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Briefe

Himmel und Hölle
aus DER SPIEGEL 32/1972

Himmel und Hölle

(Nr. 30 1972, SPIEGEL-Gespräch mit Georg Picht)

Picht ist Religionsphilosoph und als solcher mit dem Teufel bestimmt auf zu gutem Fuße stehend, als daß er es lassen könnte, ihn ab und zu an die Wand zu malen. Ein Religionsphilosoph freilich. der sieh auch mit Futurologie und Umweltbeschmutzung beschäftigen will! Welcher Marktstratege will das nicht heutzutage? Und bis zur Überlegung. ob es besser sei, in Zukunft das Bier in Büchsen oder in Flaschen zu kaufen, ist schon manch einer von ihnen gediehen. Sie haben ihn als Propheten eingeführt, doch es scheint, als gleiche er mehr dem Hütejungen aus der Fabel, der jahrelang den Wolf ausgeschrien hat, uni die Leute zu narren, und nun. da er ihn wirklich ums Haus schleichen hört, zu kneifen versucht. Zweifellos ist die Universität in einer Phase des Umdenkens und des Umgestaltens begriffen. So etwas pflegt damit zu beginnen. daß alle zunächst einmal aufeinander losdreschen, was das Zeug hält. Kein Wunder, daß dabei auch Hilferufe nach dem Staat und nach den Politikern laut werden. Allerdings war das Lamento noch nie so groß als gerade jetzt, in der Epoche der wehleidigen Revolutionäre. Allerdings waren auch die Politiker noch nie so dumm, sich hineinziehen zu lassen. Was sollten sie denn da«? Ihr Handwerk ist der Kompromiß. der an der Universität wenig zu suchen hat, wo die Probleme in ihrer ganzen Härte durchgestanden werden wollen.

Leiden (Niederlande) DR. W. K. MÜLLER

Privatdozent

Es mag zwar gut zum Gegenstandsbereich eines Religionsphilosophen passen. wenn Georg Picht sich im Stile eines alttestamentlichen Propheten in apokalyptischen Visionen über das baldige Ende unseres Bildungswesens ergeht. Wer gewöhnt ist, in den Kategorien Himmel und Hölle zu denken, dem mögen bei den pessimistischen Schlagworten und Irrationalismen wonnige Schauder den Rücken herunterlaufen.

Klein Berkel (Nieders.) ERHARD WIERSING

Sie brachten ein Photo von mir mit dem Schlagwort »Abitur abschaffen«. Als Garantie für die Zulassung zum Studium ist das Abitur doch praktisch schon abgeschafft. Der numerus clausus, als Notmaßnahme verständlich, wird zum Dauerersatz für langfristige Planung. die ihre Ziele offen deklariert. Ich möchte nicht als Abschaffer von Bildungschancen verstanden werden. Mehr und bessere Bildung für größere leile der Bevölkerung zu ermöglichen bleibt das weder von mir noch von irgendeiner ernstzunehmenden Seite bestrittene Ziel. Wenn sich das aber übersetzt in eine Inflation von Berechtigungsscheinen. dann muß überlegt werden, wie die Identifizierung von besserer Bildung mit Abitur, Diplom und akademischen Privilegien beseitigt werden kann. Als schleichender Prozeß oder als offen diskutierte Entscheidung? Ich finde, daß es nicht

so sehr ums Abschaffen geht als um das Schaffen akzeptabler neuer Einrichtungen. Ein Bündel von Reformmaßnahmen müßte jetzt auf den Weg gebracht werden, damit die von Picht vorausgesagte Pleite vermieden wird. Billiger wird es nicht, aber gerechter und von größerem gesellschaftlichem Nutzen als das jetzige Bildungssystem. Zweifellos läßt sich ein solches Programm finanzieren, ohne daß etwas Notwendiges auf anderen Gebieten zu kurz kommt. Auch die Pensionen rechne ich zum Notwendigen. Die Frage ist nur, ob sich eine Regierung in unserem politischen System für das langfristig Notwendige einsetzen kann, das vielen Interessenten weh tut, ohne daß sie von der Opposition kaputtgemacht wird.

