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Himmel und Hölle

aus DER SPIEGEL 1/1996

Hoher Besuch: Im Erdabstand von 350 Kilometern koppelte die amerikanische Raumfähre »Atlantis« an die russische Raumstation »Mir« an. Nichts anderes hätte die Schubumkehr in der Weltpolitik symbolträchtiger ausdrücken können als diese amerikanisch-russische Begegnung im All. Auf Erden hatten die Erzfeinde von einst genug mit sich selbst zu schaffen. Als hätte das wirtschaftlich noch immer desolate, politisch zersplitterte Rußland unter seinem kranken Präsidenten Jelzin nichts Besseres zu tun, überzog das Riesenreich die abtrünnigen Tschetschenen mit Krieg - und bezahlte den Sieg mit hohen Verlusten. Keine Überraschung, daß aus den Parlamentswahlen am Jahresende die Kommunisten als stärkste politische Kraft hervorgingen.

Amerikas Innenpolitik war bestimmt durch die zunehmende Konfrontation zwischen dem demokratischen Präsidenten und der republikanischen Mehrheit im Kongreß, geführt von dem konservativen Fundamentalisten Newt Gingrich. Beide verkörpern die gegenläufigen Grundstimmungen ihrer Gesellschaft. Der eine steht für ein Mindestmaß an staatlicher Verantwortung für die Schwächeren, der andere für die Überzeugung, daß der Staat sich darum nicht zu kümmern habe.

Der Streit spiegelt die sozialen Spannungen, die dieses Land immer stärker belasten - und sich immer wieder in Extremen äußern. Mal jagen junge Fanatiker, die denen in Washington die Hölle heiß machen wollen, ein US-Behördengebäude in Oklahoma City in die Luft (168 Tote); mal führt ein Mordprozeß wie der gegen Football-Star O. J. Simpson den Amerikanern vor Augen, wie problematisch Rechtsfindung in einem von Rassenhaß aufgeladenen Klima sein kann.

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