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BONN / GEHLEN-NACHFOLGER Hinter Stacheldraht

aus DER SPIEGEL 31/1967

Stets stand er im vordersten Glied. Er zählte zu den Besten seines Jahrgangs, war mit 31 Jahren bereits Oberstleutnant im Generalstab und gehörte mit 45 zu den jüngsten Generälen der Bundeswehr.

Jetzt soll er hinter Stacheldraht: Generalleutnant Gerhard Wessel, 53, ist ausersehen, den Mann ohne Gesicht, Reinhard Gehlen, als Chef des Bundesnachrichtendienstes im umzäunten Pullach-Camp bei München abzulösen.

Der alternde Gehlen, von dem seit 23 Jahren kein Porträt-Photo mehr vorliegt, möchte sein Haus bestellen.

Als Präsident einer Bundesbehörde im Range eines Ministerialdirektors wurde der Ex-General mit seinem 65. Geburtstag am 3. April dieses Jahres pensionsreif. Auf Beschluß der Bundesregierung darf er noch ein weiteres Jahr amtieren.

Spätestens am 30. April nächsten Jahres möchte er seinen Spionage- und Abwehrdienst, der jährlich mehr als 100 Millionen Mark Bundesmittel (davon 65 Millionen aus dem Bundeskanzleramt) erhält, an Wessel abgeben. Der BND-Chef sieht ihn als geeignetsten Nachfolger an,

denn er kommt aus Gehlens eigener Schule.

Wessels analytischen Verstand und seine rasche Auffassungsgabe schätzt Gehlen seit den Tagen der Großdeutschen Wehrmacht. Als Sachbearbeiter für die Rote Armee beobachtete der damalige Major in Gehlens OKH-Abteilung »Fremde Heere Ost« die Bewegung der sowjetischen Truppen.

Für seinen Chef Gehlen hatte Wessel auch jene Feindlage-Analyse zusammengestellt, die General Guderian dann am 9. Januar 1945 seinem Führer Adolf Hitler vortrug. Der Oberste Befehlshaber damals zu den Karten und Schaubildern, die einen sowjetischen Grollangriff signalisierten: »Völlig idiotisch!« Und: Der Bearbeiter solle sofort ins Irrenhaus gesperrt werden.

Drei Tage später rollten die Russen bei Baranow vor und durchbrachen die deutsche Front. Wessel blieb Gehlen erhalten.

Auch die deutsche Kapitulation konnte die Zusammenarbeit nicht stören. Gehlen und Wessel forschten und analysierten nun für die Amerikaner.

Als sich die Wiederbewaffnung Westdeutschlands anbahnte, entsandte Gehlen seinen bewährten Helfer ins Amt Blank, um dort die militärische Abwehr zu organisieren.

Der strenge Katholik Wessel, im Kameradenkreise wegen seiner hochgewachsenen schlanken Figur »der große Gerhard« genannt, gilt als Vater des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) der Bundeswehr, den er sieben Jahre lang, bis 1962, als Leiter der Unterabteilung Fü B II im Führungsstab der Bundeswehr beaufsichtigte.

Dann mußte der Geheimdienst-Mann zur Truppe, um nach dem Innendienst auch einige Jahre Praxis zu absolvieren; er übernahm die Zweite Panzergrenadier-Brigade in Braunschweig.

Bevor er jedoch sein neues Kommando antrat, agierte Wessel noch als unfreiwilliger Briefträger bei der Vorbereitung der SPIEGEL-Krise im Bundesverteidigungsministerium.

Am 10. Oktober 1962, zwei Tage nach Erscheinen der SPIEGEL-Titelgeschichte »Bedingt abwehrbereit«, meldete sich Wessel beim damaligen Staatssekretär Volkmar Hopf offiziell ab.

