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Hinterhof einer Großstadt

Die Geschichte von Wilhelmsburg
aus DER SPIEGEL 44/2000

Als hätte der Weltenschöpfer seinen Zeigefinger ins Urstromtal gehalten, gabelten sich Norder- und Süderelbe und umarmen bis heute Europas größte Flussinsel, 35 fruchtbare Quadratkilometer. Seit 1333 das erste Stück Bauernland vor den Sturmfluten geschützt wurde, hieß es für die Insulaner: dieken oder wieken, deichen oder weichen.

Jahrhundertelang kamen von der Insel Milch und Gemüse für die aufstrebende Hansestadt Hamburg. Jahrhundertelang ging der Nord-Süd-Verkehr über Fähren, bis die Brücken für die Eisenbahn (1872) und die Straße (1899) von Hamburg über Wilhelmsburg nach Harburg geschlagen wurden. In die bäuerliche Kultur von etwa 4000 Leuten brach die Industrialisierung ein. Die Bodenspekulation blühte und hinterließ Zeichen städtebaulicher Willkür. In Wilhelmsburg manifestierte sich aber auch der revolutionäre Genossenschaftsgedanke. Nachdem die Cholera in Hamburger Elendsvierteln gewütet hatte, taten sich Arbeiter und Handwerker zusammen, um auf der Insel »gesunde Arbeiterwohnungen« hochzuziehen.

Ein 1903 gebautes Rathaus, das bis heute als Kuriosum isoliert im Grünen steht, kündet von dem Ehrgeiz der Wilhelmsburger, eine stolze Stadt zu werden. Aber Preußen schlug die Insel 1927 Harburg zu, und zehn Jahre später schlugen die Nazis Harburg inklusive Wilhelmsburg dem »Mustergau« Hamburg zu. Seither nutzte die Großstadt die Insel als Hinterhof. Da war Platz für die expandierende Ölindustrie und auch Platz für die Arbeiter, die im Hafen und auf den Werften für den hanseatischen Reichtum malochten.

Es waren vor allem ärmere Menschen, die 1962 ertranken, als die Deiche brachen und die Insel in der großen Sturmflut versank: 207 Tote.

Die siebziger Jahre bescherten dem Stadtteil Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus, die heute als Planungsirrsinn, wenn nicht sogar als soziales Verbrechen gelten. Vom Niedergang der Werften und dem Strukturwandel im Hafen hat sich der Stadtteil, 46 110 Bewohner, davon ein Drittel Ausländer, bis heute nicht erholt. Die Spannungen schlugen sich bei der letzten Bürgerschaftswahl in 14,6 Prozent der Stimmen für rechtsextreme Parteien nieder.

Viele Pläne wurden für die Insel gemacht. Aber bis heute hat Hamburg kein Konzept für die Zukunft von Wilhelmsburg.

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