Zur Ausgabe
Artikel 44 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Hitler - Begründer Israels«

In Presse, Film und Fernsehen, in Büchern und Broschüren rollt eine sowjetische Kampagne gegen die »Zionisten": Sie hatten ebenso nach der Herrschaft über den letzten Zaren gestrebt wie in Polen und der CSSR 1968 die Revolution geschürt. Juden gelten als die gefährlichste Oppositionsgruppe im sowjetischen Machtbereich.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Der Film beginnt mit einem PistolenKnall. Dazu der Kommentator: »Auf diese Weise versuchte, die Jüdin Fanja Kaplan, Lenin zu töten.«

Die russische Sozialrevolutionärin Fanja Kaplan hatte 1918 auf Lenin geschossen, weil der mit Kaiser Wilhelm 11. den Frieden von Brest-Litowsk gemacht hatte, statt die Weltrevolution nach Deutschland zu tragen. Frau Kaplan: »In meinen Augen hat er die Revolution verraten.«

Doch nicht um die historischen Hintergründe geht es in dem neuen sowjetischen Film mit dem Titel »Geheime und offene Dinge«. Wichtig war den Filmmachern nur, daß die Attentäterin, die von der Tscheka schwer gefolterte Kaplan, eine Jüdin war.

Der Film zeigt auch deutsche Panzer 1941 beim Überfall auf die Sowjet-Union. Der Kommentator sagt dazu: »Jüdisches Kapital half Hitler an die Macht« -- was immer das, wenn es sieh belegen ließe, beweist. Auch Kaiser Wilhelms 40 Millionen Goldmark halfen Lenin an die Macht.

Der antijüdische Sowjetfilm wird vorerst nur in geschlossenen Vorstel-Jungen ausgewählten Sowjetbürgern vorgeführt, auch ganzen Einheiten der Sowjet-Armee. Emigrant Ruwin Wygodski, der das Kinostück noch in der UdSSR gesehen hat, hält es für so aufwieglerisch, daß es bei Freigabe zur öffentlichen Aufführung »neue Pogrome« geben könne.

Öffentlich, im Abendprogramm des sowjetischen Fernsehens, wurde Anfang des Jahres eine Dokumentation unter dem Titel »Die Seelenhändler« gezeigt. Die Seelenhändler sind Juden. Sie haben Gesichter im Stil des NS-Blatts »Der Stürmer«, drücken Londoner Demonstranten gegen Sowjet-Antisemitismus Fünf-Pfund-Noten in die Hand, stellen (im TV-Film abgebildete) Schecks an Halbstarke und Betrunkene aus -- an politische Häftlinge.

Eine weitere TV-Sequenz: Ein jüdischer Tourist wird auf dem Moskauer Flughafen vom Fernsehen interviewt Lind gibt zu, er habe antisowjetisches Material in die Sowjet-Union schmuggeln wollen -- auf Weisung zionistischer Organisationen, die im Auftrag der CIA handelten.

Dann zeigt der Fernsehfilm von Israelis hingemordete Araberkinder. Der jüdische Elektronik-Ingenieur und Dissident Wladimir Slepak umarmt israelische Sportler in Moskau. Kommentar: »Wie kann es zionistischen Kadern gestattet sein, sich innerhalb der UdSSR zu formieren?«

Von jüdischen Sowjet-Dissidenten werden die vollen Namen und Adressen bekanntgegeben. Kommen-Zar: »Diese Leute sind alle Soldaten des Zionismus innerhalb der Sowjet-Union, und hier ist es, wo sie ihre subversive Tätigkeit ausüben.«

An Stalins 24. Todestag. dem 5. März, veröffentlichte die »Iswestija« Anklagen im Stil der »Ärzteverschwörung« kurz vor Stalins Tod, als in Moskau offene Judenhetze betrieben wurde: Mit Faksimiles angeblicher CIA-Instruktionen und Zahlungsanweisungen an

* Aus dem Moskauer Krokodil 32/1977.

einen jüdischen Arzt beschuldigte das Regierungsblatt russische Juden erneut, »die Grundlagen der Sowjetmacht zu unterminieren«. Dissident Schtscharanski, Anführer der Moskauer Gruppe zur Kontrolle der Einhaltung der Helsinki-Schlußakte, wurde verhaftet, eine Woche später der »Seelenhändler«-Film im Fernsehen wiederholt.

