Zur Ausgabe
Artikel 21 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

COMPUTER Hirschkäfer mit Zeitbombe

Mit einem eigenmächtig eingefütterten Selbstzerstörungsprogramm hat ein EDV-Experte die Bundeswehr unter Druck gesetzt und in der Silvesternacht militärische Software gelöscht. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Die Hagel-Katastrophe vom letzten Sommer ließ auch die Hochschule der Bundeswehr in München-Neubiberg nicht ungeschoren. »Schlimmer Schaden«, so berichten Oberstleutnant Krämer und Hauptmann Rebscher im jüngsten »Hochschulkurier«, bedrohte vor allem das Rechenzentrum im Fachbereich Informatik.

Die auf dem Campus wohnenden Offiziere konnten den Wassereinbruch mit Decken, Matratzen und Folien nur »notdürftig abdecken«. Wenig später freilich war das Rechenzentrum im sogenannten Hirschkäfer, einem zweistöckigen Rundbau mit zangenförmigen Ausläufern, einer inneren Bedrohung ausgesetzt, der mit alten Decken und Matratzen nicht mehr beizukommen war.

Denn: »Gurugs« war in Gefahr - wie und warum, galt als streng geheim.

Schon im Mai letzten Jahres hatte der Leiter des Rechenzentrums, Walter Kirsch, in einer internen Anweisung seine Mitarbeiter dringend aufgefordert, über die »Gefährdung der weiteren Verfügbarkeit von Gurugs keine Auskunft zu erteilen«. Sogar der Präsident der Bundeswehr-Hochschule, Rudolf Wienecke, bemühte sich, »diese Gefahr abzuwenden«. Vergebens: Auf die Sekunde genau um Mitternacht von Silvester auf Neujahr zerstörte sich Gurugs selbst - lautlos und unerbittlich. Gurugs, das war ein »Geräte- und rechnerunabhängiges Graphik-System«, das erklärtermaßen »in Anlehnung« an ein Software-Programm des Leibniz-Rechenzentrums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für den Bundeswehr-Computer erarbeitet worden war.

In jahrelanger Kleinarbeit war das Programm der hochschuleigenen Rechenanlage Burroughs B 7800 beigebracht worden. Die Wissenschaftler und studierenden Offiziere der Hochschule, die sich mit geodätischen Problemen der Polarforschung, mit der Entwicklung eines elektronischen Skalpells für Chirurgen oder mit der Statik und Aerodynamik von Zeltdächern wie dem Olympiadach von München beschäftigen, arbeiteten gerne mit Gurugs.

Punkt Neujahr aber brach das Programm Gurugs zusammen. Der Schöpfer oder zumindest Mitautor von Gurugs, der 1978 vom Leibniz-Rechenzentrum

zur Bundeswehr-Hochschule gewechselte Computer-Experte Ernst Schott, hatte den Verfall vorsorglich mit einprogrammiert. Und er hatte seinen neuen Arbeitgeber darüber keineswegs im unklaren gelassen.

Ganz im Gegenteil: Die Hochschulleitung gewann den Eindruck, daß das nur dem Gurugs-Schöpfer zugängliche Verfalldatum als Hebel benutzt wurde, um eine günstigere dienstliche Einstufung oder anderweitige Vergütungen zu erreichen. Die Löschungsdrohung wirkte jedenfalls »wie eine Zeitbombe« - so der frühere Leiter der Planungsgruppe der Hochschule der Bundeswehr und jetzige SPD-Europa-Abgeordnete Ioannis Sakellariou.

Um zum Schaden nicht auch noch den Spott zu haben, erklärte die Hochschule den Reinfall mit Gurugs zu einer Art geheimen Kommandosache. Die Kernspeicher und Prozessoren im Erdgeschoß des sogenannten Hirschkäfers wurden mit dem Mantel der Geheimhaltung zugedeckt. Der amtierende Vize-Chef des Rechenzentrums, Adolf Ege, am Tag nach der vollautomatischen Löschung: »Mit dieser Sache muß die Bundeswehr-Hochschule selber fertig werden.«

Damit ist sie bislang freilich nicht so recht vorangekommen. Zwar hatte die Bundeswehr-Hochschule schon letztes Jahr versucht, den Computer-Spezialisten fristlos zu feuern, weil er angeblich Gurugs nicht selbst entwickelt, sondern aus dem Leibniz-Zentrum entwendet hatte. Doch das Arbeitsgericht wollte dem Antrag nicht folgen, weil die Hochschule gleichzeitig Strafanzeige erstattet und sich damit selber »grob treuwidrig« verhalten habe.

Das danach von der Hochschule angerufene Zivilgericht zauderte mit der Entscheidung darüber, ob Schott zum Löschen des Verfalldatums gezwungen werden kann - so lange, bis durch die mitternächtliche Löschung vollendete Tatsachen geschaffen wurden.

Die bundeswehreigenen Fahnder vom Referat ES (Ermittlung in Sonderfällen) haben einen Akt angelegt, aber bislang nichts über den Fall verlauten lassen. Die Staatsanwältin Sibylle Trapp von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht München II prüft unter dem Aktenzeichen 81 Js 1914/84, ob es sich bei Gurugs um eine Raubkopie aus dem Leibniz-Zentrum handelt.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Eduard Schmitt vergleicht das komplizierte Graphik-Programm mit dem ebenfalls urheberrechtlich umstrittenen Erfolgsschlager »Ein bißchen Frieden«. Schmitt: »Das ist doch im Prinzip das gleiche und weiter gar nix Besonderes.«

Experten, die Gurugs näherstehen oder näherstanden, sind sich freilich über den »Zwitterstatus von Software« noch längst nicht im klaren: »Ist das nun«, fragt sich Sakellariou, »eine Sache wie ein Stück Wurst oder eine Dienstleistung wie die einer Musikkapelle, die drei Lieder spielt?«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel