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Pfarrhaushalte Hin und wieder

Die 20 000 Pfarrhaushälterinnen der Bundesrepublik wollen nicht länger nur des Pfarrers Köchin sein. Erstmals kämpfen sie gemeinsam um mehr Geld und einen Platz im »Vorfeld der Seelsorge«.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Die einen halten sie für dümmliche Dienstbolzen, die anderen sehen sie als zänkische Drachen. Viele glauben auch, sie trieben es mit dem Pfarrer. Eine von ihnen, die Freiburger Pfarrhaushälterin Rosmarie Goethe. 55, weiß es und bittet um Ruhe: »Am besten gar nicht mehr darüber reden.«

Fräulein Goethe ist stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen. Sie war dabei, als sich im vergangenen Jahr die Diözesanvertreterinnen der rund 20 000 westdeutschen Priester-Perlen -- 16 000 aktive und 4000 pensionierte -- zu diesem Bund formierten. Und sie saß auch im elf kopfigen Führungskreis dieser Interessengemeinschaft, die Anfang dieses Monats unter Assistenz einiger geistlicher Berater an einer Eingabe feilte, die der »Hebung dieses Berufsstandes« sowie der Erhöhung der Bezüge dienen soll.

Das für die Gemeinsame Synode der bundesdeutschen Bistümer aufgesetzte Papier dokumentiert den ersten geschlossenen Vorstoß dieses Dienstleistungszweiges, der sich in seiner mindestens 800jährigen Geschichte stets frivolen Unterstellungen ausgesetzt sah.

Üble Nachrede ernten die teils verwitweten, teils ledigen Damen bis auf den heutigen Tag vor allem, weil sie mit ihren ebenfalls ledigen geistlichen Herren allein in derselben Wohnung leben. Daß diese ungestörte Nähe hin und wieder die gelobte Einsamkeit in eine traute Zweisamkeit verwandelt, kann selbst die Vize-Vorsitzende Rosmarie Goethe nicht leugnen.

Zu verheimlichen sind derlei Fehltritte oft ohnehin nicht mehr. So war jüngst eine rheinische Gemeinde fast vollzählig dar-über informiert, daß und wie der Pfarrer seine Hausdame liebte. Die beiden hatten sich kennengelernt. als er noch Kaplan und sie 18jährige Jugendführerin war. Fünfzehn Jahre später gab sie ihren Posten als Chefsekretärin auf und wechselte ins Pfarrhaus über. Ihr Geheimnis war gelüftet. als der ungeduldige Pfarrer eines Nachts vergaß, die Vorhänge zu schließen.

Daß Sex mit der Köchin freilich nicht die Regel in katholischen Pfarrhäusern ist, läßt schon die Statistik vermuten. So rekrutieren sich in der Diözese Rottenburg 33,9 Prozent aller Pfarrhaushälterinnen aus den Müttern und Schwestern der Geistlichen, 8,6 Prozent aus Basen oder Tanten. Und von 100 Priestern, die ihren Beruf verlassen, nehmen sich in Deutschland nur fünf ihre Haushälterin zur Frau.

Die Ursache dieser Zurückhaltung formulierte Gerhard Gabler**, Kaplan im Ruhrgebiet, ebenso unverblümt wie ungalant-»,Die geistig und körperlich attraktive Haushälterin ist eine Rarität. Entweder sind Haushälterinnen mit dem Pfarrer verwandt oder schrecklich verklemmt, zu simpel, zu alt.« Von den 1414 Haushälterinnen der Diözese Rottenburg sind nur 129 jünger als 41 Jahre, dagegen 726 -- mehr als die Hälfte -- älter als 60.

Daß jüngere Frauen sich kaum noch für diesen Beruf entscheiden. liegt neben dem wachsenden Desinteresse an Kirche und Küche nicht zuletzt am kargen Lohn. Er ist bis heute meist noch abhängig von der Geberlaune der einzelnen Priester (Brutto-Anfangsgehalt eines Pfarrers in der Erzdiözese Köln: 1850 Mark bei freier Wohnung).

Um bei ihren geistlichen Söhnen soziales Bewußtsein zu erwecken, griffen die Bischöfe neuerdings zu monetären Tricks. So zahlen einige Diözesen ihren Geistlichen immer dann einen steuerfreien Gehaltszuschuß zwischen 100 und 150 Mark. wenn die Geistlichen ihrer Haushälterin einen Mindestlohn gewähren (in Köln: brutto 640 Mark).

