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KIRCHE / PIUS XII. Hier Pacelli

aus DER SPIEGEL 42/1958

Vorsichtig zog der Kardinaldekan Tisserant den weißen Schleier von der Bahre. »Schläfst du, Eugenio?« fragte er mit lauter Stimme. Er erhielt keine Antwort. Daraufhin verkündete er dem kleinen Konsilium der anwesenden Kurienkardinäle: »Der Papst ist tot!«

Erst nach dieser Zeremonie war die katholische Christenheit, eine Glaubensgemeinschaft von 450 Millionen Menschen in aller Welt, offiziell verwaist. Zum Zeichen dessen wurde der Fischerring, den Abertausende während des fast 20 Jahre langen Pontifikats Pius XII. in unzähligen Audienzen geküßt hatten, von der rechten Hand des toten Papstes gestreift und am selben Tage in Gegenwart einiger Kardinäle zerbrochen,

Seitdem steht der Stuhl Petri - der Stuhl des nach katholischem Glauben amtierenden. Statthalters Christi auf Erden - leer. Ein offizieller Katalog von Ämtern, die der regierende Papst als Pontifex maximus - als höchster Priester - bekleidete, ist zu einem Katalog verwaister Ämter geworden. Seit einigen Tagen, seit dem. Tode Eugenio Pacellis, der sich als zwölfter Papst den Namen Pius - das, heißt: der Fromme - zugelegt hatte, gibt es keinen »Bischof von Rom«, keinen »Statthalter Jesu Christi auf Erden«; keinen »Nachfolger des Apostelfürsten«, keinen »obersten Pontifex« der Universalkirche«, keinen »Patriarchen des Abendlandes«, keinen »Primas von Italien«, keinen »Erzbischof und Metropoliten der römischen Kirchenprovinz«, keinen »Souverän des Staates der Vatikanstadt«.

Fast zwanzig Jahre zuvor, im März des Jahres 1939, war Eugenio Pacelli zum 261. Papst gekrönt worden, zum 260. Nachfolger des Fischers und Apostelfürsten Petrus. Während bei seinem ersten Einzug in den Peters-Dom silberne Trompeten schmetterten und Tausende von Italienern ihr »Evviva!« riefen, lief inmitten des mittelalterlichen Gepränges ein päpstlicher Zeremoniar vor der Sedia gestatoria her, vor dem Tragthron des Papstes, verbrannte demonstrativ einige Flocken Werg und rief: »Sancte pater, sic transit gloria mundi!« - »Heiliger Vater, so vergeht die Herrlichkeit der Welt!«

Für Eugenio Pacelli sind, im 83. Lebensjahr, Glanz und Misere dieser Welt vergangen, und auch die Zeremonie, die ihn im Augenblick des für einen katholischen Priester größtmöglichen Machtgewinns an die Vergänglichkeit aller irdischen Ehren erinnern sollte, wird sich nicht wiederholen. Nach dem Willen Pius XII. soll den Nachfolger beim Krönungszeremoniell nur noch der herbe Rauch eines auf silbernem Stabe glimmenden Dochtes an die Vergänglichkeit mahnen.

Die Riten des päpstlichen Begräbnisses allerdings sind seit Jahrhunderten unverändert geblieben und auch von Pius nicht modifiziert worden. Nachdem der Fischerring des Verstorbenen zerbrochen und der einstige Papst Pius XII. symbolisch aller Gewaltenfülle entledigt worden ist, kleidet man den Papst zum letzten Male in seine Gewänder.

Dann zieht Papst Pius XII., nach einem inoffiziellen Transport von der Sommerresidenz Castel Gandolfo nach Rom, noch einmal in Sankt Peter ein: zum ersten Male, ohne von den Silbertrompeten begrüßt zu werden. Drei Tage lang bleibt sein Leichnam in der Peterskirche aufgebahrt; die römische Bevölkerung darf an der Bahre defilieren.

Erst dann wird Pius XII. in der Gruft der Peterskirche beigesetzt, zusammen mit den Dokumenten seines Pontifikates, mit Pergamenten, Münzen und Medaillen. Der Leichnam wird zunächst in einen mit roter Seide ausgeschlagenen Zypressenholzsarg gebettet, der in einen mit Blei gepanzerten zweiten Sarg paßt. Ein dritter Sarg, dieser aus Bronze, umgibt die beiden anderen als äußere Hülle. Erst nach der Überführung in die Grabnische ist die offizielle Totenfeier für Papst Pius XII. beendet. An den neun folgenden Tagen werden für den Papst Totenämter zelebriert.

Die besondere Aufmerksamkeit, mit der in großen Teilen der Welt dieses Zeremoniell registriert wird, vornehmlich aber die ungewöhnliche Ausführlichkeit, mit der tagelang die schmerzlichen und langwierigen Umstände des päpstlichen Todeskampfes in Europa und Amerika fast stündlich mitgeteilt und erwartet wurden, sind Symptom und Indiz für die Bedeutung des Papsttums in dieser Zeit. Sie sind Symptom für das ungeheure Interesse an Glaubensdingen in einer Welt, deren technische Ausrüstung Verstand, deren politischer Zustand Vernunft brauchte; sie sind Indiz für die Rückgewinnung eines politischen Einflusses, den der Vatikan in den vergangenen Jahrhunderten schon fast völlig verloren zu haben schien.

Mit ungebrochenem Selbstvertrauen haben sich die Päpste über lange Abschnitte ihrer Geschichte, die eine Geschichte aus Frömmigkeit und Machtgier, aus Martyrium und Mord, aus Sieg und Niederlage ist, für die Herren der Welt halten dürfen. »Denn zu mir ist beim Propheten gesagt«, konstatierte Papst Innozenz III., der von 1198 bis 1216 die Kirche regierte, »ich habe dich über die Völker und Reiche gesetzt, auf daß du ausrufest und niederreißest, zerstörest und zerstreuest, pflanzest und auferbauest ...«

Diesen Anspruch leitete der Papst* von den Worten Christi an Petrus her, die vom Evangelisten Matthäus (Kapitel 16 Vers 18 f.) so überliefert und mit goldenen Lettern im Innern der Peters-Kuppel festgehalten sind: »Du bist Petrus (das heißt: der Fels); auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.«

Papst Bonifaz VIII. - er regierte von 1294 bis 1303 - erhob in seiner berühmten Bulle »Unam sanctam« die sogenannte Zwei-Schwerter-Theorie zum Weltgesetz. Das weltliche wie das geistliche Schwert, so verlangte er, sollten auf der ganzen Welt in die Gewalt der Kirche gehören und dürften nur von ihr, äußerstenfalls für sie geführt werden. Noch heute wird bei jeder Krönung der Papst als »der Vater der Fürsten und Könige, der Herrscher des Erdkreises« apostrophiert.

Tatsächlich aber waren die Päpste, die nichtsdestoweniger noch jahrhundertelang eigene Heere unterhielten und sich an Kriegen beteiligten, bald in die Hand der mächtigeren weltlichen Potentaten geraten. Sie mußten - im 14. Jahrhundert - eine Zeitlang im »Exil von Avignon« residieren, wenn schon nicht in der Gewalt, so doch völlig unter dem Einfluß der französischen Könige und mehr oder minder in deren politischem Dienst. Im sechzehnten Jahrhundert boten die Reformatoren einigen europäischen Fürsten die erwünschte Gelegenheit, sich aller politischen Ansprüche der Päpste zu entledigen; im achtzehnten Jahrhundert ging es mit der weltlichen Macht der Päpste endgültig zu Ende.

