Zur Ausgabe
Artikel 48 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Hinter Scargill der Faschismus«

SPIEGEL-Redakteur Dieter Wild über den Kongreß der Tories in Brighton *
Von Dieter Wild
aus DER SPIEGEL 42/1984

An der Strandpromenade von Brighton, einem brutalen Bollwerk aus Asphalt und Zement, hält das Kriegerdenkmal des Royal-Sussex-Regiments die Erinnerung an vergangene Größe wach: »Quebec, Ägypten, Südafrika«, steht am Sockel. Und von der Denkmalspitze bläst, in windgepeitschtem Mantel, ein kupferner Tommy die Trompete gen See - man weiß nicht recht, ob zum Angriff oder zur Retraite.

Gebieterisch in die See hinaus langen die berühmten »piers« von Brighton mit ihrer exzentrischen, ein wenig verfallenen Holzarchitektur: turmbewehrte Hallen und Pavillons, in denen sich das Badebürgertum um 1900 amüsierte, errichtet im »Mogul-Stil« - ein Hauch von Britisch-Indien befremdlich an die britische Kanalküste gezaubert.

Auf dieses Strandgut von Empire-Nostalgie konnte Margaret Thatcher vom Balkon ihrer Suite mit dem angemessenen Namen »Napoleon« blicken, die sie im ersten Stock des »Grand Hotel« bewohnte, eines jener Jugendstil-Schlachtschiffe, die einst Europas Küsten von Biarritz bis Travemünde so richtig wohnlich machten.

Nebenan, im Brighton-Centre, rollt ab, was das feierliche Hochamt des alten, gediegenen England sein sollte: der Parteitag der Konservativen, ein nobles Unterfangen und Exzeß an gutem Betragen seit Menschengedenken.

In der Nacht zum Freitag ist es mit der Idylle vorbei. Ein Donnerschlag läßt gegen drei Uhr die Strandpromenade erbeben, eine Rauchsäule steigt über dem »Grand Hotel« auf, in dessen Fassade sieben oder neun Kilo Dynamit ein drei Stockwerke hohes Loch gerissen haben.

Erstmals haben Attentäter von der IRA ihre Hand gegen die Regierungschefin erhoben. Zwar konnten sie der Eisernen, die nächtens noch arbeitete, nichts anhaben, aber das Bad der »Napoleon«-Suite ist verwüstet und ihr Kabinetts-Liebling, Handels- und Industrieminister Norman Tebbit, unter den über 30 Verletzten.

Das Märtyrertum könnte seine Nachfolgechancen erhöhen, die Chefin hat, anders als bei Falkland, nun auch persönlich für England im Feuer gestanden, und sie ist - wieder einmal - nicht schwach geworden.

Sie hält die Augen fest geschlossen, als der Parteitag sechs Stunden später seine letzte Sitzung mit einem Gebet für die Opfer des Anschlags beginnt. Alan Clarke, Delegierter und Stadtrat aus Brighton, glaubt, daß die Bombe »uns klar gemacht hat, in welcher Welt wir leben«.

Die Welt der Konservativen war an sich im Lot in Brighton. Die Delegierten sind alle - fast alle - wohlerzogen, wohltemperiert _(Mit Ex-Minister Whitelaw und ) _(Parteiobmann Gummer. )

und wohlgenährt. Sie applaudieren nur gemessen, lassen sich niemals zu einem Zwischenruf hinreißen. Manchem der Herren mit ausladendem Schnurr- und Backenbart meint man noch den Kolonialoffizier a. D. anzusehen, auch wenn er es nie war. Vor einer in mildestem Pastellblau gehaltenen Wand prahlt die optimistische Inschrift »Britain Winning Through« - Britannien gewinnt auf der ganzen Linie. Wohlan denn!

So viel Selbstsicherheit scheint sogar Englands Protestgruppen zu entmutigen. Vor dem Tagungslokal verharren hartnäckig im Regen vor allem jene, die »Krieg gegen die Unmenschlichkeit« fordern - und sie meinen damit das Rauchen.

