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»Hier leben keine Monster«

Von Bruno Schrep und Hans-Jörg Vehlewald
aus DER SPIEGEL 1/1996

SPIEGEL: Herr Coch, Herr Katz, Sie sind künftig Miteigentümer der Hamburger Hafenstraße. Wird es von nun an keine Krawalle mehr am Hafenrand geben?

Coch: Wenn es diese Konflikte nicht gegeben hätte, keine Barrikaden und keine Straßenkämpfe, dann wären die Häuser hier doch längst weg. Dann stünden hier heute Bürotürme und Glaspaläste.

SPIEGEL: Leben denn noch gewaltbereite Bewohner in den Häusern?

Coch: Erwarten Sie jetzt eine ernsthafte Antwort?

Katz: Alle Menschen sind in gewisser Weise gewaltbereit. Es stellt sich immer nur die Frage, was sie dazu bringt, Gewalt auch tatsächlich auszuüben.

SPIEGEL: Wir sprechen von den Straßenschlachten zwischen Bewohnern und der Polizei, die es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben hat.

Katz: Hier ist seit über drei Jahren Ruhe. Das Thema »Gewalt in der Hafenstraße« interessiert nur noch Stammtische und den einen oder anderen konservativen Politiker.

SPIEGEL: Wann war denn der letzte Polizeieinsatz in der Hafenstraße?

Coch: Das war vor ein paar Wochen. Da ging es um ein Transparent, das an einem der Häuser hing und sich gegen das Verbot der kurdischen Arbeiterpartei PKK richtete.

SPIEGEL: Werden denn in Zukunft Polizisten oder Gerichtsvollzieher die Häuser ungehindert betreten können? In der Vergangenheit wurden die oft verjagt.

Coch: Leider ist es uns nicht gelungen, eine Bannmeile für die Sicherheitskräfte der Hansestadt Hamburg auszuhandeln. Aber im Ernst: Die Genossenschaft als Vermieter wird natürlich keine Polizeifunktionen übernehmen.

SPIEGEL: Herr Coch, Sie sind nicht nur Genossenschaftler, sondern Sie wohnen auch in der Hafenstraße. Wie kommt es zu dieser Doppelfunktion als Vermieter und Mieter?

Coch: Das hängt damit zusammen, daß ich schon einige Jahre hier lebe und die Entwicklung mitgekriegt habe.

SPIEGEL: Befürwortet die Mehrheit der Hafenstraßen-Bewohner die Genossenschaftslösung?

Katz: Davon gehen wir aus.

Coch: Wir wären ja bescheuert, wenn wir mit der Genossenschaft gegen die Ziele der Bewohner arbeiten würden.

SPIEGEL: Hat es im Parlament der Hafenstraße, dem sogenannten Plenum, eine Abstimmung über das neue Modell gegeben?

Coch: Darüber werde ich nichts sagen, schließlich bin ich nicht Sprecher der Hafenstraße.

SPIEGEL: Aber eine Meinung werden Sie haben.

Coch: Ich finde, wir haben zum erstenmal die Chance, hier ein Leben zu halbwegs fairen Bedingungen zu führen. Es hat ja irre lange gedauert, die Existenz der Hafenstraße zu sichern.

SPIEGEL: Herr Coch, sie sind vor kurzem Vater geworden, leben hier mit _(* Mit Redakteuren Bruno Schrep und ) _(Hans-Jörg Vehlewald (r.) in der ) _(Hafenstraße. )

Freundin und Kind. Haben Sie nie überlegt, in eine bürgerliche Umgebung umzuziehen?

Coch: Meinen Sie, hier würden die Kinder in den Lichtschacht geworfen und gegrillt?

Katz: Natürlich gibt es hier viele Kinder, viele sind auch hier geboren. Oder glauben Sie vielleicht, Kinder könnten nicht in einem alternativen Wohnprojekt aufwachsen, sondern nur in einer bürgerlichen Umgebung?

SPIEGEL: Nach Meinung der Hamburger CDU-Opposition und rechter Sozialdemokraten hat Ihre Genossenschaft die Häuser zu einem Spottpreis erworben. Erkauft sich die Stadt so den Frieden?

Katz: Das ist natürlich Quatsch. Der Kaufpreis wurde nach den Maßstäben ermittelt, die in Hamburg für Grundstücke des sozialen Wohnungsbaus gelten. Mit einer Sonderregelung hat das nichts zu tun.

