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Libyen Hintern auf Holzklotz

Bereitet Revolutionsführer Gaddafi, enttäuscht von den arabischen Brüdern, eine Öffnung zum Westen vor?
aus DER SPIEGEL 26/1992

Solch einen Ton war Muammar el-Gaddafi, seit 23 Jahren unumstrittener Libyscher Herrscher, bislang nicht gewöhnt: »Seit 1969 haben wir auf der Seite der sogenannten Araber gestanden und für sie die Kastanien aus dem Feuer geholt. Das haben wir nur auf Deine Veranlassung hin gemacht. Du hast uns regelrecht in die Feindschaft zum Westen getrieben.«

Die harsche Kritik an der Staatskunst des Revolutionshelden, der sich wie kein anderer nahöstlicher Potentat ebenso beharrlich wie wirkungslos dem Traum einer geeinten panarabischen Nation verschrieben hat, kam nicht etwa von der überwiegend im Exil lebenden Opposition. Sie stand ausgerechnet in der libyschen Zeitung El-Dschamahirija - dem ergebenen Sprachrohr seines Regimes.

Rücksichtslos ging Gaddafis Zentralorgan mit Gaddafi ins Gericht: »Du hast mit dem Westen gestritten und gekämpft, um die Fata Morgana der sogenannten arabischen Einheit zu verwirklichen. Jetzt sitzt Du auf Deinem Hintern wie auf einem Holzklotz und weißt nicht, wie es weitergehen soll.«

Was wie ein Aufruf zum Umsturz oder als deutliches Anzeichen des Machtverfalls Oberst Gaddafis anmuten könnte, war tatsächlich eine trickreiche Inszenierung des großen Meisters höchstpersönlich. Die offene Kritik an seiner Linie soll das Volk auf eine spektakuläre Kehrtwendung der offiziellen libyschen Außenpolitik vorbereiten: Das maghrebinische Wüstenreich, bislang vor allem als Schutzmacht des internationalen Terrorismus verrufen, will sich aus dem arabischen Lager lösen und dem Westen öffnen.

Mit diesem Schritt versucht der unberechenbare Revolutionsheld seine brüchig gewordene Herrschaft zu sichern. Der Oberst war durch den Uno-Boykott in die internationale Isolation geraten - Folge seiner Weigerung, zwei libysche Geheimdienst-Offiziere, die den Bombenanschlag auf den Pan-Am-Jumbo über dem schottischen Lockerbie verübt haben sollen, an den Westen auszuliefern.

In Tripolis wächst die Angst, durch den Einfuhrstopp ausländischer Waren schon bald ähnlich leiden zu müssen wie der Irak. Nahrungsmittel sind bereits rationiert, in Krankenhäusern herrscht Medikamentenmangel. Der Unmut der Libyer, die volle Regale und kostenlose medizinische Versorgung gewöhnt waren, könnte von den innenpolitischen Widersachern um seinen Stellvertreter Abd el-Salam Dschallud zur Stimmungsmache gegen den Staatsführer genutzt werden.

Doch mehr noch als die Uno-Sanktionen traf Gaddafi die fehlende Solidarität der arabischen Bruderländer, die dem Boykott zugestimmt hatten. Zorn und Enttäuschung über »die Verräter und Feiglinge, die sich Araber schimpfen«, artikulierten denn auch wunschgemäß zahlreiche der 3000 Delegierten des Allgemeinen Volkskongresses, der seit vorvergangener Woche in der Stadt Sirt tagte.

Dieses oberste Gremium der libyschen Volksdemokratie forderte Revolutionäres. Die Delegierten richteten an Gaddafi die Bitte: »Erlaube uns, Deine Überzeugungen abzulehnen, und halte ruhig an Deinem Arabertum und am Islam fest. Wir aber wollen uns nicht mehr täuschen lassen und das Volk belügen.«

Ist der angekündigte Bruch mit den Arabern mehr als nur eine neue Finte des Taktikers Gaddafi, um seine Macht zu sichern? Britische Diplomaten, denen ein Gaddafi-Vertreter kürzlich in Genf Unterlagen über libysche Waffenhilfe für die IRA übergeben hatte, zeigten sich über die fast unterwürfige Kooperationsbereitschaft überrascht. Dem verblüfften Botschaftsrat Sir Edward Chaplin versicherte der libysche Emissär mit gewundener Höflichkeit: »Sollten diese Informationen nicht ausreichen, sind wir jederzeit bereit, mehr Material hierüber zu liefern.«

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