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MÜLL Herrlicher Schimmel

aus DER SPIEGEL 10/1966

In Schweinfurt liegt das Geld auf der Straße. Von der Kehr-Seite deutschen Wohlstands, aus Müll und Abfall, klauben die Väter der Main-Gemeinde bare Münze: Sie verwandeln Rohprodukte in gewinnbringenden Kompost.

Seit fünf Monaten wird Schweinfurts gesammelter Unrat nicht mehr auf Müllhalden, sondern in eine Klärschlamm -Kompostanlage gekippt. Jetzt steht fest: Das Experiment der Kugellager-Stadt ist geglückt, die Nachfrage nach Müll-Dünger ist stärker als der Abfall-Anfall in Haushalten und Betrieben. Voraussichtlicher Jahreserlös für den Kompost: 200 000 Mark; für den ebenfalls verwerteten Kehricht-Schrott: 60 000 Mark.

Die Schweinfurter entledigten sich damit einer Last, die zahlreiche Städte drückt. Denn den Gemeinden wachsen, so »Christ und Welt«, »die Müllgebirge buchstäblich über den Kopf«. Zwar zermahlen deshalb schon in einigen Städten die Drehtrommeln von Kompostanlagen den Abraum der Zivilisation. Doch gelang es bislang nur den Schweinfurtern, aus ihrem Schmutz Profit zu ziehen.

Die Vier-Millionen-Anlage in der Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Steueraufkommen Bayerns verwandelt in mehreren Arbeitsprozessen allen Unrat - bis auf Gummireifen oder Plastikabfälle, die verheizt werden - in Kompost. Ein Magnet angelt Konservendosen und Flaschenverschlüsse heraus, Fließbänder mischen den zerkrümelten Müll mit eingedicktem Klärschlamm zu einem Brei, der gepreßt und später in beliebig große Stücke geschnitten werden kann.

Binnen 20 Minuten wird so der Inhalt eines städtischen Müllautos in Kompostpakete verwandelt. Nach 24 Stunden Lagerzeit in einer Trockenhalle erhitzen sich die Pakete auf Temperaturen um 60 Grad - Unkrautsamen und Krankheitskeime werden vernichtet. Und vier Wochen später können die verpilzten, derweil hart gewordenen Briketts verkauft oder auch für Jahre im Freien gestapelt werden.

Abnehmer für den fast geruchfreien Müll-Mist sind Wein-, Obst- und Gemüsebauern aus Schweinfurts Umgebung, die pro Tonne 18 bis 20 Mark zahlen. Heinrich Meyer, Betriebsleiter des städtischen Bauhofs und Chef der Müll-Mühle: »Wahrscheinlich werden wir nicht einmal alle Kompost-Interessenten befriedigen können.«

Zwar kostet der Unterhalt der- Unrat-Fabrik rund 400 000 Mark jährlich; er wird nur zu einem Teil durch Müllabfuhrgebühren (etwa 170 000 Mark im Jahr) wieder eingebracht. Doch nach dem Verkauf der Kompost- und Schrottpakete bleibt, so errechneten die Stadtväter, noch ein Reingewinn.

Schon reisen Müll-Experten aus dem In- und Ausland nach Schweinfurt, um die profitable Säuberungsaktion zu begutachten. Mitunter greift dann Betriebsleiter Meyer, der »den Kompost-Gedanken weiterverbreiten« möchte, in seine Brikettstapel und schwärmt: »Dieser herrliche Schimmel, ist das nicht wunderbar?«

Müll-Fabrik in Schweinfurt: Profit aus Schmutz

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