SPIEGEL: Aber bei dieser exklusiven Lage am Hafenrand ließe sich doch für die Stadt ein Vielfaches der von Ihnen gezahlten 2,04 Millionen Mark erzielen.

Coch: Eben nicht. Die Bürgerschaft hat ja erklärt, daß auf diesem Gelände nur Sozialwohnungen zugelassen sind.

SPIEGEL: In 15 Jahren dürfen Sie laut Vertrag die Grundstücke und Häuser verkaufen. Wer soll Sie dann daran hindern, die Hafenstraße mit Riesengewinn an einen Immobilienkonzern zu verkaufen, der dort Bürotürme hochzieht.

Coch: Erstens gibt das der Bebauungsplan nicht her; der läßt nur Wohnungsbau zu. Zweitens ist es bei der Genossenschaft rechtlich ausgeschlossen, daß irgend jemand Profit erzielt, daß einer mehr Geld herausnimmt, als er reingesteckt hat.

SPIEGEL: Die 36 Männer und Frauen in der Genossenschaft sind eine bunte Mischung, darunter linksalternative Politiker, Geschäftsleute, Anwälte und Pastoren. Wer wird eigentlich die zwei Millionen zahlen?

Coch: Niemand hat einen Sack voll Geld angeschleppt. Die Summe kommt aus vielen Töpfen.

Katz: Das meiste wird durch Kredite der Frankfurter Öko-Bank finanziert. Der Eigenkapitalanteil aller Genossen zusammen beträgt 15 Prozent. Der eine hat mehr, der andere weniger gegeben.

SPIEGEL: Wieviel Anteile haben Sie selbst gezeichnet?

Katz: Ich besitze drei Anteile, das Stück zu 100 Mark.

SPIEGEL: Viel ist das nicht.

Katz: Nein, aber dafür habe ich in die Genossenschaft eine ganze Menge Arbeit und Engagement gesteckt.

SPIEGEL: Wird denn in Zukunft in der Hafenstraße der Strom bezahlt? Früher wurden die Zähler einfach abgerissen.

Coch: Unsinn. 1987 haben die E-Werke einen externen Stromzähler für alle Häuser installiert. Seitdem wurde der Verbrauch außerhalb der Hafenstraße gemessen. Wären die Rechnungen nicht bezahlt worden, säßen wir hier jetzt im Dunkeln.

SPIEGEL: Und wie steht es mit den Mietschulden der Bewohner? Immerhin sind 460 000 Mark aufgelaufen, die jetzt zur Hälfte von der Stadt Hamburg, also den Steuerzahlern, übernommen werden.

Katz: Diese Forderungen sind doch höchst zweifelhaft. Erstens geht es dabei auch um Rückstände von Mietern, die längst ausgezogen sind. Außerdem wurden erhebliche Gerichts- und Anwaltskosten einfach dazugeschlagen. Und schließlich haben die Bewohnerinnen und Bewohner seit dem letzten Sommer ihre Miete auf ein Treuhandkonto gezahlt.

SPIEGEL: Warum?

Katz: Weil bekannt wurde, daß mit dem Geld ein Abbruchunternehmen bezahlt wurde, das ständig in Bereitschaft stand, um die Häuser abzureißen - Birne bei Fuß.

SPIEGEL: Bisher mußte jeder Bewohner nur ein sogenanntes Nutzungsentgeld _(* Im August 1992. )

von 200 Mark im Monat zahlen. Künftig sollen sie fünf Mark pro Quadratmeter Kaltmiete zahlen. Können sich das alle leisten?

Coch: Die Genossenschaft verlangt von den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Pauschalmiete für alle Häuser. Wer wofür wieviel Miete zahlt, wird intern geregelt. Es muß einfach nur die Summe stimmen.

SPIEGEL: Und wenn die Summe nicht stimmt?

Coch: Die Finanzierung hängt von den Mietzahlungen ab. Wenn die Miete auf Dauer ausbleibt, hat das Projekt keine Chance. Dann kracht es zusammen.

SPIEGEL: Altbau mit herrlichem Hafenblick für fünf Mark den Quadratmeter, so etwas wünschen sich viele Hamburger. Wer entscheidet, falls ein Bewohner auszieht, über den Nachmieter?

Coch: Wer hier wohnen darf, bestimmen die Bewohner und Bewohnerinnen.

