sich den Franzosen fügen.

England stellte zu den 72 französischen Divisionen nur vier eigene. General Gort, der britische Oberkommandierende, unterstand nicht einmal dem französischen Oberkommandierenden, General Gamelin, sondern war General Georges untergeordnet, der den Nordostsektor der Front befehligte.

Wie England wollte auch Frankreich den Polen militärisch nicht helfen. Dabei waren Frankreichs Verpflichtungen sogar noch spezifischer als die Englands.

Nach dem französisch-polnischen Militärprotokoll vom 19. Mai 1939 sollte Frankreich bis zum 16. Kriegstag eine Offensive an der Westfront eröffnen. Es hatte sich verpflichtet, zwischen 35 und 38 Divisionen in den Kampf zu werfen. Aber es wurde keine Offensive geplant. Divisionen rückten nicht vor.

Generaloberst Jodl sagte im Nürnberger Prozeß, daß »wenn wir 1939 nicht zusammenbrachen, das allein auf die Tatsache zurückzuführen war, daß zur Zeit des polnischen Feldzugs« die 76 englischen und französischen Divisionen, die 32 deutschen Divisionen gegenüberstanden, »völlig inaktiv waren«. Generalfeldmarschall Keitel gab zu, daß »ein Angriff seitens der Westmächte nur auf eine Scheinverteidigung gestoßen wäre, die sich bestimmt nicht als wirksam erwiesen haben würde«.

Abgetakelte Dienstboten

»Ein vergeudeter Tag, was die Arbeit betrifft«, notierte General Alan Brooke am 31. Oktober, »aber ich hoffe, daß sich dadurch unsere guten Beziehungen zu unserem Verbündeten vertrauter gestalten ... Ein Champagnerfrühstück bestehend aus Austern, Krebsen, Geflügel, Gänseleberpastete, Fasan, Käse und Obst, Kaffee, Likören etc. Wir setzten uns um 1 Uhr zu Tisch und hoben die Tafel um 3 Uhr nachmittags auf.«

Deutschlands Interesse an Bemühungen zur Wiederherstellung des Friedens ließ indessen immer mehr nach. Dahlerus versuchte zwar, aus »England Auskunft zu bekommen, ob die Engländer überhaupt« an Friedensappellen der Monarchen Hollands und Belgiens interessiert seien. Doch Göring teilte dem schwedischen Vermittler am 11. November telephonisch mit, daß die »Deutsche Regierung kein Interesse mehr an dessen (Dahlerus) Fühlungnahme in England hat, da durch offizielle Haltung britischer Regierung die Ablehnung deutschen Standpunkts bereits eindeutig zu verstehen« gegeben worden sei.

Im Laufe des Oktobers hatten Halifax, Churchill, Eden und Butler Unterredungen mit dem sowjetischen Botschafter in London, Maisky. Der ehemalige Verfechter der kollektiven Sicherheit war jetzt der Vertreter einer Macht, die mit den Nazis verbündet war. Seine Berichte über Gespräche mit britischen Staatsmännern gelangten nach Moskau und dann nach Berlin.

Unterstaatssekretär Butler vom Foreign Office, gegenwärtig britischer Außenminister, sagte am 18. Oktober zu Maisky, daß »(die) britische Regierung bereit wäre, schon morgen Frieden zu schließen, falls sie Sicherheit erhalte, daß (die) erzielte Verständigung einen Frieden für 20 bis 25 Jahre gewährleisten würde. Diese Sicherheit würde (die) britische Regierung in einer Garantie erblicken, die von allen Großmächten, insbesondere (den) Vereinigten Staaten und (der) Sowjetunion, ausgesprochen werden würde. In einem solchen Falle wäre (die) britische Regierung im Interesse eines dauerhaften Friedens bereit, bedeutende Zugeständnisse an Deutschland zu machen, sogar auf kolonialem Gebiet.« Butler ließ Polen unerwähnt.

