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»Hitler ist in Rage«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Am Abend des 27. Februar 1933, gegen 21 Uhr, ging der Reichstag in Flammen auf. Goebbels: »Ein Geschenk des Himmels.« Der holländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe, 24, hatte das Feuer gelegt. Der geständige Alleintäter wurde am Tatort verhaftet.

Den Nazis kam das Fanal des Einzelgängers so gelegen, daß jahrelang gemunkelt wurde, sie selber hätten den Brand inszeniert. Er nährte ihre Propaganda vom angeblich bevorstehenden kommunistischen Aufstand und bot den Vorwand, gegen die Feinde von links, KPD und SPD, loszuschlagen. Unter Berufung auf die Verordnung zum »Schutz von Volk und Staat«, am Tag darauf erlassen, wurden Kommunisten verhaftet, die Linkspresse verboten, sämtliche Grundrechte der Weimarer Verfassung aufgehoben. Der Ausnahmezustand wurde im Dritten Reich zum Regelfall.

Nationalsozialisten und Kommunisten schoben sich gegenseitig die Verantwortung für den Brandanschlag zu (Goebbels: »Von Kommune angelegt"). Tatsächlich aber konnten im Prozeß gegen van der Lubbe und vier Mitangeklagte, darunter der spätere Komintern-Chef Georgi Dimitroff, kommunistische Drahtzieher nicht nachgewiesen werden; der Holländer wurde als Einzeltäter verurteilt und hingerichtet.

Nach langem Streit ist wissenschaftlich erwiesen, was der Amateur-Historiker Fritz Tobias bereits in einer SPIEGEL-Serie (43/1959 bis 21/1960) belegt hatte: daß die Nazis weder ein kommunistisches Komplott vorgetäuscht noch gar selbst gezündelt hatten, sondern van der Lubbe als Alleintäter handelte.

Goebbels Aufzeichnungen erhärten diese These. Schon seine erste spontane Tagebuch-Reaktion - »tolle Phantasie« - zeigt, daß die NS-Führung von dem Brandanschlag völlig überrascht wurde und zunächst nicht so recht daran glauben konnte. Goebbels: »Aber es stimmt.«

Die Machthaber hatten kein Brandszenario geplant, sondern reagierten (Goebbels: »Hitler ist in Rage") mit einer verschärften Hetzkampagne gegen Kommunisten und Sozialdemokraten im Völkischen Beobachter. Der Propagandaminister kannte auch bereits den Täter. In einer ausführlicheren Niederschrift der Ereignisse vom 27. Februar 1933, die erstmals 1987 publiziert wurde, nannte er sogar dessen Namen: van der Lubbe.

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