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OBERSALZBERG Herzige Haserln

Berchtesgadener Bürger protestieren gegen Hitler-Tourismus und NS-Nostalgie. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Am Watzmann und dem Hohen Göll wachsen Bayerns letzte Zirbelkiefern, im Tal ruht dunkel der Königsee, und in den Dörfern wird noch gejodelt wie zu Ludwig Ganghofers Zeiten - wie sakrisch schön ist es doch rund um Berchtesgaden. »Wen der Herrgott liebhat«, schwärmte der Heimatdichter einst, »den läßt er fallen in dieses herrliche Land.«

Fallengelassen werden in diesen Herrgottswinkel, dessen Verwalter sich vergebens um die Olympischen Winterspiele von 1992 beworben haben, vor allem Scharen von Touristen. Hunderttausende stürzen sich jedes Jahr aus Bussen, Bahnen und Autos auf die Natur, weit mehr, als Ökologen und Heimatpflegern recht ist.

Und noch einmal bis zu 300000 jährlich kommen gar nicht wegen der grandiosen Gebirgslandschaft, sondern zur Betrachtung einiger unscheinbarer Trümmerhaufen: Überbleibsel der ehemaligen Nazi-Bauwerke auf dem Obersalzberg zu Berchtesgaden.

Auf dem zehn Quadratkilometer großen früheren »Führergebiet«, das die Amerikaner bis Kriegsende für Hitlers legendäre »Alpenfestung« hielten, blieb fast nichts verschont von Bombenangriffen, Sprengungen und Abrissen. Nur Mauerreste künden noch von »Führers pompösem »Berghof«, und die Landsitze der NS-Größen Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer sind ebensowenig auszumachen wie die ehemalige SS-Kaserne oder das Aktendepot des Reichsaußenministeriums.

Doch die spärlichen Ruinenreste reichen als Attraktion für einen Hitler-Tourismus aus aller Welt, der stetig wächst. Als besonderes Schaustück gelten die Bunkerstollen eines ehemaligen Gestapo-Gebäudes, in denen alte und neue Nazis gern ihre Losungen hinterlassen, etwa: »Der Führer lebt« oder »Flandern bleibt treu!«

Aber auch an Stellen, wo vom Dritten Reich rein gar nichts mehr übrig ist, tummelt sich das Publikum. »Die Leute stochern dann«, weiß Berchtesgadens Kurdirektor Michael Dyckerhoff, »im Boden herum und hoffen, ein paar Scherben zu finden.«

Den Andrang wird auch eine Berchtesgadener Bürgerinitiative so schnell nicht bremsen. Ihrem Anführer Peter Kurz, Sozialdemokrat und bis zu den Wahlen Anfang Oktober Abgeordneter im Landtag, ist »das Berchtesgadener Land zu schön und zu schade«, als daß es »zum Hitler-Wallfahrtsort wird sowie in den Geruch von Nazi-Propaganda und Hitler-Nostalgie gerät«.

In dem steht es freilich schon: Auf die »bedenkliche Entwicklung wies der Genosse in offenen Briefen an Ministerpräsident Franz Josef Strauß und Bundespräsident Richard von Weizsäcker hin, mit der Bitte, »geeignete Maßnahmen« zu prüfen. Ein Echo kam bisher weder aus München noch aus Bonn.

An einen Einreisestopp, wie ihn der Freistaat Bayern gegen österreichische Wackersdorf-Demonstranten im Sommer verhängt hatte, denkt Kurz allerdings nicht. Sein Protest, ausgelöst durch »zahlreiche empörte Urlaubsgäste« (Kurz), richtet sich erst mal gegen eine »braune Hochglanzpapierflut«, die in Berchtesgaden mittlerweile sämtliche Kioske und Souvenirshops »überschwemmt« - und den Spezialtourismus zum Obersalzberg offenbar kräftig fördert.

Manche Geschäfte offerieren nach Kurz-Beobachtungen »ausschließlich derartige Machwerke«, Bücher, Broschüren und Postkarten, die teilweise eine »Verharmlosung, wenn nicht gar Verherrlichung der Nazi-Zeit und des Hitler-Regimes darstellen«.