Einen Monat später legte der Unterstaatssekretär dem italienischen Botschafter Bastianini seine Ansicht dar. Der Italiener hatte gefragt, »ob das in London umgehende Gerücht, demzufolge Vorbedingungen für irgendein Abkommen englischerseits die Räumung Polens von deutschen Truppen sei, der Wahrheit entspräche«. Butler bestritt »auf die kategorischste Art«, daß das die Absicht seiner Regierung wäre: »Die Widersinnigkeit einer derartigen Forderung, die Deutschland - wie jede andere Großmacht - niemals würde annehmen können, liege auf der Hand.«

Die Wiederherstellung Polens innerhalb der Grenzen von 1919 wurde nicht mehr als eine wünschenswerte oder tunliche Möglichkeit angesehen. Was eine »friedliche Lösung« betreffe, so gab Butler zu verstehen, würden »weder das Foreign Office noch der Premierminister eine solche Eventualität a priori« ausschließen.

Auch Außenminister Halifax war bereit, sich auf die Möglichkeiten eines Friedens einzulassen, wenn auch auf Kosten jener europäischen Länder, die bereits erobert worden waren. Nach einer Information, die das deutsche Außenministerium erhalten hatte, soll er mit dem dänischen Geschäftsmann Pless -Schmidt gesprochen und dabei ein »lebhaftes Interesse für (eine) baldige Herbeiführung (des) Friedens und Bereitschaft zu Verhandlungen« bekundet haben.

Die von Halifax diskutierten Vorschläge waren vom finnischen Außenminister gemacht worden:

- Polen wird als unabhängiger Staat

wiederhergestellt, nach Westen mit deutscher Grenze (von) 1914, nach Osten mit russischer Grenze (vom) September dieses Jahres.

- Tschechei soll eine eigene Regierung unter deutscher Oberhoheit erhalten und deutsches militärisches Interessengebiet bleiben.

- Rückgabe der Kolonien.

- Bündnis kriegführender Länder zusammen mit Italien und Spanien zur Sicherung des Friedens in Europa (Rußland ausgelassen!).

Dieser Vorschlag wurde nicht weiter verfolgt. Aber im April 1940 streckte Halifax bei der deutschen Opposition wieder Friedensfühler aus.

Von Hassel, der ehemalige deutsche Botschafter in Rom, erhielt von ihm eine Liste mit den britischen Friedensbedingungen. Halifax machte die Bereitschaft Englands, mit einem nationalsozialistischen Deutschland zusammenzuarbeiten, davon abhängig, daß Hitler und Ribbentrop beseitigt werden würden. England würde die Führerschaft Görings anerkennen. Außerdem sollte sich Deutschland einer Offensive im Westen enthalten. Als Gegenleistung war England bereit, bezüglich der Tschechoslowakei und Polens den Status quo anzuerkennen.

Die Botschaft gelangte an den Oberbefehlshaber des Heeres, General von Brauchitsch. Er lehnte es ab, darauf einzugehen, da gerade die Invasion Norwegens begonnen hatte. Er hielt es nicht für möglich, mitten in einem militärischen Feldzug einen erfolgreichen Staatsstreich zu organisieren. Außerdem waren die konservativen, wenngleich antinazistischen Generale nicht am Machtaufstieg Görings interessiert. Selbst wenn Halifax bereit gewesen wäre, eine deutsche Regierung unter Göring zu akzeptieren, so war der Opposition in Deutschland kaum zuzumuten, daß sie an Stelle Hitlers einen seiner Favoriten zum Herrscher machte.

Auch Chamberlain erwog die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens und einer deutschen Regierung, die von den extremeren Nazi-Elementen gesäubert sein würde. Er schrieb, ihm »schwante«, der Krieg würde im Frühjahr 1940 enden: »Das wird nicht infolge einer Niederlage auf dem Schlachtfeld geschehen, sondern weil die Deutschen einsehen müssen, daß sie nicht gewinnen können und es sich für sie nicht lohnt, immer mehr Entbehrungen auf sich zu nehmen, wenn doch ihre Not sofort ein Ende haben könnte.«

Für den Frieden »müßten die Deutschen nichts von allem, woran ihnen wirklich liegt, aufgeben«, meinte der Premier; Hitler müßte natürlich gehen. »Er muß entweder sterben oder nach St. Helena gehen oder ein wirklicher Architekt für öffentliche Bauten werden, am liebsten in einem 'Heim'. Seine nächsten Anhänger müssen auch verschwinden.« Aber Göring könnte unter Umständen bleiben und »in der Übergangsregierung einen dekorativen Posten bekleiden«.