Eine glückliche Partei könnte dies sein: Ihre Unterhausmehrheit ist seit dem Erdrutsch-Sieg 1983 bombensicher, die Labour Party gibt sich wieder ihrem rituellen, selbstmörderischen Richtungskampf hin, die IRA hatte eine Zeitlang nicht gebombt, die Gemeinde der Thatcher-Gläubigen steht in Treue fest - zumindest äußerlich gesehen.

Die Regierungschefin scheint nach wie vor von keinem Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges angekränkelt. Auf dem letzten Kongreß war noch der Partei-Obman Cecil Parkinson zwischen Frau und Sekretärin zu Fall gekommen. Schwamm drüber. Der Sünder wurde durch den offenbar untadeligen Mr. John Selwyn Gummer ersetzt, ein Mitglied der Generalsynode der Kirche von England, ein Engelsgesicht.

So scheint denn das heile England unter sich zu sein, und es könnte auch ganz es selbst sein, wenn sich nicht ein störendes »Gefühl bevorstehenden Unheils« (so die »Daily Mail") eingeschlichen und den Selbstgewissen und Überzeugungstreuen ihren Kongreß verdorben hätte, noch bevor die Bombe im »Grand Hotel« hochgeht.

Das Fernbeben der großen sozialen Konfrontation, hervorgerufen durch die wirtschaftliche Gewaltkur namens Thatcherismus, läßt die schöne Welt der Konservativen im Seebad Brighton schon am ersten Tag unmerklich erzittern.

Zwar, unter den insgesamt 850 Anträgen der Parteigliederungen sind nur wenige kritische, aber der von Birmingham-Sparkbook hat es in sich: Angesichts der über 3,2 Millionen Arbeitslosen wagt es doch diese Ortsgruppe, »die Regierung Ihrer Majestät aufzufordern, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um einer Situation abzuhelfen, die verheerendes menschliches Elend schafft« - so als wollten die Petenten tatsächlich sagen, die Regierung sehe das Elend nicht, tue nicht genug.

Der zage Protest derer von Birmingham scheint ein tiefes Unbehagen der Briten am harten Wirtschaftskurs der Regierung zu artikulieren, und zwar auch jener Briten, die konservativ gewählt haben. Man habe »die Arbeitslosen wohl schon abgeschrieben«, bemerkt ein Delegierter fast tollkühn.

30 Prozent der Tories, eine verwirrende Zahl, finden gar unangebracht, wie Maggie Thatcher jenem Phänomen begegnet, bei dem sie sich so sehr im Recht fühlt wie seinerzeit zur Falklandzeit: dem großen Streik der Bergarbeiter.

Über die Volksmeinung kann sich leicht hinwegsetzen, wer sich dermaßen im Alleinbesitz der Wahrheit glaubt. Doch da trifft die Konservativen ein Schicksalsschlag, mit dem niemand gerechnet hat: Robert Runcie, Erzbischof von Canterbury und Primas der Anglikanischen Kirche, deren Oberhaupt die Königin ist, verwarnt die Regierung eben dieser Königin öffentlich wegen ihrer Politik der sozialen »Konfrontation«.

Krach zwischen zwei so ehrwürdigen Institutionen des konservativen England, und das am Tag vor Eröffnung des Kongresses der Konservativen Partei, vorgetragen in Form eines erzbischöflichen Interviews in der konservativen »Times«, das geht schon ans Mark auch eines gefestigten Konservativen.

Da die Bischöfe von Durham und Birmingham, von Winchester und Gloucester sich gleichfalls von ihrer gottgegebenen Obrigkeit distanziert haben, liegt Verschwörung in der Luft.

Fassungslos wütet der »Daily Express« gegen den »Erzbischof von Canterbury und Co.« und läßt eine Drohung los, die schon beinahe nach Mord im Dom klingt: »Es wäre ein wenig bedenklich, wenn die Kirche von England von der nationalen Bühne verschwände - aber wir kämen sehr gut ohne sie aus.«

An der Parteispitze verliert der eine oder andere der sehr ehrenwerten Herren für den Augenblick die Contenance. So poltert Nicholas Fairbairn, früherer Kronanwalt von Schottland: »Der Erzbischof ... sollte zur Buße die Kohle öffentlich aufessen.«

Parteiobmann Gummer empfiehlt, gegen die unbotmäßigen Kleriker nicht etwa frontal zurückzuschlagen, sondern sie als weltfern und naiv hinzustellen, sie am besten aber gar nicht zu erwähnen.

