Zur Ausgabe
Artikel 31 / 55

TSCHECHOSLOWAKEI / NATIONALITÄTEN Hinter die Donau

aus DER SPIEGEL 23/1968

Aus der Slowakei kam Alexander Dubcek nach Prag. Er forderte für seine Heimat gleiche Rechte im tschechoslowakischen Vielvölkerstaat. Mit Prager Liberalen stürzte der slowakische Parteichef die Prager Stalinisten.

Aus der Slowakei wollen nun Stalinisten die Konterrevolution organisieren -- gestützt auf die Abneigung der Slowaken, ihrer ungarischen Minderheit in der Südslowakei gleiche Rechte einzuräumen.

Die Mehrheit der 1,5 Millionen Slowakei-Ungarn war 1945 vertrieben worden. 650 000 Zurückgebliebene verloren -- gleich den Deutschen -- die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, dazu Wohnungen, Hofstellen, Arbeitsplätze und Schulen.

Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 erhielten die Ungarn die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit zurück -- jedoch kaum nationale Minderheitsrechte.

Als im Frühling 1968 in Prag die Demokratie ausbrach, forderte der Kulturverband der CSSR-Ungarn Selbstverwaltung, Aufhebung aller diskriminierenden Verordnungen und ein Staatssekretariat für Nationalitätenfragen in Prag.

Dort jedoch sitzt als neuer Vizepremier Gustav Husák, der früher Chef des slowakischen Nationalrats war, ehe er selbst Opfer der Stalinisten wurde. Unter seiner Aufsicht waren einst die Ungarn in der Slowakei am ärgsten verfolgt worden. Die Slowaken-Blätter »Kulturni zivot« und »Predvoj« wiesen die ungarischen Ansprüche zurück: Es handele sich um nationalistische Agitation.

Denn führende Kommunisten der Slowakei, denen die CSSR-Reform nur die eigene Mitbestimmung in Prag bringen sollte, sind im übrigen stockkonservativ. Die Partei-Bezirksleitung der Mittelslowakei verlangte im Mai: »Wir müssen den parteifeindlichen Angriffen und denjenigen die Stirn bieten, die uns von der Sowjet-Union trennen möchten.« Und vorige Woche forderte das slowakische Zentralkomitee in einer Plenarsitzung die Fortdauer der unumschränkten Parteiherrschaft.

Prager und Pankower Konservative witterten die Chance, von der Slowakei aus Dubceks neuen Kommunismus zu stoppen. DDR-Botschafter Florin eilte nach Prellburg, um mit lokalen Reformfeinden zu kungeln.

Erfahrenere Konspirateure arbeiteten bereits vor Ort. Schon im April waren aus Moskau und Budapest Spezialisten zur Beratung der tschechischen Geheimpolizei eingetroffen. Gemeinsam wurde der Plan entworfen, Feindseligkeiten zwischen Slowaken und Ungarn zu provozieren.

Spitzel streuten Flugblätter und Gerüchte aus, die bei den Slowaken die Angst vor den Ungarn, bei den Ungarn die Angst vor den Slowaken schürten. Heimlich werden Waffen verteilt.

In den Dörfern der Südslowakei erscheinen nachts Handzettel und Maueranschläge, die ungarische Einwohner des »Chauvinismus« und »Irredentismus« bezichtigen: Sie bereiteten ein »Blutbad« vor, wollten die CSSR zerschlagen und die Südslowakei an Ungarn angliedern.

Gleichzeitig tauchen in von Ungarn bewohnten Ortschaften Gerüchte auf, in den Bergen sammelten sich slowakische Freischärler zu einem Pogrom, dem kein Ungar lebend entkommen werde.

Der Leiter des wiedergegründeten Slowaken-Kulturverbandes »Matica Slovenská«, Kulik Ondrej, erklärte am 16. Mai in der Preßburger Zeitung »Uj Szó": »Wenn die Ungarn unseren Staat zerstören wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie mit Waffen zu verjagen.«

Am nächsten Tag antwortete der ungarische Publizist Zoltán Fonód in dem Blatt: Die Lage in der Südslowakei werde »tagtäglich unerträglicher. Es ist zum Verzweifeln -- das bisher friedliche Zusammenleben der Völker hier wird bewußt und gewollt zerstört«.

Slowakische Nationalisten organisieren Aufmärsche in Gemeinden, in denen überwiegend Ungarn wohnen. Die Ungarn ziehen sich in ihre Häuser zurück. Durch die verschlossenen Fenster dringt der Ruf auf die Straße: »Madari za Dunaj!« -- »Hinter die Donau mit den Ungarn!«

Vorletzte Woche erschien Staatschef Svoboda in der Slowakei, um zu schlichten. Denn kommt es zu blutigen Zusammenstößen, haben Sowjettruppen einen Vorwand zum Eingreifen, um die Ordnung wiederherzustellen

Die Gendarmen des Donauraums stehen in Nordungarn auf Abruf bereit.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 55
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.