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ZEITGESCHICHTE Highnoon in der Friedrichstraße

Fehleinschätzungen der Supermächte am Berliner Checkpoint Charlie brachten die Welt vor 40 Jahren an den Rand eines Nuklearkriegs.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Der junge Offizier Jim Atwood war am Spätnachmittag des 27. Oktober 1961 der Letzte im Lagezentrum des amerikanischen Stadtkommandanten in der Berliner Clayallee. Das Telefon klingelte: »Hier spricht die Militärpolizei am Checkpoint Charlie«, rief eine aufgeregte Stimme, »um Himmels willen, die Russen rollen mit Panzern auf uns zu.«

Seit Anfang der Woche herrschte Kriegsstimmung am Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße, genannt Checkpoint Charlie. Auf Order von DDR-Chef Walter Ulbricht hatten dort ostdeutsche Grenzer mehrfach amerikanischen Diplomaten und Militärs die Einreise nach Ost-Berlin verwehrt und damit alliiertes Siegerrecht verletzt. Die Amerikaner ließen Panzer auffahren und zwangen mit Eskorten schwer bewaffneter Militärpolizei die Vopos, den Weg freizugeben.

Bis zu diesem Freitag hatten sich die sowjetischen Besatzungstruppen in Ost-Berlin aus dem Konflikt weitgehend herausgehalten. Doch nun rollten schwere T-54 Panzer an die Sektorengrenze vor.

US-Offizier Atwood schlug sofort Alarm, eine knappe Stunde später standen den T-54 eine gleiche Anzahl amerikanischer »Patton« mit laufenden Motoren gegenüber. Die stählernen Kanonenrohre, geladen mit scharfer Munition, waren aus 200 Meter Entfernung aufeinander gerichtet; in den Nebenstraßen warteten Dutzende weiterer Tanks auf einen Angriffsbefehl.

16 Stunden dauerte der Nervenkrieg, dann zogen sich die Sowjets zurück. Die Gefahr einer Eskalation war gebannt.

Die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie war neben der Kuba-Krise wohl der gefährlichste Moment im Kalten Krieg. Zehn Wochen nach dem Mauerbau herrschte nervöse Alarmstimmung in Ost und West. Eine Eigenmächtigkeit in der Friedrichstraße - Berlin hätte womöglich so ausgesehen wie Hiroschima. »Uns trennten«, erinnert sich der damalige Sowjetdiplomat Walentin Falin, »nur noch Sekunden und Meter von einem Unglück.«

In den Reihen der US-Diplomaten stand damals ein junger Mann, Raymond Garthoff, der sich später als Historiker des Kalten Kriegs einen Namen machte. Für die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie hat er sich stets besonders interessiert. Immer wieder sprach er mit Zeitzeugen und sichtete Dokumente. In seinen nun veröffentlichten Erinnerungen verblüfft Garthoff mit einer neuen Interpretation der Ereignisse: Fehleinschätzungen der Supermächte und Eigenmächtigkeiten Einzelner brachten die Welt in Berlin an den Rand eines Nuklearkriegs**.

Die Krise begann, weil DDR-Chef Ulbricht seinen Arbeiter-und-Bauern-Staat nach dem Mauerbau unbedingt aufwerten wollte. Als Erstes nahm er sich vor, den Zugang der West-Alliierten nach Ost-Berlin unter Kontrolle zu bekommen. Briten, Franzosen und Amerikaner bestanden darauf, als Sieger des Zweiten Weltkriegs jederzeit ungehindert die östliche Hälfte der Stadt betreten zu können.

Nikita Chruschtschow war über Ulbrichts Pläne nicht erfreut; sie störten seine Verhandlungen mit dem Westen über eine internationale Entspannung. Ausdrücklich mahnte der Kreml-Chef seinen deutschen Genossen, sich in Berlin »neuer Maßnahmen zu enthalten«.

Doch als am 22. Oktober 1961, einem Sonntag, Allan Lightner, stellvertretender

Chef der US-Mission, mit seiner Frau in Ost-Berlin die Aufführung einer tschechoslowakischen Theatertruppe besuchen wollte und im blauen Volkswagen am Übergang Friedrichstraße vorfuhr, verlangten die DDR-Grenzer von dem Diplomaten den Ausweis. Lightner lehnte ab und fragte nach einem sowjetischen Offizier. Doch die Grenzer riefen niemanden herbei. Zivilisten in offiziellen US-Fahrzeugen sollten sich neuerdings bei ihnen ausweisen - und damit die DDR-Hoheit über Ost-Berlin anerkennen.