Und so beginnt denn der Parteitag sehr zeitgemäß mit einer Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper - über die Tugend der Demut. Niemand von der Parteiprominenz sagt während des viertägigen Kongresses öffentlich ein Wort über den Erzbischof.

Mit der Kirche von England wollen sich die Konservativen nicht anlegen, weil sie alle Kraft brauchen, mit einem ungebetenen, zutiefst unenglischen Parteitagsgast fertig zu werden, der sich penetrant in die innenpolitischen Reden aller Delegierten drängt: Arthur Scargill, rebellischer Präsident der Bergarbeitergewerkschaft NUM.

So wie Scargill den Labour-Parteitag in Blackpool vor einer Woche physisch beherrschte, ist er bei den Konservativen wie ein Gespenst allgegenwärtig, verteufelt als der Verderber Englands, der auf der Stelle exorziert werden muß.

Sein Tun, ereifert sich Energieminister Peter Walker, sei eine »Herausforderung an den britischen Way of Life«, der Kampf gegen ihn, ergänzen Hinterbänkler, eine neue »Schlacht um England«.

Dieser Scargill will in den Augen der Konservativen über England jenen Alptraum bringen, der »in den 30er Jahren Deutschland befiel«; er verfolgt die gleiche

Taktik wie »Hitlers Braunhemden«; hinter Scargill »steht der Faschismus«.

Das Thema fasziniert die Konservativen. Es hat in Brighton, an jener Küste, wo zuletzt 1940 eine »Schlacht um England« geschlagen wurde, ein fast mystisches Gewicht. »Damals kam der Feind von außen, jetzt kommt er von innen«, darin sieht ein Delegierter den einzigen Unterschied zwischen 1940 und 1984.

Der Schurke Scargill hat laut Walker »einen begeisterten Kommunisten zum Vater« und versucht, »einen marxistischen Kreuzzug zu führen, um eine gewählte Regierung zu Fall zu bringen«. Keine Angst, die Regierung fällt natürlich nicht - doch die Delegierten müssen es sich wieder und wieder bestätigen.

Zu so viel geschichtlichem Pathos raffen sich britische Konservative auf, obschon sich Scargill und der »Scargillismus«, in britischem Understatement, auch einfacher erklären ließen: Der rabiate Bergarbeiterführer spielt das angeblich faire Spiel der Gentlemen nicht mit. Er hat auf die einfachen Weisheiten Maggie Thatchers eine ebenso einfache Antwort: Verweigerung.

Er setzt seinen Streik ohne Urabstimmung durch. Er läßt zur Einschüchterung Arbeitswilliger Tausende als Streikposten vor den Zechen aufmarschieren.

In weiten Landstrichen der Kohle-Grafschaften Yorkshire und Nottinghamshire breitet sich Aufstandsklima aus, als sich diese »picket lines« und die Polizei Straßenschlachten liefern. Aber, tröstet Innenminister Leon Brittan die Konservativen, »die Polizei hat die Linie gehalten«.

Die Streikenden jedoch haben ihre Linie auch gehalten. Man spürt den Druck, unter dem die Delegierten in Brighton stehen: Die Konservativen wurden größtenteils gewählt, damit Maggie Thatcher Ordnung schaffe im Land. Doch die Falkland-Ritterin hat vor dem Drecksjob gekniffen, ihn der Nationalen Kohlebehörde und der Polizei zugeschoben, die damit nicht fertig wurden.

Da man aber die Herrin dafür nicht kritisieren darf - weil man sie überhaupt nicht kritisieren darf -, bleibt den Delegierten nur, der heroischen Polizei den Dank des Vaterlandes darzubringen.