1798 besetzte der französische, General Berthier Rom, erklärte den Papst - der gegen die Franzosen Krieg geführt hatte - für abgesetzt und zwang den achtzigjährigen, todkranken Pius VI. ins Exil: »Sterben können Sie überall.« Dem Nachfolger, Papst Pius VII., ging es kaum besser: Napoleon besetzte die Engelsburg, erklärte die Papstherrschaft für beendet und verschleppte den Papst als eine Art Gefangenen. Erst 1814, Tage vor seiner letzten, entscheidenden Niederlage, gab Napoleon dem Papst den inzwischen stark verkleinerten Kirchenstaat zurück.

1870 ging auch dieser Rest verloren, päpstliche Truppen hatten den Krieg gegen Savoyen verloren, Victor, Emanuel II. machte sich zum »König von Italien«, wogegen kein päpstlicher Protest nützte. Aus der Hand des italienischen Souveräns nahmen die Päpste 1929 das winzige Territorium notgedrungen als eine Art Gnadengabe entgegen, das noch heute - als Vatikanstadt - auf 0,44 Quadratkilometern den gesamten weltlichen Machtbereich des Papstes vereint.

Der Sieg der Verlierer

In der Weltgeschichte dürfte es kaum je eine Niederlage gegeben haben, die größeren politischen und propagandistischen Gewinn brachte. Im Augenblick der tiefsten politischen Ohnmacht setzte der Vatikanälteste diplomatische Instanz der Welt - zu jener Gegenbewegung an, die dem Papsttum eine Entschädigung für den endgültig verlorenen weltlichen Machtbereich bieten sollte. Welcher beträchtliche, Erfolg diesem Unternehmen in weniger als hundert Jahren beschieden war, obendrein in einer von technischen Neuigkeiten äußerlich völlig veränderten Welt, wurde politischen Beobachtern etwa durch die drei Besuche deutlich, die der deutsche Bundeskanzler dem Papst abstattete, erst recht aber war die päpstliche Macht für jedermann augenfällig an der weltweiten Anteilnahme abzulesen, die den letzten Tagen des Papstes Pius XII. galt. Äußerstenfalls für Stalins Schicksal dürfte die Weltöffentlichkeit ähnliches Interesse gezeigt haben.

Im Jahre 1870, in dem er seine weltliche Macht endgültig und vollkommen eingebüßt hatte, überraschte der Papst die katholische Christenheit und die übrige

Welt mit der Verkündung eines Dogmas, das für die meisten Nichtkatholiken wie eine Ungeheuerlichkeit klingen mußte. Der Papst nahm für sich etwas in Anspruch - und verpflichtete die Katholiken, daran zu glauben -, was ihn und alle seine Nachfolger über Menschenmacht und Menschenmöglichkeit erhob: Er verkündete seine Unfehlbarkeit.

Am 18. Juli 1870 veröffentlichte Pius IX. »unter Zustimmung des heiligen Konzils ... als von Gott geoffenbartes Dogma: daß der römische Papst, wenn er von seinem Lehrstuhl aus (ex cathedra) spricht, das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten Amtsgewalt endgültig entscheidet, ... er vermöge des göttlichen, im seligen Petrus ihm verheißenen Beistandes mit ... Unfehlbarkeit ausgerüstet ist ...«. Die Verkündung dieses Dogmas hat unter den Katholiken einige Unruhe gemacht - es spalteten sich die »Altkatholiken« von Rom ab, die das Dogma nicht akzeptierten - und den Nichtkatholiken den Weg zum Verständnis des katholischen Glaubens außerordentlich erschwert. Indem Pius IX. im neunzehnten, doch schon modernen, demokratischen Jahrhundert dieses patriarchalische und absolutistische Prinzip zum Glaubenssatz machte, erinnerte er die katholische Christenheit bewußt und ausdrücklich an seinen totalen Herrschaftsanspruch.

Im Zustand weltlicher Ohnmacht des Papsttums konnte nur eine straff organisierte, zentral gelenkte und zentral lenkbare Priesterschaft dem Vatikan Einfluß auf die heraufdämmernde Moderne sichern, konnten, aber auch nur solche Gläubigen Nährboden und Hefe für einen Neuanfang sein, die bereit waren, sich bedingungslos dem Spruch des Papstes zu unterwerfen. Noch nie haben in der Sache des Glaubens Toleranz oder Duldsamkeit einer Religion genutzt.

Aus der gleichen Verlautbarung, die des Papstes Unfehlbarkeit zum Gesetz erhob, wurde deutlich, daß es dem Papst um einen unabdingbaren Herrschaftsanspruch in der Kirche ging: »Wer daher sagt«, hieß es, »der römische Papst habe lediglich das Amt der Aufsicht oder Führung, nicht aber die volle und höchste Jurisdiktionsgewalt über die ganze Kirche, nicht nur in Sachen das Glaubens und der Sitten, sondern auch in Sachen, die die Disziplin und die Regierung der über die ganze Erde verbreiteten Kirche betreffen, oder er besitze nur den bedeutenderen Anteil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt, oder diese Gewalt sei keine ordentliche und unmittelbare, sei es über alle und jegliche Kirchen oder über alle und jegliche Hirten und Gläubigen, der sei im Bann.«

Vornehmlich die deutschen Bischöfe hatten vor der Abstimmung erbitterten Widerstand geleistet; der Bischof von Mainz fiel vor Pius IX. auf das Knie und flehte ihn an, von der Verkündung dieses Dogmas abzusehen - vergebens. Um die Einheit der Kirche nicht zu gefährden, reisten die Gegner des Dogmas ab; von den verbleibenden 535 Konzilvätern stimmten nur zwei gegen das Dogma, der Bischof von Cajazzo (Sizilien) und der Bischof von Little Rock.

Zu einem Zeitpunkt, in dem sich überall in Europa die Könige bequemen mußten, den Parlamenten die Legislative zu überlassen, und in dem sogar ein Staatsmann wie Bismarck auf parlamentarische Mehrheiten angewiesen war, trennte sich der Vatikan entschieden von jeglicher Form der Gewaltenteilung. Die Zeit der Konzile, die sich bis dahin die wichtigsten Entscheidungen vorbehalten und sogar Päpste abgesetzt hatten, war vorbei, niemals wieder durfte sich ein Konzil als legitimer Repräsentant der Kirche ansehen. »Der kirchliche Partikularismus hat den Todesstoß erhalten«, kommentierte der Kirchenhistoriker Ehrhard, »und das Papsttum hat den Höhepunkt seiner innerkirchlichen Macht erreicht.«

Nur solcherart streng organisiert und autoritativ geführt, konnte die katholische Kirche den Versuch beginnen, ihre Lehre in eine moderne Welt hinüberzuretten, deren politisches Schicksal von anderen Mächten bestimmt wurde und deren Anschauungen über Entstehung und Struktur der Welt von der Wissenschaft, nicht aber weiterhin von überlieferten religiösen Texten geprägt wurden. Es war klar, daß sich die Kirche zu einer neuen, ungewohnten Elastizität bequemen mußte - Elastizität aber war nie die Stärke von Parlamenten oder, im kirchlichen Gebiet, Konzilen.

Die Notwendigkeit zur Anpassung ergab sich aus den sozialen Veränderungen und Umschichtungen des Industriezeitalters. Bereits der Nachfolger des »Unfehlbarkeits« -Papstes Pius IX., Leo XIII., erhielt den inoffiziellen Namen eines »Sozialpapstes«; er forderte eine nichtmarxistische Arbeiterbewegung.