Gleichwohl schlugen in Köln manche der 1500 Geistlichen mit Haushälterin den bischöflichen Zuschuß lieber aus. Und nur 240 Priester der Erzdiözese fanden sich bisher bereit, das Gehalt für ihre Haushälterin zentral -- und korrekt -- durch das Generalvikariat abbuchen zu lassen.

Besser geht es den Haushälterinnen in den sieben bayrischen Diözesen. Für sie hat der Berufsverband katholischer Hausgehilfinnen zum 1. Januar 1972 erstmals einen Tarifvertrag abgeschlossen. Endstufe: 800 Mark.

Deutschlands verbündete Pfarrhaushälterinnen mögen sich auch damit keineswegs zufrieden geben. Sie wollen die deutschen Bischöfe auf ein bundeseinheitliches Gehalt festnageln: brutto 1126 Mark. Die Hälfte davon sollen ihnen die Geistlichen zahlen, den Rest die Bischöfe selber -- auch aus pädagogischen Gründen. Denn der Griff in die Diözesan-Kassen soll den Oberhirten beibringen, daß »eine Pfarrhaushälterin längst nicht mehr nur Köchin ist« (Anneliese Israel. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft).

Besonders der Priestermangel hilft den imagebeflissenen Damen beim Vorstoß aus der Küche »ins Vorfeld der Seelsorge« (Anneliese Israel): Da die Gemeindebezirke immer größer werden und die Priester immer weni-

* In Frankfurt.

** Der Name wurde geändert.

ger zu Hause erreichbar sind; »bleibt die Haushälterin oft die einzige Kontaktstelle in der Gemeinde«.

Sie wollen nicht nur wie bisher das Telephon abnehmen und Besucher abspeisen, sondern auch andere kirchliche Dienste »da übernehmen, wo eine Lücke ist": ob sie nun das Pfarrheim kehren, den Küster vertreten, Büroarbeiten verrichten, den Altenklub leiten oder die Pfarrnachrichten vervielfältigen. Denn in fast 90 Prozent aller Kirchengemeinden fehlen hauptberufliche Gemeindeassistentinnen, Pfarrsekretärinnen oder Seelsorgehelferinnen.

Um im »Vorfeld der Seelsorge« bestehen zu können, wappnen sich die Damen beizeiten. Sie veranstalten viereinhalb Monate dauernde Kurse in ihrer Freiburger »Ausbildungsstätte für Leiterinnen eines Pfarrhaushaltes«. Unterrichtsfächer unter anderem: Sozialkunde, Psychologie und »die Erweiterung der Kenntnisse in Deutsch«. Voller Lebensklugheit hofft Anneliese Israel nicht so sehr auf jüngere Teilnehmerinnen, wohl aber auf »qualifizierte Frauen reiferen Alters, Witwen und Frauen mit erwachsenen Kindern, die bereit sind, ehelos zu leben«. Das Rezept für kirchenrechtlich intakte Wohngemeinschaft liefert Frau Israel schon vorab: Priester und Haushälterin sollen »beide in die gleiche Richtung schauen«.

Die Vorsitzende Israel jedenfalls schaut zuversichtlich in die Zukunft ihrer Zunft:

»Intelligente Frauen aus gutbezahlten Berufen steigen heute schon aus, um als Pfarrhaushälterin Dienst an der Kirche zu tun.« Und der arglose »Rheinische Merkur« entdeckte, dieser Job biete sogar »Möglichkeiten für eine menschlich und sachlich befriedigende, das Leben voll ausfüllende Tätigkeit wie kaum ein anderer Beruf«.

Weniger überzeugt allerdings zeigen sich zunehmend jüngere Geistliche. In vielen Diözesen haben Priester sich statt einer Haushälterin einen automatischen Telephonanrufbeantworter zugelegt.

Die Gründe: Teils fühlten sich die Priester zu stark bevormundet, teils zu verehrt, zu bemuttert oder zu beobachtet. Ein Vikar aus Paderborn konnte es »einfach nicht ertragen, mit einer Frau unter einem Dach zu leben, mit der ich nichts zu tun habe«.

Des Paderborners private Alternative: »Entweder richtig zusammen oder lieber gar nicht.«

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