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Briefe

Hitler gegen Irving
aus DER SPIEGEL 31/1977

Hitler gegen Irving

(Nr. 28/1977, Hitler: Der NS-Führer soll die Vernichtung der Juden nicht befohlen haben, behauptet der britische Historiker David Irving)

Hitler selbst ist es, der die kecke These Irvings ad absurdum führt. Hitlers Reichstags-Rede vom 30. Januar 1939: Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis . die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa sein. Die Rede vom 30. September 1942 ist insofern besonders bemerkenswert, als die Ausrottung der Juden aus Deutschland achtzehn Tage später begann und Hitler hervorgehoben hatte:

Die Juden haben einst auch in Deutschland über meine Prophezeiungen gelacht. Ich weiß nicht, ob sie heute noch lachen oder ob ihnen das Lachen bereits vergangen ist. Ich kann aber auch jetzt nur versichern: Es wird ihnen überall das Lachen vergehen, und ich werde auch mit dieser Prophezeiung recht behalten.

Tatsächlich hat Hitler kaum eine Gelegenheit versäumt, etwa seine Rede anläßlich der Parteigründungsfeier vom 24. Februar 1943, die er vom Führerhauptquartier aus an die traditionell im Münchner »Hofbräuhaus« versammelten »alten Kämpfer« richtete:

Dieser Kampf wird deshalb auch nicht, wie man es beabsichtigt, mit der Vernichtung der arischen Menschheit, sondern mit der Ausrottung der Juden in Europa sein Ende finden.

Hitler hatte sich übrigens 1942 bei Heydrich darüber beschwert, daß ihm die Maßnahmen gegen die Juden zu langsam gingen, wie Heydrich an seinem letzten Geburtstag in Prag im Frühjahr 1942 einem Schulfreund erzählt hatte.

In einer posthumen Anklage gegen Hitler werde ich Hitlers Massenmorde an seinen ehemaligen Freunden (30. Juni 1934), den »nutzlosen Essern« (Euthanasie), an den Juden (ab 1941) und an zahlreichen Deutschen und anderen Europäern unter Beweis stellen.

Hitler selbst würde sie -- im Gegensatz zu manchen seiner Komplizen -- auch niemals bestreiten.

Lugano DR. ROBERT M. W. KEMPNER ehemaliger stellv. US-Hauptankläger in Nürnberg

Der bekannte, rassisch verfolgte Schriftsteller H. G. Adler, früher in Prag, jetzt in London, hat 1960 im Vorwort zur zweiten Auflage seines außerordentlichen Buches »Theresienstadt 1941-1945« geschrieben: »Es sei auch ausdrücklich festgestellt, daß die Bezeichnung Herrn Dr. Korherrs als »SS-Statistiker« ... nicht stimmt, da er der SS nie angehörte und für sein Verhalten in den Jahren des Nationalsozialismus rehabilitiert ist.«

Der SPIEGEL veröffentlicht leider die Behauptung des englischen Historikers Irving, ich hätte im Frühjahr 1943 auf Himmlers Order die Zahl der Opfer des Judentums berechnet. Tatsächlich wurden diese Angaben vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) fix und fertig samt Text mir geliefert mit der Auflage, keine Zahl und kein Wort ändern zu dürfen.

Die Angabe, ich hätte dabei auch aufgeführt, daß über eine Million Juden in den Lagern des Generalgouvernements und Warthegaus durch Sonderbehandlung gestorben seien, ist ebenfalls unzutreffend. Ich muß gegen das Wort »gestorben« in diesem Zusammenhang protestieren.

Es war gerade das Wort »Sonderbehandlung«, das mich zu der telephonischen Rückfrage beim RSHA veranlaßte, was dieses Wort zu bedeuten habe. Ich bekam die Antwort, es handle sich um Juden, die im Bezirk Lublin angesiedelt würden.

Braunschweig DR. RICHARD KORHERR

Herr Irving zieht es vor, erdrückendes Beweismaterial zu ignorieren, und indem er das tut, zeigt er, daß ihm das Verständnis für Hitlers Charakter und Motive voll und ganz fehlt.

Ich appelliere an die deutschen Historiker zu helfen, solche Geschichtsfälschungen zu bekämpfen. Ja, Gott helfe uns, es gab eine Endlösung, und Millionen Juden kamen um. Und Hitler war ihr Urheber. Nur er konnte sie durchgeführt haben, und Himmler und die anderen handelten nur nach seinen direkten Befehlen.