Der »Sozialpapst« Leo XIII. war es aber auch, der das politisch machtlose Papsttum in eine neuartige, diplomatische Position lavierte. Die Auseinandersetzungen während des sogenannten »Kulturkampfes« vornehmlich mit Preußen, aber auch mit Österreich, Belgien und der Schweiz es ging dabei um die Abgrenzung staatlicher und kirchlicher Rechte in der Schulfrage, bei der Ernennung von Erzbischöfen, bei Heiraten und dergleichen - hatten

den Vatikan zu einer besonderen diplomatischen Aktivität verpflichtet. Nun aber begann er, sich als eine Art zwischenstaatliche, neutrale Instanz zu installieren.

Zu einem ersten, äußerlich weithin sichtbaren Erfolg bei dieser Bemühung verhalf dem Vatikan der Kulturkampf-Kanzler Bismarck. Er schlug vor, einen Streitfall zwischen Spanien und Deutschland um den Besitz der Karolinen-Inseln in der Südsee durch einen Schiedsspruch des Papstes zu lösen. Der Papst akzeptierte freudig und zog sich als vollendeter Diplomat aus der Affäre. Leo entschied, daß die Karolinen politisch in die spanische, wirtschaftlich aber in die deutsche Einflußsphäre gehörten.

Ahnlich diplomatisch gerierte sich Papst Leo XIII. durch seine Höflichkeitsoffensive an allen europäischen Fürstenhöfen. So schickte er zum Beispiel an Wilhelm I. und die russischen Zaren jedesmal Glückwunschtelegramme, wenn die Potentaten einem Attentat entkommen waren.

Das Zeitalter der Konflikte zwischen den Großmächten und der imperialistischen Kriege war für die Tendenz des Vatikans, sich als internationale Schiedsstelle zu etablieren, günstig. Benedikt XV.

- er regierte von 1914 bis 1922 - erwarb

sich durch seine politisch wirkungslosen, propagandistisch aber äußerst effektvollen Vermittlungsversuche im Ersten Weltkrieg den Beinamen eines »Friedenspapstes«. Vor dem Forum der Völker, denen der Krieg längst zu einem sinnlosen Gemetzel geworden war, stand der Vatikan, nun er eigene Kriege nicht mehr führen konnte, als Hort und Wahrer friedlicher Vernunft da.

Zwischen dem »Sozialpapst« Leo XIII. und dem »Friedenspapst« Benedikt XV. war zudem ein Papst an der Macht gewesen, Pius X. (1903 bis 1914), dem seine Regierungspraktiken im Zeitalter des kleinen Mannes, der mit seinem Stimmzettel Politik macht, besondere Popularität sichern mußten. Pius X. gilt als der »Seelsorgepapst«, der sein Augenmerk vor allem auf Reformen des religiösen Lebens richtete. Er war, wie es der französische Schriftsteller Jacques Maritain formulierte, »der Papst der Kleinen, der Armen und der Pfarrer«. Sein Leben war das eines Heiligen. Die Legende besagt, daß er bei Audienzen seine gesamte Habe zu verschenken pflegte, einmal sogar sein Kardinalskreuz, das ein kinderreicher Arbeiter im Pfandhaus versetzen sollte. »Ich werde schon jemanden finden«, soll er der Überlieferung nach geäußert haben, »der es wieder auslöst.« Auf dem Totenbett mußte er für seine Schwester, die ihm den Haushalt geführt hatte, um eine Rente bitten.

Papst Pius XII, der in der Nacht vergangenen Donnerstag nach mehreren Gehirnschlägen und einer fortschreitenden Harnvergiftung in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo an Kreislaufschwäche starb, hat bereits diesen beiden Päpsten gedient, dem von kleinen Volk wie ein Heiliger verehrten Pius X. und dem diplomatisch aktiven »Friedenspapst« Benedikt XV. Eugenio Pacelli hat ohne Zweifel bei beiden die Form kennengelernt, die das Papsttum auch im zwanzigsten Jahrhundert zu einer wirksamen Instanz machen konnte.

Pacelli stammt aus jener römischen, sogenannten »schwarzen Gesellschaft«, einer nicht sehr breiten, zum Teil neuadligen Schicht, die seit Generationen in Vatikandiensten steht. Eugenios Großvater, Marcantonio Pacelli, war Unterstaatssekretär für die inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates und gründete 1861 den »Osservatore Romano«, das halboffizielle Organ des Vatikans. Marcantonio wurde 1853 in den erblichen Adelsstand erhoben: als Edler von Aquapendente und - seit 1858 - auch von Sant Angelo in Vado.

Eugenios Vater, Filippo Pacelli, war Konsistorial-Advokat im Vatikan; er befand sich in seinem Büro, während zu Hause in seiner Zwölf-Zimmer-Wohnung im vierten Stock der Via degli Orsini 34 am 2. März 1876 sein dritter Sohn zur Welt kam. Der einzige anwesende Mann in der Wohnung war Eugenios Großvater Marcantonio - er erreichte ein Alter von 102 Jahren -, der aufgelöst und begeistert zu seinem Sohn ins Büro rannte, um ihm von der Geburt zu berichten.

Eugenio besuchte zuerst eine Privatschule, danach ein öffentliches, also nicht kirchliches Gymnasium; er entschloß sich aber mit achtzehn Jahren zum Priesterberuf. Das Priesterseminar mußte er allerdings aus gesundheitlichen Gründen schon nach einem Jahr verlassen, er wurde jedoch als Externer geführt. Parallel lief das theologische Studium an der Gregorianischen Universität und am päpstlichen Athenäum S. Apollinare, wo Pacelli zum Doktor der Theologie und des kanonischen Rechts promovierte.

»Ostern 1899 empfing er die Priesterweihe, wiederum gleichsam als Externer, dem eine Sonderstellung eingeräumt wurde. Die stundenlange Feier am Ostersonnabend in der Lateranbasilika glaubte man seiner schwachen Gesundheit nicht zumuten zu dürfen. Eugenio Pacelli erhielt darum die Priesterweihe allein in einer Privatkapelle durch den Patriarchen von Antiochien, einen Bekannten der Familie Pacelli.

Dem begabten Priester und Gelehrten wurde bald eine Dozentur am Apollinare übertragen, später bot ihm sogar Washingtons Universität einen Lehrstuhl für römisches Recht an. Aber Pacelli konnte die Berufung nicht mehr annehmen, weil er inzwischen dem vatikanischen Staatssekretariat zugeteilt worden war.

Unter dem Papst des kleinen Mannes, Pius X., den er vierzig Jahre nach dessen Tod heilig sprechen sollte, erhielt Pacelli, der im Stabe des späteren Kardinalstaatssekretärs Gasparri tätig war, seine erste größere Aufgabe: die Mitarbeit an der Kodifikation des gesamten Kirchenrechts, des Corpus juris canonici. Diese Riesenarbeit wurde erst im Jahre 1917 unter dem »Friedenspapst« Benedikt XV. abgeschlossen, den Pius X. persönlich zum Erzbischof geweiht hatte.

Später ließ Benedikt XV. dem engsten Mitarbeiter seines Kardinalstaatssekretärs Gasparri die gleiche Auszeichnung widerfahren. Er weihte 1917 den Monsignor Pacelli zum Erzbischof. Danach sandte er ihn als Nuntius, also als päpstlichen Botschafter, nach Deutschland, zunächst nach Bayern, da im protestantischen Preußen - in Berlin - noch keine Nuntiatur bestand.

