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POLEN Himmel und Hölle

Mit Milliarden-Spenden aus dem Westen wollte die katholische Kirche in Polen die Landwirtschaft sanieren. Doch das Projekt scheiterte - jetzt sollen die Sowjets helfen. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Jozef Kardinal Glemp, 56, Primas von Polen, hatte eine Vision: »Damit können wir unseren geplagten Bauern helfen, gleichzeitig aber auch unserem Vaterland.«

Gemeint war ein Vorschlag des polnischen Episkopats, einen Fonds zur Soforthilfe für die notleidende Landwirtschaft zu gründen, dessen Mittel durch großzügige Spenden aus dem Westen in Milliarden-Höhe zusammenkommen sollten - in der Geschichte des Sozialismus ein bislang einmaliger Fall.

Das war vor mehr als vier Jahren. Doch jetzt gab Primas Glemp bekannt, das großzügige Projekt sei nach jahrelangem zähem Verhandeln am »sturen Diktat« der polnischen Staatsmacht gescheitert. Die Kirche zog sich aus der angestrebten grenz- und ideologieüberschreitenden »Koexistenz zwischen Himmel und Hölle« - so ein polnischer Priester - enttäuscht zurück.

Die Idee für eine solche Stiftung war im Mai 1982, mitten in der Kriegsrechtszeit, entstanden. Polen erlebte seine bis dahin schwerste Versorgungskrise. Konsumgüter waren rationiert, vor den fast leeren Läden standen lange Käuferschlangen. Die im europäischen Maßstab rückständige Landwirtschaft war nicht in der Lage, das Land zu ernähren. Das westliche Ausland hatte gegen das Militärregime des Parteigenerals Jaruzelski Kreditsperren und wirtschaftliche Sanktionen verhängt, die abgewirtschaftete Staatsmacht besaß keine Devisen mehr, um auch nur das Nötigste im Ausland zu kaufen.

Mit politischem oder wirtschaftlichem Kalkül. so die Überzeugung der polnischen Bischöfe, sei die polnische Dauerkrise nicht zu lösen. Barmherzigkeit und schnelle Hilfe für die Bevölkerung waren gefragt - zudem traute der Westen der katholischen Kirche noch am ehesten zu, einen Ausweg aus der katastrophalen Lage zu finden.

Ein erster Schritt aus der Misere sollte die praktische Hilfe für Landwirte sein, die in Polen, aller kommunistischen Propaganda zum Trotz, noch immer zu 85 Prozent private Hofbesitzer sind. Sie bewirtschaften vor allem kleine Familienbetriebe mit unrentablen Hofgrößen unter fünf Hektar. Um deren Arbeitsbedingungen zu erleichtern und die Produktion zu erhöhen, fehlte es am Nötigsten: Saatgut und Düngemittel, Gummistiefel und Milcheimer, von technischem Gerät wie Traktoren und Melkmaschinen ganz zu schweigen.

Vor allem den fast vier Millionen privaten Kleinbauern war der patriotische Kirchenfonds zugedacht. Nach Vorstellungen der Bischöfe sollten die dringend benötigten Güter im Westen gegen Devisen eingekauft werden. Aufgabe des Fonds war es, die Mangelwaren gegen polnische Währung, notfalls

auf Kredit, an die Bauern weiterzugeben.

In Grundzügen abgesprochen war das Projekt mit dem Vatikan, den Kirchenführern im EG-Bereich und den USA, die alle ihren Segen gegeben hatten. Am Anfang war von einem Fonds-Vermögen von fünf Milliarden Mark die Rede, eine aufsehenerregende Summe, die damals etwa das Zehnfache der jährlichen Devisen-Einnahmen Polens ausmachte.

Die polnische Regierung ließ lange auf eine Antwort warten. In der ideologischen Zwickmühle, bei einem Erfolg des Projekts die Position der Kirche unübersehbar zu stärken, andererseits eine Devisenspende in Milliardenhöhe nicht einfach abschlagen zu können, fiel dem Regime Jaruzelski nur ein, den Plan mit der Hoffnung auf bessere Zeiten immer wieder zu vertagen.

Im Herbst 1983 entschloß sich Jaruzelski zum Handeln. Er berief eine mit Vertretern der Kirche und der Regierung paritätisch besetzte Kommission ein und ließ durch das polnische Parlament, den Sejm, ein bis dahin fehlendes Gesetz über die Gründung von Stiftungen verabschieden.

Dem kommunistischen Staat ging es vor allem darum, die erhoffte Spendenflut unter Kontrolle der Zentrale möglichst gleichmäßig zu verteilen. Profitieren von dem Geld sollten auch die unrentablen Staatsgüter, die industrielle Zulieferindustrie und staatliche Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur. Die privaten Kleinbauern kamen ganz am Ende der Prioritäten.

Im Kirchenplan aber standen sie an erster Stelle. Um mit relativ wenig Geld den größtmöglichen Erfolg zu erzielen, so argumentierten die katholischen Bischöfe, sei die individuelle »Hilfe zur Selbsthilfe« das am besten geeignete Mittel. Was sie freilich verschwiegen: Agrarfläche und Viehbestand der meisten privaten Familienbetriebe reichen gerade zur Selbstversorgung aus.

Die naive Hoffnung Glemps, Jaruzelski lasse die Gründung eines kircheneigenen Bank-Instituts zur Verwaltung des Fonds zu, war schnell verflogen. Hinzu kamen Finanzierungsprobleme: Mit der Aufhebung des Kriegsrechts und dem wachsenden Zeitabstand zum polnischen Militärputsch ließen auch die Betroffenheit und das schlechte Gewissen der westlichen Regierungen und Kirchen nach - die ursprünglich vollmundig versprochenen Milliarden-Zusagen wurden von Monat zu Monat kleiner.