Sowjetische Juden berichteten, Film und »Iswestija«-Artikel würden im ganzen Land diskutiert, der Antisemitismus wachse rasch, jüdischen Kindern werde »Jüd« und »Itzig« nachgerufen. 250 Sowjetbürger unterschrieben eine Petition, mit der sie die Gefahr eines »ausbrechenden Vulkans« antijüdischer Vorurteile beschworen.

Antisemitismus im Sowjetstaat von heute? Immer wenn ein russisches Regime für Krisenstimmungen im Volk ein Ventil brauchte, griff es zum polizeilich angestifteten Pogrom gegen Juden -- auch Sowjet-Rußland 1948 und 1953.

Doch Rußlands Kommunisten -- deren Partei unter ihren drei ersten ZK-Mitgliedern 1898 zwei Juden aufwies und die (bis zum Hitler-Stalin-Pakt) viele Juden in Führungspositionen aufsteigen ließ -- hatten auch den im Volk latenten Antisemitismus bekämpft und beispielsweise 1941 viele jüdische Einwohner Westrußlands vor den Deutschen evakuiert.

Lange Zeit unterlagen die Sowjet-Juden -- in ihrem Personalausweis als »hebräische« Nationalität ausgewiesen

keinen anderen Repressionen als die anderen Minderheiten im Sowjetreich. Im Gegenteil: Sie nutzten die Aufstiegschancen, die ihnen der kommunistische Staat bot.

Im größten Bundesland der Sowjet-Union, in der Russischen Föderation (RSFSR), hatten 1970 nur 19 Prozent aller Russen eine technische oder eine höhere Schulbildung. Von den dort lebenden Juden waren es dagegen 68 Prozent. Die Juden stellten ein Viertel aller Akademiker und jeden siebenten Inhaber eines Doktorgrades in der Hauptstadt Moskau.

Nach dem Nahost-Krieg von 1967 hatte sich im Kreml jedoch eine stockkonservative Fraktion in der Frage der Behandlung jüdischer Mitbürger durchgesetzt. Parteichef Breschnew gehörte offensichtlich nicht zu ihr: Unter seinen engsten Ratgebern sind Träger jüdischer Namen, auch seine Ehefrau Wiktorija ist wohl Jüdin.

Die Kreml-Rechten aber sorgten dafür, daß Juden zunehmend diskriminiert wurden -- anfangs möglicherweise, um interne Sicherheitsrisiken der auf Araber-Seite stehenden Sowjet-Union auszuschalten, vielleicht auch, um dem sich verbreitenden Respekt vor Israels soldatischen Qualitäten gegenzusteuern.

Der wahre Grund für den Sowjet-Antisemitismus wurde jedoch offenbar, als Moskau die Massenauswanderung jüdischer Bürger (bislang über 140 000) betrieb: Die Juden gelten als gefährlichste Oppositionsgruppe im sowjetischen Machtbereich. Die amtliche Judenfeindschaft geht weniger auf den Nahostkrieg von 1967 als auf das Ostblock-Revolutionsjahr 1968 zurück.

Schon im März 1968 machte die Polnische Partei unter ihren revoltierenden Studenten und Professoren einen hohen Anteil jüdischer Intellektueller aus. Sie reagierte mit dem auch in Polen traditionellen Antisemitismus, der sich heute schamhaft als »Anti-Zionismus« tarnt: Unterdrückung aller Bestrebungen eines jüdischen Nationalismus.

