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»Herr Schily, zu welchem Behufe?«

aus DER SPIEGEL 6/1976

Im BM-Prozeß in Stuttgart-Stammheim wird seit Dienstag letzter Woche »Biedermann und die Brandstifter« aufgeführt, das Theaterstück von Max Frisch. Der Hauptdarsteller ist großgewachsen und schmal, er trägt die Haare kurz. und er sieht jünger aus, als er ist. Dierk Hoff, 38. »Metallbildner« von Beruf, wird als Zeuge verhört.

Der Zeuge Hoff übertrifft die kühnsten Befürchtungen von Max Frisch. Sein Herr Biedermann läßt sich den Dachboden mit Benzinfässern und Holzwolle füllen, und zuletzt stellt er sogar noch die Streichhölzer zur Verfügung. Doch der Zeuge Hoff will unmißverständlich bedroht worden sein -und dennoch geglaubt haben, die Geräte zur Ausübung von Gewalt, die er fertigte, würden nur zu einem nicht verwendet werden: zur Ausübung von Gewalt.

Er ist hineingeschlittert. Das ist glaubhaft. Da kam ein Mann zu ihm, an den er sich dunkel erinnerte, der irgend etwas mit Film zu tun hatte. Der besichtigte seine Werkstatt, sagte, er heiße Erwin, der sprach unbestimmt davon, daß er vielleicht Aufträge für ihn habe. Man sei da an einem Filmprojekt.

Später kam Erwin mit einem gewissen Lester wieder. Diesmal ging es um einen »Szenenkatalog«, um ein Verzeichnis von Hippielokalen, Kommunikationszentren,. Klubs, Werkstätten, Musikgruppen und Künstlern, Kommunen und Übernachtungsmöglichkeiten. Das Filmprojekt sei im übrigen noch nicht gestorben. Darauf werde man wieder zurückkommen.

Erwins nächster Besuch brachte den ersten Auftrag. Ein Bekannter, der mit Servicearbeiten an Automaten zu tun habe, brauche etwas, um gewisse Hülsen ohne Beschädigung der Automaten zu entfernen. Der zweite Auftrag, wieder von Erwin erteilt, bezog sich dann auf das Filmprojekt.

Man drehe eine »Revolutions-Fiction«, Handlungsort Südamerika. Man sei jetzt dabei, Requisiten zu beschaffen. Ausstattungsfirmen hätten nur Dinge, die nicht genug hermachten. Und so beginnt der Zeuge Hoff Oberteile von Handgranaten anzufertigen; und so findet er eines Tages nichts dabei, eine »Babybombe« anzufertigen: Die wird für eine Filmszene benötigt, in der eine Frau unter Vortäuschung einer Schwangerschaft eine Bombe in eine Toilette bringt.

Dies alles ist glaubhaft, denn der Zeuge Hoff hat schon früher für Filme allerlei angefertigt. Und es ist auch so, daß der Zeuge Hoff fraglos so etwas wie ein »technischer Idiot« ist, ein »Metallbildner« zwischen Handwerk und Kunst eben, ein Mann, der »ein gewisses technisches Perfektionsbedürfnis« hat, ein Mann, mit »technischem Ehrgeiz«, der herausfinden will, ob er eine ihm gestellte Aufgabe lösen kann. Er ist ein kleiner Speer, er fragt nicht, wohin etwas führt, er fragt nur, geht das.

Daß er hinsichtlich der »Babybombe« gebeten wird, »Diskretion« zu wahren, hat ihm noch eingeleuchtet. Er ist ja auch schon für die Werbung tätig gewesen. Ein Gag oder der Clou eines Filmes dürfen nicht vorzeitig bekannt werden. Auch Abschußgeräte für Schrothülsen irritieren den Zeugen Hoff nicht. Doch dann erscheint Erwin mit einem Gewehr der Marke »Franchi«, das er umgearbeitet haben möchte.

