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HEXENEINMALEINS AN DEUTSCHLANDS SCHULEN

aus DER SPIEGEL 4/1966

SPIEGEL: 1966 beginnt das deutsche Schuljahr letztmalig Ostern, 1967 erstmalig im Herbst. Das klingt einfach. Aber die Übergangsregelung, die jetzt Sie und die anderen Kultusminister ausgetüftelt haben, ist überaus kompliziert. Was meinen Sie, wieviel Eltern in Ihrem Land, in Niedersachsen, wirklich wissen, was jetzt auf sie und ihre Kinder zukommt?

LANGEHEINE: Das fängt ja gut an! Wenn ich die Wahrheit sagen soll...

SPIEGEL: Bitte.

LANGEHEINE: ... so ist die Zahl wahrscheinlich sehr gering.

SPIEGEL: Nahe dem Nullpunkt, wie in den anderen Ländern auch.

LANGEHEINE: Etwas höher wohl doch. Aber richtiger wäre es zu sagen: Die Zahl ist noch sehr gering. Denn der Beschluß der Kultusminister ist ja erst wenige Tage alt, und eine unserer wichtigsten Aufgaben wird es jetzt sein, alle Eltern mit den Folgen der Umstellung vertraut zu machen.

SPIEGEL: Das haben einige Minister und alle Zeitungen schon versucht. Ergebnis?

LANGEHEINE: Die unterschiedlichen Veröffentlichungen in der Presse haben den letzten Rest von Klarheit beseitigt. Es ist zum Beispiel ein Irrtum...

SPIEGEL: Wollen wir nicht lieber die Irrtümer gar nicht erst ausbreiten? Wenn man nur feststellt, was nun wirklich den bedauernswerten Schülern, Lehrern und Eltern bevorsteht, ergibt sich ja ein Bild, das wahrhaftig allein schon verwirrend genug ist.

LANGEHEINE: Es ist eine schwierige Materie; zweifellos. Aber die Kultusminister haben das nicht willkürlich »ausgetüftelt«, wie Sie es eben formulierten. Die Schwierigkeiten sind nicht uns Ministern zuzuschreiben, sondern der Schulwirklichkeit, die eben in den elf. Bundesländern außerordentlich mannigfaltig ist und die keinen problemlosen, einheitlichen Übergang erlaubt hat.

SPIEGEL: So kompliziert wie diese Übergangsregelung ist nicht einmal die deutsche Schulwirklichkeit. Man hat sich, so scheint es uns, für die denkbar schlechteste Lösung entschieden.

LANGEHEINE: Genau das Gegenteil ist richtig. Erreicht wurde das Optimum dessen, was praktisch - und damit als Kompromiß - möglich war. Allerdings sicher nicht das, was theoretisch - als Ideal - wünschenswert wäre.

SPIEGEL: Viele Lehrer sagen: Wenn man diese Schwierigkeiten des »Übergangs« vorausgesehen hätte, wäre man wahrscheinlich beim Oster-Beginn geblieben und hätte auf die Umstellung auf den Herbst verzichtet.

LANGEHEINE: Dem kann und will ich nicht widersprechen, da ist viel Wahres dran. Aber solche Erkenntnisse sind heute graue Theorie. Wir können nicht mehr umschwenken. Denken Sie an das Ziel, das wir - zwar mühsam, aber doch sicher - erreichen: Die Bundesrepublik bleibt nicht mehr der nahezu einzige Staat Europas, der noch mit dem Schuljahr zu Ostern beginnt. Und außerdem wird die Einheitlichkeit in der Bundesrepublik hergestellt, weil nicht mehr Bayern allein, sondern künftig alle Länder im Herbst beginnen.

SPIEGEL: Nichts gegen das Ziel, aber alles gegen den Weg. Warum ging es nicht so einfach wie im Jahre 1941? Damals wurde ja auch - wie jetzt wieder - von Ostern auf den Herbst umgestellt. Aber es spielte sich ganz einfach und schnell ab: 1941 wurde nicht zu Ostern aufgenommen und versetzt, sondern im Herbst. Die Ferien abgerechnet, war ein einziges Schuljahr vier Monate länger als die anderen. Damit war die Sache erledigt.

LANGEHEINE: Damals konnte umgeschaltet werden, heute muß man organisch und behutsam vorgehen.