Beim Abschied drückte Hopf dem General den SPIEGEL in die Hand: »Ach, lieber Herr Wessel, können Sie mir einen Gefallen tun? ... Sie gehören zwar nicht mehr zu Ihrer Abteilung (Sicherheit), aber Sie gehen ja sicher noch »rüber und können ihn Ihren Herren geben. Irgendwie kommt mir der Artikel eigenartig vor.«

Als die SPIEGEL-Aktion begann, saß Wessel schon zehn Tage im Kommandeurzimmer der Braunschweiger Hindenburg-Kaserne. Nach einem Jahr zog er wieder um: nach Washington, wo er den heutigen Luftwaffen-Inspekteur Steinhoff als deutschen Vertreter im Nato-Military-Committee ablöste.

Dort erwartet Wessel nun eine neue Aufgabe, denn den üblichen Drei-Jahre-Turnus hat er bereits um ein Jahr überschritten.

Gehlen ist entschlossen, die Berufung seines Kronprinzen nach München-Pullach nicht an Terminschwierigkeiten scheitern zu lassen. Kommt Wessel zum Beispiel schon im Herbst und nicht -- wie erwartet -- erst im Frühjahr nach Deutschland zurück, dann will der BND-Chef notfalls seine verlängerte Amtszeit nicht ausnutzen und schon zum ersten Oktober zurücktreten.

Der Nachfolger des Spionage-Generals wird sich in Bonn mit einer völlig gewandelten Lage des BND abfinden müssen.

Unter dem ersten Bundeskanzler hatte Gehlen im Palais Schaumburg stets offene Türen und Ohren gefunden. Konrad Adenauer und sein Staatssekretär Globke lasen alle Berichte aus Pullach mit dankbarem Interesse.

Ludwig Erhard und sein Ludger Westrick hingegen konnten mit dem Geheimdienst wenig anfangen. Seine Erkenntnisse und Analysen verstaubten in der Geheimregistratur.

Bundeskanzler Kiesinger macht einerseits keinen Hehl daraus, daß er den Wert von Geheimdienst-Informationen außerordentlich kritisch beurteilt, andererseits hat er zu erkennen gegeben, daß er die BND-Zügel nicht so schleifen lassen will wie Erhard.

In Ministerien, die ihnen bis zur Bildung der Großen Koalition wohlgesonnen waren, stoßen die Pullacher nun sogar auf kaum verhüllte Reserve: Die sozialdemokratischen Hausherren und Führungskräfte im Auswärtigen Amt, im Justiz- und auch im Gesamtdeutschen Ministerium haben dem BND nicht verziehen, daß er der SPD während ihrer gesamten Oppositionszeit keinerlei Einblick in seine Struktur und Arbeitsweise gewährte -- im Gegensatz zum Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz.

Die SPD-Spitze hat zwar noch nicht über die Gehlen-Nachfolge beraten, doch halten führende Sozialdemokraten mit ihrer Meinung nicht zurück, daß sie nach Gehlens Abgang nicht wieder einen Militär aus der Schule des Generals, sondern lieber einen Zivilisten an der Spitze des Bundesnachrichtendienstes sehen möchten.

Gehlens Wessel-Hoffnungen können freilich auch noch aus einem ganz anderen Grunde scheitern.

Am 1. April nächsten Jahres verläßt der deutsche Vier-Sterne-General Graf Kielmansegg aus Altersgründen seinen Nato-Posten als Chef der alliierten Streitkräfte Europa Mitte. Verteidigungsminister Schröders Favorit für die Nachfolge ist Generalleutnant Schnez, Kommandierender General des III. Korps in Koblenz.

Als jedoch vor einigen Wochen gegen Schnez Vorwürfe wegen seines politischen Verhaltens im Kriege (SPIEGEL 26/1967) laut wurden, wuchsen bei den Verbündeten Zweifel an der Eignung des Generals für diesen Nato-Spitzenjob, den die Deutschen wieder besetzen sollen.

Zweiter Name auf der Bonner Kandidatenliste: Gerhard Wessel.

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