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Presse Hilfe, ich koche

Ein Ex-Springer-Manager, den die SPD zur Rettung ihrer »Neuen Hannoverschen Presse« heuerte, ernannte sich selbst zum Chefredakteur. Für ihn ist Journalismus Teil des Marketing.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Peter Krohn, Geschäftsführer der »Neuen Hannoverschen Presse« (Auflage 115 000), kann alles. Er kleidet seine Pförtner in grün-weiße Kluft und textet Werbeplakate fürs eigene Blatt. Alte Leute bewirtet er in der Rotationshalle mit Kaffee und Kuchen, junge Bräute läßt er im weißen Hochzeitstaxi zur Kirche chauffieren.

Er kauft feine Möbel fürs Haus und läßt es nachts illuminieren wie die Marktkirche. Er formuliert Schlagzeilen, akquiriert Beiträge und zeichnet als Kolumnist:« Ihr Dr. Peter Krohn.« Nun halten manche Leser den eingeschriebenen Sozialdemokraten auch noch für einen gelernten Doktor und suchen bei ihm ärztlichen Rat,

Der Wunder-Doktor ging auch daran, die Schwindsucht der heruntergekommenen SPD-Zeitung auf seine Art zu kurieren. Er beförderte den Chefredakteur als Korrespondenten nach Bonn und beauftragte sich selbst kommissarisch mit der Nachfolge. Krohn: »Der Mief ist weg.« Abgetan war damit freilich auch das sogenannte SPD-Medienpapier -- Kernsatz: »Die tägliche Arbeit der Redaktion muß grundsätzlich frei von Einzelanweisungen durch den Verleger bleiben.« Krohn: »Ich bin nicht verantwortlich für die Medientheoretiker der Partei ... Ich hätte denen etwas ganz anderes gesagt.«

Ganz anderes hatte offenbar die Partei selber im Sinn, als sie Krohn im »Presse«-Haus ein- und aufsteigen ließ. Jahrzehntelang hatte der »Geruch des Parteiblatts« (Krohn) immer mehr Leser vertrieben. Und als die SPD erkannte, daß nur frischer Wind das Blatt wenden konnte, fehlte der Redaktion die journalistische Puste: Sich selbst überlassen, hatten die Parteibuch-Journalisten keine Meinung mehr.

Da kam der Wind-Macher Krohn und sorgte dafür, daß in der Zeitung »immer was los« war. In der Druckerei posaunte die Heilsarmee, und im »Gastkommentar« trompetete CDU-MdB Heinrich Gewandt gegen die »mittelstandsfeindliche Praxis« der SPD.

Leser, die sich schon zum alten Eisen zählten, erfuhren aus Krohns wöchentlichem Alten-Teil, daß »gerade die Jahre des Alterns mit zu den schönsten Jahren des Lebens gehören«. Und beim Weihnachtspreisausschreiben ließ er die Lose im Kinderlaufstall durch die Stadt karren. Ein Krohn-Zeuge: »Es ist die reine Operette.«

Immer nur lächeln -- das ist seine kleine Philosophie. Der gelernte »Welt«- Mann, der nach seinem Studium bei Wirtschafts-Professor Karl Schiller jedes Jahr 300 Millionen Mark für Springers Blätterpapier verwaltete, erfaßte als Manager beim Otto-Versand, wie man's jedem möglich macht.

So haben Krohns Journalisten denn auch wohlfeile Artikel für sein »Gesamtmarketing-Konzept« zu produzieren. in dem nach Vertrieb, Anzeigen und Werbung die Redaktion an letzter Stelle rangiert. »Ein gelernter Teppichhändler«, so Krohn, »ist mir« -- wenn er »eine objektiv bessere Zeitung zu. machen« versteht -- »lieber als ein fachlich versagender Berufsjournalist.«

Ein halbes Dutzend Berufsjournalisten ließ nicht mit sich handeln und kündigte. »Das kommt davon, wenn man Journalisten wie den letzten Dreck behandelt«, erregt sich der Landesvorsitzende der Deutschen Journalisten-Union, Peter Leger. Der Karikaturist. seit 22 Jahren für das SPD-Blatt tätig, wechselte mit Jahresbeginn zur gutbürgerlichen »Hannoverschen Allgemeinen« (Auflage 227 000).

Geschäftsführer Krohn polterte in der Redaktionskonferenz: »Gesinnungslumperei.« Später besann er sich -- so zum SPIEGEL: »Entweder ist er ein Gesinnungslump, oder er verschweigt, daß er drüben für seine Karikaturen zehn Mark mehr kriegt.« Wenn einer einfach »das Handtuch wirft« (Krohn) und zurückgeht, woher er gerade erst gekommen ist, dann schallt es hinterher: »Der aus Castrop-Rauxel mit seinen gelben Socken.«

Genosse Krohn ("Ich rechne mich zum rechten Flügel") machte aus dem sozialdemokratischen Einerlei ein hannoversches Allerlei. Seine »Zeitung für die ganze Familie«, die weniger einer Klasse denn der Kasse dient, bietet ein bißchen »Yellow-press« und »ein bißchen Showbusineß« (Krohn): mit »Wetterkommentar« ("Im Dunkeln ist gut munkeln") auf Seite eins und der Junggesellen-Spalte »Hilfe. ich koche« als Lokal-Spitze.

Drei Konservativen schmeckt die Kost. Unter den Leserbriefen. erinnert sich Krohn, fand sich Post vom Hildesheimer Bischof, von SPD-Bundesminister Egon Franke und Niedersachsens CDU-Oppositionsführer Wilfried Hasselmann: »Man kann diese Zeitung wieder lesen.«

Kaum noch gelesen wird hingegen das »Statut« des Blattes. das -- zwischen Redaktion und Verlag lange vor Krohn vereinbart -- Gewaltenteilung zwischen Chefredakteur und Verleger dekretiert, mithin nunmehr zwischen Krohn und Krohn: »Der Chefredakteur ist dem Verleger gegenüber für die Gesamtredaktion ... verantwortlich.«

Der Deutsche Journalisten-Verband reagierte mit »schärfstem Widerspruch«, die IG Druck und Papier mit »äußerstem Befremden«. Und die SPD-Chefredakteure Eberhard Gras hoff ("Telegraf« Berlin) und Wolf Heckmann ("Hamburger Morgenpost) urteilten: »Geradezu abenteuerlich«

Auch eine Ergebenheitsadresse leitender Krohn-Redakteure. die -- bestätigt vom Betriebsrat »im Namen auch des letzten Pförtners« (Krohn) -- ihrem Haus-Meister die »wesentlichsten Impulse für die Umgestaltung des Blattes« bescheinigten, stieß andernorts auf Mißtrauen. 126 Redakteure der Dortmunder SPD-Zeitung »Westfälische Rundschau« äußerten »Bestürzung«.

In einem Brief an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt verlangten sie »eine scharfe Trennung zwischen Geschäft und Publizistik«.

* Mit einem Heilsarmisten in der Rotationshalle der »Neuen Hannoverschen Presse

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