Der Warschauer Agitator Andrzej Werblan ortete bei Juden eine »besondere Empfänglichkeit für Revisionismus«, also liberale Reform-Ideen, sowie »jüdischen Nationalismus im allgemeinen und Zionismus im besonderen«. Ihn störte die »Konzentration von Leuten jüdischer Herkunft« an den Universitäten, was eine »schlechte politische Atmosphäre« schaffe.

Die Juden, so sehen es die Regierungsparteien des Ostblocks mit Ausnahme Rumäniens (das jüngst den Kontakt zwischen Israel und Ägypten knüpfte), sind über ihre Gemeinden und Synagogen eine organisierte Gruppe mit Rückhalt bei einem auswärtigen Staat, Israel; ohne nationale Loyalität, eher kosmopolitisch und liberal eingestellt, durch hohen Bildungsstand und internationale Kontakte besser informiert als die übrige Bevölkerung.

Ein Drittel der Unterschriften unter Petitionen an die Sowjetregierung Ende der 60er Jahre, die Hälfte der aktiven Dissidenten trugen jüdisch klingende Namen. Auch unter den Mitarbeitern des CSSR-Reformers Alexander Dubcek waren sie stark vertreten: Eduard Goldstücker, Ota Cik, Bohumil Lomsky, Frantisek Kriegel (den Sowjetpremier Kossygin einen »galizischen Juden« schimpfte) und Jiri Hájek (den die »Iswestija« 1968 nach Nazi-Art »Hajek-Karpeles« nannte).

Die Thesen des polnischen Rassisten Werblan übernahm 1970 der sowjetische Ideologe Mischin in seinem Buch »Sozialer Fortschritt": In dem hohen Anteil jüdischer Studenten an sowjetischen Universitäten sah Mischin einen Verstoß gegen den »proletarischen Internationalismus« und forderte einen Numerus clausus nach Nationalitäten. 1968 studierten noch 111 900 Juden an sowjetischen Hochschulen, 1975 waren es nur noch 75 250.

Für Arbeiten auf »verantwortlicher Ebene« in Institutionen, die sich mit Verteidigung, Raketen, Atomwaffen und »anderer geheimer Tätigkeit« befassen, erging 1970 für Juden sogar ein generelles Berufsverbot. Das gilt auch für Sowjetbürger mit nur einem jüdischen Elternteil -- Dissident Roy Medwedew, von dem Geheimerlaß selbst betroffen, nennt diesen arischen Ahnennachweis »besonders raffiniert und heimtückisch«.

Die Partei-Propaganda verfiel derweil in Nazi-Manier. Eine Broschüre »Vorsicht! Zionismus« (Auflage: 75 000) berief sich auf die alte antisemitische Fälschung der »Protokolle der Weisen von Zion« -- und wurde von der »Prawda« gelobt.

Ein anderes Machwerk »Was ist Zionismus?« entdeckte ein weltweites Zionisten-Netz nach Art der Mafia mit dem Ziel der Weltherrschaft. In diesem Sinne verbreitete die Moskauer Agentur »Nowosti« voriges Jahr einen Kommentar, daß »die Entscheidungen des US-Senats ohne Zweifel Resultat der Arbeit der allmächtigen und allgegenwärtigen jüdischen Lobby sind«.

Eine dritte Propagandaschrift ("Die kriechende Konterrevolution«, Auflage 25 000) nannte die jüdische Tora ein »Textbuch des Blutdurstes, Verrats, der Perfidie und moralischen Degeneration«. Einst habe ein jüdischer Juwelier sich den bösen Rasputin unterworfen, welcher seinerseits sich den Zaren und die Zarin hörig machte. 1968 aber hätten die Zionisten versucht, die Regierungen der Tschechoslowakei und Polens unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Antisemitismus findet in dieser Schmähschrift, die in einem Minsker Staatsverlag erschienen ist, offene Rechtfertigung ("kann sich ereignen als spontane Reaktion der unterdrückten Unterschicht der arbeitenden Bevölkerung auf die barbarische Ausbeutung durch die jüdische Bourgeoisie").