Während einer zweitägigen Debatte im Unterhais am 7. und 8. Mai forderte der Abgeordnete Amery, mit dem Defätismus der Regierung Chamberlain müßte Schluß gemacht werden, sonst ginge der Krieg, verloren oder endete mit einem demütigenden Kompromißfrieden.

Amery: »Irgendwie müssen wir in die Regierung Männer bringen, die unseren Feinden an Kampfgeist, Mut, Entschlossenheit und Siegeswillen ebenbürtig sind. Vor 300 Jahren etwa, als das Parlament feststellte, daß seine Truppen immer wieder den schneidigen und kühnen Kavalieren der Reiterei Prinz Ruprechts erlagen, sagte Oliver Cromwell zu John Hampden: 'Ihre Truppen sind meistens alte, abgetakelte Dienstboten und Schankwirte und solche Leute ...'«

»Ich habe gewisse Worte Cromwells zitiert. Ich will andere Worte zitieren. Ich tue es mit großem Widerstreben, weil ich von jenen spreche, die zu meinen alten Freunden und Genossen gehören, ich glaube aber, das sind Worte, die auf die gegenwärtige Situation anwendbar sind. Folgendes sagte Cromwell zum Langen Parlament, als er es nicht mehr für fähig hielt, die Belange der Nation zu vertreten: 'Ihr seid bei allem Guten, das Ihr getan habt, zu lange im Amt gewesen. Geht auseinander, sage ich, und laßt uns geschieden sein. Im Namen Gottes, geht!'«

Chamberlain sah nicht ein, warum er gehen sollte. Norwegen war Hitler in die Hände gefallen. Das war alles. Der Krieg war noch nicht vorbei, und solange er dauerte, war Chamberlain durchaus bereit, ihn zu führen.

Der Premier nahm Amerys Herausforderung übel auf und erwiderte: »Wir sollten lieber unseren Einsatz für den Krieg verdoppeln, als über die Regierung streiten.«

Aber der Streit ging weiter. Die Gegner der Regierung ließen sich in ihrer Opposition nicht von einer persönlichen Abneigung gegen den Premier leiten, sondern von der Einsicht, daß Chamberlains Kriegführung mangelhaft war. Eine der Gefahren, sagte der Abgeordnete Wedgwood im Unterhaus, sei »der oberflächliche Optimismus, der die Moral des ganzen Landes untergräbt«.

Der Regierungschef blieb optimistisch. Der Labour-Abgeordnete Herbert Morrison kündigte an, daß es im Unterhaus zur namentlichen Abstimmung kommen würde. Chamberlain entgegnete, er habe Freunde im Haus. Es waren ihrer fast genug. Er hatte eine Mehrheit von 81 bei der namentlichen Abstimmung.

Dreißig Konservative hatten mit der Opposition gestimmt. Einer jener dreißig Tory-Rebellen war John Profumo. Mit seinen 25 Jahren war er der jüngste Abgeordnete im Haus und ein Neuling im Parlament. Niemand würde bemerkt haben, wenn er für Chamberlain gestimmt hätte. Aber das nationale Interesse stand ihm höher als seine Partei und Laufbahn.

Unter den dreißig Konservativen, die mit dem jungen John Profumo auf die Seite der Opposition gingen und so dafür sorgten, daß der Krieg mit Elan und bis zur Erringung des Sieges ausgefochten wurde, befanden sich Robert Boothby, Quintin Hogg und Harold Macmillan, Über sechzig hatten sich der Stimme enthalten.

