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»Heute geht's zum Feind«

aus DER SPIEGEL 5/1995

Der Tornado der Bundeswehr kam nur bis Bihac. Da traf eine Rakete den Jet. Der Pilot mußte sich mit dem Schleudersitz retten.

Als er mit seinem Fallschirm auf einer Lichtung landete, erwarteten ihn schon die Serben. Sie stießen dem Piloten ihre Gewehrläufe in die Rippen und trieben ihn zu einem nahen Bauernhof. Dort sitzt der Deutsche nun seit zehn Tagen in einem Kellerloch, bewacht von Tschetniks.

Solche Szenarien zaubern Ulrich Quante, 56, dem Kommandeur der Luftlande- und Lufttransportschule im bayerischen Altenstadt, Glanz in die Augen. »Das wäre was für unsere Jungs.«

Der zackige Oberst läßt in seiner Schule einen neuen Kämpfertypus drillen, den Kommando-Soldaten. Trainiert im Häuserkampf, kann er Sprengladungen anbringen; er seilt sich aus dem Hubschrauber ab und läßt sich von einem Auto mitschleifen. Natürlich ist er begeistert von allem Militärischen.

180 möglichst eiskalte Elitekämpfer hat die Bundeswehr in der Abgeschiedenheit Oberbayerns schon ausgebildet. Sie sollen keineswegs nur zu humanitären Einsätzen oder für Verteidigungsaufgaben eingesetzt werden. »Operation im Feindgebiet« lautet ihr Auftrag, und er gilt weltweit.

Als im April 1994 Mitarbeiter der Deutschen Welle in Ruanda festsaßen, packten Quantes Männer schon ihre 50 Kilogramm schwere Ausrüstung. Der Kommandeur bedauert es heute noch, daß Belgier am Ende die Geiseln befreien durften: »Da hätten wir mal die Qualität unserer Ausbildung beweisen können.«

Doch der erste Ernstfall kommt bestimmt, da ist Quante zuversichtlich: »Und dann sind meine Männer die ersten, weil sie die besten sind.«

Motivationsprobleme kennt diese Truppe nicht, im Gegenteil. »Die muß man eher bremsen«, lobt Quante. Stolz breiten die Kommando-Soldaten ihr Arsenal aus. Sie beherrschen russische, amerikanische, eigentlich alle gängigen Waffen. »Feines Ding«, sagt Quante und läßt eine Pistole, Marke Heckler & Koch, durch die Finger gleiten.

Als die Altenstädter Kaserne im Mai 1993 nach Franz Josef Strauß benannt wurde, gab die Belegschaft die neuen Töne vor. »Werft an die Motoren, schiebt Vollgas hinein, startet los, flieget an, heute geht es zum Feind«, sangen die Soldaten da - ein Fallschirmspringer-Lied der Nazi-Zeit.

Der Heldenmythos gilt noch etwas in Altenstadt. 36 Nägel steckten nach einem Trümmerbruch in seinem Oberschenkel, berichtet Quante mannhaft. 1993 stürzte ein junger Springer in den Tod, weil sich sein Fallschirm nicht öffnete.

Als im vergangenen September ein Major aus 40 Meter Höhe rücklings auf das Wasser prallte und sofort starb, war es einigen doch zuviel: 17 Mann quittierten den Dienst. Die Selektion ist durchaus gewollt, so ist gesichert, daß nur die Härtesten bleiben. »Die anderen«, sagt Quante kühl, »sollen lieber gehen.«

Im Verteidigungsministerium werden die harten Kerls mit gemischten Gefühlen beobachtet. Um deren Ego nicht explodieren zu lassen, verweigern die Bonner den Kämpfern ein eigenes Abzeichen. »Die haben Probleme mit dem Wort Kommando«, meint Quante. »Wieso eigentlich?«

Auch finanziell muß die Truppe darben. Seit Jahren fordert sie vergebens 2,5 Millionen Mark, um ihre Ausrüstung auf den Stand der Amerikaner, Briten und Franzosen zu bringen.

Die Eliteeinheit hat ihre Ausrüstung ersatzweise selbst gebastelt: das Helm-Mikrofon, das auf Druck der Unterlippe anspringt; die Magazintasche, die mit einem Ruck zu öffnen ist; die Splitterweste, um die sogar US-Kollegen sie beneiden.

Die Feierabende haben die Rambos zum Umbau des Heizungskellers in ein »Häuserkampfstudio« genutzt. Auf Knopfdruck schnellen Blechsilhouetten hervor. Die imaginären Gegner werden mit Farbmunition abgeschossen.

Lieber heute als morgen, so mutmaßt ein Offizier aus dem Führungszentrum des Bundesverteidigungsministeriums zu Recht, »würden diese Kerle losstürmen«. Bei einem Einsatz, weiß der Ministeriale, »müssen wir denen jede Sekunde auf die Finger gucken. Da besteht ein erheblicher Nachsteuerungsbedarf«.

Minister Volker Rühe verzichtete bislang auf einen Besuch in Altenstadt. Sollten Quantes Kämpfer bei einem heiklen Einsatz versagen, müßte sich Rühe zuerst verantworten.

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