Die Mission des Erzbischofs Pacelli war: Versuch einer Friedensvermittlung beim deutschen Kaiser. Es war völlig klar, daß die Vermittlungsaktion des Vatikans im Jahre 1917 zur Beilegung des Weltkrieges keinerlei reale politische Aussichten besaß; trotzdem war sie von symptomatischer Bedeutung für den Anspruch des Vatikans, fortan als politische Instanz für zwischenstaatliche Angelegenheiten derartigen Umfangs zuständig zu sein.

Seit Pacellis Intervention beim deutschen Kaiser hat sich der Vatikan bei keiner internationalen Frage mehr für unzuständig gehalten, sei es für den Rapallo-, Locarno- oder Kellogg-Pakt, für den Palästina-Konflikt, für München 1938 oder beim Kriegsausbruch 1939.

Bei allen solchen internationalen Angelegenheiten hat der Vatikan mitgesprochen oder sie mindestens kommentiert. Effektiver war die diplomatische Aktivität der römischen Kirche bei der Festlegung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und den Staaten in Konkordaten.

Der Nuntius Pacelli schloß solche Konkordate mit Bayern (1924/25) und später, nachdem er 1925 seinen Sitz in Berlin genommen hatte, auch mit Preußen (1929) ab. Beide Verträge fallen schon unter das an Konkordaten besonders reiche Pontifikat Pius XI., der nach dem Tode Benedikts XV. im Jahre 1922 Papst geworden war. Sein Staatssekretär war jener Kardinal Gasparri, unter dem Monsignor Pacelli einst an der Reform des Kirchenrechts mitgearbeitet hatte.

Als Gasparri 1930, nach dem Abschluß der sogenannten Lateranverträge, die den Status des Vatikanstadt-Staates regelten, im Alter von 78 Jahren zurücktrat, berief Pius XI. dessen Schüler Pacelli als Nachfolger. Der Berliner Nuntius wurde bereits 1929 im Alter von 53 Jahren Kardinal und 1930 Staatssekretär.

Pius XI., als dessen Staatssekretär Eugenio Pacelli von Berlin nach Rom übersiedelte, war von Haus aus Wissenschaftler. Er hatte der berühmten Ambrosianischen Bibliothek in Mailand, später der Vatikanischen Bibliothek vorgestanden und sich als Kirchenhistoriker einen Namen gemacht. Als Papst entfaltete er besondere Aktivität auf dem Gebiet der Missionierung.

Der Organisation dieser Missionsarbeiten galten auch die Reisen, auf die Pius XI. seinen Staatssekretär als päpstlichen Legaten schickte: 1936 in die Vereinigten Staaten von Amerika, die erst 1908 aus der Zuständigkeit der Congregatio de propaganda fide, also aus der Missionierungsbehörde entlassen worden waren; zuvor bereits zum Eucharistischen Kongreß von Buenos Aires und zu einem Besuch nach Rio de Janeiro, sodann nach Lourdes und Lisieux und schließlich, im Jahre 1938, nach Budapest.

Anfang 1939 starb Pius XI. Pacelli schloß, wie im Vatikan üblich, seine Dienstgeschäfte ab, da der Kardinalstaatssekretär beim Tode seines Papstes zurückzutreten hat. Er wollte nach dem Ende des Konklaves in Rorschach am Bodensee einen Erholungsurlaub antreten, wo er während seiner Deutschland-Tätigkeit gewöhnlich seine Ferien verbracht hatte.

Dazu kam es nicht mehr. Das Konklave, die geheime Wahlversammlung der Kardinäle, wählte am 2. März 1939 - am 63. Geburtstage Pacellis - in nur drei Wahlgängen den Kardinal Pacelli zum Papst. Pacelli hatte bereits im zweiten Wahlgang die notwendige Stimmenmehrheit erhalten, bat jedoch unter dem Eindruck der ungewöhnlich raschen Entscheidung um eine dritte Abstimmung. Sie brachte ein in der Geschichte der Päpste seltenes Ergebnis: Einstimmigkeit unter den Wählern. Nur Pacelli hatte für einen anderen gestimmt.

Die Kardinäle hatten eine politische Entscheidung getroffen und, während die Anzeichen der Kriegsgefahr schon überall in Europa aufleuchteten, den ausgewiesen klugen Kirchenpolitiker und erfolgreichen Diplomaten Pacelli auf den Thron gehoben.

Tatsächlich hat aber Eugenio Pacelli als Papst Pius XII. das Gewicht seiner Aktivität nicht so sehr - oder doch nicht nur - auf die diplomatische Ebene gelegt. Eilige Tageshistoriker sind sich heute, wenige Tage nach seinem Tode, uneins darüber, wegen welcher Eigenschaft Pius XII. in der Kirchengeschichte apostrophiert werden wird, ob

- als Diplomat auf dem Petersthron;

- als liturgischer Papst, der den Gottesdienst tiefgreifend reformiert hat;

- als marianischer Papst, der den Marienkult, die Verehrung der Gottesmutter Maria, zu einer in der gesamten Kirchengeschichte nicht bekannten Intensität steigerte.

Zu seinem Nachfolger im Amt des Staatssekretärs ernannte der neugewählte Pius XII. den Kardinal Maglione, aber es war schon vor dessen Tode im Jahre 1944 kaum ein Geheimnis, daß Pius XII. sich die wesentlichen politisch-diplomatischen Entscheidungen mehr noch als manche seiner Vorgänger selbst vorbehielt.

Das trat nach Magliones Tod auch nach außen hin in Erscheinung. Der Posten des Kardinalstaatssekretärs wurde nicht wieder besetzt. Jahrelang teilten sich die Pro-Staatssekretäre Montini und Tardini in die ordentlichen und außerordentlichen Geschäfte, bis Monsignor Montini Erzbischof von Mailand wurde. Auch auf seinem Posten als Pro-Staatssekretär gab es keinen Nachfolger mehr. Pius XII. blieb bis zuletzt sein eigener Staatssekretär, er behielt sich die Verantwortung für die außenpolitischen Aktionen des Vatikans vor.

Der Vorschlag des Papstes Pius XII., der im Jahre 1939 sein Amt angetreten hatte, die Probleme Danzig und polnischer Korridor, Anlässe des Zweiten Weltkrieges, durch friedliche Fünfmächte-Verhandlungen zu lösen, wurde nicht akzeptiert. Während des Krieges verschlechterten sich zudem die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und dem Vatikan, die sich durch das einige Jahre zuvor abgeschlossene Konkordat normalisiert, hatten.

Ein persönlicher Briefwechsel zwischen Pius XII. und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Roosevelt, führte zwar zur inoffiziellen Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Heiligen Stuhl durch die Ernennung eines außerordentlichen Gesandten, aber auch, die Beziehungen zwischen Weißem Haus und Vatikan verschlechterten sich später, als alliierte Flugzeuge im Juli und August 1943 Rom bombardierten. Im Wirrwarr des Krieges in Europa allerdings gewann der Vatikan - er brachte die Palatin-Garde von der üblichen Stärke (150 Mann) auf 2500 Mann - als neutrale Instanz und als Asyl eine neue Bedeutung. Die zahlreichen kirchlichen Gebäude, die über das ganze Stadtgebiet Roms verstreut sind und als exterritorial gelten, dienten vielen Flüchtlingen von beiden sich in der Besetzung ablösenden kriegerischen Parteien als Unterschlupf. Im Vatikan war unter anderem der spätere italienische Ministerpräsident De Gasperi untergetaucht, dort fand bei Kriegsende auch der deutsche Vatikan-Botschafter Freiherr von Weizsäcker Asyl.