SPIEGEL: Gehen die Kultusminister jetzt in dieser Sache behutsam mit dem Schulorganismus um? Einige Jahre lang wird doch ein Tohuwabohu herrschen.

LANGEHEINE: Das ist stark übertrieben. Aber was würde es bedeuten, wenn man ein Schuljahr verlängern würde wie 1941? Es würde bedeuten; daß eine große Anzahl von Kindern nicht neun Jahre lang, sondern neun Jahre und vier Monate lang die Volksschule besuchen müßte und daß Oberschüler nicht dreizehn Jahre, sondern dreizehn Jahre und vier Monate bis zum Abitur brauchen.

SPIEGEL: Man hätte die Umstellung sehr leicht mit dem verbinden können, was die meisten Pädagogen längst für notwendig halten: zwar in den Volksschulen tatsächlich mit dieser geringen Verlängerung den ersten Schritt zum zehnten-Schuljahr zu tun, aber an den Gymnasien umgekehrt sich mit zwölf Jahren und vier Monaten zu begnügen. Zwölf Jahre bis zum Abitur sind - wie sonst fast überall in Europa - genug.

LANGEHEINE: Abgesehen davon, daß über diese Ziele (zehn Jahre Volksschule, zwölf Jahre bis zum Abitur) meines Erachtens zur Zeit noch keine Einmütigkeit besteht - denken Sie auch an die Praxis: Manche Bundesländer im Süden und Westen haben noch nicht einmal das neunte Schuljahr eingeführt, weil es an Lehrern und Räumen fehlt. Der Sprung ins zehnte Schuljahr ist zur Zeit dort einfach nicht möglich.

SPIEGEL: Dann aber hätte man trotzdem wie 1941 verfahren können mit dem einzigen Unterschied: Das letzte Schuljahr würde in den Bundesländern unterschiedlich lang. Ergebnis: Nicht alle Klassen wären von der »Übergangslösung« betroffen, wie es jetzt kommen wird, sondern nur jeweils die letzten Klassen.

LANGEHEINE: Daß es nicht so kommen wird, sondern eben so, wie die Kultusminister es beschlossen haben, liegt doch einfach daran, daß es den nördlichen Bundesländern darum ging, das hier schon eingeführte neunte Schuljahr unverkürzt zu erhalten, und daß umgekehrt die süddeutschen Bundesländer bei der Umstellung die Chance nutzen wollten, das neunte Schuljahr sukzessive einzuführen.

SPIEGEL: Wir wollen es nicht im einzelnen durchrechnen, aber auf dem problemlosen Wege, von dem wir sprachen, hätte man das auch erreichen können. Nur glaubt man im Süden sich jetzt damit brüsten zu können, daß überall das neunte Schuljahr eingeführt werde. Dabei besteht es für acht Jahrgänge nur aus jeweils vier Monaten. Es ist eine falsche Optik.

LANGEHEINE: Ein hartes Wort, aber die Tatsache ist nicht zu leugnen, daß hier psychologische Gesichtspunkte eine wesentliche. Rolle spielen.

SPIEGEL: Wir wollen auch nicht untersuchen, ob die »Lösung Nord« besser ist als die »Lösung Süd« und ob man überhaupt diesen Unterschied machen mußte. Wir meinen: Die »Lösung Nord« ist noch schlechter als die »Lösung Süd«. Aber dürfen wir uns auf ein Beispiel beschränken?

LANGEHEINE: Ich bin grundsätzlich anderer Meinung, aber vielleicht ist es richtig, ein Beispiel durchzuexerzieren.

SPIEGEL: Ein Kind, das Ostern 1966 in Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Berlin oder Schleswig-Holstein eingeschult wird und dann mit dem Abc und dem kleinen Einmaleins nicht recht fertig wird, ist unser Modellfall. Es gibt in diesen Ländern von Ostern 1966 bis Herbst 1967 nicht wie in anderen Bundesländern Klasse 1 und dann entweder Versetzung in Klasse 2 oder Sitzenbleiben in Klasse 1, sondern nur eine Klasse 1/2, aus der in dieser Zeit keiner ausscheidet.

LANGEHEINE: Versetzt wird erst im Herbst 1967, aus der Klasse 1/2 in die Klasse 3.

