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KRIEGSVERBRECHER Hier wohnt der Verräter

aus DER SPIEGEL 41/1952

Die bürgerlichen Parteien der ostfriesischen Stadt Aurich haben dem ambulanten Fischhändler Wilhelm Heidepeter keinen Dank dafür gewußt, daß er ihnen zu einem extra prima Argument für die Wahlkämpfe zu den niedersächsischen Gemeindewahlen am 9. November verholfen hat.

Fischhändler Wilhelm Heidepeter hat den ehemaligen Obergefreiten Wilhelm Kappe aus Wilhelmshaven, der aus britischer Haft in Werl entflohen war, der Polizei angezeigt. Und das, obgleich er nicht nur ambulanter Fischhändler, sondern auch Vorsitzender der siebenköpfigen Fraktion der Sozialdemokratischen Partei in Aurichs neunzehnköpfigem Stadtparlament ist.

Bei den niedersächsischen Landtagswahlen unterlag der Auricher Kandidat der Dorls-Remerschen »Sozialistischen Reichspartei«, Trauernicht, dem sozialdemokratischen Kandidaten Knippert nur knapp um 60 Stimmen. Die SRP hat sich inzwischen aufgelöst. So bot die Tatsache, daß Fischhändler und SPD-Vorsitzender Wilhelm Heidepeter einen entflohenen »Kriegsverbrecher« anzeigte, ungeahnten Stoff für Aurichs bürgerliche Parteien, sich mit nationalen Tönen die freiwerdenden SRP-Stimmen für die Zukunft zu sichern.

Als Emmi Zagkowski, Haushälterin Wilhelm Heidepeters, am Donnerstag voriger Woche auf dem Wochenmarkt in Aurich erschien, um den Fischstand Heidepeters in dessen Abwesenheit aufzustellen, erhoben sich drohende Friesenfäuste: »Den kannst wer affbowen« ("Den kannst du wieder abbauen").

Am Mittwoch schon hatte sich Heidepeter darüber gewundert, daß so viele Marktbesucher vor seinem Stand stehenblieben. Aber sie wollten keine Fische kaufen, sondern spuckten nur verächtlich auf das Kopfsteinpflaster und zischten: »Wollen nur mal sehen, wie eigentlich ein Lump aussieht.«

Mittwoch abends aber, während einer Stadtratssitzung, erhob sich Aurichs Bürgermeister, der Tabakhändler Gerd von Schleusen, und erklärte für die Fraktionen der CDU und FDP: »Ein führendes Mitglied des Stadtrates hat sich eines Verrates an einem deutschen Menschen schuldig

gemacht.« Beide Fraktionen würden so lange nicht mehr mit der SPD-Fraktion verhandeln, »wie sie den Stadtrat Heidepeter in ihren Reihen duldet«.

Fraktionsvorsitzender Heidepeter marschierte aber zu der Zeit schon nicht mehr in den Reihen der SPD mit.

Auch die SPD hatte erkannt, was ihr solch ein Mann schaden könnte, sechs Wochen vor den Wahlen. Sämtliche SPD-Senatoren distanzierten sich durch ihre Unterschrift von dem »unerhörten Verhalten« Heidepeters. SPD-Senator Hermann von Emden posaunte, daß Heidepeter aus sämtlichen Ämtern gejagt worden sei.

Heidepeter selbst nahm an dieser Sitzung schon nicht mehr teil. Eine Anzahl handfester Zuhörer hatte nämlich gedroht, beim Erscheinen Heidepeters »das weitere zu besorgen«.

Als er nicht kam und auch nirgendwo sonst aufzutreiben war, wurde an seiner Wohnung in Aurich, Breiter Weg 14, unter Volksgejohle ein Transparent angebracht mit der Aufschrift: »Hier wohnt der Verräter Heidepeter.«

Und das alles, weil Fischhändler Heidepeter am Montag, dem 29. September, »den Mörder« angezeigt hatte. Der »Mörder« war der ehemalige Obergefreite Wilhelm Kappe aus Wilhelmshaven. Kappe hatte am 10. Oktober 1944 in einem Arbeitslager einen Russen erschossen, den er als wacheschiebender Obergefreiter bei einem Verpflegungsdiebstahl ertappt hatte. Der Russe war ihm zuerst mit einer Eisenstange zu Leibe gerückt. Kappe hatte, wenn das stimmte, in Notwehr gehandelt und war deswegen auch von einem deutschen Gericht freigesprochen worden. Im Jahre 1948 verurteilte ihn jedoch ein britisches Militärgericht im Hamburger Curio-Haus zu lebenslänglichem Zuchthaus als »Kriegsverbrecher«. Später wurde die Strafe auf 21 Jahre herabgesetzt.