Sogar für Pogrome wird um Verständnis geworben: »Wir können uns heute nicht beschweren, wenn unsere Väter, Großväter und Urgroßväter in ihrer Not ihre Unterdrücker rücksichtslos behandelten, ohne zu überlegen, ob sie dem Blut nach Einheimische oder Fremde waren.«

In den letzten sechs Jahren wurden insgesamt rund 200 antisemitische Bücher in der UdSSR veröffentlicht. Die sowjetamtliche Marx-Biographie erwähnt dessen jüdische Herkunft nicht mehr. Nazi-Verbrechen an Juden erscheinen nur als Nazi-Verbrechen an Sowjetbürgern -- ein in Babi Jar bei Kiew, der Hinrichtungsstätte von 34 000 Juden, errichtetes Denkmal gedenkt nur der »Bürger von Kiew und Kriegsgefangenen«.

Die satirische Zeitschrift »Krokodil« bringt seit Monaten auf ihrer letzten Seite antisemitische Karikaturen. Das Blatt »Moskwa« befand, Hitler habe »seine eigenen rassistischen Konzepte direkt von den Zionisten ausgeborgt«.

Die jüngste. bisher übelste Tirade leistete sich die einzige sowjetische Illustrierte »Ogoniok« (Feuerchen): Sie schrieb den Juden Mitschuld an Kristallnacht und Massenmord der Nazis zu (Auszüge Seite 110).

Mit einer Auflage von zwei Millionen veröffentlichte »Ogonjok«, laut Großer Sowjet-Enzyklopädie eine »russische sowjetische gesellschaftspolitische literarisch-künstlerische illustrierte Wochenschrift« » eine Artikelserie des promovierten Historikers Lew A. Kornejew: ."Unheilvolle Geheimnisse des Zionismus«. Darin wird behauptet, zwischen Nazismus und Zionismus habe eine Koalition bestanden.

Bruchstücke aus der seriösen Geschichtsschreibung hat der Autor geschüttelt und neu zusammengefügt: Der Plan des SS-Untersturmführers Mildenstein, die deutschen Juden nach Palästina zu vertreiben, wird so zum deutschen Kolonisierungsplan im Nahen Osten. »Ogonjok« zitiert den SPIEGEL. x onach »der Einbruch des Nationalsozialismus keineswegs als eine Katastrophe (erschien), sondern als die einmalige historische Chance, den Zionismus zu verwirklichen«.

Der SPIEGEL hatte dies »einer kleinen Gruppe zionistischer Wortführer« zum Unterschied zur Masse der deutschen Juden im Jahre 1933 zugeschrieben . »Ogonjok« verfälschte auf »die Zionisten« schlechthin.

»Ogonjok« verschweigt das vom SPIEGEL zitierte Eichmann-Wort von 1936: »Die Arbeit der »Zionistischen Weltorganisation' birgt eine sich verstärkende Gefahr: ein starkes jüdisches Palästina. Das Weltjudentum wird für alle Zeiten ... für Deutschland als Gegner bestehen.«

Dafür steht im »Ogonjok« ein Zwischentitel in Anführungszeichen: »Hitler -- Begründer Israels.« Offenbar hat der Sowjetzensor die dazugehörige Text-Passage gestrichen -- die abwegige Zeile ist der Titel eines rechtsextremistischen Buches des Ritterkreuzträgers Hennecke Kardel.

Als Beleg für das Bündnis zwischen Juden und 55 führt ..Ogonjok« an. Verhaftete Juden kamen nur mit dem Versprechen sofortiger Ausreise nach Palästina frei.

Heute kommen verhaftete Sowjet-Juden nur mit dem Versprechen sofortiger Ausreise nach Israel frei -- sogar Nichtjuden wie Andrej Amalrik.

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel