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»Hier stinkt's, und brodeln tut's auch«

»Tuwat« und Vertreter der »Bürgeraktion gegen Chaos« über Gewalt in West-Berlin
aus DER SPIEGEL 37/1981

SPIEGEL: Die Veranstalter von »Tuwat« haben großspurig 50 000 Sympathisanten aus aller Welt angekündigt, die Berlin aufmischen und zum »Stinken und Brodeln« bringen sollen. Gekommen sind knapp 2000. Das städtische Klima ist so schlecht wie sonst auch, aber im Moment jedenfalls nicht schlechter. Die Gegengründung »Bürgeraktion gegen Chaos« war auch nicht gerade bescheiden; sie hat sich gleich zum Sprachrohr der schweigenden Mehrheit von 900 000 Berlinern erklärt. Gegründet worden ist sie in einem Kneipen-Hinterzimmer, ohne daß die ordnungsliebenden Massen auch nur Notiz davon genommen hätten.

BÜRGERAKTION: Sie können sich ruhig belustigen, das gehört ja zu Ihrem Stil. Unsere Position ist klar: Wir nehmen uns die Freiheit und das Recht, gegen Gewalt und Terror in dieser Stadt zu sein und unsere Meinung dazu zu sagen.

Es besteht doch die Gefahr, daß Bürger, die betroffen sind durch eingeschmissene Scheiben oder in eine Demo hineingeraten und Verletzungen erleiden, daß die mal sagen: Jetzt haue ich aber zurück. Das wollen wir nicht, und nach dem, was wir jetzt gelesen haben, will die »Tuwat«-Szene das auch nicht. Wenn wir darüber einig werden, sind wir alle ein Stück weiter.

TUWAT: Zu Ihrer Eingangsfrage: Wir brauchen diese Stadt nicht aufzumischen, hier stinkt''s auch so schon ganz erbärmlich, und brodeln tut''s auch. An dieser Bürgeraktion macht mich so bedenklich, daß Innensenator Lummer da erst teilnehmen wollte und ganz kurzfristig aus sicherheitspolitischen Bedenken abgesagt hat. Hier ergreift ein Innensenator eindeutig Partei für eine Aktion, die vorgibt, sich selbst gegen das Chaos zu richten. Nur: Welches Chaos meinen die und Lummer denn?

BÜRGERAKTION: Das von Ihnen oder Ihren Gesinnungsgenossen angerichtete.

TUWAT: Ach, und wo waren Sie, als die ganze Sanierungsscheiße hier in Berlin ablief, mit Gewalt gegen Menschen und Sachen, und als keine legalen Methoden ausreichten, dieses Problem öffentlich zu machen? Wir mußten doch erst Häuser besetzen, und das letzte Argument, was wir hatten, waren diese Steine, und -- traurig genug -erst die schafften Öffentlichkeit.

BÜRGERAKTION: Sie sollen ja Ihre Meinung sagen. Aber Sie können doch nicht andere durch Gewaltanwendung in ihrer persönlichen Freiheit beeinträchtigen, um Ihre politische Meinung durchzusetzen.

TUWAT: Verweisen Sie uns doch nicht immer von oben herab auf den legalen Weg. Wir haben ihn oft und erfolglos probiert.

BÜRGERAKTION: Der neue CDU-Senat versucht, mit Ihnen vernünftig ins Gespräch zu kommen. Nur, Sie sind ja gar nicht bereit zu sprechen.

TUWAT: Das stimmt so nicht. Wir hatten schon oft die Voraussetzungen für Gespräche genannt: Freilassung der inhaftierten Hausbesetzer, Einstellung der 6000 Strafverfahren. Denn wir wollen gemeinsam reden.

BÜRGERAKTION: Natürlich stimmt''s. Sie wollen Ihren Unmut weiter auf die Straße tragen nach dem Motto: »Die Straße gehört uns«, und wir mit dieser Bürgeraktion kommen 48 Jahre zu spät -- das haben Sie uns doch auf einer Postkarte geschrieben. Es geht längst nicht mehr um Hausbesetzungen, sondern um viel mehr. Lassen Sie doch die Katze aus dem Sack.

TUWAT: Klar geht''s um mehr, aber unter anderem auch um ein menschenwürdiges Sanierungskonzept. Und dieser von Ihnen angepriesene Senat hat angefangen mit Räumungen, ohne daß ein Konzept vorliegt. Unser Rat: Er soll sich erst mal um die über 600 noch leerstehenden Häuser kümmern und nicht um die 160 besetzten, das heißt, bewohnten Häuser.

BÜRGERAKTION: Die CDU hat sehr wohl ein Konzept vorgelegt, das in allen Teilen der Bevölkerung Anerkennung gefunden hat.

TUWAT: Konkret?

BÜRGERAKTION: Ich kann Ihnen das im einzelnen nicht sagen. Es ist doch Ihre Sache ...

TUWAT: Ja, wir haben uns sachkundig gemacht im jahrelangen legalen Kampf gegen diese menschenverachtende Sanierungspolitik. Deshalb verstehen wir auch die Gewalt im Gegensatz zu Ihnen, die Sie nicht mal über ihre Ursachen Bescheid wissen. Klar, Sie regen sich darüber auf, wenn bei Banken und Kaufhäusern die Scheiben klirren. Da können wir nur sagen: Genau diese Banken und Kaufhäuser verdienen an dieser unmenschlichen Sanierungspolitik. Aber da kommt von Ihnen kein Wort des Protestes.

BÜRGERAKTION: Das sind doch Phrasen. Wenn Sie ein Haus besetzen, ist das keine politische Aktion, sondern eine zur Erlangung eines wirtschaftlichen Vorteils. Sie tun prinzipiell nichts anderes als das, was Sie den Banken vorwerfen: Sie bereichern sich am Eigentum anderer.

TUWAT: Wo bereichern wir uns denn, wenn unsere Leute Häuser besetzen, mit ihren eigenen Mitteln diese Häuser instand setzen, mit ihrer eigenen unbezahlten Arbeitskraft und immer mit der Ungewißheit: Fliegen wir raus oder nicht.

BÜRGERAKTION: Aber trotzdem gibt es keine Rechtfertigung zu sagen: S.115 Wenn legale Mittel nichts bringen, dann wenden wir eben Gewalt an. Gegen diese Gewalt wehren wir uns.

TUWAT: Was für eine Gewalt ist das denn, wenn man ein leerstehendes Haus besetzt?

BÜRGERAKTION: Herr Peter, Nachnamen haben Sie ja keinen, Sie sind geschult, das merkt man Ihnen an.

TUWAT: Ach, was soll denn das schon wieder?

BÜRGERAKTION: Sie versuchen sehr geschickt, Ihre Aktion Hausbesetzungen vorzuschieben und von unserem eigentlichen Anliegen abzulenken. Das heißt: Chaos auf den Straßen. Wir haben uns nicht gegründet unter dem Motto: Gegen besetzte Häuser, sondern gegen das Chaos auf unseren Straßen. Das muß hier erörtert werden.

TUWAT: Sehr gern. Wir hatten allein gestern 50 bis 60 zum Teil schwerverletzte Leute nach dieser Schlacht am Kurfürstendamm, nach der Friedens-Demo. Davon waren mindestens die Hälfte unbeteiligte Passanten, und alle sind von der Polizei zusammengeprügelt worden.

Und noch etwas: Da haben uns ältere Leute ganz aufgeregt erzählt, ein paar Typen hätten gerade eine Scheibe eingeschmissen und wären dann verhaftet worden. Wir haben uns die Leute zeigen lassen -- das waren eindeutig Zivis, Zivilbeamte. Die saßen in einem grünen VW-Bus mit dem Kennzeichen B - CW 716 und einem grünen Ford-Taunus mit dem Zeichen B - RN 522 und hatten schwarze und grüne Helme mit Alternativ-Plaketten auf. Wir haben dafür Zeugen, und wir wissen seit langem, daß die Polizei Provokateure schickt, um solche Straßenschlachten zu inszenieren.

BÜRGERAKTION: Wahrscheinlich haben die Polizisten zusammen mit den betroffenen Bürgern -- jetzt werde ich polemisch -- die Scheiben immer selbst eingeschmissen.

TUWAT: Das behauptet doch überhaupt niemand.

BÜRGERAKTION: Die haben ihre Autos selbst angezündet ...

TUWAT: ... Quatsch, niemand sagt, daß Bürger ihre Scheiben selber eingeschlagen haben. Aber Sie können doch nicht sagen, daß alle Leute, die zur Zeit in Untersuchungshaft sitzen, oder alle 6000, gegen die zur Zeit Strafverfahren laufen, daß die kriminelle Handlungen begangen haben. Und noch eines: Scheiben von Kleingewerbetreibenden einzuschmeißen, das finden wir auch beschissen. Denn die sind ja von dieser verfehlten Politik betroffen.

