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SOWJET-UNION / PLANUNG Hilfe von Urwick

aus DER SPIEGEL 6/1964

Eine britische Firma von Industrie -Beratern - Urwick, Orr & Co - ist aussichtsreicher Anwärter auf einen Geschäftsabschluß, der in der sowjetischen Nachkriegsgeschichte ohne Beispiel ist: die Einführung westlicher Methoden der Betriebsführung in der Sowjet-Union.

Ende Oktober 1963 reiste ein Expertenteam der in 35 Ländern vertretenen Londoner Firma nach Moskau und Leningrad, um ein Automobilwerk, eine Kugellagerfabrik und ein Elektromotorenwerk zu besichtigen. Ihr Eindruck: In der UdSSR ist eine stille Revolution der Manager gegen die Bevormundung durch die Planbürokratie im Gange.

Die Anfänge dieser Revolution reichen in das Jahr 1946 zurück. Damals trat in Moskau eine Konferenz von Wirtschaftlern zusammen, um eine Verbesserung der staatlichen Planungspraxis zu diskutieren. Doch nichts geschah. Die Planhydra erwies sich als unentbehrlich.

Selbst die Reformen Chruschtschows vermochten den Einfluß der Planbürokratie nicht zu brechen. Als 1957 die zentralen Moskauer Branchenministerien aufgelöst wurden, verbündeten sich die in die Provinz versetzten Planfunktionäre mit den örtlichen Parteiführern zu einem neuen Interessenblock.

Mit steigender Produktion wuchs auch das Heer der Planer: nach sowjetischen Angaben zwischen 1958 und 1962 »um mehrere Hunderttausend«. Für ihre Beschäftigung war ausreichend gesorgt.

Ein Beispiel: Der Antrag des Lichatschow-Autowerks in Moskau auf Zuteilung von Kugellagern aus der benachbarten Staatlichen Kugellagerfabrik Nr. 1 ist ein 200 Kilogramm schweres Dokument, das 14 Planungs-, Liefer - und Verkaufsinstanzen durchläuft.

Unter diesen Umständen wurde der Plan für die Manager der staatlichen Industrie zu einem Alpdruck: ein Mammutwerk von einigen Dutzend Bänden mit Tausenden von Seiten und Hunderttausenden von Zahlen. Der Staatsplan erfaßt komplette Stahlwerke, Turbinen und Mähdrescher ebenso wie Heugabeln, Naphtalin, Holzwolle, Kümmelsamen, Bieretiketten und Angelhaken.

Die Planer standen vor einem unlösbaren Dilemma. Jede neuerrichtete Fabrik, jedes erfüllte Übersoll zog einen neuen Plan nach sich. Der Umfang der Planungsarbeiten stieg in geometrischer Progression zu dem erzeugten Produktionsvolumen:

- Um 125 000 Maschinen, Geräte und Ersatzteile herzustellen, sind in der Sowjet-Wirtschaft über 15 Millionen Einzelpläne erforderlich.

Der Vizepräsident der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Professor Gluschkow, rechnete aus, daß das Planungsvolumen sich bis 1980 um das 36fache erhöhen werde. Dann müßte die gesamte erwachsene Bevölkerung der UdSSR aufgeboten werden, um die Planungsaufgaben zu bewältigen.

Eine drastische Reform des sowjetischen Planungssystems schien unumgänglich, um die staatlichen Betriebe von der Last der überflüssigen Detailplanung zu befreien. Im November 1962 durften die Manager frohlocken. Parteichef Chruschtschow verkündete die neue Linie: »Von den Kapitalisten lernen!«

In Moskau wurde ein Staatskomitee für die Koordinierung der wissenschaftlichen Forschung gegründet. Sein Vorsitzender, Minister Rudnew, knüpfte die ersten Fäden zu den Londoner Industrie-Beratern Urwick, Orr & Co.

Krokodil, Moskau

Duell der Planbürokraten

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