Im Jahre 1944, als Mussolini in Norditalien, Badoglio in Süditalien regierte, das Land aber von den Deutschen und den Alliierten an Stelle der beiden machtlosen Separatregierungen beherrscht wurde, zeigte sich in der »offenen Stadt« Rom zum erstenmal seit dem Verlust des Kirchenstaates, daß der Papst wieder als höchste Autorität in Italien angesehen wurde.

Äußerliches Symbol dieser päpstlichen Autorität, die dem Papst aus dem Sturz der Monarchie in Italien erwuchs, war die Publikation eines Photos, das den Kniefall des italienischen Staatspräsidenten Gronchi vor Pius XII. zeigte - diese religiöse Geste war zwar in der Regel stets geübt, aber bei italienischen Staatsoberhäuptern nie publiziert worden.

Mit einiger Energie ging Pius XII. nach Kriegsende daran, die Stellung des Vatikans im Spiel der Weltpolitik zu fixieren Es kam ihm dabei darauf an, die römische Kirche als eine Art dritter Kraft zwischen die beiden Blöcke der Welt zu stellen. Der Natur der Sache entsprechend, mußte die römische Kirche eine Kampfstellung gegen den Kommunismus beziehen, der - ebenso wie die Kirche - Anspruch auf den Glauben seiner Anhänger macht. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war ein Dekret, das Pius im Juli 1949 erließ: Es bedroht alle Katholiken mit der Exkommunikation, die »wissentlich und aus freiem Willen« der kommunistischen Partei beitreten.

Andererseits wünschte der Papst durchaus, den Vatikan sichtbar von den Westmächten zu distanzieren, deren Kolonialpolitik in Afrika, Nah- und Fernost den hitzigen Nationalismus der farbigen Völker provozierte: Im geheimen Konsistorium vorn 18. Februar 1946 wurden zweiunddreißig neue Kardinale ernannt, darunter zum erstenmal mehrere Farbige.

Zu dieser Politik der Distanz von den Kolonialmächten gehört auch, daß Pius XII. in seiner Liturgie-Reform nicht nur die Landessprachen an Stelle des Latein für die Taufhandlung und die Begräbniszeremonien einführte, sondern etwa auch den chinesischen Katholiken erlaubte, die Verehrung ihrer Ahnen durch ihre uralten heidnischen Kultformen zum Ausdruck zu bringen. Auch in den afrikanischen Missionen war deutlich eine gewisse Toleranz in der Haltung gegenüber den Eingeborenenbräuchen festzustellen. Unter Pius XII. wurde eine Entwicklung eingeleitet, die wahrscheinlich in der katholischen Kirche Afrikas nächstens Eingeborenenbräuche zulassen wird: In den vergangenen dreißig Jahren hat sich die Zahl der. Katholiken unter den afrikanischen Eingeborenen verdreifacht. 1955 weihte in Belgisch-Kongo zum erstenmal in der Kirchengeschichte ein eingeborener Bischof einen Weißen zum Priester - ein Ereignis, das in Afrika als eine politische Sensation empfunden und gefeiert wurde.

Nach der Ernennung von 32 neuen Kardinälen im Jahre 1946 setzt sich das Kardinalskollegium, der höchste Senat der Kirche, zu etwa einem Drittel aus den in Rom residierenden, den sogenannten Kurienkardinälen, zu zwei Dritteln aus auswärtigen Kardinälen zusammen, die zumeist Oberhäupter, von Diözesen sind. Auch sie sind gleichsam nur von Rom beurlaubt. Sie dürfen bei ihren Besuchen im Vatikan die Stadt nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Papstes verlassen.

Darin drückt sich noch die alte Stellung der Kardinäle als Mitlenker und -leiter der Kirchenregierung aus. Heute üben diese Funktion eigentlich nur noch die Kurienkardinäle aus, und zwar innerhalb der Kongregationen, die etwa den Ministerien der weltlichen Regierungsform entsprechen.

Unter Pius XII. kam es zuweilen vor, daß der Papst sich weigerte, einen audienzheischenden Kirchenfürsten, wenn er ihm selbst keine Fragen vorzulegen hatte, zu empfangen. Niemals wurde dem Kardinal Jorio eine Audienz abgeschlagen: weil er niemals um eine Audienz nachsuchte. Der 1867 geborene Kurienkardinal opponierte auf solche Art gegen die von Papst Pius XII. praktizierte zentralistische Art der Kirchenleitung. Er wünschte mit manchen, die ihre Ansicht weniger deutlich zum Ausdruck brachten, an der Spitze der Kirche einen vorwiegend geistlichen Führer, einen Seelsorge-Papst.

Als der eigentliche »Zentralisierer« in der jüngeren Kirchengeschichte gilt allerdings Pius X. Durch eine von ihm in Gang gebrachte Reform wurden sämtliche Bischöfe verpflichtet, alle fünf Jahre eingehend Bericht über den Stand ihrer Diözesen zu erstatten, sie müssen einen vom Vatikan erdachten Fragebogen in Rom einreichen. Die europäischen Bischöfe müssen sich in jedem Berichtsjahr zudem persönlich »ad limina Apostolorum« - zu den Gräbern der Apostel - begeben, die außereuropäischen in jedem zweiten Berichtsjahr. Dem Papst Pius XII. kam diese Regelung für die Realisierung seiner politischen Absichten außerordentlich zustatten.

Vornehmlich aber in einer Sache bewies Papst Pius XII. seine Anpassungsfähigkeit und seine richtige Einschätzung der Zeitläufe. Er richtete sich auf eine Erscheinung des modernen Massenzeitalters ein, die weniger von realpolitischer, wohl aber von hoher propagandistischer Bedeutung ist - auf das Publikum.

Niemals in der jüngeren Kirchengeschichte hat ein Papst derart viele Privat-, Sonder- und Generalaudienzen gegeben wie Pius XII. Auch im höheren Alter hat er Woche für Woche bis zu 15 000 Gäste empfangen.

Es war praktisch jedermann - gleich welcher Konfession -, der Rom besuchte, möglich, auf irgendeine Art vom Papst empfangen zu werden; ausgeschlossen wurden nur dezidierte Atheisten und solche Menschen, die nach Auffassung der Kirche im Stande der Sünde leben - etwa in einem nicht legalisierten, eheähnlichen Verhältnis. Pius XII. empfing Delegationen von Bankiers und von Hebammen, denen er bei dieser Gelegenheit den Widerstand der Kirche gegen empfängnisverhütende Mittel erläuterte. Er empfing Juweliere und Straßenbahnschaffner - sie wurden von ihm ermahnt, beim Wechseln großer Geldscheine im überfüllten Wagen nicht ungeduldig zu werden.

Nicht unbedingt mit Billigung konservativer Kreise im Vatikan nahm der Papst Besucher an, die zu anderer Zeit kaum vorgelassen worden wären: Sophia Loren zum Beispiel, Louis Armstrong, Josephine Baker oder die Herzogin von Windsor, geschiedene Mrs. Simpson. Fausto Coppi erbat vom Papst den Segen für den bevorstehenden Versuch, die Weltmeisterschaft zu erringen, und erhielt beides - Segen und Meisterschaft.

An Millionen von Besuchern wurden Münzen verteilt, die auf der einen Seite das Bild des Pontifex, auf der anderen das Pacelli-Wappen tragen und vom Papst geweiht worden waren. In der Nähe des Petersdoms konnten Besucher für gutes Geld ein weißes Käppchen aus Seidenmoiree von der Art erwerben, die der Papst zu tragen pflegte. Für Besucher, die ein solches Käppchen mitbrachten, zog der. Papst sein eigenes im Tausch vom Kopf, derartige Kappenwechsel geschahen oft mehrmals während einer Audienz.