BÜRGERAKTION: Würden Sie mir einräumen, daß ich bei der nächsten Demonstration an Ihrer Seite mitmarschiere, damit ich mir vor Ort eine Meinung bilden kann, wer zuerst losschlägt, provoziert?

TUWAT: Natürlich. Sie können auf jede Demonstration gehen. Wenn ich dabei bin, können Sie sogar mit mir laufen.

BÜRGERAKTION: Wir werden ja sehen. Aber wir bleiben dabei, unser Staat muß sein Gewaltmonopol energischer ausüben. Die Polizei muß in der Lage sein, aus einer 16 000 Mann starken Demonstration wie der für den Frieden 200 Krawallmacher herauszufiltern. Es muß endlich aufhören, daß immer wieder ein paar Chaoten in der Lage sind, Gewalt auf der Straße gegen anständige Bürger anzuwenden, sonst geht diese Stadt durch Sie kaputt.

TUWAT: Durch uns? Haben wir Berlin kaputtgemacht oder Kreuzberg, oder war es nicht diese Handvoll Spekulanten mit der Unterstützung des Senats? Sie regen sich über eingeworfene Scheiben auf, aber sie reden kein Wort über die durch diese Politik vernichteten Existenzen dieser Stadt.

BÜRGERAKTION: Jawohl, wir regen uns über jede Fensterscheibe auf, die zerdeppert wird, und ich frage Sie jetzt ganz konkret, sind Sie bereit, mitzuhelfen, daß diese Krawalle unterbleiben, ja oder nein?

TUWAT: Wir wären froh, wenn diese Steinwürfe überflüssig würden, indem die Ursachen dieser Gewalt beseitigt werden. Wie können wir uns von Gewalt distanzieren, wenn wir sehen, wie unsere Leute hineingetrieben wurden. Meinen Sie, man ist zum Steinewerfer geboren?

BÜRGERAKTION: Sie sind nicht dazu geboren, aber Sie sind dazu erzogen worden.

TUWAT: Von meinen Eltern zum Steineschmeißen?

BÜRGERAKTION: Wir glauben, daß sich hinter der Besetzerszene Leute verbergen, die ganz massive Angriffe auf die demokratische Grundordnung unseres Staates vorhaben.

TUWAT: Sind''s die Kommunisten? Wenn ja, welche? Oder ist es etwa, wie von der IG Metall und Herrn Lummer vorgeworfen, faschistoides Gesindel?

BÜRGERAKTION: Solche wie Sie. Diese Krawalle können einfach nicht mehr nur zum Ziel haben, auf einen Mißstand aufmerksam zu machen. Das kann nur noch eines bedeuten: den Umsturz herbeizuführen.

TUWAT: Sagen Sie doch, wer steht denn hinter uns?

BÜRGERAKTION: Warum soll ich es Ihnen sagen. Sie wissen''s doch selber viel besser.

TUWAT: Nein, leider nicht. Allerdings, wir haben natürlich jemand drin in Ihrer sogenannten Bürgeraktion. Und wir wissen jedenfalls: Faschistoide Gewalttypen sind das nicht. Wir sind da sehr genau informiert. Sie haben nicht alle von uns enttarnen können.

BÜRGERAKTION: Wir haben überhaupt keine enttarnt.

TUWAT: Und weil wir Leute bei Ihnen drin haben, wissen wir, daß von Ihnen Gegengewalt nicht zu befürchten ist.

BÜRGERAKTION: Dann sind wir uns ja einig. Sonst wären Sie wahrscheinlich auch schon mit Ihren Schlägertrupps gekommen.

TUWAT: Nee, nee, das haben wir bewußt nicht gemacht, Schlägertrupps haben wir auch gar nicht. Und schließlich wollen wir ja auch keine Gewalt. Aber wir werden uns wehren, wenn man uns mit Gewalt unsere Lebenszusammenhänge zerstören will.

S.114"Bürgeraktions«-Vertreter Bernhard Weidner (2. v. 1.),"Tuwat«-Vertreter (mit dem Rücken zur Kamera), Redakteure WolfgangBayer (1.), Jörg R. Mettke.*S.115Am 1. September.*

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