SPIEGEL: Klar. Aber unser minderbegabter Schüler müßte eigentlich in der Klasse 2 sitzenbleiben. Das kann er aber nicht, weil es eine Klasse 2 ja nicht gibt: Der nachrückende Jahrgang kommt im Herbst 1967 in Klasse 1. Unser Minderbegabter wird ein Sputnik im luftleeren Raum. Einzige »Lösung": Sie müssen ihn einfach in die Klasse 1 stecken. Das bedeutet: seine glücklicheren Kameraden sind in Klasse 3, er fängt in Klasse 1 noch mal ganz von vorn an.

LANGEHEINE: Ich bin mit Ihnen der Meinung, daß ihm das nicht zugemutet werden kann. Es müßten deshalb alle Kinder, auch dieses, in Klasse 3 versetzt werden.

SPIEGEL: Dadurch wird das Problem nicht gelöst, sondern nur um ein Schuljahr »vertagt«.

LANGEHEINE: Wenn Ihr »Sputnik« erst mal in die dritte Klasse versetzt wurde und dann dort sitzenbleibt, verliert er ein Jahr - wie jeder, der sitzenbleibt. So habe ich es vorhin auch im Landtag erläutert.

SPIEGEL: Ihnen ist im Parlament leider - Pardon - ein Kurzschluß unterlaufen, der keinem Abgeordneten aufgefallen ist: Das Vakuum bleibt ja neun Schuljahre lang bestehen! Die Abc -Schützen vom Herbst 1967 bleiben ihr Schulleben lang zwei Stufen niedriger als die Abc-Schützen von Ostern 1966.

LANGEHEINE: Moment, vergleichen wir die Lage im Herbst 1967 mit der im Herbst 1968. 1967 wird aus 1/2 die Klasse 3, aus 2/3 die Klasse 4, aus 3/4 die Klasse 5 ...

SPIEGEL: Sie kommen in die falschen Jahrgänge. Wir haben uns dieser Tage in diesem Hexeneinmaleins geübt.

LANGEHEINE: Man müßte soviel Zeit haben wie ein SPIEGEL-Redakteur!

SPIEGEL: Wir müssen bei unserem minderbegabten »Sputnik« bleiben: Aus Klasse 1/2 wird im Herbst 1967 Klasse 3, zugleich gibt es eine neue Klasse 1. Im Herbst 1968 wird aus Klasse 3 die Klasse 4, aus Klasse 1 die Klasse 2. Der Abstand - zwei Schuljahre - bleibt

LANGEHEINE: Ihre Rechnung stimmt nur zum Teil. Sie stimmt auch wiederum nicht. Verliert der Schüler denn wirklich zwei Jahre, wie Sie sagen? Er verliert doch die Zeit, die er von Ostern 1966 bis Herbst 1967 in Klasse 1/2 verbracht hat - also ein Jahr und vier Monate. Mithin also vier Monate mehr als sonst normalerweise ein Sitzenbleiber. Außerdem darf ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß wir in Niedersachsen auch das Sonderschulwesen ausbauen. Wenn man also sieht, daß er die dritte Klasse nicht schafft, kann er ja auf eine Sonderschule gebracht werden.

SPIEGEL Aber gehört der, der einmal sitzenbleiben muß - Schlimmeres haben wir ja nicht angenommen -, nun gleich auf die Sonderschule, auf die im Volksmund noch immer so genannte »Hilfsschule«?

LANGEHEINE: Nein, um Gottes willen! So möchte ich keinesfalls verstanden werden. Aber sicher ist doch immerhin, daß dieses Kind nach neun Zeitjahren, also Ostern 1975, entlassen wird.

SPIEGEL: Es bleibt ihm ein Pensum gegen Ende der Schulzeit verschlossen, das es ohne die für dieses Kind fatale »Übergangszeit« 1966/67 bewältigt hätte.

LANGEHEINE: Jeder Sitzenbleiber »versäumt« doch das Pensum der letzten Klasse.

SPIEGEL: Dieser Sitzenbleiber kriegt aber das Pensum zweier Schlußklassen nicht mit - infolge der »Übergangslösung": Die neunte Klasse sieht er überhaupt nicht, mitten aus der achten wird er entlassen. Er hat nur sieben Klassen voll durchlaufen.

