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KUBA »Hier sind wir glücklich«

Ergriffene Menschenmassen begleiteten die letzte Fahrt des Nationalheiligen Ché Guevara, auf den sich heute Veteranen wie Reformer berufen.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Sergej Eisenstein, Moskaus weltberühmter Revolutionsfilmer, hätte es nicht wirkungsvoller inszenieren können: Unter azurblauem Himmel und gleißender Sonne, nur ab und an beschattet von einer der weißen Wolkeninseln, rollte eine schier endlose Kolonne über die staubige Straße.

Vorneweg zwei grellgrüne Kraftradgespanne, die in frühen sowjetischen Agitprop-Filmen zeitgemäß ausgesehen hätten; auf ihnen je drei entschlossen blickende Männer und sechs im Fahrtwind knatternde kubanische Flaggen. Dahinter Polizei und ein Lautsprecherwagen, aus dem eine heisere Stimme gnadenlos die Revolution pries und die Untaten des »US-Imperialismus« verdammte.

Darauf folgte ein Lindwurm klappriger Busse, verbeulter Lastwagen und uralter Traktoren, die verrostete, mit provisorisch eingezogenen Sitzbänken vom Ernte- auf den Personentransport umgerüstete Anhänger zogen - »auf nach Santa Clara«, um jenem Revolutionshelden die letzte Ehre zu erweisen, der auf der Zuckerinsel wie ein Heiliger verehrt wird: Ernesto Guevara de la Serna, der sich am liebsten »Ché«, Kumpel, nennen ließ.

Über 300 Kilometer säumten Menschenketten die Straßen, auf denen der legendäre Comandante am 2. Januar 1959 gegen die Hauptstadt Havanna vorgerückt war. Chés letzter Triumphzug folgte den Spuren seines ersten in genau umgekehrter Richtung, bis nach Santa Clara, wo die 8. Kolonne des Revolutionärs die entscheidende Schlacht gegen das letzte Aufgebot des Diktators Fulgencio Batista gewonnen hatte.

Diesmal begleiteten El Ché nur die Gebeine von sechs »Compañeros«, die mit ihrem Führer im Oktober 1967 getötet und neben der Piste eines kleinen Flugplatzes im bolivianischen Vallegrande verscharrt worden waren. Höchstpersönlich hatte der Máximo Líder gleich nach dem »historischen« 5. Kongreß seiner Kommunistischen Partei in der Nacht zum Samstag vorletzter Woche die erste Totenwache übernommen. Dann zogen rund eine Viertelmillion Kubaner - von morgens um sieben bis Mitternacht - vorbei an den sieben flaggengeschmückten Särgen, die im Museum José Martí aufgestellt waren.

Am Donnerstag verneigte sich auch eine Deutsche: Nadja Bunke, die Mutter von Tamara, die unter dem Decknamen Tania ihren Gefährten Ché auf seinem letzten Marsch durch Boliviens Berge begleitet hatte, ehe sie vom Haupttrupp getrennt und erschossen wurde.

Zusammen mit Präsident Castro war sie Zeugin, als die sieben übergeführten Revolutionäre am vergangenen Freitag zu Füßen der Ché-Statue am Stadtrand von Santa Clara in einem eigens dafür geschaffenen Mausoleum beigesetzt wurden. »Danke Ché«, sagte Kampfgefährte Castro, »daß du zurückgekommen bist, uns zu helfen in diesen schweren Zeiten.«

Die Verehrung Chés, der 1965 alle Ämter niederlegte und seine kubanische Staatsangehörigkeit aufgab, um die Revolution weiter in die Dritte Welt hineinzutragen, ist nicht nur verordnet. Neben den geschlossenen Formationen der jungen Pioniere und den Belegschaften ganzer Betriebe hatten sich unzählige Menschen aus eigenem Antrieb eingefunden.

In der »speziellen Periode«, der Krise, die Kuba seit dem Zusammenbruch der ehemaligen Schutzmacht Sowjetunion durchlebe, sei »die Präsenz Chés, seiner Ideen und Werte vielleicht so wichtig wie nie zuvor«, meinte ein Veteran.

Doch auch Kritiker des Regimes beanspruchen den Heiligen der Revolution für ihre Zwecke: Der ehemalige Industrieminister Ché würde heute für die Öffnung der Wirtschaft, für mehr private Freiheit und weniger Repression« eintreten.

Zeugnisse des Scheiterns standen überall am Weg, rostige Investitionsruinen einer fehlgeschlagenen Industrialisierungspolitik. Ché selbst hatte noch den Direktor des Staatsunternehmens Inpud eingesetzt, der heute unter erbärmlichen Bedingungen vom Gasherd bis zum Plastikeimer vieles, aber keineswegs genug von dem produziert, was seinen Landsleuten fehlt.

Und was hätte Ché wohl mit dem Leiter der von ihm gegründeten Empresa Planta Mechánica in Santa Clara gemacht? Der führte eine Besuchergruppe in eine menschenleere Montagehalle und dann zu einer abbruchreifen Gußschleiferei, in der nur ein Zyniker in großen Lettern an die Wand gepinselt haben konnte: »Wir schaffen, weil das Schöne gut ist« - gleich neben die Ché-Worte »Effektivität«, »Produktivität« und »Disziplin«. Und nichts symbolisiert die Niederlage der Revolution sinnfälliger als die neue Zweiteilung der Gesellschaft in Dollarbesitzer und Habenichtse.

»Somos felices aquí« - hier sind wir glücklich - prangt über einer Bushaltestelle in der Zona Industrial von Santa Clara, gleich gegenüber einer Anlage, die Funktionäre als »Betonfabrik« beschrieben.

Es wäre wohl das einzige Betonwerk der Welt, das von einer zehn Meter hohen Betonmauer eingefriedet ist, mit Wachttürmen und Kameras gespickt.

Die Vermutung, das sehe doch aus wie ein Arbeitslager, bestätigt der Staatsaufseher mit der spaßig gemeinten Antwort: »Da kommt ihr auch gleich hin, wenn ihr weiter solche Bemerkungen macht.«

Wenn das El Ché wüßte.

v. Ilsemann
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