Berlin FRIEDRICH EDDING, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Ist nicht Herr Professor Picht einer der geistigen Verantwortlichen für die Bildungskatastrophe, die für die Gymnasien so aussieht: Sie quellen über von Lernunwilligen, Pöbelhaften -- zur Qual der Lehrer, welche, obwohl am Arbeitsmarkt am längeren Hebelarm, immer weiter zurückweichen. aus Opportunismus, aus Feigheit?

Passau (Bayern) K. A. HENNICKE

Die Erklärungen von Professor Picht tragen leider dazu bei. illustriertenhaften Klischeemeinungen den Stempel der Autorität zu verleihen: Steuern erhöhen, weg vom Konsum, die Industrie blockiert den Umweltschutz. Origineller ist da schon die Idee vom Studium der Fünfzigjährigen. Wenn jemand so etwas vorschlägt, muß es ihm bisher verborgen geblieben sein, daß ein Student nach dem Studium gewöhnlich einem Beruf nachgeht. Für die anvisierten Uralt-Studenten würde dann nicht einmal die Zeit reichen, sich zwischen Hochschulabschluß und Pensionierung die nötigen Berufserfahrungen zu verschaffen. Ein preiswerter Beitrag zur Behebung des Bildungsnotstands!

Köln DR. CLAUS HARZDORF

Man sollte nicht vergessen, daß Universitäten eine der stabilsten menschlichen Einrichtungen sind. Allein in Deutschland gibt es mehrere, die über 500 Jahre alt geworden sind. Diese Stabilität hat zwei Gründe: Zwar hat noch jede Regierung ihre Universitäten mit großem Mißtrauen betrachtet und versucht, sie »in den Griff zu bekommen«. Aber sie hat niemand, der als sachverständiger Vorgesetzter der Professoren fungieren könnte. Der Staat braucht aber die von den Hochschulen ausgebildeten Leute. Zum anderen ist die Universität vor dem Altern geschützt, das zum Beispiel Forschungsinstitute oft schon nach wenigen Jahren befällt. Das besorgen die Studenten, die den Professoren zwar äußerst lästig fallen, sie aber am Einschlafen hindern.

Niemand wird bestreiten, daß einiges an den Hochschulen verbessert werden sollte. Hiermit aber nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre Kommissionen oder gar die Bildungsbürokratie von Bund und Ländern beauftragen zu wollen, zeigt doch eine Naivität, die sogar einem Hochschullehrer nicht erlaubt sein sollte. Das wußte der alte Humboldt besser: er gründete nur Berlin neu und ließ die übrigen preußischen Universitäten ungeschoren. Ihre gegenseitige Konkurrenz besorgte die Modernisierung schneller, als es Verordnungen von oben je hätten tun können.

Freiburg TH. SCHMIDT

Natürlich, meint Herr Picht, dürfen Marxisten dabeisein, aber auf einem hübsch hohen Abstraktionsniveau. Ja, so hätten sie"s gerne, die Abgespeisten und die, die die Speisen verteilen. Im hehren Himmel der Wissenschaft läßt sich schön streiten, da wird so schnell niemand unsere Gesellschaft bekämpfen, praktisch, meine ich. Bleibt zu hoffen, daß unsere Elite-Marxisten und Katheder-Sozialisten bald erkennen, daß Marxismus bis zum I-Tüpfelchen sein Wesen aufgegeben hat, nämlich revolutionär zu sein. Seminar-Marxismus ist Ideologie der Herrschenden, sie werden uns nicht allzusehr dabei stören, Spaltertum ist reaktionär. Beiträge wie der von Picht können uns das deutlich zeigen. Weiter so!

Göttingen ROLAND EPPER

Allerdings muß ich bedauern, daß mit keinem Wort konkret die Ausbildungskatastrophe der Berufsschüler und der Lehrlinge erwähnt wird. Wenn wir uns dem Vorschlag der Herren Edding und Picht anschließen, verlagern wir nur die Schwerpunkte der Kritik an unserem Ausbildungssystem, nämlich von der Universität an die Berufsschulen. Wir dürfen heute unter keinen Umständen die Schwierigkeiten der Hochschule diskutieren, ohne einschneidende Reformen in allen anderen Bildungsbereichen, insbesondere der Berufsausbildung, zu fordern.

Mainz HERBERT TALASZKA

Asta-Sozialreferent

Fehlt aber die brennende Frage, welche Uni-Branchen, bis sagen wir 1977, eingestellt sein müssen.

Berlin W. MEYER-CHRISTIAN

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