Katz: Das ist wie bei einer Wohngemeinschaft. Wenn einer auszieht, dann entscheiden die anderen gemeinsam, wer das Zimmer kriegt.

SPIEGEL: Wenn man sich bei Ihnen im Treppenhaus umschaut, hat man den Eindruck, daß viel zu tun ist. Die Haustür besteht aus löchrigem Sperrholz, aus den Wänden hängen lose Stromkabel. Es sieht so aus, als wäre seit Jahren nichts getan worden.

Coch: Das stimmt nicht. Wenn die Leute nicht immer wieder die dringendsten Schäden repariert hätten, wären die Häuser längst zusammengestürzt. Außerdem sehen viele Haustüren so demoliert aus, weil Polizeitrupps sie immer wieder mit Äxten eingeschlagen haben.

SPIEGEL: Laut Vertrag erhalten Sie pro Quadratmeter Wohnfläche 1900 Mark Renovierungszuschuß von der Stadt, insgesamt neun Millionen Mark. Dafür haben Sie sich verpflichtet, die Häuser in den nächsten sechs Jahren in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Schaffen Sie das?

Coch: Ich verspreche Ihnen: Am Ende sind die Häuser schön weiß angestrichen, mit Jägerzaun drumherum, und wir werden Bundessieger beim Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden«.

Katz: Genau, und vor jeder Tür stehen ein paar Gartenzwerge. Aber Spaß beiseite: Diese sechs Jahre sind nur ein Richtwert. Wir werden uns natürlich bemühen, die Häuser zügig zu sanieren. Schließlich liegt das im Interesse aller Beteiligten.

SPIEGEL: Was geschieht mit den politischen Parolen an den Häuserwänden, die in der Vergangenheit immer wieder zu Zoff führten und Polizeieinsätze provozierten. Müssen die nun übermalt werden? Dürfen keine neuen dazukommen?

Coch: Die Genossenschaft wird einen Teufel tun und sich darum kümmern, wie die Bewohner die Häuser gestalten. Das ist nicht ihre Rolle. Was für Transparente aus den Fenstern hängen, geht uns nichts an. Die Genossenschaft wird nicht Polizei spielen. Und die Zeiten, in denen der kleinste Zwischenfall zur Räumung führen konnte, sind endlich vorbei. Schließlich ist jetzt nicht mehr die Stadt Eigentümer, sondern die Genossenschaft.

SPIEGEL: Sind nicht auch die Leute aus der Hafenstraße inzwischen weniger auf Krawall aus als früher?

Katz: Naturgemäß sind die heute ein paar Jährchen älter und vielleicht auch ruhiger. Und es gibt bestimmt auch viele, die in den Häusern hier alt werden wollen.

SPIEGEL: Mit dem Bild vieler Bürger vom Hafenstraßen-Kämpfer, der einst mit Knüppel und Maske vor brennenden Barrikaden stand, hat das nicht mehr viel zu tun.

Katz: Das sind ja auch absurde Vorstellungen. Hier leben Menschen und keine Monster. Im übrigen hat sich ja auch auf der anderen Seite etwas verändert, sogar eine ganze Menge. Die Räumungstitel lagen doch vor, die Stadt hätte die Häuser räumen und abreißen lassen können. Das ist ja nicht aus Gutmütigkeit unterblieben, sondern weil sich auch im Senat die Einsicht durchgesetzt hat, daß es dafür keinen Grund mehr gibt.

SPIEGEL: Hätte man eine Lösung wie diese nicht schon vor zehn Jahren erreichen können?

Katz: Nur wenn die Stadt schon damals bereit gewesen wäre, den Besetzern entgegen zu kommen.

Coch: Das ist doch eine Illusion. Freiwillig hätte der Senat nie seine Position aufgegeben. Unser Ziel war nur gegen den erklärten Willen der Macht durchzusetzen. Das Spannende am Konflikt um die Hafenstraße ist, daß Widerstand auch einmal Erfolg hatte.

SPIEGEL: Was lernen Sie daraus?

Coch: Daß es Situationen gibt, in denen es legitim und in Ordnung ist - und auch gar nicht anders geht -, als Gesetze zu brechen. Und es gibt andere Situationen, in denen man nur weiterkommt, wenn man miteinander redet.

SPIEGEL: Herr Coch, Herr Katz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Redakteuren Bruno Schrep und Hans-Jörg Vehlewald (r.) in derHafenstraße.* Im August 1992.

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