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DÄNEMARK Hier wurde ich angekurbelt

aus DER SPIEGEL 38/1950

In Dänemark bleibt alles beim alten. Hans Hedtoft regiert weiter, obwohl es ihm nicht gelang, eine neue Regierung zu bilden. Der wichtigste unter den denkbaren Koalitionspartnern, die Liberale Bauernpartei »Venstre«, verschloß sich dem sozialdemokratischen Parteiführer. So wird die SP-Minderheitsregierung (59 von 149 Abgeordnetensitzen) unverändert weiter Dänemarks Geschicke lenken.

»Hans Hedtoft begeht Harakiri«, schrieben voreilig die Opposititionsblätter nach der überraschenden Parlamentsauflösung in der Nacht vom 8. zum 9. August (siehe SPIEGEL Nr. 33). Hedtoft dachte gar nicht daran, sich selbst umzubringen. Er ist ein schlauer Fuchs. Er wußte, daß die Wahlen über kurz oder lang kommen mußten, und die Mißstimmung über die happigen neuen Steuerentwürfe schien ihm eine günstige Gelegenheit zu sein, die Entscheidung zu erzwingen. So rechnete er kühl, und er rechnete richtig.

»Haltestelle Hedtoft. Alles aussteigen zum Staatsminister«, ruft der Schaffner auf Linie 2 in Kopenhagens Vorort Bronshoej. Hans Hedtoft setzt nicht nur zu seinem Leidwesen Fett an, er wird auch populär. Er wohnt in einer roten Villa in der Fuglsangs Allee. Aber es hat keinen Sinn, ihn unter der Telefonnummer Bella 4305 anzurufen. Er hat jetzt eine Geheim-Nummer, seit die schlechte Angewohnheit eingerissen ist, daß Leute ihn am Telefon ausschimpfen oder Verrückte seiner Familie Obszönitäten und seiner Tochter Zoten per Draht zuflüstern. Ab und zu fliegt auch ein Zettel durch den Briefschlitz, dessen Schreiber Hans Hedtoft bei lebendigem Leibe braten möchte.

Drei Stuben und die Küche liegen im Erdgeschoß, die Schlafzimmer oben, alles behütet von Frau Ella. Frau Ella ist Hansens bestes Stück aus der Jugendzeit. Sie kennen sich, seit sie 12 und er 15 waren. Ihre Mütter waren befreundet. Frau Ella wäscht, stopft, kocht und bügelt. Alles eigenhändig. Hausassistenten, wie Dienstmädchen in Dänemark heißen, sind knapp.

Hedtoft lebt sehr regelmäßig. Zwischen 7 und 8 Uhr Aufstehen, dann Kaffeetrinken. Frau Ella steckt ein großes Paket Smoerrebroed (belegte Butterbrote) in die Aktentasche ("Restaurantessen widert einen auf die Dauer an"). Dann wandert Hedtoft den einstündigen Weg zum Ministerpräsidentenpalais, Slotholmsgade Nr. 10. Das ist die einzige Bewegung, die er sich macht.

Um 10 Uhr ist Staatsrat beim König. Dann geht Hedtoft in den Reichstag. Regelmäßig macht er auch einen Abstecher in die Rosenoerusallee, dem Hauptquartier der sozialdemokratischen Partei, deren Vorsitzender er ist. Hin und wieder spricht er in Versammlungen.

Zwischen 22 und 23 Uhr ist Hedtoft wieder zu Hause, wo ihn Frau Ella oft mit Apfelmus und Gerstengrütze, seinem Lieblingsgericht, empfängt.

Hedtoft ist kein sozialistischer Bilderstürmer. Er gehört eher dem organisierenden als dem kämpferischen Typ an. Ihm liegt mehr das Ueberzeugen und das Ueberreden als Diktieren. Dabei könnte er schon einmal deutlich werden, denn die sozialdemokratische Partei ist der mächtigste Faktor in der dänischen Politik. Jedoch Hedtoft ist der geborene Gewerkschaftsingenieur und Parteiarchitekt, er ist ein politischer Manager von Graden, der es versteht, die Parteimaschine auf höchste Touren zu bringen.

Seine Stärke ist sein offenes, lächelndes, glattes, rundes Gesicht, das Energie, Ehrgeiz und Sinn für Maß verrät. Im Gegensatz zum Vorgänger, dem großen, langbärtigen Parteihäuptling Stauning, ist er leicht zugänglich und alles andere als zugeknöpft.

Wenn Hedtoft guter Laune ist, singt er. Berühmt sind seine schwedischen Seemannslieder, die er gern auf Kongressen zum besten gibt. Hedtoft besitzt eine ausgesprochene Orgelstimme, ein ungewöhnlich kultiviertes Organ. Das ist in Dänemark, wo man alle Endungen verschluckt und so spricht, als habe man einen Kloß im Mund, eine große Seltenheit.

Von seinen Gegnern wird seine Schlagfertigkeit gefürchtet. Seine Freunde haben Respekt vor seinen »lustigen Geschichten«. Auf der Höhe war er bei seinem Grönlandsbesuch 1949. Den Eskimos bescherte er außer politischen Freiheiten und wirtschaftlichen Privilegien einige Wiegen- und Kinderlieder. Als Gegengeschenk brachte er eine Walfischkinnlade im Koffer mit nach Hause.

