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»Hitler kam von ganz alleine an die Macht«

Über 3000 Schüler offenbarten in Aufsätzen, was sie von Adolf Hitler wissen: »Nichts, leider«, formulierte eine 16jährige Berufsschülerin. Tatsächlich ist Unkenntnis die Regel. Dem äußerst geringen Sachwissen entsprechen die vielfach abstrusen Wertungen. Der Kieler Diplom-Pädagoge Dieter Boßmann, der die Aufsatzaktion veranlaßte, nennt das Ergebnis »eine blanke Katastrophe«. Die Sammlung erscheint im November im Fischer Verlag*.
aus DER SPIEGEL 34/1977

Er kam von ganz allein an die Macht und war plötzlich da. Er gründete das Dritte Reich, das auch Römisches Reich Deutscher Nation genannt wurde.

Er machte alle Gesetze selbst. Wer sie nicht befolgte, kam ins Konzentrationslager und wurde dann meist wenig später erschossen. Bei allen Reden schrie er immer laut, um seinem Volk zu zeigen, daß er der Herrscher ist und kein anderer.

Sexuell soll er ein Masochist gewesen sein. Er pflegte sich den Frauen zu unterwerfen. Sie mußten ihn prügeln und beschimpfen. Seine Freundin Eva Braun hat er jeden Tag vergewaltigt.

Er war der Mann, der den Staat, der vorher so durcheinander war, wieder geordnet hat. Er versuchte zunächst, die Millionen Arbeitslosen von den Straßen wegzubekommen. Er ließ Autobahnen bauen, baute Fabriken, Ferienhäuser, den Volkswagen, denn jeder sollte sein Auto haben. Und wieviel Grünflächen es früher noch gab!

Er wollte einen sauberen, friedlichen, von Verbrechern befreiten Staat. Früher durfte die Polizei auf flüchtende Verbrecher schießen. Damals gab es noch die Todesstrafe (die man heute auch wieder einführen sollte). Da konnte man noch abends allein spazierengehen, ohne Angst vor Verbrechern und Räubern haben zu müssen.

Was ihm heute noch am meisten vorgeworfen wird, ist sein Rassenhaß und Judenhaß. Dies dürfte das Schlimmste gewesen sein, was er in seinem Leben getan hat. Eine dusselige Einrichtung war auch das KZ.

Hitler hat den 3Ojährigen Krieg, den 1., 2., 3. Weltkrieg geführt, um 1900, 1939. Am Anfang klappte alles recht gut. Doch als er an mehreren Stellen gleichzeitig angriff, stand er mit seinem Latein da. Er wußte nicht mehr ein und aus und wurde wahnsinnig.

Im Krieg verkroch er sich und ließ nur Befehle erteilen. Bis er plötzlich nicht mehr weiter wußte. Als wieder eine Sitzung stattfand und die miese Lage bekanntgegeben wurde, sagte er: »Ich komme gleich wieder.« In einem Nebenraum hörte man dann einen Schuß, Als sie hinkamen, war es schon zu spät. Sie schleppten ihn raus und packten .ihn in seinen Bunker.

Es kann aber auch sein, daß er geflüchtet ist und irgendwo in Rußland als Irrer herumläuft.

Ein solches Führerbild, bizarr, abstrus, bestenfalls unscharf, rundet sich bei der Lektüre von Schüler-Aufsätzen, die in diesem Jahr geschrieben worden sind. Plattes Unwissen kommt da vor allem zutage, nur gelegentlich

* Dieter Boßmann (Herausgeber): Was ich über Adolf Hitler gehört habe? ... Auszüge aus 3042 Aufsätzen von Schülern und Schülerinnen aller Schularten der Bundesrepublik Deutschland«. Fischer Taschenbuch 1935, Frankfurt; ca. 320 Seiten; 7,80 Mark.

versetzt mit annähernd genauen Daten, hinlänglichen Beschreibungen und Interpretationen.

Dreißig Jahre Hitler-Forschung, die sich sehen lassen kann

aber wer verdaut schon das zum Teil Unverdauliche? -, und zahlreiche Dokumentationen in Funk und Fernsehen konnten offenbar nichts ausrichten. Eine unübersehbare Populär-Literatur, darunter viel Triviales, hat nichts vermocht, doch gewiß einiges angerichtet.