Erwins Art ist so harmlos. Er geht mit dem locker in Packpapier eingewickelten Gewehr über die Straße. Immerhin, Erwin macht eine merkwürdige Bewegung. Rückt er eine Pistole unter der Kleidung zurecht? Erwin weiß erstaunlich gut über Waffen Bescheid. Und so will der Zeuge Hoff eines Tages von Erwin erfahren, mit welchem »Verein« er es eigentlich zu tun habe. Erwin reagiert eher amüsiert. Doch dann nähert sich plötzlich jemand der Werkstatt -- und nun will Erwin ganz schnell und ungesehen gehen. Der Zeuge Hoff muß Erwin einen Schlüssel aushändigen, Erwin soll ihn später in den Briefkasten werfen.

Jetzt ist der Zeuge Hoff denn doch alarmiert. Hat er es mit Kriminellen zu tun? Drei, vier Tage später erscheinen Erwin und Lester. Der Zeuge Hoff will eine Erklärung. Er will seinen Schlüssel zurück, der nicht im Briefkasten lag: »ln was reitet ihr mich hier hinein? Das hier ist doch eine heiße Sache. Ihr habt mich doch gelinkt.« Doch als der Zeuge Hoff droht, er werde zur Polizei gehen -- da richtet Erwin plötzlich eine Pistole auf ihn: »Das ist hier kein Spaß, aussteigen oder Polizei ist nicht.« Lester beschwichtigt.

Der Zeuge Hoff meint, Erwin und Lester würden nach dieser Szene nicht wiederkommen. Er überlegt auch, ob er zur Polizei gehen soll. Doch die Drohungen Erwins sind ihm »in die Knochen gefahren«. Und als nach einigen Tagen Lester wieder erscheint und ihm ein Heft gibt, das RAF-Texte enthält ("Nun mal reinen Tisch, das hier ist von uns") -- da läßt er sich einen Telephonkode »aufbrummen«. Er springt nicht ab. Angst um seine Freundin, um seine Verwandten, um sich selbst lähmt ihn.

Nur noch ein paar Attrappen und ein paar Kleinigkeiten wie Bombenhüllen soll er herstellen. Danach soll er entlassen werden aus der Zusammenarbeit. Hier übertrifft Dierk Hoff den Herrn Biedermann. Es darf nicht sein, daß er gewalttätige Pläne unterstützt, und so gibt es keine gewalttätigen Pläne. Er ist nicht fähig, Widerstand zu leisten, immer vorausgesetzt, seine Darstellung stimmt. Nun schlägt zu Buch, daß er der Sohn eines berühmten Mediziners und Hochschullehrers ist und im Schatten des Vaters eine Person, eine Identität nicht entwickeln konnte.

Er hat auf der Schule versagt. Er wuchs in Würzburg, in Graz, in

achen und schließlich in Frankfurt auf. Der Vater folgte Berufungen, der Sohn zahlte dafür, indem er die Schulwechsel nicht überstand. Er hat Ingenieur werden wollen, aber nicht durchgehalten. Nach dem Wehrdienst hat er eine Weile getöpfert. Endlich richtet er sich eine kleine Werkstatt ein, besucht eine Zeitlang die Werkkunstschule, er fertigt Stahlrohrmöbel. Schmuckstücke und anderes an.

Eine Existenz ist das nicht. Es ist Improvisation, wie und wovon er lebt. Er treibt, er hat keinen Stand. Und so kann er auch, so seine Darstellung stimmt, keinen Widerstand leisten, als ihm etwas -- zunächst unauffällig, dann aber auf das massivste -- aufgebürdet wird, etwas, das ihm widerstrebt, das ihn jedoch nur ängstigt und keine Kraft zum Aufbegehren, zum Ausbruch in ihm freimacht.

