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»Hier hat nicht nur einer gelogen«

Trotz Bedenken einzelner Experten, das Belastungsmaterial gegen den angeblich homosexuellen General Kießling sei zu dürftig, hielt Verteidigungsminister Wörner wochenlang an seinem Vor-Urteil fest - gestützt auf unsäglich schlampige Berichte des MAD. Der Bundestags-Untersuchungsausschuß entdeckte im Umfeld Wörners einen »Sumpf«; in dieser Woche werden die Abgeordneten den Minister noch einmal vorladen. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Die Szene ist makaber: Im Speiseraum der Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne im hessischen Neustadt gibt Verteidigungsminister Manfred Wörner am Montag dieser Woche einen Empfang für jenen Mann, den er im Dezember mit Schande aus der Armee gejagt hatte; anschließend, beim Großen Zapfenstreich, lauschen die Herren, der Minister und der General Günter Kießling, gemeinsam dem Choral: »Ich bete an die Macht der Liebe«.

Ein Händedruck, ein Glas Sekt, salbungsvolle Reden und das Kommando »Helm ab - zum Gebet« sollen vergessen machen, daß der Minister im Januar den ganzen Apparat der Hardthöhe in Bewegung gesetzt hatte, um zu beweisen, was nicht zu beweisen war: daß der General homosexuell sei.

Der Minister war offensichtlich in einen Zustand geraten, den er als Jet-Pilot der Reserve genau kennen muß und der in der Sprache der Fliegerärzte »target fixation« heißt: Der Flugzeugführer ist so auf sein Ziel fixiert, daß er die Umwelt nicht mehr wahrnimmt, die Kontrolle über die Maschine verliert und schließlich abstürzt.

Der Oberbefehlshaber handelte wochenlang nach dem Palmström-Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf: Wörner durfte sich in puncto Kießling einfach nicht geirrt haben; ein deutscher Minister mußte sich, meinte er, auf die Arbeit seines Geheimdienstes mehr verlassen als auf die Aussagen eines verdächtigten Vier-Sterne-Generals.

Als der Schweizer Homo-Schriftsteller Alexander Ziegler (Wörner: »Sie sind für mich der glaubwürdigste Zeuge") am 20. Januar dem Minister von einem inzwischen verschollenen Achim Müller berichtete, der sich mit Kießling in Frankfurt getroffen haben will, ließ der Wehrdisziplinaranwalt Dieter Wolf weisungsgemäß das »Wehrersatzwesen-Informationssystem« anlaufen. Das Privatleben Hunderter Unbeteiligter wurde minutiös ausgeleuchtet.

Der Computer spuckte 304 Müller der Jahrgänge 1956 bis 1959 aus; von 22 wurden die Akten angefordert, um ihre Unterschriften mit einer von Ziegler vorgelegten Quittung zu vergleichen, die ein unbekannter »Müller« unterschrieben hatte. Ergebnis: Null.

Wörner jedoch war von den Erzählungen des Schweizers so begeistert, daß er sogar vorsichtige Einwände des Ziegler-Anwalts Friedhelm Spieß abschmetterte. Spieß hatte, wie er vor dem Verteidigungsausschuß berichtete, dem Minister vorgeschlagen, sich doch einmal in die Rolle des Rechtsanwalts von Kießling zu versetzen und zu prüfen, ob Zieglers Darstellung vielleicht »zu kippen« sei. Wörners Antwort war knapp. Er respektiere zwar die Erfahrungen von Spieß als Anwalt, aber: »Ich bin selbst Volljurist, ich kann das beurteilen.«

Den auf die Hardthöhe gerufenen Chef des Bundeskanzleramtes, Waldemar

Schreckenberger, stellte der Minister den Herren Ziegler und Spieß persönlich vor: »Dies ist Professor Dr. Schreckenberger, der Staatssekretär des Bundeskanzlers. Er kommt für den Bundeskanzler. Sie werden verstehen, daß der Bundeskanzler nicht selbst kommen kann.«

