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»Hier kommt der Frauenfeind«

aus DER SPIEGEL 42/1993

Die Momente, in denen er sich wohl fühlt im Licht der Öffentlichkeit, sind im Leben des Kandidaten Steffen Heitmann selten geworden. Und die Ernüchterung folgt manchmal allzu schnell.

In Chemnitz am vorletzten Wochenende war es wieder so. Auf dem Parteitag der sächsischen CDU sprach Landeschef Kurt Biedenkopf voll Pathos vom »Stolz« über die Bewerbung seines Justizministers, auch von persönlicher »Betroffenheit« über die Kritik an ihm.

Heitmann, 49, hielt es nach Biedenkopfs Worten nicht auf seinem Stuhl. Er eilte zum Podium und überhäufte den Redner mit Dank. Die Delegierten klatschten heftig Applaus.

Es war der falsche Beifall von der richtigen Seite. Heitmann war gar nicht gemeint.

Der Kandidat, so stellte hinterher im kleinen Kreis ein Mitglied des sächsischen CDU-Präsidiums klar, solle nur nicht glauben, daß die guten Worte ihm persönlich gelten. Es gehe nicht um die Unterstützung Herrn Heitmanns, sondern einer ostdeutschen Kandidatur. Das Lob sei vorher »genau abgestimmt« worden.

Der vernichtende Beifall von Chemnitz ist charakteristisch für die lieblose Stimmung, die dem _(* Vor Schloß Bellevue, dem Amtssitz des ) _(Bundespräsidenten in Berlin. ) Präsidentschaftsbewerber in der ostdeutschen CDU entgegenschlägt: Auf die Person kommt es den wenigsten an.

Die Parteifreunde verstehen die Attacken, denen Heitmann wegen seiner Äußerungen zu Ausländern, Frauen, Homosexuellen und zur Nazi-Vergangenheit ausgesetzt ist, vor allem als Geringschätzung seiner Herkunft und seines Lebens in der DDR. Sie fühlen sich selber angegriffen und rücken zusammen.

Die Gegner des Kandidaten, fabuliert etwa der sächsische CDU-Generalsekretär Fritz Hähle, verspritzten »die Tinte abgrundtiefer Verachtung für die dämlichen Ostdeutschen«. Hähle hält dagegen: »Zu den Weizsäcker-Deutschen sind die Heitmann-Deutschen hinzugestoßen, vom gleichen Stamm, aber großgeworden in einem anderen Land.«

Wie tief die Verletzungen gehen, zeigen die Rachegedanken des Dresdner Umweltministers Arnold Vaatz. Der CDU-Reformer, ein enger Vertrauter Heitmanns, will gegen den amtierenden Bundespräsidenten »einen unabhängigen Richter« bemühen. Der soll feststellen, ob eine bestimmte Äußerung aus der Villa Hammerschmidt »Rechtens war oder nicht« - Richard von Weizsäcker war mit der Bemerkung zitiert worden, Heitmann sei ein »konturenarmer Nischen-Ossi« (SPIEGEL 39/1993).

Daß für eine solch absurde Anklage die Verfassung geändert werden müßte, stört Vaatz nicht weiter. Er will vor allem zeigen, »daß sich zwischen den silbernen Schläfen des Bundespräsidenten allerhand Unrat angesammelt hat«.

Solche Kritik an den Kritikern des Kandidaten stärkt in den Reihen der Ost-Union das Selbstbewußtsein. Wer kümmert sich schon darum, wie sich Heitmann dabei fühlt?

Er müht sich redlich und hetzt von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten; der Erfolg aber will sich nicht recht einstellen. Als »bitter und unverständlich« empfindet es ein Heitmann-Anhänger, daß einer Forsa-Umfrage zufolge noch 36 Prozent der ostdeutschen CDU-Bundestagsabgeordneten unentschieden sind, ob sie den Mann im Mai wählen sollen.

Offenem Protest sieht sich Heitmann nur selten ausgesetzt, das macht die Lage für ihn noch schwieriger. Er weiß nur: Wenn er nicht einmal die eigene Partei überzeugt, muß er zur Wahl gar nicht erst antreten.

Während Heitmann mit überbreitem Lächeln auf zahllose Gesprächspartner zustürmt, um über die Auslegung seiner veröffentlichten Zitate zu diskutieren, geraten viele, auf deren Stimmen es ankommt, erst einmal ins Grübeln. Der brandenburgische CDU-Bundestagsabgeordnete Rainer Eppelmann stellt die schlichte Frage: »Was erwarten wir eigentlich vom obersten Repräsentanten Deutschlands im Jahr 1994?«

Hat darüber denn keiner nachgedacht, ehe der Kandidat präsentiert wurde? Es sieht so aus. Natürlich kann Eppelmanns eigene Antwort, »er oder sie muß bei Heidelbergern Verständnis für Dresdner wecken und umgekehrt«, gegen den Polarisierer Heitmann gewendet werden.