Um die Bauernhilfe überhaupt erst einmal in Gang zu bringen, einigte sich die Kommission vor zwei Jahren schließlich darauf, mit sogenannten Pilotprojekten zu starten. Zehn Programme schlug die Kirche vor, die Regierung nur eins: eine ausreichende Versorgung der gesamten polnischen Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln.

Dafür, so rechneten die Finanzexperten beider Seiten aus, würden 28 Millionen

US-Dollar (rund 56 Millionen Mark) gebraucht: 14 Millionen sollten die US-Kirchen überweisen, 10 Millionen aus dem EG-Raum und weitere 3 Millionen vom westdeutschen Episkopat kommen.

Daß dies »nur Brosamen vom üppig gedeckten Tisch der Reichen« wären, so ein polnischer Bischof verbittert, merkte nicht nur die polnische Kirche. Regierungssprecher Urban witzelte, das Geld reiche gerade, um ein Stockwerk in einem New Yorker Wolkenkratzer zu kaufen.

Gleichwohl war eine Einigung zwischen Staat und Kirche nicht aussichtslos, auch über die bis zuletzt strittigen Themen wie die Befreiung der Fonds-Verwaltung von Steuer- und Zollverpflichtungen. Besonders Vize-Landwirtschaftsminister Kazimierz Grzesiak, mehrmals Privatgast in Glemps Residenz, warb für Kompromisse.

Durchgesetzt hat er sich bei seinen Genossen nicht. Gescheitert ist das kühne Projekt nach Ansicht der Kirchenvertreter am Beharren der Staatsmacht auf ein Vetorecht des jeweiligen Landwirtschaftsministers. Die Generalsekretärin der Stiftung, Maria Stolzmann, zum SPIEGEL: »Aufgrund dieser umstrittenen Klausel hätte der Minister in jedem Fall darüber entscheiden können, welche Programme der Stiftung realisiert werden können und welche nicht.«

Damit, so die Kirchenfrau, sei die versprochene Autonomie der Bauernhilfe hinfällig geworden. Die Anbindung an den Staat aber wollte der Primas den westlichen Spendern gegenüber nicht vertreten. Er zog sein patriotisches Jahrhundertwerk zurück.

Von der Absage überrascht, aber wohl auch erleichtert, wollte Jaruzelski den Eindruck einer schweren Verständigungskrise zwischen Staat und Kirche vermeiden. Beide Seiten arbeiten daran, daß im kommenden Jahr der aus Polen stammende Papst Wojtyla zu seiner bereits dritten Pilgerreise in die alte Heimat kommt - ein dringend nötiger Prestigegewinn sowohl für die noch immer außenpolitisch isolierte Staatsmacht wie für die bedrängte Kirche.

So ließ der Parteigeneral bis Mitte September im Rahmen einer Amnestie überraschend auch alle 225 politischen Gefangenen frei, sogar den erst im Mai festgenommenen Anführer der Untergrund-»Solidarität«, Zbigniew Bujak.

Innenminister General Czeslaw Kiszczak beeilte sich, in Zeitungsinterviews den politischen Gnadenakt als »Versöhnungsgeste gegenüber der Kirche« zu interpretieren; der Sprecher des Episkopats, Henryk Brunka, erklärte, mit der Freilassung der Politischen seien »die Wünsche der Bischöfe erfüllt worden«.

Plötzlich ist die Partei auch bereit, mit der Kirche über das brisante Thema »Solidarität« zu reden. Jaruzelski schlug vor, einen »Konsultativ-Rat« zu gründen, der die Regierung beraten soll und in dem neben Kirchenvertretern auch Anhänger der Opposition zu Wort kommen könnten. Der Kirche und der »Solidarität reichen die Zugeständnisse freilich nicht aus.

Inzwischen denken die Bischöfe darüber nach, wie die Bauernhilfe in anderer Form realisiert werden könnte, unter anderem durch eine Schule zur Weiterbildung von Handwerkern aus ländlichen Regionen, die in der Nähe von Auschwitz eingerichtet werden soll, und ein kirchliches Sozialwerk für bäuerliche Kranke und Rentner.

Aber auch die Staatsmacht hat über Alternativen nachgedacht. Ende August, eine Woche vor der Verzichtserklärung von Glemp, hat der Erste Vizepremier und Vorsitzende des Staatlichen Agroindustriellen Komitees der Sowjet-Union (Gosagroprom), Wsewolod Murachowski,

engster Mitarbeiter von Parteichef Gorbatschow, Polen besucht, um über eine »engere Zusammenarbeit« der beiden sozialistischen Nachbarn zu verhandeln.

Gedacht ist an einen Ausbau der polnischen Staatsgüter zu agroindustriellen Komplexen nach dem Vorbild der Sowjet-Union: Großraum-Wirtschaft mit Verarbeitung der Agrarprodukte an Ort und Stelle. Zudem haben Sowjets und Polen ein neues Handelsabkommen mit erheblich verbesserten Konditionen unterschrieben.

Als Morgengabe brachte der Moskauer Emissär eine Bestellung mit: Die Sowjet-Union wird aus Polen künftig pro Jahr 305000 Tonnen Obst und 47000 Tonnen Gemüse beziehen und dafür landwirtschaftliche Maschinen liefern.

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