Eine Hitler-Welle nach der anderen ergoß sich über das Land, aber sie füllte wohl nur die Kassen. Und jetzt schwappt es wieder. Der amerikanische Historiker John Toland schrieb 1200 Seiten über »Adolf Hitler« (deutsch im September), ein Landsmann, der Geschichtsprofessor Robert 0. L. Waite, verfaßte eine (schlechte) Psychogeschichte ("The Psychopatic God Adolf Hitler"), und der englische Erfolgsautor David Irving beschäftigt sich abermals mit dem Feldherrn in einem neuen NS-Wälzer.

Neue Details liefert vor allem Toland, neue Einsichten sind bei allen drei Autoren spärlich, und neue Verwirrung stiftet Irving mit seiner aberwitzigen These von Hitlers angeblicher Unschuld am Juden-Massaker (SPIEGEL 28/1977).

Da kommt Joachim C. Fests Hitler-Film gerade recht. Was einst, zu Hitlers Zeiten, offiziell und mit Vorbedacht auf der Leinwand flimmerte, erscheint jetzt, beinahe unbefleckt, auf Breitwand: Ein Führer, der sich herabläßt und das Volk erhebt, ein Volk, das mit leidenschaftlicher Hingabe zur Kulisse erstarrt -- wieso, wodurch, wofür?

Die alten Leute, die ihn schon kennen, werden ihn wieder erkennen -- wie sie ihn gern hätten? Und die jungen Leute, die ihn nicht kennen, werden ihn kennenlernen -- wie er nicht war.

Ein falsches Bild machen sie sich ohnedies von ihm. Die in den Schüler-Aufsätzen auffällige Häufung von Unkenntnis, Halb- und Falschwissen, Fehlurteil, Beschönigung und Billigung ebenso wie den minimalen Bestand korrekten Wissens und Wertens fand der Diplompädagoge Dieter Boßmann, 32, heraus. Er hatte die Lehrer von vier Hauptschulen in und bei Hamburg ermuntert, in ihren Klassen über das Thema »Was ich über Adolf Hitler gehört habe«, schreiben zu lassen. Als er die Aufsätze dann durchlas, war er »geschockt«. Zuerst, schildert der Pädagoge seine Eindrücke, »habe ich noch gelacht, als da stand: »Hitler hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik aufgebaut. Ich dachte: Da machen sich welche einen Jux. Bis ich merkte, daß die es nicht besser wußten.«

Da faßte Boßmann nach. In drei pädagogischen Zeitschriften »Erziehung und Wissenschaft«, »päd. extra«, »b: e.« -- gab er eine Kleinanzeige auf. Text: »Suche Kontakt zu Lehrern(-innen) aller Schularten, die bereit wären, für ein Veröffentlichungsvorhaben von ihren Schülern einmalig einen Aufsatz über ein bestimmtes Thema schreiben zu lassen. Buchbelohnung'!«

170 Lehrer aus dem ganzen Bundes-

* Mit seinem Adjutanten in den Ruinen der Reichskanzlei.

gebiet (außer Saarland) waren bereit. Das Thema blieb unverändert, die Bedingungen waren folgende: Der Aufsatz sei für eine Publikation bestimmt, solle nicht zensiert werden, Lehrer sollten nicht nachhelfen.

Der Rücklauf kam unerwartet schnell und reichlich: 102 Lehrer schickten 3042 Aufsätze von 121 Klassen und 110 Schulen aus zehn Bundesländern. Die meisten Aufsätze kamen aus Nordrhein-Westfalen, die wenigsten aus Berlin und Schleswig-Holstein. Haupt-, Real- und Berufsschüler bestritten je ein Viertel, Gymnasiasten steuerten 15 Prozent, Sonderschüler zehn Prozent bei.

Sieben Monate sichtete und exzerpierte der Pädagoge, was die zehn- bis dreiundzwanzigjährigen Schüler da zumeist im Klassenraum, selten zu Hause, innerhalb von 30 bis 90 Minuten unvorbereitet und oft auch, ohne in der Schule schon mit dem Stoff befaßt worden zu sein, zu Papier gebracht hatten -- »eine blanke Katastrophe« (Boßmann).

