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USA Herrscher auf dem Hügel

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 2/1995

Anderen Politikern gebreche es an der dazu nötigen Phantasie, er aber müsse nun einmal alles personalisieren, sagt Newt Gingrich: »Wenn ich mir Auschwitz vorstelle, dann sehe ich meine eigenen Kinder, meine Mutter, meine Frau vor mir.« Zu einem Auschwitz dürfe es in Amerika nie kommen.

Nur, was wäre denn für diesen Amerikaner die amerikanische Entsprechung von Auschwitz? »Ich will nicht, daß mein Land zerbricht, daß meine Tochter, meine Frau vergewaltigt und getötet werden«, erläutert Gingrich. Und sogleich überträgt er seine Auschwitz-Vision platt in die amerikanische Gegenwart: »Ich will nicht, daß mein Wohnviertel zerstört wird.«

Was mit dem Reizwort Auschwitz somit angesprochen wird, sind die alltäglichen Ängste des (nicht nur weißen) Mittelstands. Erst vor diesem Hintergrund wird ein absurd klingender Kernspruch des Abgeordneten aus Georgia erfaßbar; seiner Heimatzeitung hat Newton Leroy Gingrich letztes Jahr zu Protokoll gegeben: »Leute wie ich sind es, die zwischen uns und Auschwitz stehen.«

Sendungsbewußtsein wird in Amerika als Tugend gewertet, weshalb es dem neuen Feldherrn auf dem Kapitolshügel kaum schadet, daß alle Blätter Zeugnisse seiner Vermessenheit bringen. »Ich habe enormen persönlichen Ehrgeiz«, meldete Gingrich 1985 an. »Ich will den ganzen Planeten umstülpen.«

Damals waren das Prahlereien eines Provinz-Bramarbas. Heute aber kann Newt Gingrich in Washington auftreten als der Mächtigste neben dem Präsidenten. Seine erste Rede als Speaker schlägt im Repräsentantenhaus ein wie eine Botschaft zur Lage der Nation in Ronald Reagans besten Zeiten. Gingrich werden Ovationen dargebracht.

Auch manche Demokraten lassen sich mitreißen. Denn er beschwört eine Vorstellung, die jedem Volksvertreter schmeicheln muß: daß nach einem Menschenalter der präsidialen Vorherrschaft endlich »der Schwerpunkt der Regierungsmacht dorthin zurückkehrt, wo die Gründerväter ihn haben wollten: in den Kongreß«. William Safire von der New York Times, der dieses anderntags schrieb, kann über soviel Selbstüberschätzung der Abgeordneten nur lachen: Schon nächstes Jahr werde Gingrich sie im Stich lassen und das Amt anstreben, das er jetzt zu entmannen sucht - den Job im Weißen Haus.

Die meisten Demokraten sitzen an diesem historischen Mittwoch wie versteinert da. Im Repräsentantenhaus waren sie seit der ersten Präsidentschaft Eisenhowers immer in der Mehrheit, immer »Regierung«, egal, welche Partei das Weiße Haus besetzt hielt. Jetzt, durch die Kongreßwahl vom 8. November zur Minderheit degradiert, fühlen sie sich wie auf der Oppositionsbank. Das liegt auch am neuen Speaker: anders als seine demokratischen Vorgänger will Gingrich nicht nur moderieren, sondern regieren.

Ja, hätten denn die Demokraten das nicht auch gekonnt in den letzten 40 Jahren? Nur ein Speaker hat es eine Weile mit Erfolg versucht: Jim Wright, dem das Amt während Reagans zweiter Präsidentschaft zugefallen war. Doch Wright hatte keine weiße Weste und wurde deshalb von einem jungen republikanischen Abgeordneten gnadenlos verfolgt, bis er im Mai 1989 das Amt mit Schimpf verlassen mußte. Jener Abgeordnete hieß Newt Gingrich.