LANGEHEINE: Immerhin wird er in der achten Klasse acht Monate gewesen sein. Aber es ist nicht zu leugnen, daß hier eine gewisse Benachteiligung entsteht. Und ich gebe auch zu, daß wir dieses Problem noch nicht bis ins letzte durchdacht haben.

SPIEGEL: Daß auch andere Probleme vielleicht nicht durchdacht wurden, werden zu ihrem Entsetzens an allen Gymnasien der Bundesrepublik - außerhalb Bayerns - nun nicht nur minderbegabte, sondern ausnahmslos alle Schüler und Studienräte erfahren. Nur ein Problem: Die Oberprima wird es jahrelang, jeweils in der Zeit von Herbst bis Ostern, doppelt geben.

LANGEHEINE: Vorsichtig! Es ging allen Kultusministern darum, daß erstens jeder Abiturient ungeachtet der Änderung des Schuljahresbeginns dreizehn volle Zeitjahre hinter sich hat.

SPIEGEL: Das wird dadurch erreicht, daß überall weiterhin mindestens bis zum Jahre 1970 derjenige, der Ostern in die Schule gekommen ist, auch Ostern Abitur macht.

LANGEHEINE: Ja, eben.

SPIEGEL: Das führt aber bei »nördlicher« wie bei »südlicher« Lösung dazu, daß es mehrere Jahre lang - mindestens bis 1970*, vielleicht sogar bis 1979 - zwei Oberprimen gibt.

LANGEHEINE: Im Süden sicher, aber im Norden...

SPIEGEL: Im Norden auch.

LANGEHEINE: Nein, Sie müssen sich irren. Das wollten wir doch gerade vermeiden! Mein zuständiger Sachbearbeiter hat mir die Tabelle gezeigt.

SPIEGEL: Wir haben auch eine Tabelle mitgebracht (wird überreicht), sie beweist das Gegenteil: Mehrere Jahre lang werden in jedem Herbst Unterprimaner versetzt, bilden also eine neue Oberprima. Zugleich aber bleibt die alte Oberprima bestehen, denn Abitur wird ja - wie Sie eben gerade hervorhoben

- so lange Ostern abgehalten, wie noch

Leute auf dem Gymnasium sind, die mal Ostern Abc-Schützen waren.

LANGEHEINE (nach Einsichtnahme in die Tabelle): Sie sind schrecklich. Wenn ich mir die Tabelle ansehe, dann stimmt das, aber - und darauf kommt es mir entscheidend an - eine Mehrbelastung der Schule tritt dadurch ja nur für drei Jahre, nämlich vom Herbst 1967 bis Ostern 1970 ein. Von da ab gibt es keine zusätzliche Klassenstufe mehr.

SPIEGEL: Weil es ab Herbst 1970 das Vakuum, von dem wir sprachen, auch auf der Oberschule gibt: Erst keine Sexta, dann keine Quinta und so weiter. Im Herbst 1970 also ein Gymnasium tatsächlich ohne »zusätzliche Klassenstufe«, aber ein Gymnasium ohne Sexta mit zwei Oberprimen. Wir haben aus der Palette der Probleme nur wenige herausgegriffen. Wollen wir noch andere besprechen?

LANGEHEINE: Nein, nein. Das genügt mir.

SPIEGEL: Fast überall sollen die Landtage den Beschluß der Kultusministerkonferenz noch billigen, weil fast überall Novellen zu den Schulgesetzen eingebracht werden müssen. Werden alle diese Landtage diese »Übergangslösung« akzeptieren?

LANGEHEINE: Ich bin kein Prophet. Ich hoffe es.

SPIEGEL: Andere fürchten es.

LANGEHEINE: Ich glaube, daß niemand in irgendeinem Landtag sich den Schwarzen Peter zuschieben lassen will und die Verantwortung dafür übernehmen will, daß die Einheitlichkeit unseres Schulwesens gefährdet wird.

* Ab 1970 kann das »Hamburger Abkommen« gekündigt werden, in dem sich alle Bundesländer auf eine dreizehnjährige Schulzeit bis zum Abitur geeinigt haben.

Kultusminister Langeheine

»Nicht bis ins letzte durchdacht«

Westfälische Rundschau

»... einfach über unsere Köppe weg!«

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