Viele wissen buchstäblich »nichts, leider« (Berufsschülerin Rita, 16), »nicht wann er geboren wurde, wann er starb, wie er starb, nichts über seine Verbündeten, seine Verträge« (Realschülerin Doris, 14), oder sie wissen »nur so einzelne Bruchstücke, die man so aufschnappt« (Gymnasiastin Karin, 16).

Und das geht querbeet: Daß Hitler nicht Faschist, sondern Kommunist gewesen sei, gehört zum Klassen-Bewußtsein aller Schulen. Die Sonder-

* Kinder und Großmutter auf dem Weg zur Gaskammer.

schülerin Annegret, 16, wie die Hauptschülerin Jutta, 16, der Berufsschüler Bert, 19, die Realschülerin Heike, 15, und der Gymnasiast Stephan, 17, verfügen da über den gleichen Wissensstand.

Viele wollen auch nichts wissen: »Ich habe nie zugehört, wenn über Adolf Hitler erzählt wurde. Politik interessiert mich nicht ... Würden wir Hitler in der Schule durchnehmen, würde ich nicht aufpassen« (Hauptschülerin Petra 14).

Gleichwohl, in krassem Gegensatz zu den empirischen Boßmann-Erhebungen, meinen junge Leute wiederum von sich, sie wüßten Bescheid. Bei einer Blitzumfrage des Emnid-Institutes für den SPIEGEL unter Jugendlichen zwischen

16 und 24 Jahren beanspruchten sechs Prozent, viel zu wissen, 53 Prozent hielten sich für »einigermaßen informiert«; 35 Prozent gaben zu, »wenig«, vier Prozent, »so gut wie nichts« zu wissen (siehe Kasten Seite 46).

Gar 90 Prozent der Abiturienten hielten sich für bewandert, was sich in den Schüler-Aufsätzen freilich nicht niederschlug. Da finden sich Gymnasiasten oftmals auf demselben Niveau wie viele andere auch. Beispielsweise schreiben der Sonderschüler Dieter, 15, und der Gymnasiast Jürgen, 18, übereinstimmend: »Adolf Hitler wurde Reichsherr über Deutschland.«

Der Gymnasiast Wilhelm, 16, ließ Hitler durch einen grandiosen Wahlsieg an die Macht kommen -- »ca. 99 Prozent«, der Gymnasiast Josef, 15, schreibt düster: »Wer nicht in die Partei ging, wurde abgeschlachtet.« Und die Gymnasiastin Susanne, 15, kann eher mitfühlen: »Hitler wollte auf seine Weise dem Deutschen Volk nur Gutes tun.«

»Wir sind in Gefahr, ein

geschichtsloses Land zu werden.«

Da fällt schon eher das Hitler-Bild einiger Sonder- und Berufsschüler aus dem Rahmen -- das der Sonderschüler wegen ihrer auffallend bildhaften Erzählweise, das der Berufsschüler wegen der besseren Faktenkenntnis und der politischen Wertung. Hin und wieder machen sie Apleihen bei der marxistischen Faschismus-Theorie, die allerdings wegen ihrer einäugigen Sehweise das Geschichtsbild auch wieder verzerrt.

Berufsschüler Dieter, 21, über die Machtübernahme:

In den Jahren 29/30 brach die Weltwirtschaftskrise herein. Wieder wurden die Krisenfolgen auf die Bevölkerung abgewälzt. Aber die Arbeiter setzten sich zur Wehr. So bekam die KPD einen maßgeblichen Einfluß. Für die großen Konzerne und ihre Regierung stand nun die Frage: Entweder kommt neuer Sozialismus, oder der Kapitalismus wird mit einer offenen Diktatur, mit dem Faschismus, erhalten. Für diese zweite Möglichkeit hatte die Großindustrie sich in den zwanziger / dreißiger Jahren die NSDAP hochgepäppelt

So kam es 1933 zum Faschismus mit Hitler als Galionsfigur. Ohne Hitler hätte es auch Faschismus gegeben.

Was Wunder, daß Bundespräsident Walter Scheel, wie vor ihm Kaiser Wilhelm II. und eine Schar von Politikern und Historikern, das Schlimmste befürchtet: »Wir sind in Gefahr, ein geschichtsloses Land zu werden« -- mit all den bösen Folgen für die Jugend. Sie würde, so der erste Mann im Staat, den »Sinn dieses freiheitlichen Staates« nicht mehr begreifen; die »Chance freier Selbstverwirklichung« verspielen; mit dem Nationenbegriff auch die Nation verlieren.