London JOHN TOLAND* Historiker

* Toland ist Verfasser einer neuen Hitler-Biographie. die im September im Gustav Lübbe Verlag (Bergisch-Gladbach) erscheint.

David Irving irrt sich gewaltig. In der Beilage schicke ich Ihnen ein Protokoll: Die offizielle Aufzeichnung über die Unterredung zwischen Hitler und dem ungarischen Reichsverweser von Horthy in Schloß Klessheim am 17. April 1943. Horthy notierte unter anderem folgende Ausführungen Hitlers: Wo die Juden sich selbst überlassen wären, wie zum Beispiel in Polen, herrsche grausamstes Elend und Verkommenheit. Sie seien eben reine Parasiten. Mit diesen Zuständen habe man in Polen gründlich aufgeräumt. Wenn die Juden dort nicht arbeiten wollten, würden sie erschossen. Wenn sie nicht arbeiten könnten, müßten sie verkommen. Sie wären wie Tuberkelbazillen zu behandeln, an denen sich ein gesunder Körper anstecken könne. Das wäre nicht grausam, wenn man bedenke, daß sogar unschuldige Naturgeschöpfe wie Hasen und Rehe getötet werden müßten, damit kein Schaden entstehe. Weshalb sollte man die Bestien, die uns den Bolschewismus bringen wollten, mehr schonen?

Bern (Schweiz) DR. PETER GOSTONY Mitglied der schweizerischen Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften

Wie aus Himmlers Telephonkalender ersichtlich, besprach Himmler am 30. November 1941 nicht mit Hitler, sondern mit Heydrich die weitere Behandlung eines »Judentransports aus Berlin«; dabei fiel das Stichwort: »Keine Liquidierung'.

Für jeden aktenkundigen Historiker ist klar, daß es sich bei dem »Judentransport' nur um einen jener »Reichsjuden'-Transporte handeln kann, die um diese Zeit nach Riga und Minsk geleitet wurden, ohne daß sich die verantwortlichen Stellen selbst immer im klaren gewesen wären, was mit ihnen geschehen sollte. Mindestens sechs solcher Transporte mit jeweils rund tausend Personen wurden nachweislich sofort nach Ankunft am Bestimmungsort vernichtet.

Über dreißigtausend »Reichsjuden' haben jedoch nach Intervention der verschiedensten Stellen den Winter 1941/42 in Riga und Minsk überlebt. Konkreter Anlaß für Himmlers Anweisung, einen bestimmten Berliner »Judentransport« nicht (sofort) zu vernichten, war möglicherweise ein Ereignis, das bei Himmlers nachgeordneten örtlichen Stellen einigen Staub aufgewirbelt hat.

Generalkommissar Kube hatte den neu in Minsk eingetroffenen »Reichsjuden« einen Besuch abgestattet und sich die Namen zweier »arisch« aussehender Mädchen aus Berlin und sämtlicher Juden, deren nächste Angehörige im Feld standen, notieren lassen, um Hitler insbesondere über deren »Verschickung« Meldung zu erstatten.

Eine tatsächlich an Rosenbergs Ostministerium eingereichte, dort aber nicht an Hitler, sondern an das Reichssicherheitshauptamt weitergeleitete Liste wurde von Heydrich einer »gründlichen, zeitraubenden Nachprüfung« unterzogen.

Kubes Beschwerde wurde übrigens nicht stattgegeben; dafür durfte er sich von Heydrich anhören: »Sie werden mir zugeben, daß es ... kriegswichtigere Aufgaben gibt, als dem Geseire von Juden nachzulaufen. Wenn ich überhaupt in eine Nachprüfung Ihrer Liste eingetreten bin, so nur deshalb, um ein für allemal solche Angriffe dokumentarisch zu widerlegen ...«

Nur wenige Wochen nach Abschluß der Untersuchungen sind übrigens über die Hälfte der bis dahin überlebenden Minsker »Reichsjuden« erschossen worden, ohne daß Kube noch einmal dagegen zu protestieren gewagt hätte.

Berlin HANS-HEINRICH WILHELM

Historiker

Die These des Mr. Irving kann man nur als Spleen bezeichnen.

Haifa (Israel> ISRAEL GEORG RUBINSTEIN

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