Auf Weisung Wörners und seines Staatssekretärs Joachim Hiehle schwärmten im Januar Dutzende von Hardthöhen-Fahndern aus, um alles aufzuschreiben, was es über Kießling gab: Gerüchte, Reiseabrechnungen, Eß-, Trink- und Lebensgewohnheiten. Ein Unteroffizier, der eine Zeitlang unter Kießling gearbeitet hatte, wurde so in die Mangel genommen, daß er Dinge »gestand«, die in der Pubertät völlig normal sind.

Von Oktober 1977 bis September 1979 war Kießling stellvertretender Personalchef auf der Hardthöhe; Wörners Ermittler überprüften anhand der Laufzettel alle Leute, die den General in dieser Zeit in seinem Dienstzimmer besucht hatten; von zwölf Besuchern, etliche davon über 60 Jahre alt, wurden Strafregister-Auszüge angefordert, um festzustellen, ob sie jemals homosexuelle Kontakte gehabt hatten.

Der MAD-Hauptmann Josef Fasoli wurde, obwohl als Bundeswehrangehöriger nicht berechtigt, nach Berlin geschickt, um eine vom stellvertretenden MAD-Chef Joachim Krase genannte »Auskunftsperson« (Fasoli) zu treffen. Kießling war einige Male mit Sonder-Erlaubnis nach Berlin gereist, um das Grab seiner Eltern zu besuchen; die MAD-Fahnder aber wollten von den Kontaktpersonen wissen, welche Lokale der General besucht hatte.

Entschuldigt hat sich die Hardthöhen-Leitung bisher bei keinem der Überprüften und Vernommenen. Dabei hatte Kießling noch Glück. Andere Soldaten mit weniger Lametta und ohne versierten Anwalt wären in Wörners Ermittlungsmühle zermalmt worden.

Die Erkenntnis konnte Wörner nicht schrecken. »Ich bin der festen Überzeugung: Kein Verteidigungsminister, der seine Pflichten und die Sicherheit ernst nimmt, hätte anders handeln können, als ich gehandelt habe«, hatte er noch am 20. Januar, zwölf Tage vor der Rehabilitierung Kießlings, in der »Aktuellen Stunde« des Bundestages getönt - obwohl zu dem Zeitpunkt schon klar war, wie kläglich der MAD versagt hatte.

Untersuchungen des Verteidigungsausschusses erbrachten auch, daß Wörners Beteuerung, keiner habe ihn rechtzeitig gewarnt, nicht haltbar ist.

Am 14. Januar meldete sich der Ministerialrat Paul Fritz, Referatsleiter »Ermittlungen in Sonderfällen« (ES) im Verteidigungsministerium, bei Staatssekretär Hiehle und bat um einen Termin bei Wörner. Fritz wurde vorgelassen; die Begegnung hat er unter dem Zeichen ES - 18/84 so festgehalten: _____« Zum Vortrag fühlte ich mich gedrängt, weil ich Anlaß » _____« sähe, die Arbeit des MAD skeptisch zu betrachten. Mir sei » _____« ... erst kürzlich eine Manipulation des MAD in einem bei » _____« ES anhängigen Vorgang untergekommen, der beinahe zu einem » _____« Skandal mit der Sta (Staatsanwaltschaft, Red.) Koblenz » _____« geführt hätte. Unter dem Eindruck dieses Falles hätte ich » _____« am 12. 1. bei Fü S II 6 (Führungsstab der Streitkräfte, » _____« Red.) näheren Einblick in einen von zwei mir vorgelegten » _____« blauen Heftern zum Fall K. genommen. Dabei sei es mir » _____« rätselhaft vorgekommen, wie auf der Grundlage der dort » _____« angeführten Erkenntnisse eine »sichere« Identifizierung » _____« behauptet werden könnte. Genau das Gegenteil in der » _____« Bewertung habe sich mir aufgedrängt und sofort auch » _____« wieder der Gedanke an Manipulation. » _____« Der BM (Bundesminister, Red.) nahm den Vortrag » _____« aufmerksam zur Kenntnis und bedankte sich für die » _____« Initiative. »

