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MÖRDERBIENEN Hilfe von Ha-Muzen-Cab

Auf ihrem Weg durch Mittelamerika bedrohen die afrikanischen Mörderbienen Honigwirtschaft und Obstkulturen. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

In ihrem »Vorgarten« wähnen die Vereinigten Staaten oftmals politische Gefahren. Diesmal hat die mächtigste Nation der Welt Angst vor kleinen Tieren aus diesem Raum: der afrikanischen Feuerbiene, auch Mörderbiene genannt.

Noch summen die furchteinflößenden Hautflügler durch die Urwälder Mittelamerikas, doch im kommenden Sommer werden sie in den südlichen Bundesstaaten Mexikos erwartet, 1988 in den USA.

Angesichts des drohenden Einfalls formierte sich eine politisch verblüffende Koalition von Staaten. Landwirtschaftsexperten aus Costa Rica, El Salvador, Honduras, Guatemala, Panama, Mexiko, den Vereinigten Staaten und sogar aus dem linken Nicaragua berieten über einen Abwehrpakt gegen die Tierchen.

Dabei hat diese Rasse afrikanischer Honigbienen, die sich äußerlich von ihren europäischen Artgenossen nur durch etwas kleineren Wuchs unterscheidet, alle Eigenschaften, Imker zu erfreuen. Die gefürchteten Insekten sind besonders emsig, genügsam und fruchtbar.

Jedoch - die Afro-Bienen sind auch besonders ungebärdig und aggressiv. Oft greifen ganze Schwärme überlegene Gegner an, große Tiere und auch Menschen.

Der Terror begann mit einem Mißgeschick. Brasilianische Insektenforscher hatten 1956 Bienen aus Afrika eingeflogen, um sie mit heimischen Immen zu kreuzen. Doch noch ehe die Import-Bienen durch gezielte Rassenmischung gezähmt waren, entwischten den Wissenschaftlern 26 Afrikaner-Königinnen. Sie wurden die Zuchtmütter der länderplagenden Armee.

Von Brasilien aus verbreiteten sich die ausschwärmenden Bienenstämme über alle warmen Regionen Südamerikas. Mit einem Tempo von bis zu 600 Kilometern pro Jahr rückten sie über Kolumbien und Panama nach Norden vor.

Einzeln sind die Bienen kaum gefährlich, denn ihr Gift ist nicht wirksamer als das anderer Arten. Bedrohlich werden die afrikanischen Honigbienen erst durch zwei außergewöhnliche Erbeigenschaften: durch ihren Trieb, in großen Schwärmen unkontrolliert zu wandern, und durch ihr ausgeprägtes, biochemisch gesteuertes Schutzverhalten. Wenn eine dieser Bienen etwa in Notwehr sticht, sondert sie als Alarmsignal einen Duftstoff in solchen Mengen ab, daß auch alle Schwarmgenossen angriffswütig werden. In Nicaragua - als hätte das Land nicht genug Sorgen - töteten die Insekten voriges Jahr mehrere Menschen.

Und diese Angriffslust übertragen sie auch auf domestizierte Bienenvölker. Die Afro-Drohnen sind sexuell aggressiver als ihre europäischen Konkurrenten, die sie beim Hochzeitsflug der Königin ausstechen - der nächste Killerbienenschwarm ist unvermeidlich.

Die Folgen für die Imker sind katastrophal. In Venezuela fiel die Honig-Produktion um 80 Prozent, in Brasilien wurde sie um 20 Jahre zurückgeworfen, in den USA rechnet das Landwirtschaftsministerium mit Verlusten von über 50 Millionen Dollar pro Jahr - ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die der Bienenüberfall im Obst- und Gemüseanbau verursachen könnte. Kaliforniens Früchteumsatz in Höhe von jährlich acht Milliarden Dollar hängt von der Bestäubung mit Blütenpollen ab.

Nachdem ein erster Versuch fehlschlug, das Vordringen der mörderischen Immen über den mittelamerikanischen Isthmus in Costa Rica aufzuhalten, probiert Mexiko, der größte Honig-Exporteur der Welt, ein neues Programm aus. Der Rettungsplan für die 2,6 Millionen Bienenstöcke des Landes sieht vor, die Königinnen der Killerbienen zu töten und durch friedliche italienische zu ersetzen. Dazu hat die Regierung bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank einen Kredit von über 225 Millionen Mark beantragt.

Zwar rechnen Mexikos 47 000 Bienenzüchter mit Exporteinbußen von bis zu 50 Prozent, doch wenn die Kampagne erfolgreich verläuft, müßte die Honigwirtschaft fünf Jahre nach der Invasion wieder die heutige Höhe erreicht haben.

Doch Jose Antonio Zozaya, der Leiter der Honig-Abteilung im Landwirtschaftsministerium, will nicht so recht an einen Erfolg glauben: »Es gibt keine Methode, sie ganz zu stoppen. Wir können sie höchstens aufhalten.«

Und die Imker auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan, ganz in der Tradition ihrer Maya-Vorfahren, hoffen fatalistisch auf Hilfe von Ha-Muzen-Cab, dem Bienengott.

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