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AM RANDE High im Norden

aus DER SPIEGEL 8/1997

Schleswig-Holstein, meerumschlungen, endlich ist das Werk gelungen. Schon öfter hat das selbstbewußte Land im Norden die Rolle des Vorreiters übernommen. Die Barschel-Affäre war der tollste Polit-Krimi seit dem Fall des Obersten Redl, Justus Frantz hätte nirgendwo sonst Intendant werden können, und eine Ministerpräsidentin, die mit Joan-Baez-Songs öffentlich auftritt, beweist viel Mut.

Nun sollen im Rahmen eines »Modellversuchs« Haschisch und Marihuana ganz legal verteilt werden. Geplant ist die Abgabe von bis zu fünf Gramm pro Kopf und Tag, wobei der Preis »leicht über dem Schwarzmarktpreis« liegen soll. Bei den »originalverpackten Produkten« soll es sich um garantiert »reine Ware« handeln. Wo Hasch drauf steht, wird auch Hasch drin sein.

Nichts spricht dagegen, daß sich der Staat der Drogen annimmt, nachdem er schon die Vermarktung von Tabak und Alkohol kontrolliert. Nur: Da gibt es gewachsene Sucht- und Marktstrukturen, die Händler zahlen brav Lohn- und Einkommensabgaben und obendrauf auch noch die Tabaksteuer.

Aber beim Hasch? Wer wird den Einkauf der Ware besorgen, wer dafür sorgen, daß der rote Libanese nicht mit dem schwarzen Afghanen vermanscht wird? Wird es eine »Reinheitsnorm« für Haschisch geben, vergleichbar mit dem Reinheitsgebot für deutsches Bier? Und vor allem: Wer wird den Schwarzmarkt überwachen, um den amtlichen Marihuana-Kurs festzulegen?

Die Reformer in Kiel mögen vielleicht eine Cannabis-Blüte von Kamille unterscheiden können, von den Regeln des Geschäfts verstehen sie wenig. Den amtlichen Preis oberhalb des Schwarzmarktniveaus zu orientieren heißt, den freien Markt herauszufordern. Die Dealer werden ihre Autos, versehen mit dem Schild »Eilige Arzneimittel-Lieferung«, ganz ungeniert im Halteverbot parken und ihre Drogen nahe offiziellen Abgabestellen anbieten. Und es wird ihnen kein Problem sein, mit ständig wechselnden Tageskursen die staatliche Preisaufsicht zu verwirren. Wo die Bürokratie auf festen Gleisen fährt, reagiert der freie Handel flexibel. Am Ende, man ahnt es schon, steht die Privatisierung.

Bis der Modellversuch beginnen kann, wird an der Kieler Förde noch mancher Joint kreisen, ohne amtlichen Segen, dafür aber garantiert frei von sozialpolitischen Beimengungen.

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