So hingebungsvoll und ausdauernd dürften Polizisten auf einem Parteitag der europäischen Nachkriegszeit noch niemals umjubelt worden sein wie in Brighton, und es bleibt auch nicht bei Worten. Innenminister Brittan sichert den lokalen Behörden zu, daß ihnen die Staatskasse alle ihr Budget übersteigenden Kosten zur Sicherung von Ruhe und Ordnung ersetzen werde - »in unbegrenzter Höhe«. Beklommen stellt der lokale »Standard« fest: »Eine Garantie ohne Beispiel.«

Jeder »chief constable« soll laut Brittan »seine Hunde und Pferde weiterhin einsetzen« können, Linkspolitiker in den Gemeinden sollen »seine Stärke nicht unterminieren« dürfen. Dazu werden »fliegende Magistratsgerichte« künftig Straftaten gegen die Ordnung auf der Stelle ahnden.

Solche Maßnahmen erscheinen den Delegierten wahrhaft angemessen angesichts der Ziele, welche die gewalttätigen Bergarbeiter verfolgen. Sie wollen, laut Brittan, die Macht im Staat erobern - »die Macht, dieses Land in ein armes, schäbiges, klägliches Ebenbild der Ostblockstaaten zu verwandeln, die von ihnen so sehr bewundert werden«.

So werden Law and order hochgehalten - wenn nicht in den Kohlerevieren Mittelenglands, so doch im betulichen Seebad Brighton. Da kündigt die Regierung die Einführung lebenslanger Haft für Rauschgiftpusher an, weiß Minister Tebbit ein Mittel gegen die Überfüllung der Gefängnisse ("nicht weniger Haftstrafen, sondern mehr"), verlangt der Delegierte Butcher die Todesstrafe, die angeblich »90 Prozent der Menschen« zurückhaben wollen.

Als die ehrwürdige Parteitagspräsidentin, »Dame« Pamela Hunter, diesem Butcher das Wort entziehen will, weil er seine Redezeit überschritten hat, da endlich regt sich Protest im Parteitagsvolk - der ehrliche Butcher soll reden dürfen!

Triumph, als bekannt wird, daß ein Londoner Gericht den Volksfeind Scargill zu 3000 Mark Geldstrafe und seine Gewerkschaft zu fast 800 000 Mark verurteilt hat - wegen »Mißachtung des Gerichts«, das den Streik für illegal erklärt hatte. Recht bleibt also doch Recht in England, obschon Scargill dem »Tory-Richter« die Anerkennung natürlich verweigert.

Recht muß in England sogar in jedem Fall Recht bleiben, auch wenn Konservative daran zu zweifeln beginnen. Längst hat sich auch dem letzten Parteitagsdelegierten mitgeteilt, daß die britische Marine den argentinischen Kreuzer »Belgrano« 1982 entgegen früheren Behauptungen der Regierung noch versenkte, als das Schiff, längst auf Heimatkurs, keine akute Gefahr mehr für Englands Falkland-Unternehmen darstellte.

Dennoch kommt Euphorie über den Parteitag, als Verteidigungsminister Heseltine befindet: »Die Premierministerin traf die richtige Entscheidung, sie traf sie zur rechten Zeit, sie verdient unsere Anerkennung.« Auch der Schatten »Belgrano« wird exorziert.

Im machtvollen Bekenntnis zu Law and order und gegen die »Feiglinge« von den Gewerkschaften findet der Parteitag zu sich selbst, überwindet er die Trauer über die ruchlose IRA, die naiven Bischöfe und die Untätigkeit der eigenen Regierung in Sachen Scargill. »Vor die Wahl zwischen Arthur Scargill und Margaret gestellt, haben die Delegierten keine Wahl«, sagt Julian Critchley, ein Funktionär aus dem Mittelbau der Partei.

Im Brighton-Centre zeigen junge Konservative, wie man auf gesittete Art Englands Feinden die Stirn bietet. Im Foyer liegen neben kleinen Marzipan-Maggies ("sechs Monate haltbar«; 8 Mark das Stück) am Stand der »Jugend für mehrseitige Abrüstung« Flugblätter mit Parolen aus wie »Die Sowjet-Union braucht euch. Unterstützt einseitige Abrüstung.«

Oder: »Niemals wieder« - und hinter der Schrift drängen sich KZ-Insassen am Stacheldraht.

Glückliches England, mag die IRA bomben, der elende Scargill wird nicht siegen.

Mit Ex-Minister Whitelaw und Parteiobmann Gummer.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 48 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.