Zur Ausgabe
Artikel 39 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH / FIRMENKRISE Herr im Haus

aus DER SPIEGEL 18/1964

Das Pariser Théâtre des Champs -Elysées zeigte ein ungewöhnliches Gastspiel. Mehrs als 2000 wütende Aktionäre beschimpften den Präsidenten ihrer Gesellschaft, der auf der Bühne Platz genommen hätte.

Gegenstand der turbulenten Versammlung war die Sanierung der Compagnie des Machines Bull, der bedeutendsten französischen Herstellerin von Lochkartenmaschinen und Elektronenrechnern, die es im vergangenen Jahr auf 104 Millionen Mark Verlust gebracht hatte. Aktionärs-Kommentar aus dem Parkett: »So viel Geld hat mich ein Theaterplatz noch nie gekostet.«

Der Sturz der Glamour-Gesellschaft, deren Aktien 1960 zum Kurs von fast 1900 gehandelt worden waren, zum sanierungsreifen Verlustunternehmen mit einem Kurs von 140 war durch die Konkurrenz eines amerikanischen Unternehmens verursacht worden.

Im Wettlauf mit dem übermächtigen Konzern International Business Machines (IBM) war, der französischen Firma der Atem ausgegangen. Die IBM-Amerikaner haben fast zehnmal soviel Beschäftigte wie Bull (140 000 gegen 15 000) und den dreißigfachen Umsatz (11,4 Milliarden gegen 373 Millionen Mark); einen großen Teil ihrer Forschungs- und Entwicklungskosten trägt der amerikanische Staat.

Die Verkaufserfolge von IBM mit ständig verbesserten Elektronenrobotern zwangen Machines Bull zu massivem Aufwand für Forschung und Kundendienst. Auch die von den Amerikanern forcierte Praxis, Rechengeräte zu vermieten statt zu verkaufen, mußte Bull mitmachen, obwohl sie den Ertrag drosselt und beträchtliche Mittel zur Vorfinanzierung erfordert.

Da die französische Firma ihre kostspielige Roboter-Produktion nicht aus den Erträgen anderer Geschäftszweige alimentieren konnte, wie es in Westdeutschlands etwa Siemens oder AEG tun, brach im vergangenen Jahr die finanzielle Krise offen aus.

Auch bundesdeutsche Aktionäre waren davon betroffen; im Juni 1962 hatte Bull seine Aktien an der Frankfurter Börse zum Kurs von 415 eingeführt.

Ein Jahr später fahndete Bulls Präsident und Großaktionär (rund 40 Prozent des Aktienkapitals) Joseph Callies angesichts des amerikanischen Feindes IBM nach einem Retter. Er fand ihn in einer anderen amerikanischen Firma, der General Electric (GE), die an einem Stützpunkt in Europa interessiert war.

Rund ein Fünftel des Bull-Kapitals, so wurde vereinbart, sollte GE für 100 Millionen Mark erwerben. Außerdem wollten die Amerikaner mit einer Kreditspritze von zunächst 32 Millionen Mark die gröbste Not des Unternehmens beheben.

Da Joseph Callies für seine Gesellschaft im ganzen einen Kapitalbedarf von 650 Millionen Mark errechnet hatte, war die weitere Entwicklung vorauszusehen: General Electric würde Herr im Hause Bull werden.

Damit wurde die Firmen-Misere zur Staatsaffäre. Vehement brach die Amerika-Allergie des General-Staatschefs de Gaulle aus. Vorher hatte schon die US -Automobilgesellschaft Chrysler den General erzürnt, als sie eine 25-Prozent-Beteiligung an den französischen Simca -Werken in aller Stille zur Mehrheitsbeteiligung erweiterte.

Von einer Partnerschaft zwischen GE und Bull befürchtete der Präsident jetzt, daß seine atomare Force de frappe unter amerikanischen Einfluß geraten könnte: Bull arbeitet an elektronischen Ausrüstungen für Frankreichs Raketen. De Gaulle verordnete deshalb dem Unternehmen eine französische Sanierung und Schutz vor dem US-Angriff.

Finanzminister Giscard d'Estaing

kommandierte mehrere staatseigene oder von Regierungsaufträgen abhängige Firmen zur Bull-Hilfe. So mußten sich unter anderem das staatliche Finanzinstitut Caisse des Dépôts et Consignations sowie die Privatkonzerne Compagnie Generale d'Électricité und Compagnie de Télégraphie Sans Fil bereit erklären, an einer,Kapitalerhöhung bei Bull von 28 Millionen Mark teilzunehmen.

Die Regierung selbst stellte einen Sofortkredit von 36-Millionen Mark und weitere Kredite und Aufträge im Wert von rund 600 Millionen Mark für die nächsten vier Jahre in Aussicht. Elektronengeräte für den Staatsgebrauch, bisher zu drei Vierteln von IBM geliefert, sollen künftig nur noch bei Bull gekauft werden.

Diese Vorschläge zu sanktionieren, waren die Aktionäre ins Theater geladen worden. Doch ihnen erschien die US-Offerte ungleich verlockender.

Der hartbedrängte Bull-Präsident Joseph Callies hatte seinem aufgebrachten Publikum nur einen schwachen Trost zu bieten: Die US-Firma ist noch nicht ganz aus dem Rennen. Finanzminister Giscard d'Estaing hatte sich bereit gefunden, den Amerikanern bei Bull wenigstens einen bescheidenen Platz zu reservieren.

Dazu soll die Firma in eine Holdinggesellschaft mit drei Töchtern umgewandelt werden: je einem Unternehmen ausschließlich

> für Verteidigungsaufträge,

> für zivile Forschung und Produktion und

> für Handel.

An den beiden nichtmilitärischen Firmen darf sich General Electric beteiligen. Als Callies gestand, daß er über die Höhe dieser Beteiligung noch nichts wisse, brach im Saal Tumult aus.

Dennoch blieb bei der Schlußabstimmung General de Gaulle Sieger. Bull -Präsident Callies hatte auf die Aktionärsfrage, welche Folgen die Ablehnung des Regierungsultimatums haben würde, treuherzig geantwortet: »Dann sind wir übermorgen pleite.«

Bull-Aktionäre im Théâtre des Champs-Elysées: General gegen General Electric

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.