Dieser Kappe war also zusammen mit dem gleichfalls wegen »Kriegsverbrechen«

verurteilten ehemaligen Feldwebel Hans Kühn aus der britischen Verwahrung in Werl ausgerückt und strampelte an jenem Montag auf einem geliehenen Fahrrad durch Aurich.

Zufällig traf er einen alten Kriegskameraden auf der Straße. Es war der Autovermieter Friedrich Ballin. Kappe erzählte ihm seine Leidensgeschichte.

Das Gespräch war gegen 15.30 Uhr. Kurze Zeit darauf begegnete Ballin auf dem Markt dem Fischhändler Heidepeter, der seinen Stand schon eingepackt hatte. Bei diesem Anlaß fiel das Wort »Mörder«.

Heidepeter war sofort davon fasziniert. Er hatte ohnehin etwas davon gelesen, daß ein Mörder gesucht wurde. Wegen Mordes gesucht wurde aber zu der Zeit in Aurich nur ein Däne namens Peter Larsen, der aus dem Gefängnis Nyborg entsprungen war.

Heidepeter brachte nun den »Verbrecher« Larsen mit dem »Kriegsverbrecher« Kappe durcheinander und hatte dementsprechend nichts Eiligeres zu tun, als zu dem erstbesten Polizisten, den er gerade auf dem Markt herumstehen sah, hinzulaufen und etwas von »dem Mörder« zu stammeln. Der Beamte heißt Meier. Meier gab die Heidepetersche Anzeige auch gleich weiter.

So kam es, daß die Auricher Polizeibeamten von einer Abschiedsfeier in Brems Garten in der Kirchdorfstraße geholt werden mußten, um nach dem »Mörder« zu fahnden.

Durch Rückfrage bei Ballin hatte sich inzwischen herausgestellt, daß es sich bei dem Entsprungenen nicht um Larsen, sondern um Kappe handeln mußte. Und zwar war bei der Auricher Kripodienststelle bereits ein auf Kappe lautendes Fahndungsfernschreiben von einer Kripostelle in Arnsberg in Westfalen eingegangen, zu deren Bereich das Zuchthaus Werl gehört.

»Ob es rechtens war, daß deutsche Dienststellen nach einem Häftling, der aus englischem Gewahrsam entflohen war, fahndeten, das mußte schon in Arnsberg entschieden werden«, bemerkt Aurichs Kripochef Reeder zu einschlägigen Vorwürfen. (Reeder ist der Mann, der seinerzeit Sprengstoffattentäter Halacz zum Geständnis brachte.) »Dem kleinen Beamten in Aurich stand es jedenfalls nicht zu, einen rechtlichen Unterschied zwischen Verbrechen und Kriegsverbrechen zu machen.«

Vier solche kleinen Beamten fuhren jedenfalls an dem Montag, an dem Heidepeter seine Anzeige gemacht hatte, in einem Dienstvolkswagen von Aurich in Richtung des ostfriesischen Küstenstädtchens Norden. Es waren die beiden Kriminalbeamten Mull und Jacobs, der Polizist Meier und der Fahrer des VW. Da sich aber nur je zwei von ihnen genauer kannten, blieb ihnen nichts übrig, als Kappe zu finden. Und zwar fanden sie ihn kurz vor dem Ort Nadörst.

Kappes Selbstmordabsichten beschwichtigten die Beamten, die zumindest moralisch einen Unterschied zwischen »Verbrechen« und »Kriegsverbrechen« machten, dadurch, daß sie ihm Äpfel und Zigaretten zusteckten, solange Kappe im Polizeigewahrsam in Aurich, Schloßplatz Nr. 9, saß. Jacobs schrieb sogar einen netten Brief an Kappes Frau.

Schon am nächsten Abend gegen 19 Uhr aber erschienen zwei Beamte des Zuchthauses Werl samt einem britischen Offizier in Aurich, um den entsprungenen Kappe wieder einzuholen. Kappe, der sich gerade im Zimmer des Wachtmeisters Lammers befand, sah das Unheil herannahen.

Da es der Zufall wollte, daß Lammers gerade nach nebenan mußte, wie er sagt, um etwas Konzeptpaier zur Aufnahme des Protokolls von dort zu holen, und daß das Fenster außerdem nur lose verriegelt war, so wagte Kappe den Sprung in die Freiheit, drei Meter tief in den Hof. Der britische Offizier äußerte sich hinterher anerkennend, daß dabei nicht ein einziger von den Blumentöpfen, die auf der Fensterbank standen, heruntergefallen sei.

Und so gibt es heute nun nicht nur den verschwundenen Kappe, sondern auch den verschwundenen Heidepeter, der sich nach der Demonstration vor seinem Haus aus Furcht vor der Wut des Volkes über seinen Verrat zunächst nicht mehr sehen ließ.

Um nationale Argumente im Kampf um die heimatlosen SRP-Stimmen brauchen die Auricher Parteiredner im gerade anlaufenden Wahlkampf nicht verlegen zu sein.

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