Immer deutlicher muß sich der einsame Kandidat als Opfer eines Größeren erkennen, der ihm zum Siegen zuwenig und zum Verlieren zuviel Atem eingehaucht hat.

Immerhin macht er beim Schaulaufen auch Punkte. Nach einem Auftritt bei der CSU in Ingolstadt bemängelt einer von der Basis zwar, der schmale Kirchenjurist sei »koa gstandns Mannsbuid«.

Der ehemalige Agrarminister Ignaz Kiechle aber macht ihm Mut: »Was Sie aussprechen, darauf warten Millionen auch im Westen unseres Landes.« Eine Diskussion fiel freilich aus, Fragen an den Kandidaten hatte Parteichef Theo Waigel unterbunden.

Auch jene, die wie der niedersächsische CDU-Fraktionsvorsitzende Jürgen Gansäuer zuvor Skepsis gezeigt hatten, lenken nach solchen Auftritten schon mal ein: »Die große Linie kann ich akzeptieren«, erklärt Gansäuer etwas gequält, »Herr Heitmann ist ein sehr sensibler und honoriger Mann.«

Die Unions-Fraktionschefs, deren Wort entscheidend für das Stimmverhalten ihrer Ländervertreter in der Bundesversammlung ist, gingen bei Heitmanns Vorstellung am vergangenen Montag in Frankfurt rasch zu einem anderen, bedeutsameren Thema über: dem Mißmanagement der Präsidentschaftskür in Bonn.

Offen zogen die Fraktionschefs über die Parteizentrale im Adenauer-Haus her: »Die totale Unprofessionalität, mit der die Präsidentschaftsangelegenheit behandelt wurde, muß Konsequenzen haben«, schimpfte der Sachse Herbert Goliasch.

Helmut Kohl wußte, daß Heitmann zu peinlichen und verstörenden Äußerungen neigt - und Heitmann weiß, daß Kohl es wußte: Ein Vertrauter des Kandidaten berichtet von der Empfehlung _(* Mit Weizsäckers Ehefrau Marianne. ) an die Bonner Adresse, mit dem eckigen Justizminister »beizeiten Sprachübungen zu machen«.

Erst seit acht Tagen steht ihm als Medienberaterin die ehemalige CDU-Sprecherin Claudia Conrad zur Seite. Im Gespräch als Berater ist auch der Werbeprofi Thomas Heilmann, Mitinhaber der Agentur Scholz & Friends Berlin/ Dresden.

Einstweilen redet sich Heitmann seine Situation schön. Er zwingt sich, auch die schmerzhafte Kritik aus den eigenen Reihen »relativ normal« zu finden: »Wir sind doch keine Kaderpartei.«

Aus eigenem Entschluß aufgeben will er jedenfalls nicht. Lieber übt er sich in der Exegese eigener Äußerungen und dem vorsichtigen Einschwenken auf den Unions-Mainstream. Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) bescheinigt ihm: »Der hat Steher-Qualitäten.«

Unversöhnlich gegenüber dem Kandidaten zeigen sich nur die Frauen, denen Heitmann immer wieder aufs neue »das Spannungsverhältnis« zwischen Kindererziehung und Selbstentfaltung zu erklären versucht. Der Vorstand der sächsischen Frauen-Union votierte mehrheitlich gegen eine Unterstützung des Kandidaten - nicht aufgrund von Vorurteilen, sondern nach einem Gespräch mit ihm.

Zwar versucht er den Konflikt vor Diskussionen mit CDUlerinnen durch Selbstironie zu entschärfen: »Guten Tag, hier kommt der Frauenfeind Heitmann.«

Doch am Ende bleibt hinter Kommuniques, die der Parteiräson geschuldet sind, viel Unmut zurück: »Er war nicht bereit, auf unsere Argumente einzugehen«, resümiert etwa die saarländische Christdemokratin Monika Beck einen Bonner Auftritt Heitmanns vor der Führung der Frauen-Union. »Viele von uns haben unter einem gewissen Schock gestanden«, sagt die Frau.

Kein Wunder. Nur ungern ringt sich Heitmann zu halbwegs klaren Statements durch, etwa wenn er für »echte steuerliche Anreize« zugunsten der Kindererziehung plädiert. Beim Grundsätzlichen, das ihn eigentlich interessiert, gerät er ins Schwadronieren: »Gesellschaftliche Seinsweise soll geändert werden durch das Einbringen des Frauseins.«

Da redet sich einer um Kopf und Kragen, ohne etwas zu sagen. Y

* Vor Schloß Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten in Berlin.* Mit Weizsäckers Ehefrau Marianne.

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