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»Heut ist mir das vollkommen klar«

aus DER SPIEGEL 52/1977

Wie sieht ein Mann aus, der einen Menschen entführte, um Lösegeld zu erpressen; ein Mann, der sein Opfer in einem verrotteten Bunker versteckte und es so lange in Kälte und Nässe leiden ließ, bis es starb?

Er sieht wie jedermann aus. Er trägt kein Kainszeichen an der Stirn.

Joachim Müller ist heute 22 Jahre alt. Ihm wird eine Tat vorgeworfen, von der in Saarbrücken der Vertreter der Nebenklage sagt, sie sei in der Kriminalgeschichte ohne Beispiel; eine Tat, die von »unmenschlicher Kälte und Gefühllosigkeit« zeugt, wie der Anklagevertreter ausführt.

Kann der Kriminalgeschichte noch Neues, Beispielloses hinzugefügt werden? Ist einer, der kalt und gefühllos handelt, kein Mensch?

Am 19. Oktober 1976 entführten Andreas Leiner, 22, und Joachim Müller, 21, in Homburg im Saarland den 32 Jahre alten Gernot Egolf. Während sie mit den Eltern Egolf über ein Lösegeld von zwei Millionen Mark verhandelten, kümmerten sie sich immer seltener um ihr Opfer, das sie in einem Bunker des ehemaligen Westwalls an einer Kuhkette gefangenhielten.

Ende November fanden die Entführer Gernot Egolf tot in seinem Gefängnis. Die Leiche lag im Wasser. Heftige Regenfälle hatten die Bunkerruine volllaufen lassen. Was Gernot Egolf bis zu seinem Tod gelitten hat, entzieht sich der Vorstellung nicht. Nur zu sehr ist es vorstellbar.

Am 8. Dezember 1976 wurde Gernot Egolfs Leiche gefunden. Am gleichen Tag konnten Andreas Leiner und Joachim Müller festgenommen werden. Ingrid Stengel, eine Freundin Joachim Müllers, hatte der Kriminalpolizei Hinweise gegeben, die sie schon früher hätte geben können.

Vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Saarbrücken haben sich nur noch Ingrid Stengel und Joachim Müller zu verantworten. Denn Andreas Leiner hat sich am 1. März 1977 in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt »Lerchesflur« zu Tode stürzen können. (Über seinen Tod war zu lesen, er habe »sich selbst gerichtet«. Wer der irdischen Gerichtsbarkeit entkommt, muß wenigstens über sich selbst den Stab gebrochen haben.)

Dem Gericht fehlt also bei der Aufklärung der Tat einer der beiden Täter. Doch es kann zusätzlich sogar die Tatbeteiligte Ingrid Stengel entbehren. Am Abend des zweiten Sitzungstages wird das Verfahren gegen die 24jährige abgetrennt. Zwar wird Ingrid Stengel danach noch als Zeugin gehört, doch die Möglichkeiten zur Aufklärung sind weiter reduziert worden.

Allein Joachim Müller hat sich jetzt zu verantworten. Doch' dieser Prozeß handelt nicht von einem Täter und seinem Opfer. Es geht in diesem Prozeß um die Zufälligkeit des Bösen. Nicht einmal ein Schatten des Unausweichlichen liegt auf der Katastrophe von Gernot Egolf, von Ingrid Stengel, Andreas Leiner und Joachim Müller.

Joachim Müller stellt sich nicht als das Opfer widriger Umstände dar. Die Verhältnisse im Elternhaus waren disharmonisch, aber nicht zerrüttet. Einschneidende Ereignisse, die seine Entwicklung beeinflußt haben könnten, sind nicht festzustellen. In der zweiten Klasse bleibt er sitzen, das neunte Schuljahr macht er nicht mehr, er geht ein Jahr früher ah.

Er ist kein guter Schüler gewesen, obwohl er über eine durchschnittliche Allgemeinbegabung verfügt. Er ist in einem Haus mitten im Wald auf gewachsen. Der Schulbeginn fiel für ihn damit zusammen, daß die Eltern nach Homburg zogen.

Im Haus im Wald, »ein richtiges Paradies«, hat er nur seinen kleinen Bruder zum Spielen gehabt. Ihm fehlen die Voraussetzungen der anderen Kinder in der Schule, die in der Vorschulzeit mit anderen Kindern gespielt haben, die sozial eingeübter sind als er. Er war »noch so ein Waldjunge«.