Nun, selbst Speaker, kann er sich gegenüber den Demokraten großzügig zeigen. Vor der zuschauenden Nation rühmt er wenigstens ihre Vergangenheit: die Ära Roosevelt sowie den entscheidenden Kampf der Demokraten gegen die Rassentrennung. Das lindert manchen Schmerz, hilft aber keinem Demokraten darüber hinweg, daß die Republikaner mit Newt Gingrich nun weiterführen wollen, was unter Ronald Reagan begonnen hatte: den Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat.

Welch ein Alptraum. War denn die herzlose Ära Reagan nicht unter Bush verröchelt? Hatte der Sieg Bill Clintons den Demokraten nicht ein langfristiges Regiment verheißen, da Amerika sich doch zurücksehnte nach Menschlichkeit? Der Pendelschlag der Geschichte aber durfte dann nicht ausschwingen, und aus der Versenkung meldet sich barsch die Ära Reagan zurück.

Abermals ist Big Government der Sündenbock, wieder muß der Sozialstaat demontiert werden, und bei Gingrich klingt das ernst, weil er (anders als Reagan) die soziale Wirklichkeit kennt. Er erzählt herzzerreißend von Ghettokindern, die ihre Spielkameraden morden, er wühlt förmlich im Elend der Städte, fordert »compassion«. Doch echtes Mitleid - so Gingrich - zeige nur der, der den Teufelskreis der Abhängigkeit zu brechen und die Armen von der Droge der Staatsknete zu erlösen sucht.

Eine grausame Stringenz ist dem kaum abzusprechen, doch die menschelnde Rhetorik, in die Gingrich seine Ideologie verpackt, erinnert stark an einen Wahlkämpfer von 1992. Zwischen dem Kandidaten Clinton und seinem jetzigen Verfolger Gingrich gibt es Ähnlichkeiten.

Im Alter drei Jahre auseinander, beide groß und zur Fülle neigend, mit früh erbleichtem Haarschopf und jungenhaftem Elan, erscheinen sie wie antagonistische Zwillinge. Nur macht der Ältere, Gingrich, derzeit eine bessere Figur. Er braucht nicht so fit zu sein wie der Zwangsjogger Clinton und wirkt doch gefährlicher, eine wohlgenährte Raubkatze.

Beide sind mit anderen Namen als denen, die sie heute tragen, auf die Welt gekommen. Der kleine Bill in Arkansas hieß William Jefferson Blythe wie der texanische Vertreter, der vor der Geburt seines Sohnes bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Den Nachnamen Clinton erhielt Bill vom nächsten Ehemann seiner Mutter.

Und Gingrich, in Pennsylvanien geboren, hieß erst Newton Leroy McPherson: nach dem 19jährigen Mechaniker, den die l6jährige Kathleen Daugherty überstürzt geheiratet hatte, als ihr Vater mit dem Auto verunglückt war. Nach drei Tagen hat sie den Trinker verlassen, neun Monate später kam das Baby auf die Welt, drei Jahre darauf heiratete sie den Offizier Robert Gingrich, der den Knaben Newton adoptierte.

Wie der brave Bill war auch der freche Newt jahrelang in der Obhut der Großmutter. Wie Bill konnte er trotz ärmlicher Herkunft gute Universitäten besuchen, eignete sich dort auch eine linksliberale Gesinnung an. Dem Kriegsdienst in Vietnam sind beide ausgewichen.

Origineller als Clinton, suchte Gingrich den Zugang zur Politik nicht im Anwaltsberuf, sondern als Historiker. Er lehrte Geschichte an einem kleinen College in Georgia und kandidierte dreimal für den Kongreß, beim drittenmal mit Erfolg. Wie schon beim Studium half ihm Ehefrau Jackie: Mit 19 hatte Gingrich seine Geometrielehrerin geheiratet, die fortan für ihn schuftete.

Clinton wußte mit 16, daß er Präsident werden wollte. Bei Gingrich wurde der Drang erst später bekannt, als die Liebe zur Geometrie erloschen war. Nach der Übersiedlung nach Washington trennte sich der Kongreß-Debütant Gingrich von seiner Frau und erklärte einem Freund: »Sie ist weder jung genug noch hübsch genug, um First Lady zu werden. Außerdem hat sie Krebs.«

Nach ihrer Darstellung erfuhr Jackie Gingrich 1980 die Scheidungsbedingungen ihres Mannes im Hospital: aus seinem Munde, am Tag nach der Operation. Sie habe, behauptet Jackie, ihrem »Newtie« daraufhin die Tür gewiesen. Wenige Monate nach der Scheidung heiratete Gingrich eine 15 Jahre jüngere Dame, Marianne Ginther.