Das Verhalten des Papstes war, wenn schon nicht auf die Gefühle des Kirchenvolkes abgestimmt, so doch jedenfalls oft genau diesen Gefühlen entsprechend. Als während des Krieges die Nahrungsmittel knapp wurden, verbot der Papst, daß im Vatikan Butter verbraucht würde, und er hat bis zu seinem Tode nie wieder Butter verzehrt. Nach einem alliierten Bombenangriff auf Rom begab sich Papst Pius XII. - als erster Papst seit 200 Jahren - unter das römische Volk an die Stätten der Zerstörung.

Bis zu seiner ersten schweren Erkrankung im Jahre 1954 machte Papst Pius XII. allmorgendlich am offenen Fenster eine Viertelstunde lang Freiübungen. Er rasierte sich selbst, elektrisch; seinen ersten Apparat dieser Art hatte er sich 1936 aus den Vereinigten Staaten mitgebracht. Der Papst tippte seine Manuskripte eigenhändig auf einer weißen Schreibmaschine, er legte sich eine Schallplattensammlung zu (hauptsächlich mit Werken von Bach, Wagner und Verdi) und einen Fernsehapparat, er meldete sich selbst am Telephon-Anschluß -Nummer »Vaticano 101« - mit »Pacelli qui« (Hier Pacelli); allerdings sorgten die theologischen Seminaristen, die in der Telephonzentrale arbeiten, dafür, daß nur allerhöchste Würdenträger mit dem Papst verbunden wurden. Als Regel galt, daß nur der Papst anrufe, nicht aber angerufen werden sollte.

Den ersten Telephonapparat, der im Vatikan aufgestellt wurde - er bestand aus massivem Gold und war ein Geschenk für Pius X. -, hat der bäurische Papst des kleinen Mannes, Pius X., nur einmal probeweise benutzt, dann aber niemals wieder, weil er die aus dem altmodischen Gerät dringenden Klirr- und Gurgeltöne nicht verstehen konnte.

Sicher nicht gegen den Geschmack des Publikums ist die auf zahlreichen Photos vorgewiesene Tierliebe des Papstes. Bei seinen Mahlzeiten war er in Gesellschaft von fünf Finken; einen von ihnen - er hört auf den deutschen Namen Gretel - hat der Papst bei einem seiner Spaziergänge gefunden.

Deutscher Herkunft wie der Name des Distelfinks Gretel ist auch die Haushälterin des Papstes, die anekdotenumrankte bayrische Schwester Pasqualina, die Pacelli in der Zeit seiner Nuntiatur kennenlernte und aus Bayern mitbrachte. Auch mehrere Jesuitenpatres, die zum Mißvergnügen einiger Kardinäle als intimste Berater des Papstes gelten, sind Deutsche.

»Als seine intimsten Ratgeber figurieren keineswegs die beiden offiziellen Leiter des päpstlichen Staatssekretariats, die Prosekretäre Montini und Tardini«, schrieb der Journalist Percy Eckstein 1954 in der Schweizer »Weltwoche« und ähnlich in anderen Zeitungen, »sondern drei

schlichte, mit keinerlei hochtönenden Titeln ausgezeichnete Jesuitenpatres, deren Namen der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt sind und die man darum durchaus als die ,grauen Eminenzen' des Vatikans bezeichnen könnte. Und was das Eigentümlichste daran ist: gleich Schwester Pasqualina, die seinen Haushalt betreut, sind auch diese drei Jesuiten allesamt Deutsche.«

Tatsächlich hat man, vor allem in den italienischen Kreisen der Kurie, oft von der »Germanokratie«, einer Deutschenherrschaft in der Umgebung des Papstes gesprochen. Pius XII. teilte die Bewunderung vieler Italiener für die deutsche Ordnungsliebe und Korrektheit. Für den einstigen Münchner und Berliner Nuntius war der praktizierende deutsche Katholik das Musterbild des katholischen Christen überhaupt.

Der deutsche Jesuitenpater Hentrich war bis, zum Tode des Papstes dessen Privatbibliothekar. Von ihm hieß es, daß er bereits zu Lebzeiten Pius XII. das Material für die offizielle Papst-Biographie zusammentrage.

Der Beichtvater des Papstes war der gleichfalls deutsche Jesuitenpater Bea, Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts und Professor für alttestamentliche Exegese und biblische Methodologie.

Wohl der wichtigste dieser deutschen Jesuiten aus der nächsten Umgebung des Papstes aber war der betagte Pater Leiber. Pius XII. hatte ihn in seiner Nuntius-Zeit kennengelernt und seitdem als Mitarbeiter herangezogen. In Rom bekleidete er offiziell das Amt eines Professors für Kirchengeschichte an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Pater Leiber war einer der wenigen Menschen, mit denen sich das Oberhaupt der katholischen Kirche seit Jahrzehnten duzte.

Zur Kirchengeschichte gehören die von Papst Pius vorangetriebene Ordensreform - sie reichte bis zu revolutionären Modernisierungsvorschlägen für die Nonnentracht - und ein Ereignis, für das es seit der Reformation kein Präzedens gibt. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Dibelius, machte 1956 beim Papst Besuch.

Dem protestantischen Bischof wurde diese Audienz von vielen seiner Amtsgenossen sehr verdacht. Bischof Liljes »Sonntagsblatt« drückte »starkes Unbehagen« über die erste Visite eines protestantischen Würdenträgers im Vatikan aus, und Martin Niemöller, der Kirchenpräsident der Hessischen Landeskirche, hielt es für richtig, aus diesem Anlaß sein schon vorher vollzogenes Ausscheiden aus dem zwölfköpfigen EKD -Rat bekanntzugeben.

Dem Protokoll nach hatte der Besuch des Bischofs Dibelius »privaten Charakter«. Der evangelische Würdenträger wurde begleitet von seinem Sohn, dem Oberkirchenrat Dr. Otto Dibelius, dem evangelisch lutherischen Pfarrer von Rom, Hessing, und dem Legationsrat Dr. Lahn von der deutschen Botschaft beim Vatikan.

Lahn sollte dem Bischof lediglich den Weg weisen; er blieb deshalb schon in einem der zahlreichen Vorzimmer zurück. Dr. Otto Dibelius und Pfarrer Hessing begleiteten den Berliner Bischof bis vor das letzte Vorzimmer, wo auch sie zurückblieben. Die Unterhaltung des Bischofs mit dein Papst dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Zwischen der formell-höflichen Einleitung und Verabschiedung können beide also höchstens wenige Minuten miteinander gesprochen haben. Papstsegen für Protestanten

Nach der viertelstündigen Unterredung kamen der Papst und der Bischof Dibelius gemeinsam aus dem Arbeitszimmer Pius XII. heraus. Dibelius stellte dem Papst seinen Sohn und den Pfarrer Hessing vor. Der Papst bemühte sich, den beiden protestantischen Geistlichen sein besonderes Wohlwollen zu demonstrieren und fragte, ob er ihnen den apostolischen Segen geben dürfte. Die beiden Herren wendeten dagegen nichts ein, und so kam es, daß sie - wahrscheinlich als erste evangelische Geistliche - den päpstlichen Segen empfingen.

Am Tage vor der Audienz, einem Sonntag, hatte Dibelius in der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom gepredigt. Dabei hatte er äußerst scharfe Kritik an den Maßnahmen der Sowjetzonen-Regierung geübt und indirekt die katholische Kirche kritisiert, daß sie in Mitteldeutschland zu weich auftrete.