Mehrfach versuchte Lightner vergeblich, den Kontrollpunkt zu passieren. Erst als ihn acht US-Militärpolizisten mit aufgepflanztem Bajonett eskortierten, sprangen die DDR-Grenzer zur Seite. »Hätten sie auf einen von uns geschossen«, erzählte Lightner später, »hätten wir sie alle töten müssen.«

Die US-Diplomaten in Berlin waren überzeugt, dass die neue Schikane im Auftrag Moskaus erfolgte - sie sahen darin einen Versuch, amerikanische Rechte erst in Ost- und später in West-Berlin zu annullieren. Der Berlin-Beauftragte des Präsidenten John F. Kennedy, General Lucius D. Clay, wollte diese Herausforderung annehmen. »Die Russen«, schärfte er seinen Leuten ein, »verstehen nur eine Sprache, und das ist Gewalt.«

Clay ließ in den nächsten Tagen amerikanische Panzer mit breiten Planierschaufeln in vollem Tempo auf die Grenzabsperrungen zurasen und erst wenige Zentimeter vor der Sektorengrenze stoppen. Siebenmal erzwangen seine Soldaten die Einreise nach Ost-Berlin.

Vor einem Krieg hatte Clay keine Angst. »Wenn die Russen ihn nicht wollen, können wir ihn nicht beginnen«, lautete seine simple Logik, »wenn sie ihn wollen, können wir sie davon nicht abhalten.«

Garthoff hat nun rekonstruiert, dass Clays Spiel mit dem Feuer unnötig war. Der sonst so risikofreudige Chruschtschow plante keinen neuen Berlin-Affront. Als die Sowjets von Ulbrichts Eigenmächtigkeit erfuhren, waren sie vielmehr verärgert. Außenminister Andrej Gromyko verlangte von Chruschtschow, er solle Ulbricht auffordern, »solche Aktionen zu stoppen«.

Bloßstellen wollte Chruschtschow den deutschen Verbündeten allerdings nicht. Denn wie Clay war auch der Russe schlecht informiert. Der Kreml-Chef glaubte seinerseits ernsthaft, die Amerikaner wollten »unsere Grenzeinrichtungen niederreißen«. Agenten der Militärspionage hatten kurz zuvor berichtet, dass Clay bei einem Manöver Anfang Oktober im Berliner Grunewald eine Mauer bauen ließ, an der GIs den Grenzdurchbruch üben mussten. »Entweder erfahren die Amerikaner eine Abfuhr«, folgerte Chruschtschow, »oder wir verlieren die Kontrolle über die Situation.«

Am 26. Oktober beorderte Chruschtschow sowjetische Tanks an den Übergang Friedrichstraße und befahl, scharf zu schießen, »wenn die amerikanischen Maschinen die Grenzabsperrung abtragen«. 33 Stahlkolosse rollten aus dem DDR-Umland nach Ost-Berlin und parkten auf einem Trümmergrundstück »Unter den Linden«. Am nächsten Tag rückten die ersten um 17.07 Uhr an den Grenzübergang vor; die Panzerkonfrontation begann.

Was Chruschtschow nicht wusste: Kennedy unterstützte nicht rückhaltlos Clays gefährlichen Kurs. Von dessen Übung im Grunewald wusste er nichts. Der General hatte sie auf eigene Faust durchgeführt.

Während sich die amerikanischen und sowjetischen Panzer die ganze Nacht in Berlin gegenüberstanden, ließ Kennedy dem Kreml-Chef über einen KGB-Verbindungsmann ausrichten, dass er an einer Beilegung der Krise interessiert sei.

Chruschtschow glaubte ihm und ordnete den Rückzug an. Nun war er sicher, einen Angriff des Westens auf die Mauer abgewehrt zu haben. Die Westmächte haben entdeckt, prahlte er später, »dass wir bereit waren, ihre Herausforderung anzunehmen«. Seinen Genossen erklärte er, man müsse den Amerikanern die Möglichkeit zu einem ehrenhaften Abzug geben.

Am nächsten Vormittag, zehn Minuten vor elf Uhr, setzten die Panzer der Sowjetarmee zurück. Eine gute Stunde später drehten die Amerikaner ab. Auch sie fühlten sich als Sieger. Den Aufmarsch der Russen wertete Clay als Beleg für die fortdauernde Vier-Mächte-Verantwortung in Berlin. Die habe Ulbricht im Auftrag Chruschtschows aushebeln sollen.

Die Idee, dass der Sowjetchef die Krise gar nicht wollte, kam dem General nicht. KLAUS WIEGREFE

* Am 3. Juni 1961 in Wien.** Raymond Garthoff: »A Journey through the Cold War«.Brookings Institution Press, Washington; 416 Seiten; 22,95 Dollar.

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