Clinton suchte, aus der linken Protestecke kommend, in den siebziger Jahren als »Demokrat neuen Typs« die Mitte, der Rebell Gingrich entflammte für Ronald Reagan. Es ist Reagans »staatsfeindlicher« Geist, der seine Rhetorik beherrscht: Alles, was der Staat anpackt, muß verrotten; alles, was private Initiative in die Hand nimmt, erblüht.

Der Wohlfahrtsstaat ist aus dieser Sicht die höchste der Perversionen, unamerikanisch dazu. Wer den Leuten unter die Arme greift und ihnen das verzweifelte, doch lebensertüchtigende Strampeln erspart, verstößt für Gingrich gegen die Menschenrechte. Er sieht in den meist minderjährigen, alleinerziehenden Müttern, deren Gebärfreude durch Kindergeld verschärft werde, eine der Hauptursachen von Kriminalität und Verelendung. Deshalb will er ihnen die Subventionen und die Kinder entziehen und letztere lieber in Waisenhäusern unterbringen, fern der Drogenwelt.

Die Idee findet Beifall, ist aber nicht zu Ende gedacht. Ihre Ausführung wäre für die Steuerzahler zunächst viel kostspieliger als die Unterstützung der Wohlfahrtsmütter. Eine konservative Revolution aber darf kein Geld kosten.

Noch kann Gingrich über solche Widersprüche hinweglachen. Seit dem demokratischen Wahldebakel vom November ist er eine nationale Figur, ein Stern erster Ordnung, ein Faszinosum. Was er sagt, macht Schlagzeilen.

Noch in der Wahlnacht fing Gingrich an, das Führungspersonal der Parlamentsausschüsse zu bestimmen. »Wir hatten nicht einmal Zeit, am Champagnerkorken zu riechen«, klagte der Abgeordnete Pat Roberts aus Kansas. Vor Weihnachten hat der neue Chef seine 230 republikanischen Repräsentanten zwei Tage lang gedrillt, laut wie ein Football-Coach.

Wenn Gingrich - Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion - ihnen sein politisches Credo predigt, wirkt er umwerfend: die Bücher, zu deren _(* Titelzeile etwa: »Amerika wird ) _(geizig«. Das Wortspiel Scrooging bezieht ) _(sich auf die Figur des Geizkragens ) _(Ebenezer Scrooge aus der Novelle »A ) _(Christmas Carol« von Charles Dickens. ) Lektüre er seine Zöglinge anregen will, hält er fuchtelnd in die Höhe, wie ein windiger Evangelist seine Bibel.

Nun bieten die Abgeordneten ihrem Speaker Standing ovations. Gingrich war es, der die Schwächen Bill Clintons herrlich hinterfotzig gegen die Demokraten ausschlachtete. Mit seinem undurchsichtigen Netz von edlen Spendern hat er Wahlkampfmillionen mobilisiert, mit seinen auf Videoband verbreiteten Lehrkursen neue Kämpfer motiviert. Für die Republikaner ist er nach 40jähriger Durststrecke verehrungswürdig »wie Moses, der sein Volk aus der Wüste geführt hat«, spottet ein Demokrat.

Die Stimmung in Washington ist aufgekratzt, voller Neugier, wie nach der Amtseinführung eines neuen Präsidenten. Selbst die liberale New York Times schreibt am nächsten Morgen: »Kein Zweifel, fürs nächste ist Newt Gingrich die zentrale Gestalt unter Amerikas Politikern, Clinton eingeschlossen.« Konservative Auguren wie George Will wittern den wichtigsten Umschwung seit März 1933 - seit dem Amtsantritt Roosevelts und dem Beginn des New Deal -, nur eben in der Gegenrichtung.