Man sah in dieser Anspielung einen Hinweis auf die Probleme, die Dibelius dein Papst zur Kenntnis bringen wollte. Ein anderes Problem scheint die Frage der Ökumene gewesen zu sein - die ökumenische Bewegung gilt der Annäherung zwischen der katholischen und der protestantischen Konfession. Pius XII., so heißt es, habe sich den Standpunkt des Bischofs freundlich angehört, sich aber reserviert verhalten.

Zwar hat während der Regierungszeit Pius XII. die sogenannte »ökumenische« Bewegung einen starken Aufschwung erlebt. In einer vieldiskutierten »Instruktion« vom 20. Dezember 1949 aber hat die für Glaubens- und Sittenfragen zuständige vatikanische Behörde, die Kongregation des Heiligen Offiziums, genaue Anordnungen für Katholiken zur Frage der interkonfessionellen Bewegung erlassen, die der mit dem Namen »Una Sancta« verbundenen ökumenischen Bewegung sehr enge Grenzen setzten. Unter anderem wurde in jener »Instruktion« der gemeinsame Gottesdienst untersagt.

Auf der Weltkirchenkonferenz 1954 in Evanston, zu der Bischof Dibelius reiste, waren zwar 161 christliche Kirchen vertreten, die insgesamt 200 Millionen Gläubige umfaßten. Die größte Christengemeinschaft aber, die katholische Kirche, entsandte nur Beobachter. Auch im ökumenischen »Weltkirchenrat« ist die katholische Kirche nicht vertreten.

Pius XII. erläuterte in seiner Botschaft zum Deutschen Katholikentag 1948 in Mainz noch einmal den strengen Standpunkt der katholischen Kirche: »Wenn die Kirche unbeugsam ist gegenüber allem, was auch nur den Anschein eines Kompromisses ... mit anderen Bekenntnissen

erweckt, so deshalb, weil es nur einen unfehlbaren. Hort der ganzen Wahrheit gegeben hat und immer geben wird ...« - die katholische Kirche.

Gewiß kaum weniger als solche entschiedenen Äußerungen dürften zwei Bekanntmachungen als Barrieren zwischen einer Annäherung der Konfessionen wirken, die Protestanten und Nichtehristen als eine Demonstration der geistlichen Gewalt des Vatikans über die katholische Christenheit erschienen. Beide Bekanntmachungen betrafen mystische Erlebnisse des Papstes.

Im Jahre 1951 wurde die Öffentlichkeit durch den päpstlichen Legaten Kardinal Tedeschini informiert, Papst Pius XII. habe ein Jahr zuvor bei Spaziergängen durch die vatikanischen Gärten - sie nehmen fast zwei Drittel des Vatikanstaates ein - an mehreren, aufeinanderfolgenden Tagen die Sonne ein Kreuzeszeichen schlagen sehen.

Einige Jahre später, 1955, sah sich die vom Vatikan empfohlene Illustrierte »Oggi« - wie es hieß, durch eine »liebevolle Indiskretion« wahrscheinlich der Schwester Pasqualina - in der Lage, ihren Lesern zu berichten, der Papst habe eine Christus-Vision gehabt. Als der Papst während der Krise in seiner schweren Krankheit November und Dezember 1954 - ein hartnäckiger Schluckauf brachte ihn damals fast ums Leben - für einen Moment allein im Zimmer gewesen sei und das Gebet gesprochen habe »In hora mortis meae voca me. Iube me venire ad Te« - zu Deutsch: »In der Stunde meines Todes rufe mich. Befiehl mir, zu Dir zu kommen« -, habe er an seinem Bett Christus gesehen.

Das Blatt berichtete: »Aber Jesus war nicht gekommen, um ihn (den Papst) zu holen, sondern um ihn zu trösten und, wie wir glauben, ihm die Gewißheit zu geben, daß seine Stunde noch nicht gekommen sei. Der Heilige Vater ist sehr sicher, Jesus gesehen zu haben. Es handelt sich nicht um einen Traum. In jenem Augenblick war er wach und klar bei Verstand. Am folgenden Tage, als sein Zustand hoffnungslos schien, als die Zeitungen der ganzen Welt die bevorstehende Katastrophe

schon vorauszusehen glaubten, stellte sich plötzlich eine Besserung im Krankheitszustand ein, so daß es vielen wie ein Wunder erschien.«

Auch auf wundergläubige Katholiken wirkte dieser Bericht sensationell, unter anderem deswegen, weil von Christus -Visionen - im Gegensatz zu den häufigeren Marien-Visionen - nur selten berichtet wird. Durch eine Christus-Erscheinung wurde Saulus zum Apostel Paulus; vom ersten Papst Petrus wird eine Christus-Vision berichtet; Papst Silvester (314 bis 335) will Christus ebenfalls erblickt haben. Pius XII. ist der dritte Papst in der bald zweitausendjährigen Geschichte der römischen Kirche, der glaubt, Christus begegnet zu sein.

Etwas beklommen bestätigte das Presseamt des Vatikans einige Tage nach der »Oggi«-Veröffentlichung, daß der Papst eineChristus-Vision gehabt habe. Üblicherweise werden nämlich derartige Erlebnisse erst nach dem Tode des Betroffenen und auch erst nach genauer Prüfung durch höchste kirchliche Stellen von einem »Datario"* kundgemacht. Der »Oggi«-Bericht stammte offenbar aus der Feder des italienischen Jesuitenpaters Rotondi, eines Mitarbeiters jenes Paters Lombardi, der sich als »Mikrophon Gottes« fühlt und in Italien mit amerikanischen Publicity-Methoden die »Bewegung für eine bessere Welt« ("Mondo migliore") leitet.

Die Form dieser Bekanntmachung hat auch in kirchlichen Kreisen, nicht zuletzt bei der stets konservativen Kurie, Kritik hervorgerufen. Der »Osservatore Romano«, das halboffizielle Organ des Vatikans, gab bekannt, daß die »Oggi«-Indiskretion vom Papst »weder gewollt noch gebilligt« worden war.

In diesem Kommentar nannte der Jesuitenpater Ambord aber auch Gründe, die für die Veröffentlichung sprachen: »Sie liegen über die Tatsache der Wahrhaftigkeit hinaus wohl in dem für die Welt so notwendigen Bekenntnis zum Geheimnis der Übernatur, dessen sie mehr denn je bedarf. Für die romanischen Länder liegt in einer solchen Enthüllung kein Ärgernis, vielmehr eine (Gelegenheit für) beschwingt-freudige Bewunderung.« Im Widerspruch zu diesen Erläuterungen konnte sich »Oggi« darauf berufen, daß der Bericht über die Visionen vor der Veröffentlichung dem Papst vorgelegen habe.

So groß die »beschwingt-freudige Bewunderung« dieses Ereignisses in den romanischen - also überwiegend katholischen - Ländern immer gewesen sein mag, so reserviert war die Reaktion auf die Bekanntgabe der Vision in der nichtkatholischen Christenheit.