In der Schule wirkt sich das vor allem darin aus, daß er Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat. (In der Haftanstalt liest er zum erstenmal ein Buch, schreibt er zum erstenmal einen Brief.) Seit seiner Schulzeit hat er Minderwertigkeitskomplexe. Er ist nicht sehr denkfreudig, er ist ein gehemmter Mensch, er ist »offen für Denkklischees«, nur äußerlich unbekümmert, dahinter jedoch unsicher bis zur Angst. Er ist »nicht allzu belastbar«, hat kein Bewußtsein seiner selbst und damit auch keinen Bezug zur Realität.

Er fürchtet, man könne ihn »durchschauen«, entdecken, daß seine Unbekümmertheit nur aufgesetzt, daß er noch immer »ein blöder, kleiner Junge« ist. Gleichzeitig aber leidet er auch daran, »benachteiligt« zu sein, und zwar nicht nur, weil er aus dem Wald in die Stadt kam. Er ist das zweite von vier Kindern. Er trägt an seinem Platz in der Geschwisterreihe. Die anderen sind so viel tüchtiger als er.

Drei Jahre lernt er auf Waldfacharbeiter, besteht die Prüfung mit »befriedigend«, aber dann hat er seiner unzureichenden Vorkenntnisse wegen kein Fortkommen. Er verpflichtet sich auf vier Jahre zur Bundeswehr. Er hofft, beim Bund »sein Wissen zu fördern«. Doch die anderen Freiwilligen haben eine »entsprechende Schulausbildung«, er ist »kolossal gehandikapt«.

Er wird von der Bundeswehr fristlos entlassen. Bevor er Soldat wurde, hatte er sich »eine Freundschaft aufgebaut«, durch die er sich in Einbrüche hineinziehen ließ. Das hängt ihm nun nach. Und bei ihm wird Eigentum der Bundeswehr gefunden, das er von einem Kameraden gekauft hat, das jedoch gestohlen ist.

Bevor er hinausfliegt, hat er noch einen Unfall. Er steht auf der Straße, in seinen Papieren die fristlose Entlassung, im öffentlichen Dienst wird er nicht mehr unterkommen. Und er hat über 10000 Mark Schulden. Der Bund fordert ein Monatsgehalt und die Verpflichtungsprämie zurück, er soll für den Unfall aufkommen. Er hat auch Schulden, weil er ein Auto hat. Rückblickend kommt es ihm selber verrückt vor. Aber damals hat er, wenn er »groggy« war, in seinem Auto gesessen. das Armaturenbrett gestreichelt und gesagt: »Du läßt mich nicht im Stich.«

Die Biographie des Joachim Müller, sosehr sie bis hier voll Not ist, muß nicht in das Verbrechen einer Entführung münden, nicht einmal weit Joachim Müller seit der Schulzeit mit Andreas Leiner befreundet ist. Andreas Leiner hat sich in seiner Beziehung zu Joachim Müller wohl für den »King« gehalten, doch Joachim Müller hat ihn »mit Vorsicht genossen«.

Andreas Leiner ist tot. Seine Eltern und seine zehn Geschwister leben. Von seiner Biographie ist daher nur zu sagen, daß auch sie voll Not war -- und daß auch sie nicht in das Verbrechen einer Entführung münden mußte.

Auch Andreas Leiner hatte Schulden. Bei einem von ihm verursachten Verkehrsunfall waren zwei Menschen umgekommen und fünf schwer verletzt worden. Auf über 80 000 Mark beliefen sich die Ansprüche gegen ihn.

Bis er seine Schulden vom Hals hat, wird er an der Altersgrenze sein. Sie sprechen darüber, wie man zu Geld kommen kann. Alle wollen Geld von ihnen. Werden nicht Entführungen seltener aufgeklärt als andere Fälle? Sie wollen schon etwas riskieren, aber nichts, was wirklich gefährlich ist.

Zuerst reden sie nur so. Erst einmal müsse man wissen, wo man den Entführten versteckt. Doch dann fällt dem Joachim Müller ein Bunker ein. Sie ziehen »Schaffkleidung« an und fahren hin. Und nun haben sie schon mal das Versteck. Und dann ist da auch ein Name, der sich nicht gleich erledigt wie andere, denn an den können sie herankommen: Gernot Egolf.

Andreas Leiner kennt ihn flüchtig, er hat ein paarmal mit ihm getrunken und weiß einiges über ihn, der redet nämlich leicht. Gernot Egolf ist tot. Er ist das einzige Kind wohlhabender Eltern gewesen. Was seine Biographie angeht, so kann nur an die Banalität erinnert werden, daß man auch im Reichtum in Not hineinwachsen kann. Joachim Müller hat einmal gesagt, ihm sei Gernot Egolf »arm« auf eine andere Art vorgekommen.