So könnte es gewesen sein. Die Angeklagten in Stuttgart-Stammheim bestreiten die Darstellung des Zeugen Hoff. Ulrike Meinhof beginnt beschwörend. Ob ihm bewußt sei, »was von Prinzing und Wunder mit ihm gemacht« werde. Ob ihm klar sei, daß er hier im nachhinein »den Mord an Holger«, an Holger Meins also, dem Erwin seiner Einlassung, rechtfertigen helfe, indem er diesen als ein »brutales Schwein« hinstelle. Der Zeuge Hoff läßt sich nicht beschwören. Andreas Baader setzt nach. Er, Dierk Hoff, habe entweder nicht für die RAF gearbeitet oder aber nicht unter Zwang für die RAF gearbeitet. Die RAF kenne keinen Zwang im Umgang mit ihren Sympathisanten. Der Zeuge Hoff bleibt dabei, daß er unter Zwang gehandelt hat.

Den Schluß macht dann Jan-Carl Raspe, der Lester der Darstellung des Zeugen Hoff. Man werde jetzt, so wie sich Dierk Hoff verhalte, die Füße sichtbar machen, auf denen diese Sache laufe, die Füße des Staatsschutzes. Die Verteidiger, die nun zu fragen beginnen, schonen den Zeugen Hoff nicht. Allerdings -- auch wenn sich der Zeuge Hoff hinsichtlich seiner erzwungenen Mitwirkung als unglaubhaft erweisen sollte:

Die Dinge, die er angefertigt hat, tragen seine Handwerker-Handschrift, »die individuellen Merkmale« seiner Arbeit. Die letzte Bombenhüllen-Lieferung wurde am 11. Mai 1972 bei ihm abgeholt, von Harry, der Gerhard Müller heißt, der zur Zeit in Hamburg vor Gericht steht -- und der die Werkstatt und den Mann geschildert hat, den er zuletzt am 11. Mai 1972 aufsuchte.

Das Klima des Prozesses in Stuttgart-Stanimheim hat einen Tiefstpunkt erreicht. Dem Vorsitzenden Richter Prinzing unterlaufen Fehler. So belehrt er um ein Haar den Zeugen Hoff falsch, was dessen Aussageverweigerungsrecht für seine Verlobte angeht. Herr Prinzing wirkt angeschlagen. Versucht er souverän zu sein, so mißrät ihm das. »Herr Rechtsanwalt Schily, zu welchem Behufe?« erkundigt er sich, als Verteidiger Schily ums Wort bittet. Den ersten Vorsitzenden im Contergan-Prozeß erlöste im September 1969 nach 155 Sitzungstagen Krankheit von einer Aufgabe, für die er nicht der rechte Mann war.

Herr Prinzing hat nicht die Distanz zu allen Beteiligten, die er haben müßte, und wenn er sie hat, denn kann er sie nicht deutlich machen. Der Oberstaatsanwalt Zeis kann für die Bundesanwaltschaft ruppig werden wie ein wahrer Kraft-Erpel, doch gerügt wird der Verteidiger Schily, wenn er das nicht hinnimmt. Der Frankfurter Rechtsanwalt Steinacker steht dem Zeugen Hoff in Stuttgart-Stammheim bei. Er nimmt eine heikle Rolle wahr. Herr Prinzing erleichtert sie ihm nicht.

Auch in dieser Woche wird der Zeuge Hoff befragt. Die Verteidigung hämmert auf seinen schwächsten Punkt ein, auf seine Sorge um die Sicherheit seiner Verlobten und wohl auch darum, daß diese weiter zu ihm steht, trotz allem, in was sie durch ihn geriet. Hier ist der Zeuge Hoff am einfühlbarsten. Von hier scheint er die Kraft zu holen, die ihm die Selbstentblößung seiner Aussage möglich macht. Einmal sagt er, er habe 1972 noch nicht das »Format« gehabt, zur Polizei zu gehen. Vielleicht sagt er jetzt die ganze Wahrheit.

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