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NAMIBIA Hinter der Welt

Südafrika entzieht den Buschmännern in Namibia die Lebensgrundlage: Aus der Steppenheimat der steinzeitlichen Urbewohner soll ein Safari-Park für Touristen werden. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Der kleine Mann, zur Feier des Tages in einen schwarzen Anzug gekleidet, sprach zu den Mitgliedern eines Untersuchungsausschusses der Uno über seine Heimat Namibia.

»Wir hätten gerne«, haspelte er, um Höflichkeit bemüht und doch eindringlich, »daß die Menschen, jene, die hinter der Welt, auf dem Rücken der Welt bei der Uno wohnen, unsere Dinge verstehen.« Die Delegierten aus dem fernen New York verstanden aber trotz Übersetzer nur wenig und reisten unverrichteter Dinge zurück.

Nicht verstanden zu werden ist das Schicksal der Buschmänner, jener mehr gelben als braunen, kleingewachsenen Eingeborenen des südlichen Afrika. Zu groß ist die Kluft zwischen ihrem steinzeitlichen Lebensgefühl und den Vorstellungen ihrer schwarzen und weißen Nachbarn, als daß es nicht ständig zu Konflikten käme.

Die gingen seit Jahrhunderten böse aus für die barfüßigen Leute, die auch San genannt werden. Als Jäger und Sammler leben sie von erlegten Tieren, ernähren sich zusätzlich von Beeren und Wurzeln, »Veldkos« genannt, und stehen immer und überall anderen im Weg.

Nun soll ihnen auch noch bis auf einen kleinen Rest ihr bisheriger Lebensraum in Namibia genommen werden. Dies würde Verzicht auf ihre gewohnte Lebensweise bedeuten und hätte unfehlbar das Ende der San zur Folge.

Das Buschmannland im Nordosten Namibias, eingegrenzt von Angola im Norden und Botswana im Osten, das Südafrika den Ureinwohnern Anfang der sechziger Jahre als Heimat zugewiesen hatte, wird jetzt von den Weißen beansprucht. Aus dem 12 000 Quadratkilometer großen östlichen Teil ihrer Heimat will die Naturschutzbehörde in Windhuk einen Safaripark machen.

Dort gibt es noch große Herden wild lebender Tiere - Attraktion für Touristen aus Europa und den USA, Lebensgrundlage aber für die Buschmänner, die dort jagen und, wie seit Jahrhunderten, mit bloßen Händen »nach Wasser graben« können, wie ein Buschmann namens Tsanko die Überlebenskunst seines Volkes schildert.

Ins Bild des geplanten Safaribetriebs passen die San offenbar nicht. Sie sollen umziehen, und zwar in die kargen Wüsten des westlichen Buschmannlandes. Dort würden selbst die genügsamen Wildnisbewohner nicht überleben können. Es gebe keine Tiere, sagen sie, und die Veldkos sei »vergiftet«.

Aber der Untergang der noch rund 30 000 San scheint kaum mehr abwendbar. Die Begegnung mit der Zivilisation der Weißen erwies sich für sie wie für viele Naturvölker als verhängnisvoll. Die Buschleute sind, wie der amerikanische Anthropologe John Marshall feststellte, der seit 30 Jahren mit den San lebt, »beklagenswerte Geschöpfe, die von Tuberkulose und Alkoholismus dahingerafft werden«.

Tausende von ihnen leben in ländlichen Slums, in der Nähe von Armee- oder Polizeiposten und ernähren sich von deren Abfällen. Ihre Lebenserwartung ist kaum halb so hoch wie die der Weißen. Landesweit hat Marshall für Buschleute in Namibia ein Pro-Kopf-Einkommen von knapp zehn Mark im Jahr ausgerechnet. 87 Prozent aller jungen San zwischen fünf und neunzehn Jahren gehen nicht zur Schule.

Aber die Alkohol-Geschäfte von Tsumkwe, dem Hauptort von Buschmannland, florieren. Schon am frühen Morgen schleppen Frauen, Alte und Kinder literweise Maisbier und Fusel in ihre zerfallenen Hütten. »Endstation« nennt Marshall das Siechtum der Buschleute.

Mehr als siebzig Prozent ihrer Heimatgebiete haben die San bereits verloren. Erst vor wenigen Jahren flohen mehr als fünftausend Angehörige der Kung, einer der Buschmann-Gruppen, vor dem schwarz-schwarzen Bürgerkrieg aus dem Südosten Angolas.

Das kleine, zähe, bis heute weitgehend unerforschte Volk der Buschleute hatte Jahrtausende in den Wüsten und Steppen des Südens, in den heutigen Ländern Namibia, Südafrika, Botswana und Angola, überlebt.

Sie sind die letzten ethnisch unverfälschten Ureinwohner des südlichen Afrika. Als die Buren vor mehr als dreihundert Jahren am Kap der Guten Hoffnung landeten, waren die San und die ihnen ähnlichen Hottentotten (Khoin) die ersten Menschen, die den mit Bibel und Büchse gewappneten Einwanderern unter die Augen kamen.

Bis ins 20. Jahrhundert wurde das freundliche Zwergenvolk, dessen Erwachsene den größten Teil des Tages damit zubringen, mit ihren Kindern zu spielen, von weißen Farmern verfolgt - oft wurden sie gar abgeschossen wie wilde Tiere.