Der evangelisch-lutherische Marburger Theologie-Professor Dr. Ernst Benz kommentierte: »Hält man sich die kirchenpolitische, kirchenrechtliche und dogmatische Intention des offiziellen Berichtes der Papst-Vision vor Augen, so wird klar, daß sich hier eine Tendenz ausspricht, die bereits mit der Verkündung des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit begonnene Erhöhung der Gestalt des Papstes ins Übermenschliche weiterzuentwickeln und ihn zu der charismatischen Zentralfigur der gesamten Christenheit zu erheben.«

Benz erinnerte daran, daß Papst Pius XII. einen seiner Vorgänger, den Papst der Armen, Pius X., bereits 40 Jahre nach dessen Tode heilig gesprochen und durch Dispens die übliche Mindestfrist von 50 Jahren verkürzt habe. Ob die Vermutungen zutreffend sind, durch die Bekanntgabe der Visionen habe für eine Heiligsprechung des Papstes Pius XII. bereits zu dessen Lebzeiten vorgesorgt werden sollen, hängt von der Politik ab, die der Nachfolger des verstorbenen Papstes einschlagen wird.

In jedem Falle stand und steht es Katholiken frei, die Berichte von den Visionen des Papstes zu glauben oder nicht. Keineswegs aber ins Belieben der katholischen Gläubigen gestellt bleibt seit einigen Jahren ein wichtiger Abschnitt aus der Geschichte der Gottesmutter Maria.

Bereits Pius IX. hatte durch die Verkündung des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis Maria den Grundstein für eine Renaissance des mittelalterlichen Marienkults gelegt. Dieses Dogma verpflichtete alle Katholiken zu glauben, daß die Jesusmutter Maria von ihrer Mutter, der heiligen Anna, unbefleckt empfangen worden sei. Unter Pius XII. erreichte diese marianische Bewegung ihren Höhepunkt. Für die Dogmen dieser kirchlichen Bewegung gibt es in der Bibel kein Fundament.

Während der Feierlichkeiten zum Heiligen Jahr 1950 wurde das Dogma von der leibhaftigen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet. Der kirchliche Lehrsatz legte als verbindlich für alle gläubigen Katholiken fest, daß die Jungfrau Maria leibhaftig in den Himmel aufgenommen worden sei, und nicht nur etwa deren Seele.

Der Vatikan, der sich - der Kontinuität seiner Politik sicher - für alle seine Entscheidungen mehr Zeit lassen kann als etwa Regierungen, hatte vor der Verkündung dieses Dogmas langwierige Überlegungen angestellt. Für ihn war die Frage zu entscheiden, ob in einer modernen Zeit - in der das Interesse der Massen etwa von Filmschauspielerinnen oder von der Prinzessin Margaret Rose absorbiert wird - eine Intensivierung des Marienkultes zweckmäßig sei oder ob Rückschläge in

den- protestantischen Ländern befürchtet werden mußten

Bereits am 1. Mai 1946 hatte Pius XII. in einem Rundschreiben alle Bischöfe gefragt, ob sie die Verkündung des Dogmas von der leibhaftigen Aufnahme Mariens in den Himmel für opportun hielten. 1191 Bischöfe, 94 Prozent der Befragten, gaben Antwort, davon 1169 zustimmend. Auch die anderen Kategorien der kirchlichen Ordinarien äußerten sich ähnlich zustimmend, zum Beispiel sprachen sich von 14 Kurien -Kardinälen 13 für das Dogma aus, von 54 Antworten aus den unierten orientalischen Kirchen waren 53 positiv.

Dennoch wurde die Dogmatisierung dieses Teiles der Marienlehre als persönlicher Erfolg Pius XII. gewertet, der allen übernatürlichen, irrationalen Phänomenen inmitten einer rationalisierten Welt größte Bedeutung zumaß und eine genaue Abgrenzung der Kirche gegen die Nichtkatholiken betrieb.

Der Tod des Papstes hat zudem die Vorbereitung für die Verkündung eines weiteren, einschneidenden Marien-Dogmas unterbrochen, über dessen Inhalt italienische Zeitungen vom Vatikan bereits informiert worden waren. Dieses Dogma sollte besagen, daß der Gottesmutter Maria eine Mittlerrolle am Erlösungswerk Christi zukomme, das heißt, daß ohne die Vermittlung der Madonna auch bei deren Sohn Christus eine Erlösung von menschlichen Sünden nicht erreichbar sei. Über die Zweckmäßigkeit, ein solches Dogma zu verkünden, war jedoch noch keine Einigkeit erzielt worden.

Ihrer Natur nach hat Papst Pius jene letzte Bestätigung dafür nicht mehr erleben können, daß seine Kirchenpolitik wirksam war: die Massentrauer eines Millionenpubliklums, die in so demonstrativer Form noch nie beim Tode eines Papstes spürbar geworden ist.

Papst Pius XII. hatte richtig erkannt, daß sich die Menge der Gläubigen, von den Fortschritten der Technik bereits gelangweilt, von den Zerstörungswaffen erschreckt, nach mystischen Erlebnissen sehnt; er hatte erkannt, daß Glaube durch das für die Vernunft Unzumutbare nicht beeinträchtigt, sondern recht eigentlich provoziert wird. Papst Pius hatte zudem nie versäumt, zu den weltpolitischen Problemen dieser Jahre Erklärungen abzugeben. Er hatte sich gegen die Wehrdienstverweigerung ausgesprochen, aber »Zehn Gebote für den Frieden« erlassen. Er hatte die Großmächte aufgefordert, die Kernwaffenversuche einzustellen, hatte aber auch die Ausrüstung westlicher Armeen mit Kernwaffen ausdrücklich bejaht.

Durch solche aktuellen Kommentare wurde der Papst, dessen aristokratenhafte Statur und dessen ausdrucksstarker Kopf ihre Wirkung ohnehin nicht verfehlten, im Bewußtsein der Weltöffentlichkeit zu einer Figur, der auch Konfessions-Gegner die Reverenz nicht vorenthielten. »Durch die Förderung der Marienverehrung durch diesen Papst ist der Graben zwischen den Kirchen nicht unerheblich verbreitert und vertieft worden«, kommentierte der evangelisch-lutherische Kirchenpräsident Niemöller. »Und doch sind wir Papst Plus über seinen Tod hinaus tief dankbar ... Pius XII. hat mit seinem Leben nicht nur seiner Kirche, er hat auch unserem Volke, er hat auch der Menschheit gedient, und das soll ihm unvergessen bleiben.«

* Von »papa«, lateinisch Vater; den Namen Papst nahm zum erstenmal Siricius (384-399) an; Gregor VII. (1073-1095) schränkte diese Bezeichnung ausschließlich auf den Bischof von Rom ein.

* wörtlich: »Datierer«, ein Würdenträger im Kardinalsrang, der die Bekanntgabe wichtiger kirchlicher Ereignisse bestimmt.

Pius XII. im »Heiligen Jahr« 1950: »Schläfst du, Eugenio?«

Papst, Gäste Gracia Patricia, Rainier: Das Publikum ist ...

... propagandistisch bedeutend: Papst, Gäste Adenauer, Libeth Werhahn

Pius IX.

1846 - 1878

Unfehlbarkeitspapst

LEO XIII.

1878 - 1903

Sozialpapst

Pius X.

1903 - 1914

Seelsorgepapst

BENEDIKT XV.

1914 - 1922

Friedenspapst

Pius XI.

1922 - 1939

Gelehrter

Pius XII., Radrennfahrer: 15 000 Gäste in einer Woche

Nuntius Pacelli bei der Abfahrt aus Berlin (1929): Germanokratie im Vatikan

Papst-Geburtszimmer (Kreis)

Die Sonne schlug das Kreuz ...

Sechsjähriger Pacelli (1882)

... und Christus trat ans Bett

Papstsegen für Wachsmedaillen*: Keine Ökumene

Haushälterin Pasqualina: Die Welt bedarf ...

Tierfreund Pius XII.

... mystischer Erlebnisse

* Sogenannte Agnus-Dei-Lämmer.

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