Tatsächlich werden nicht nur Ansichtskarten oder Dia-Sets von den alten _(Vor dem Kehlsteinhaus, ehemals Hitlers ) _(Teehaus. )

Führer-Immobilien, auf denen schon mal ein SS-Mann mit Hakenkreuz-Armbinde posiert, feilgeboten. Auch Druckwerke, die sich durch Schönzeichnungen der NS-Diktatur ausweisen, sind im örtlichen Handel - mit englischer und französischer Übersetzung.

Einer der Bestseller ist eine 106seitige, reich bebilderte »Biographie des III. Reiches«, die dem Leser eine Schilderung der Obersalzberg-Geschichte, aber auch »völlig neutrale Dokumente über den kometenhaften Aufstieg des Beamtensohnes« Hitler zum »Führer der deutschen Nation« verheißt.

Geschildert wird allerdings lediglich die »überragende Persönlichkeit« eines »Führers«, der herzigen Skihaserln und »seinen Oberlandlern« begegnet oder auf dem Berghof ausschließlich »liebe Gewohnheiten« pflegt, etwa im »trauten Beisammensein« mit Eva Braun, die »nicht ahnte, welch folgenschweres Verhältnis sie einging«. Eigentlich ist der Obersalzberg-Bewohner doch ganz lieb: Er streichelt kleine Kinder, er tätschelt Schäferhunde, denn deren »Mentalität vereinbarte sich sehr gut mit Hitlers Einstellung zum Deutschtum«.

Abends las der gute Mann nebst vielem anderen auch den »Berchtesgadener Anzeiger«, um »auch über die örtlichen Geschehnisse Bescheid zu wissen« - so die Biographen Erwin und Silvia Fabritius, örtliche Kioskpächter, deren Machwerk beim noch existierenden »Anzeiger« gedruckt wird.

Zu den »geschichtlich wertvollen Informationen«, die das Autorenpaar anbietet, gehört beispielsweise die »Eingliederung« der Tschechoslowakei, mit der 1938 »wieder ein verlorener Teil Deutschlands unblutig zurückerobert« wurde. Dann geriet Polen zum »letzten Objekt der Rückgewinnung ehemals deutschen Gebiets«. Der »Führer« hätte »zu diesem Zeitpunkt den Krieg beenden« sollen, meinen seine Berchtesgadener Biographen, dann wäre »die Weltgeschichte anders verlaufen«.

Den weiteren Verlauf des Krieges schenken sich die Kioskbesitzer denn auch, um gleich zum schmerzlichen Schluß zu kommen: »Vernichtende Kriegsberichte« haben Hitlers »letzte Hoffnung auf einen Endsieg zerstört«. Der Führer »belohnt« die »treue Geliebte« Eva Braun mit der Bunkerhochzeit, ehe er sich per Freitod der »Schmach der Kapitulation« entzieht.

Die Fabritius-Kolportage erregte in Berchtesgaden, außer bei sensiblen Urlaubsgästen, kaum Anstoß. Kurdirektor Dyckerhoff betrachtet das Verklärungswerk als ein Produkt »schlichter Naivität«, das ohnehin nur »Ewiggestrige« erwerben würden. Und der NS-Rummel stört auch den Gemeinderat wenig: Anregungen der Bürgerinitiative, etwa durch Auflagen bei Kioskbetreibern dafür zu sorgen, »daß auch der historischen Wahrheit entsprechende Druckschriften angeboten werden«, hat die Kommune bislang ignoriert.

Die Verwaltung zieht sich darauf zurück, daß es beispielsweise gegen die obskure Hitler-Biographie »keine rechtliche Handhabe« gebe. Die Staatsanwaltschaft in Traunstein, die das Buch vorübergehend konfisziert und überprüft hatte, beanstandete schließlich nur eine Kleinigkeit: Ein Hakenkreuzerl mußte eliminiert werden, das als Schmuck-Punkt hinter dem »III.« Reich auf der Titelseite gestanden hatte.

Vor dem Kehlsteinhaus, ehemals Hitlers Teehaus.

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