1855 mußte erstmals ein Weißer, der einen Buschmann kaltblütig ermordet hatte, ein geringes Bußgeld zahlen. 1927 verbot die südafrikanische Regierung den San die traditionellen Jagdinstrumente Pfeil und Bogen. »Streunende« Buschmänner durften laut Gesetz eingefangen und zur Zwangsarbeit auf den Gold-Minen an der Küste verfrachtet werden.

Nicht besser wurde das Nomadenvolk von den später zugewanderten schwarzen Bewohnern des südlichen Afrika behandelt. Die entführten die Frauen der Buschmänner und zerschlugen die Straußeneier, in denen sie ihre Trinkwasservorräte aufbewahrten.

Schwarze Despoten setzten Buschmänner bei der Jagd ein, anstelle einer teuren Hundemeute. Denn Buschmänner vollbringen erstaunliche Laufleistungen. So können sie Gazellen über viele Kilometer müde hetzen, bevor sie die Beute mit einem Giftpfeil erlegen.

Vor Jahren wollte die Regierung von Botswana, wo einige Buschmänner leben, die ausdauernden Langläufer für olympische Zwecke trainieren. Die Erfolge blieben kläglich, weil die Buschmänner partout nicht immer nur monoton geradeaus laufen wollten.

Als sie eine Bahnstrecke entlang rennen sollten, schlugen sie immer wieder Haken und verschwanden in der Wüste. Oder sie blieben wenige Kilometer vor Ende des Marathons einfach stehen, weil sie es schlicht dämlich fanden, zu laufen, ohne ein Beutetier zu verfolgen.

Auch verursachten Sportkleidung und Laufschuhe den kleinen Männern, die oft nur mit Lendenschurz aus Fell bekleidet sind und barfuß gehen, schlimme Schmerzen.

Besser verstanden es die Weißen, sich andere Fähigkeiten des Buschvolks nutzbar

zu machen. Einige tausend San arbeiten für Monatslöhne ab zehn Mark bei freier Verpflegung und Gratis-Tabakrationen auf den riesigen Farmen Namibias, deren Besitzer auch heute noch vielfach deutsch sprechen.

Die kleinen Männer, so erzählen die Großgrundbesitzer, hätten unglaubliches Geschick im Umgang mit den nach Tausenden, wenn nicht Zehntausenden Stück zählenden Schaf- und Rinderherden. Im Handumdrehen etwa könne ein Buschmann, nur durch Ausstoßen von Pfeif- und Schnalzlauten, hundert Kühe in die Koppel zum Melken treiben.

Auch Südafrikas Militärs rühmen die geradezu wundersamen Fähigkeiten der Wildnisbewohner. Angeblich »wittern« sie fast jede Gefahr, erspähen auch die geringsten nicht natürlichen Unebenheiten auf sandigen Pfaden und unwegsamen Pisten, unter denen etwa Sprengladungen vergraben sein könnten. Ohne Landkarten und Kompaß führen sie die südafrikanischen Soldaten unfehlbar, wie es heißt, in den Rücken der schwarzen Widerstandskämpfer.

Mehr als tausend, möglicherweise sogar zweitausend Buschmänner dienen in der Uniform des Burenstaates. Sie beziehen einen für Buschmann-Verhältnisse riesigen Sold: tausend Mark im Monat.

Die meisten der Söldner aus dem Busch traben als Fährtenleser vor den Soldatenkolonnen her, die seit 18 Jahren vor allem im Norden Namibias gegen die militante linke Nationalistenbewegung Swapo im Einsatz sind. »Gurkhas des südlichen Afrika«, so nannte sie der durch seine Buschmannbeschreibungen berühmte Schriftsteller Laurens van der Post.

Kein Wunder, daß die übrigen etwa eine Million schwarzen Einwohner Namibias, die bei freien Wahlen vermutlich mehrheitlich für die Swapo stimmen würden, die rund 30 000 überlebenden San als »Verräter« hassen.

»Wenn wir Südwest räumen«, geben die weißen Führungsoffiziere der Buschmannbataillone unumwunden zu, »müssen wir unsere kleinen Freunde mitnehmen« - sonst gäbe es wohl einen Holocaust für die Helfer der Südafrikaner. Was aus den anderen wird, die keinen Wehrdienst für Südafrika leisten, steht dahin.

Wenn die Naturschutzbehörde in Windhuk ihren Plan verwirklicht, werden nur noch einige Dutzend San im Osten von Buschmannland bleiben dürfen - wie Giraffen und Zebras als zusätzliche Touristenattraktion.

In einem »authentischen« Dorf sollen sie den Fremden Buschmannkultur vorleben. Einige würden wohl auch als Führer und Bedienstete für die Touristen gebraucht, denen bei den dort vorherrschenden Hitzegraden selbst der Griff zum Whiskyglas beschwerlich wird.

Buschmann-Forscher Marshall konnte wenigstens einer kleinen Gruppe von Juwa-Buschleuten zu einer gesicherten Existenz verhelfen. Etwa 300 hatten sich vor Jahren um Hilfe an den Weißen gewandt, den sie als ihren Adoptivsohn betrachten: Sie suchten Land, auf dem sie wie gewohnt leben konnten.

Marshall gelang es, seinen Freunden ein abgelegenes Stück Steppe zu verschaffen. Weit genug vom alkoholisierten Rest der Sippe in Tsumkwe und vom weißen Mann, leben die Juwa San wieder als Sammler und Jäger.

Einziges Zugeständnis ans 20. Jahrhundert: Sie lernten Mais und Gemüse anzupflanzen und versorgen kleine, eigene Viehherden.

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