Auch Bundeskanzler Helmut Kohl, der Kießling am 1. Februar rehabilitierte, hätte die Affäre rechtzeitig stoppen können, wenn ihm sein Amtschef Schreckenberger eine Aktennotiz des Oberregierungsrats Hellingrath von der Gruppe 11 der Personalabteilung vorgelegt hätte. Doch Schreckenberger kann sich an nichts mehr erinnern: »Das war doch Routine.«

Hellingrath hatte am 16. Dezember geschrieben: _____« In derartigen Fällen erscheint eine » _____« Kabinettsbefassung wegen der außenpolitischen Bedeutung » _____« der Angelegenheit durchaus geboten; sie setzt meines » _____« Erachtens aber voraus, daß der interne » _____« Meinungsbildungsprozeß abgeschlossen ist. Im Hinblick auf » _____« die Kürze der bis zur letzten Sitzung der Bundesregierung » _____« im ablaufenden Jahr zur Verfügung stehenden Zeit dürfte » _____« dies jedoch kaum gewährleistet sein. » _____« Ich empfehle deshalb, die von BM Dr. Wörner erbetene » _____« Kabinettsbehandlung bis zu einer ausreichenden Prüfung » _____« der Vorhaben zurückzustellen und den Minister vorab » _____« mündlich zu verständigen. »

Der Einwand blieb wirkungslos, der General wurde entlassen.

Was sich bis dahin, von August bis Januar, im Amt für Sicherheit der Bundeswehr (ASBw) und auf der Hardthöhe zuerst ohne und dann mit Wissen des Ministers abgespielt hat, konnte der Verteidigungsausschuß auch nach 96 1/2 Stunden Zeugenvernehmungen nicht klären. Die MAD-Offiziere beschuldigten sich gegenseitig. Keiner wollte die Verantwortung übernehmen: »Ein abgrundtiefer Sumpf«, wie der Ausschuß-Vorsitzende Alfred Biehle (CSU) bissig bemerkte.

Dem MAD-Chef Helmut Behrendt ist es ein »Rätsel«, wie in einer Vorlage für den Minister aus den Ermittlungen der Kölner Polizei in der Homo-Szene Ermittlungen des Landeskriminalamtes (LKA) werden konnten. Sein Abteilungsleiter Oberst Oskar Schröder erinnert sich hingegen genau, daß die Korrektur mit Grünstift vorgenommen wurde; grün aber zeichnete nur der MAD-Chef.

Als Behrendt dem ehemaligen Wörner-Adjutanten, dem Oberst Jörg Schönbohm, gegenübergestellt wurde, gab der General klein bei. Da die Aussagen, wer wen zuerst über den Verdacht gegen Kießling informiert hatte, nicht zusammenpaßten, formulierte der MAD-General den denkwürdigen Satz:

»Ich akzeptiere die Aussage des Herrn Obersten Schönbohm gegen meine Erinnerung.«

Andere MAD-Funktionäre konnten sich an wichtige Vorgänge nicht mehr erinnern, flüchteten ins Unverbindliche oder sagten schlicht die Unwahrheit. Die Wehrdisziplinar- und Strafgerichte werden, so folgert der SPD-Abgeordnete Erwin Horn, wegen der vielen falschen Aussagen in den nächsten Monaten »eine Menge zu tun« haben. Horn: »Hier hat nicht nur einer gelogen.«

General Kießling hat den Minister inzwischen wissen lassen, daß er sich für den Zapfenstreich das Lied wünscht: »Ich hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand / dir, Land voll Lieb' und Leben, mein deutsches Vaterland!«

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