Chamberlain blieb im Amt. Doch seine Gegner glaubten, alles sei zu Ende. »Wir sollten etwas singen«, sagte Harold Macmillan, und Wedgwood begann mit »Rule Britannia«. Aber der Premier sah noch immer nicht ein, warum er gehen sollte. Er sagte seiner Schwester, eine Anzahl derer, die gegen ihn gestimmt hatten, hätten ihm geschrieben, daß »sie mir nichts anderes vorwerfen, als daß ich die falschen Leute in meiner Mannschaft habe«.

Am 10. Mai fielen die Deutschen in Holland und Belgien ein. Chamberlain bat die Labour-Politiker Attlee und Greenwood, einer Koalitionsregierung beizutreten. Die Labour-Führer waren sich nicht schlüssig. Während sie berieten, berief Chamberlain sein Kabinett ein.

Der frühere BBC-Chef Reith, der anwesend war, bemerkte, Chamberlain »war in guter Form: Die Nachricht aus den Niederlanden hatte ihn belebt«. Infolge der Invasion war er »zur Tat bereit, wenn man ihn zum Handeln ermutigte und ermächtigte«.

Die Sitzung ging weiter. Wilson erhielt ein Fernschreiben. Er reichte es Chamberlain über den Tisch. Es war eine Erklärung von Attlee und Greenwood. Sie waren nicht bereit, unter Chamberlain zu dienen.

Luftfahrtminister Kingsley Wood forderte den Regierungschef auf zurückzutreten. Der Einfall in Holland machte eine Koalition notwendig. Wenn die Labour-Party nicht in eine Regierung Chamberlains eintreten wolle, müßte Chamberlain gehen.

Kingsley Wood sprach mit Nachdruck. Chamberlain hatte ihm immer vertraut und seinen Rät angenommen. Nun schien es, daß der Minister hinter Chamberlains Rücken konspiriert und seinen Sturz geplant hatte. Chamberlain hatte von einem so alten und erprobten Freund mehr Treue erwartet.

Wilson tobte über Kingsley Woods Verrat, konnte aber nichts tun. Chamberlain erkannte den Judaskuß. An jenem Nachmittag berief er das Kabinett nochmals ein und teilte mit, daß er nicht mehr länger Premierminister sei.

Unter dem neuen Regime änderten sich die Dinge. Es kamen neue Männer und eine neue Autorität.

Kingsley Wood war der einzige der Beschwichtigungspolitiker, der sich das Vertrauen der Regierung Churchills erhielt. Er, nicht Churchill, hatte Chamberlains Macht gebrochen. Er blieb in der Regierung und wurde Finanzminister.

Die »abgetakelten Dienstboten« dienten anderswo; Innenminister Hoare ging als Botschafter nach Spanien, Außenminister« Halifax würde Botschafter in den Vereinigten Staaten, Finanzministet Simon wurde Lordkanzler ich Oberhaus. Premierminister Chamberlain legte sich zum Sterben nieder.

Deutsche Rechte beim W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Britischer König Georg VI. in Frankreich 1939*: »Ein vergeudeter Tag ...

... was die Arbeit anbetrifft": Britischer Truppentransport 1939

Churchill, britische Soldaten 1939

»Hitler muß sterben ...

Chamberlain, Gattin 1939* ... oder nach St. Helena gehen«

Britischer Luftfahrtminister Kingsley Wood 1939*: »Wenn Göring auf den Knopf drückt.

Briten-Flugblatt 1939

... müssen die Vögel zu Fuß gehen«

Luftschutz in London 1939:

»Der Ausblick war trübe«

Widerständler Etzdorf

»Der Friede darf ...

Widerstandler Kordt

... Deutschland nicht belasten«

Briten-Abgeordneter Macmillan (r.) 1939

»Wir sollten etwas singen«

Briten-Abgeordneter Profumo (l.) 1939

»Laßt uns geschieden sein«

* Hitler in Warschau 1939: »Englands Premierminister legte sich zum Sterben nieder«

* Links: Französischer General Gamelin.

* Mit Gasmaske In der Londoner City.

* In seinem Dienstzimmer nach Kriegsausbruch.

Martin Gilbert, Richard Gott
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