»Ich bin als Sozialdemokrat geboren. Unsere Eltern wurden es aus Armut«, hat er einmal gestanden. Sozialismus bedeutet für ihn: Die rationellste Produktionsordnung.

1903 wurde er in Aarhus in einem armen Arbeiterheim als eines von 11 Kindern geboren. Der Vater, Invalide und Schneider, wohnte im Armeleuteviertel um die Lollandsgade. Abends wackelten die Wände vor blutigen Barrikadenreden und rosenroten Utopien. Wenn dann die Proleten aus der Nachbarschaft verschwunden waren, setzte sich der hundearme, weichmütige Vater an die Orgel und spielte jenseitige Choräle. Das blieb in Hansens Gemüt haften. Jesus ist für ihn noch immer ein ganz großer Weltrevolutionär. Daran hat sich auch durch seinen Kirchenaustritt nichts geändert.

»Der Keller in der Lollandsgade war meine Universität. Hier wurde ich angekurbelt«, sagt Hedtoft, wenn er mal nach Aarhus kommt. Damals mit 14 Jahren verließ er ihn, um in die Lithographenlehre zu gehen. Der Chef des Lithographischen Etablissements in Aarhus war eine freundliche, zartbesaitete Seele. Noch heute erinnert er sich seines »Stiftes«. »Aufgeweckt war er, aber über Politik soll man im Betrieb nicht diskutieren.«

Hedtofts Redegabe ließ ihn mit 19 Jahren Reisesekretär der sozialdemokratischen Jugend werden. Die ist in einer elenden Verfassung. 90 Prozent sind kurz nach dem ersten Weltkriege zu den Kommunisten übergegangen. In Aarhus hockt unter dem Dachboden im Scheine einer Petroleumlampe der Maschinenarbeiter Chr. Christiansen, er hält die kümmerlichen Reste zusammen und gründet die DSU, Dänemarks sozialdemokratische Jugend. Ihr aufgehender Stern wird Hans Hansen mit dem selbst gewählten Zunamen Hedtoft, um sich von andern Hansens, die es in Dänemark wie Sand am Meer gibt, zu unterscheiden. Seit 1945 heißt er nur noch Hedtoft.

Hansen-Hedtoft arbeitet im Felde, spricht mit Knechten, redet mit Arbeitern, agitiert gegen die Kommunisten. Er hat sie nie ausstehen können. Nach ein paar Jahren ist die DSU von 2000 auf 10000 Mitglieder gestiegen.

Hedtoft übernimmt die Leitung, geht in Deutschland auf eine Volkshochschule, besucht fleißig internationale Kongresse, um Sprachen zu lernen. Aus dieser Zeit steht er mit dem heutigen westdeutschen SPD-Zweiten, Erich Ollenhauer, auf Du. Da entdeckt ihn Stauning, grand old man der dänischen Arbeiterbewegung, Regierungschef, Parteivorsitzender.

Hedtoft bekommt eine Parteianstellung als »Assistent mit der Pflicht, an jeglicher vorliegender Arbeit teilzunehmen«.

1929 wird er von Alsing-Andersen, dem Generalsekretär der dänischen Sozialisten, in die Geheimnisse des Wahlkampfes eingeweiht. Sieben Jahre später wird er selbst Generalsekretär und Reichstagsmann. Damit hat er die zentrale Stellung, die er erstrebt hatte.

Hedtoft nimmt radikal Abschied vom Barrikadengeist. »Jetzt haben wir Arbeiter Anteil am Lande, kulturell und politisch.« Während des Krieges rief er einmal überspitzt Fritz Clausen, Dänemarks Quisling, zu: »Lieber Demokratie ohne Sozialismus als Sozialismus ohne Demokratie.« Die Sozialdemokratie, sagt er, vertritt die Interessen aller, mit Ausnahme der Kapitalisten.

»Halb unter und halb über der Erde lebten wir damals«, pflegt Hedtoft scherzhaft seine Erinnerungen an die deutsche Besatzungszeit zusammenzufassen. Unter der Erde leben, hieß für ihn, Bier verkaufen und aus schwedischen Arsenalen Waffen für dänische Widerständler herüberschmuggeln. Mit solch patriotischer Bewährung machte er sich den Weg in die Regierung frei. 1945 wurde er Sozialminister, seit 1947 amtiert er als »Staatsminister«, wie sich in Kopenhagen der Regierungschef nennt.

Hedtofts Verdienst ist es, den ersten Südschleswig-Rausch der siegenden Dänen erheblich gedämpft zu haben. Hedtofts Geschick wurde es, mit der traditionellen Neutralitätspolitik des kleinen nordischen Landes Schluß zu machen. Lieber hätte er es gesehen, wenn sich Dänemark, Norwegen und Schweden zu gemeinsamer Blockverteidigung zusammengefunden hätten. Als aber Norwegen den Atlantikpakt wählte, schwenkte auch er ein: »Dänemark kann sich durch Neutralität nicht sichern.«

Eine Volksabstimmung wagte er nicht. Lieber unterschrieb er am 4. April 1949 Dänemarks Beitritt zum Atlantikpakt. Seitdem fließen Ami-Waffen nach Dänemark, vorläufig fließen sie noch in einem sehr gemütlichen Rinnsal.

Dabei muß die Armee unter dem Danebrog ganz von unten neu gebaut werden. Das kostet sehr viel Geld. Hedtofts neue Steuergesetze sollen es schaffen.

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