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Numerus clausus Hinter dem Komma

Der Aufnahmestopp an den Universitäten wird zum heikelsten Problem der Bildungspolitik. Mit einem fragwürdigen Notensystem wollen die Kultusminister über die Zulassung von Studienbewerbern entscheiden.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Eine Prozeßwelle sondergleichen« prophezeit Hartmut Rotter, Numerus-clausus- Referent der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), für das Sommersemester 1973. Der Jurist ist sicher: »Wer nicht zum Studium zugelassen wird, der klagt« -- und nicht zugelassen werden schätzungsweise 40000.

Bundesweiter Rechtsstreit droht, weil die dringend erforderlichen und längst angekündigten neuen Zulassungsbestimmungen auch weiterhin überfällig bleiben werden.

Im Juli hatte das Bundesverfassungsgericht den Bundesländern die Einrichtung einer »Zentralen Registrierstelle für Studienbewerber« empfohlen, die schon im kommenden Sommersemester »unter Anwendung einheitlicher Auswahlkriterien« die knappen Uni-Arbeitsplätze unter den Abiturienten verteilen sollte. Bis jedoch ein entsprechender Staatsvertrag zwischen den zehn Bundesländern und West-Berlin in Kraft treten kann, vergehen, so schätzt Staatssekretär Herbert Schnoor vorn nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium, »sicher noch anderthalb Jahre«.

Bislang existiert für das Eifer-Abkommen nur ein Entwurf, auf den sich die Kultusminister am Freitag letzter Woche in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle einigten. Danach soll das künftige Zulassungsverfahren -- 60 Prozent der Studienplätze werden nach dem Notendurchschnitt im Abitur vergeben, 40 Prozent nach der Wartezeit der Studienbewerber -- der Praxis gleichen, die für ausgesprochene Mangelfächer (Medizin und Pharmazie, Psychologie und Architektur) von der WRK schon seit 1967 geübt wird,

Bevorzugt sollen nach dem geplanten Vertrag jene Bewerber behandelt werden, die ihren Wehr- oder Ersatzdienst bereits geleistet oder die ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erworben haben. Bessere Zulassungschancen werden auch den Abiturienten gewährt, die später als Ärzte in der Bundeswehr oder im öffentlichen Gesundheitsdienst arbeiten wollen.

Mit ihrem Monopol für die Vergabe von Studienplätzen wird die neue Numerus-clausus-Behörde der Länder (geschätzter Jahresetat: 20 bis 30 Millionen Mark) zur wichtigsten bildungspolitischen Schaltstelle zwischen Schule und Universität: Denn an den Universitäten droht Aufnahmestopp in immer mehr Disziplinen. Und der Computer soll entscheiden, wer studieren darf und wer nicht.

Akkurat werden die Rechenautomaten mit allen Zulassungsdaten programmiert -- die Noten der Reifeprüfung bis auf eine Stelle hinter dem Komma. Doch das Abitur, als Glanzstück deutschen Bildungsguts einst Garant für einen Studienplatz, wird dann kaum noch mehr sein als Futter für die Computer.

Daß sich aus dem Zensuren-Durchschnitt verläßliche Rückschlüsse auf Studienerfolg und Berufseignung der Bewerber ziehen lassen, das wird heutzutage von fast allen Bildungsforschern und Hochschulpraktikern bestritten. Wie unsinnig die Noten-Arithmetik sein kann, belegt beispielsweise ein Test, den der Kieler Medizin-Professor Alkmar von Kügelgen angestellt hat.

Von 71 angehenden Medizinern, die das Physikum mit »Eins« bestanden, wäre, so eruierte der Wissenschaftler an seiner Fakultät, etwas mehr als die Hälfte (37) gar nicht zum Studium zugelassen worden, wenn die Abitur-Durchschnittsnote 3,2 Zulassungsbedingung gewesen wäre. Heute verläuft an vielen Universitäten die Grenze schon bei 2,0.

Programmwidrig beim Programmieren wirkt sich auch der höchst unterschiedliche Zensurenpegel in den einzelnen Bundesländern aus. Eine Arbeitsgruppe »Datenverarbeitung, Planung und Organisation« unter Leitung des Frankfurter Psychiatrie-Professors Hans Joachim Bochnik errechnete aus den Reifezeugnissen von Studienbewerbern für das Fach Medizin die Abitur-Durchschnittsnoten von Bremen bis Bayern. Dabei schnitten die Südstaatler, obwohl »sicher nicht intelligenter als die von der Küste« (Bochnik), am besten ab. Der bayrische Durchschnittswert lag bei 2,788. Niedersachsen (3,071) und das Saarland (3.081) behaupteten das Mittelfeld. Am strengsten bewertet wurde in Bremen (3,174).

Um beim Wettlauf um Studienplätze wenigstens formal gleiche Startchancen für alle Abiturienten zu schaffen, plädieren einige Kultusminister inzwischen für ein bundesweites Zentralabitur, wie es etwa in Frankreich und der DDR längst praktiziert wird. Dem Stuttgarter Kultusminister Wilhelm Hahn (CDU) etwa schwebt vor, daß »in Gremien des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz zum Beispiel mathematische Aufgaben und sprachliche Texte ausgewählt werden, mit denen sich an gleichen Prüfungstagen alle Primaner zwischen »Konstanz und Flensburg beschäftigen«.

Noch jedoch werden in den wenigsten Bundesländern, etwa Baden-Württemberg und Bayern, Themen und Aufgaben für die Reifeprüfung einheitlich gestellt. In den meisten Bundesländern hingegen stellt sie der einzelne Lehrer nach eigenem Gusto.

Zu den Befürwortern einheitlicher Abiturmaßstäbe gehören nicht nur Konservative wie der bayrische Kultusminister Hans Maier und sein Kieler Kollege Walter Braun. Auch der Hamburger Wissenschaftssenator Reinhard Philipp (FDP) -- derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz -- ist für die Bundes-Reifeprüfung. Dieses Zentralexamen könnte die Arbeit der neuen Zulassungsstelle zumindest vordergründig gerechter gestalten.

Doch die meisten sozialdemokratischen Kultuspolitiker blieben diesem Vorschlag gegenüber reserviert. Sie wollen -- so der Düsseldorfer Staatssekretär Schnoor -- »eher weg von den simplen Noten zwischen Eins und Sechs«. Schnoor fürchtet, daß »bei einem Zentralabitur mit genauem Wissenskanon die Schulen wieder Zu musealen Paukanstalten werden«.

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