Ist dies wirklich Wendezeit? Gewendet jedenfalls hat sich schon Bill Clinton, und zwar nach rechts - vorauseilend und wohl doch zu spät. In der heiklen Frage, ob in Amerika ein Schulgebet zulässig sei, ist er Gingrich ein Stück entgegengerutscht - und will den Kindern eine »stille Minute« zumuten.

Dann hat Clinton sich abrupt von Joycelyn Elders getrennt, einer Schwarzen aus Arkansas, die als Surgeon General (einer Art Hausarzt der Nation) mit progressiven Äußerungen zur Aids-Bekämpfung und Drogenlegalisierung aufgefallen war. Kaum hatte Gingrich gerügt, daß der Präsident an dieser »Kondom-Königin« festhalte, trat schon der Ernstfall ein: Gefragt, ob in den Schulen beim Thema Safer Sex nicht auch Onanie zur Sprache kommen müsse, antwortete Frau Elders bejahend.

Sofort faßte eine Karikatur die Moral der Regierung Clinton hinreißend zusammen. Eine sauertöpfische Lehrerin verkündet der Klasse: »Und nun, liebe Kinder, ein stilles Gebet, bevor wir mit dem Onanie-Unterricht beginnen.« Damit war das Schicksal der Joycelyn Elders besiegelt. Ihr Hinauswurf machte Clinton nicht populärer.

Überhaupt hat das Weiße Haus aus der Niederlage nicht viel gelernt. Nächtelang stritten dort zwei Denkschulen über die Frage, ob der Präsident in seiner ersten Fernsehrede nach der Kongreßwahl hinterm Schreibtisch oder vor dem Kamin sitzen sollte: ein Titanenkampf der Imagemeister. »Präsidentiell« sollte er wirken, wie seine Pressesprecher es verräterisch formulieren.

Durch zu viele Auftritte sei er ein »undifferenzierter Präsident« geworden, beschwerte sich ein Mitarbeiter Clintons vor der Autorin Elizabeth Drew. In ihrer Analyse dieser Präsidentschaft ("On the Edge«, also: Auf der Kippe) wird genau und herzlos dargestellt, wie Clintons Auftritte choreographiert werden, wie sein Image stets wichtiger war als die Substanz.

Da hat Gingrich es besser, der bislang ohne Choreographen auskommt, seine Schau aus dem Stegreif abzieht. Der Gegenpräsident beschäftigt auch ein Heer von Experten und Einbläsern, doch er ist noch nicht deren Gefangener.

Das kann sich ändern, sobald die Einsamkeit der Macht auch ihn umschließt. Schon gibt es Morddrohungen, schon darf Gingrich nicht mehr zu Fuß zum Kongreß gehen. Wird auch ihn die gepanzerte Limousine bald von der Wirklichkeit abschneiden? Speaker Gingrich besteht darauf, an seinen Arbeitsplatz im Kleinbus gefahren zu werden. Der allerdings steckt voller Leibwächter. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Wendezeit *

in Washington: In der ersten Januarwoche bekam Bill Clinton einen republikanischen Neben- und Gegenpräsidenten. Als der 104. Kongreß der US-Geschichte zusammentrat, waren zum erstenmal seit 40 Jahren beide Kammern in republikanischer Hand, und der kämpferische Rechtsintellektuelle Newt Gingrich, 51, wurde Vorsitzender (Speaker) des Repräsentantenhauses: Amerikas höchstes Amt nach dem Präsidenten und seinem Vize. Als Beherrscher des Kapitols will Gingrich - zum erstenmal in einem Menschenalter - das Machtpotential des Kongresses ausschöpfen, die Gesetzgebung bestimmen und dem Weißen Haus das Regieren abnehmen. Ein populärer Präsident könnte sich leicht dagegen wehren; doch das ist Clinton derzeit nicht.

* Titelzeile etwa: »Amerika wird geizig«. Das Wortspiel Scroogingbezieht sich auf die Figur des Geizkragens Ebenezer Scrooge aus derNovelle »A Christmas Carol« von Charles Dickens.

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