Ist die Entführung Gernot Egolfs »geplant« worden? Sie gelingt nicht zuletzt ohne Mühe, weil da außer dem Willen, zu Geld zu kommen, außer einem Versteck und einem in Betracht kommenden Zufallsopfer nichts ist. So mühelos hat nur Erfolg, wer sich nicht darüber im klaren ist, welches Risiko er eingeht. Nur Amateuren, nur krassen Gelegenheitstätern wie Andreas Leiner und Joachim Müller konnte diese Entführung gelingen.

Der Erpressungsversuch der Entführer scheitert. Es gelingt ihnen nicht, für Gernot Egolf zu kassieren. Sie haben das Unglück, mit dem ersten Schritt das Glück der Narren gehabt zu haben. Nun wissen sie nicht weiter. Und ihre Ratlosigkeit und Konfusion komplettieren Ratlosigkeit und Konfusion auf der anderen Seite. Die Beratung der Angehörigen Gernot Egolfs und die Fahndung mißlingen total.

Am 22. Oktober 1976 hat die Kriminalinspektion VI notiert, daß »Verhalten und Formulierungen« der Entführer nicht dem entsprechen, was bei »bestimmten Zielvorstellungen und konsequentem Vorgehen eines Erpressers« zu erwarten wäre. Doch man bleibt nicht auf dieser Spur, auf der man eine Chance hätte, Gernot Egolf zu retten. Kann es nicht ein Trick der Entführer sein, daß sie sich wie Amateure geben? Ist Gernot Egolf vielleicht nicht Opfer, sondern Beteiligter?

Die Situation wird für Andreas Leiner und Joachim Müller immer verwirrender. Sie töten ihr Opfer nicht. Sie verdrängen seine schwindende, gequälte Existenz im Bunker, bis es tot ist.

Das Verdrängen erleichtert den Entführern auch Ingrid Stengel. Die ist eine Mutter von zwei Kindern, ihre Ehe bricht auseinander, sie ist in Not und meint ausgerechnet in Joachim Müller einen neuen Partner gefunden zu haben. Als sie von der Entführung erfährt, Gernot Egolf lebt zu diesem Zeitpunkt noch, reagiert sie nicht entsetzt. Zwei unselige Narren sind an eine Närrin geraten.

Joachim Müller sagt in Saarbrücken: »Heut ist mir das vollkommen klar, daß das Scheiße war.« Man dringt auf ihn ein. Warum er sich nicht damals Gedanken gemacht hat, ob er nicht auch meine, daß er sich hätte Gedanken machen sollen? »Genau diese Frage stelle ich mir auch schon seit einem Jahr«, sagt er verzweifelt. Was er sagt und wie er es sagt .- es wird ihm nicht abgenommen. Er hat eiskalt, gefühllos zu sein. Fr muß zu der ihm vorgeworfenen Tat passen, auch wenn er kein Kainszeichen an der Stirn trägt.

Vergeblich kämpft Joachim Müllers Verteidiger, der Rechtsanwalt Dr. Elmar Müller, in Saarbrücken darum, daß sein Mandant nur als Entführer und nicht als Mörder zu bestrafen sei. Vergebens erinnert er daran, daß Joachim Müller zur Tatzeit erst ein paar Monate über 21 Jahre alt gewesen ist: Vergebens, denn es geht um eine »Tat ohne Beispiel«, um »unmenschliche Kälte und Grausamkeit«. Hitler war nur ein böser Traum, die vergasten, verhungerten und erfrorenen Opfer der Konzentrationslager sind ein Kriegsereignis gewesen.

Die Schwurgerichtskammer verurteilt Joachim Müller nicht nur wegen eines mit bedingtem Vorsatz begangenen Mordes in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Sie ist auch bemüht, einer eventuellen Begnadigung nach 20, 25 oder 30 Jahren vorzubeugen. Die Tat des Angeklagten zeuge von »entmenschter Gesinnung«. Wo kämen wir hin, wenn wir einräumten, daß der Mensch zu allem fähig ist, auch und vor allem dem Menschen gegenüber. Wir verurteilen, um uns freizusprechen. Wir sind immerzu voll Menschlichkeit.

In Saarbrücken wurde auch der Rechtsmediziner Professor Wagner gehört. Der Zeitpunkt und die Ursache des Todes von Gernot Egolf sollten sein Thema sein. Er begann seine Ausführungen mit der »erschütternden Auffindungssituation« der Leiche. Er hat mit mehr als tausend Leichen zu tun gehabt, doch dies habe alles übertroffen und die unmenschliche Gesinnung derer offenbart, die für diesen Tod verantwortlich sind.

Die Ablehnung Professor Wagners wegen Besorgnis der Befangenheit wurde verworfen. Er konnte sein Gutachten erstatten. Wäre es nicht ehrlicher, die Todesstrafe wieder einzuführen?

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