Zur Ausgabe
Artikel 118 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Historische Lehrstunde
aus DER SPIEGEL 47/1998

Historische Lehrstunde

Nr. 45/1998, Titel: Rudolf Augstein über das 20. Jahrhundert; Gespräch zwischen Augstein und Martin Walser über ihre deutsche Vergangenheit; Ralf Dahrendorf über das sozialdemokratische Jahrhundert

So etwas Kluges wie Ralf Dahrendorf kommt also aus Deutschland: Da brauche ich ja nicht alle Hoffnung fahrenzulassen.

BERLIN STEPHAN BENDER

Das sozialdemokratische Jahrhundert geht zu Ende. Diese Prognose vertrat der Altliberale Ralf Dahrendorf in den achtziger Jahren. Heute - nachdem die Wähler der meisten europäischen Regierungen anders entschieden haben - haben Sozialdemokraten für ihn wieder »Konjunktur«, war das »sozialdemokratische Projekt am Ende die siegreiche Kraft des kurzen Jahrhunderts«. Beliebigkeit und Opportunismus überall. Auch klugen Analytikern fällt es offenbar schwer, eigene Irrtümer zu bekennen.

BAD BOCKLET (BAYERN) ERNST HARTL

Die Neigung der Deutschen zur Verketzerung des politischen Gegners, die Walser zu Recht beklagt, hat sehr wohl ihren historischen Grund: in der nie vollzogenen Trennung von Kirche und Staat, die eine kulturelle Folge in der Vermengung von politischer Rechthaberei und religiösem Heil hat. Der politische Gegner wird dann schnell zu demjenigen, der nicht in Gottes Gnade steht. Herr Walser hat meinen Respekt, wenn er sich wünscht, einmal wieder Angehöriger eines normalen Volkes sein zu wollen. Ich befürchte nur, daß das Wort »normal«, auf die Deutschen angewandt, die Nation heute noch eher spalten als versöhnen würde.

BERLIN FRANK MIETHING

Kompliment an Martin Walser für sein freundliches, aber hartnäckiges Infragestellen der Augsteinschen Verklärungsversuche.

KÖLN JAN BRUNERS

Meine Generation hat das »Hitler-Reich« nicht selbst erlebt. Aber wir haben viel darüber gelesen und gelernt; und eines ist klar: Es war eine Katastrophe. Ich fühle mich beschämt; aber, und hier ist die einzige Aussage von Augstein, der ich zustimmen kann, wir sollten uns politisch nicht mehr ducken.

MÜNCHEN ISABEL SCHMITT-FALCKENBERG

An einer Stelle muß ich Augstein widersprechen: Ich, die ich gut Ihre Enkelin sein könnte, empfinde, wie viele andere meines Alters auch, eine große Beschämung angesichts der Verbrechen unserer Großväter und Urgroßväter! Diese Scham spüre ich, wenn ich Berichte über den Holocaust lese und immer, wenn ich mit Menschen anderer Nationalität über Deutschland und seine Geschichte spreche.

HAMBURG KAREN DUDDA

Was Augstein über seinen Vater sagt, hat mich in vielem an meinen eigenen Vater erinnert: Mutig, klug und auch schließlich erfolgreich half er seiner verfolgten Familie, ,,dieses Reich zu überleben«. Auch an die ,,SA-Väter« in der Schule erinnere ich mich gut und daran, daß mein Vater auch uns gesagt hat, daß die Nazis den Reichstag angesteckt haben und so weiter und so weiter. Dabei bin ich Jahrgang 1929 und war somit nach Martin Walser auch ,,ein frühreifer Junge«.

KÖLN PROF. PETER P. CANISIUS

Martin Walser sagte Rudolf Augstein, dessen Erinnerungen seien nur romanhaft. Irrtum: Alles ist erzählte und komprimierte Realität, gar nichts geschönt. Überleben wollen war alles, das wichtigste. So ist der Mensch, in welcher Hölle auch immer.

BEBRA KARL-WILHELM HANEMANN

Mir als jemandem, der durchaus mit Augsteins »unsere Kinder« gemeint ist und der sehr wohl etwas mit der Perpetuierung von Auschwitz anfangen kann - es ist eine Frage der Vermittlung -, hat bis jetzt noch niemand ein gutes Argument dafür geliefert, warum wir doch bitte schön endlich ein ganz »normales« Volk werden sollen.

BERLIN HANNS HOLGER RUTZ

Das Gespräch zwischen Walser und Augstein war wie eine historische Lehrstunde.

HATTINGEN (NRDRH.-WESTF.) ANDREAS GEHRKE

Ich habe das Gespräch mit Spannung gelesen und hätte mir gewünscht, es wäre noch 20 Seiten so weitergegangen: Kein Buch, kein Film, keine Dokumentation kann das Überliefern durch Zeitzeugen ersetzen.

MÜNCHEN BEATE BAUMM

Leserdank auch an Herrn Augstein zu seinem 75. Geburtstag, daß Sie uns über viele Jahre die schöne Illusion erhalten haben, schreibend Mißstände anzuprangern, würde die Welt verbessern. Es hat nichts bewirkt. Aber solange man daran glaubte, war Ihr SPIEGEL ein wenig Opium am Montagmorgen.

GARMISCH-PARTENKIRCHEN FRANZ BARTH

Herrn Augstein alles erdenklich Gute zum 75. Geburtstag. Ihre aufrechte Art ist für viele von uns ein Vorbild!

DRESDEN FRANK HARING

SPIEßER - DIE JUGENDZEITSCHRIFT

Zur Ausgabe
Artikel 118 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.