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KANZLER-URLAUB Historische Stätten

aus DER SPIEGEL 11/1956

Wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt, will Kanzler Konrad Adenauer nun Ende dieses Monats endlich das machen, was er schon seit Monaten vorhat: Urlaub. Oberhalb des Lago di Lugano an den Hängen des Monte Ceneri in der italienischen Schweiz liegt Porza, ein Ort mit ein paar hundert Seelen. Dort wird der Kanzler ausruhen.

Ursprünglich gedachte der Kanzler, auf den Kanarischen Inseln, also auf spanischem Hoheitsgebiet der Ruhe zu pflegen, doch hatte sich dieser Plan aus mancherlei Gründen zerschlagen, so daß Konrad Adenauer auf keinen Fall in die Verlegenheit kommen kann, dem spanischen Staatschef Francisco Franco seine Reverenz erweisen zu müssen - einem Manne, dem gewisse alte Verbindungen zum Faschismus nachgesagt werden.

Statt dessen hat der Kanzler nun die Villa Rezzonico im schweizerischen Porza als Urlaubsquartier ausgewählt, ein Gebäude, das nach seinem Besitzer Nino Rezzonico benannt ist. Die Wahl der Villa Rezzonico zum Urlaubsdomizil verheißt dem Bundeskanzler Erholung und Bequemlichkeit. Konrad Adenauer wird außerdem das Vergnügen haben, seine Ferientage an historischer Stätte zu verbringen: Die Villa Rezzonico war einst die Hochburg des schweizerischen Faschismus.

Zentralmotiv des Daseins

Im allgemeinen blieb dem Faschismus im Land der Eidgenossen ein rechter Erfolg versagt. Im italienischen Teil des Landes indes, besonders im Kanton Tessin, gedieh er während der dreißiger Jahre recht lebhaft. Was für Hitlers Braunhemden im großdeutschen Reich »Mein Kampf« war, war für die Schweizer Schwarzhemden das Buch »Battaglie"*. In diesem Buch erfährt der Leser auf Seite 49: »Der 21. November 1933 ist für uns Faschisten ein teures Datum, weil an diesem Tag die erste Zusammenkunft des Faschistischen Bundes... des Kantons Tessin erfolgte - und sie fand statt in Porza, in der Villa Rezzonico.«

Die Wahl des Hauses zur Geburtsstätte des Schweizer Faschismus war nicht zufällig. Das begreift man, wenn man den Namen des Autors der Schwarzhemden-Fibel erfährt: Nino Rezzonico. Es ist eben jener Herr, der den Bundeskanzler jetzt als Gast erwartet.

Nino Rezzonico hatte von jeher eine Schwäche für Führernaturen. Offen bekennt er auf Seite 55 seines Leitfadens für den eidgenössischen Faschismus: »Wer die Ehre hatte, die Augen des Duce auf sich ruhen zu sehen, wird für immer die Verpflichtung fühlen, dem Schicksal für diese Gunst dankbar zu sein.«

Daß er, Rezzonico, zu den so vom Schicksal Begünstigten sich rechnen darf, wird an anderer Stelle des Buches zu verstehen gegeben. Dort heißt es: »Die wenigen Minuten, die ich in Mussolinis Gegenwart verbracht habe, genügten, um zum Zentralmotiv meines Daseins zu werden... Ich ging aus dem Saal mit einem festen Vorsatz: Meine ganze Existenz dem Kampf um den Triumph des faschistischen Glaubensbekenntnisses zu widmen!«

Heute verdankt der alte Kämpfer seine ganze Existenz der Zimmervermietung.

Rezzonico ist auch für Nachrichtendienste tätig gewesen. Obwohl ihm die Schweizer Behörden, die ihn 1945 verdachtshalber hinter Schloß und Riegel setzten, nichts nachweisen konnten, erinnern sich deutsche Nachrichtenleute aus der Kriegszeit seiner noch gut. Bewiesen sind immerhin Nino Rezzonicos Fähigkeiten als Arrangeur geheimer Treffs. 1952 schleuste er Exkönig Umberto von Italien inkognito zu kurzem Aufenthalt in die Schweiz.

Ungeklärt ist, ob der alte Faschist, der Konrad Adenauer nun in seinem Hause als Gast begrüßen will, der nachrichtendienstlichen Tätigkeit inzwischen entsagt hat.

* Nino Rezzonico: »Battaglie«; Tipografia Popolare, Bellinzona, 1937; 134 Seiten.

Projektiertes Kanzler-Urlaubsquartier Villa Rezzonico: Stammhaus des Schweizer Faschismus

Kanzler-Gastgeber und Alt-Faschist Rezzonico

Vorliebe für Führernaturen

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