Scheel glaubt auch zu wissen, woran das liegt. Er hält »die Situation des Geschichtsunterrichts ... für bedenklich: zuwenig, zu einseitig nach Geschichtsbild und -methode«. Und auch Kenner kommen zunehmend zu solchen Erkenntnissen. Hessische Historiker etwa fürchten, Geschichte werde an Schulen »zu Steinbrüchen unkontrollierbaren Wissens« -- »ein zutiefst beschämender Vorgang«.

Der Münchner Geschichtsprofessor Thomas Nipperdey wiederum befürchtet, Geschichte werde mehr und mehr »zur Magd einer Emanzipationsideologie« degradiert, die »,richtiges« politisches Bewußtsein vermitteln soll«.

Die Sorge um den Geschichtsunterricht quält Vertreter der Zunft und der Politik in zunehmendem Maße, seit in den reformierten Oberstufen der Gymnasien häufig Geschichte zusammen mit Sozialwissenschaften, Wirtschaft und Geographie den übergreifenden Fächern wie Gemeinschafts-, Gesellschafts- oder Sozialkunde zugeschlagen worden ist. Geschichte wird, folgert Nipperdey daraus, »unter dem modisch mystischen Terminus der Integration ... aufgesogen«. Stundenzahlen würden reduziert, und in »manchen Ländern kann man ohne Geschichte die Oberstufe durchlaufen«.

Das kann man nicht. Ohne Geschichte kommt auch heute kein Gymnasiast davon. Viele haben sogar mehr Geschichtsunterricht als zuvor, nämlich dann, wenn sie sich für die zusätzlich angebotenen Grundkurse (drei Wochenstunden) oder Leistungskurse (fünf bis sechs Wochenstunden) melden. In Nordrhein-Westfalen waren das im Schuljahr 1974/75 besonders viele: mehr als zwei Drittel der Oberstufen-Gymnasiasten.

Allerdings ist das Fach Geschichte an den gymnasialen Oberstufen nur in Bayern noch selbständig. Schüler der Klassen 12 und 13 können zwischen Grundkursen (zwei Wochenstunden) und Leistungskursen (sechs Wochenstunden) wählen. Auch in Baden-Württemberg sind für diese Klassen (neben Grund- und Leistungskursen) zwei Wochenstunden reserviert -- wennglejch im Rahmen der Gemeinschaftskunde.

In den übrigen Bundesländern und West-Berlin wird Geschichtsunterricht in dreifacher Dosierung angeboten. Wer nur wenig will, begnügt sich mit dem Quantum, das im Dachfach vermittelt werden soll. Dann hat er, beispielsweise in Hessen, drei Wochenstunden das Pflichtfach Gemeinschaftskunde (mit einem Pflichtanteil an Geschichte) zu absolvieren. Will er mehr, belegt er Grundkurse in Geschichte, will er noch mehr, Leistungskurse.

Ansonsten hat sich, was Stundensoll und Bewertung des Geschichtsunterrichts angeht, kaum etwas geändert. An den gymnasialen Mittel- und Unterstufen wie auch an den Real- und Hauptschulen ist Geschichte nach wie vor Pflicht; ein bis zwei Wochenstunden sind dafür vorgesehen. Durchweg sollen die Schüler aller Schulen in der 9. oder 10. Klasse über Hitler und den Hitlerismus ins Bild gesetzt werden. »Wir haben Hitler nie durchgenommen.«

Und was Schulbehörden in den vergangenen Jahren an Richtlinien und Lehrplänen erarbeitet haben, kann durchaus eine sichere Grundlage für brauchbaren Geschichtsunterricht abgeben. Ebenso sind die Geschichtsbücher verbessert worden. Die nahezu totale Verwirrung, die aus Boßmanns Aufsatzsammlung herauszulesen ist, kann jedenfalls weder aus den Richtlinien und Lehrplänen noch aus Geschichtsbüchern abgeleitet werden.

Ob jedoch die Schulwirklichkeit dem Stand von Lehrplänen und Schulbüchern entspricht? Wohl nicht. Hauptschüler Robert, 16, und Berufsschüler Andreas, 17, beispielsweise haben »Hitler nie durchgenommen«, und Gymnasiastin Birgit, 18, hat »von der Politik des 20. Jahrhunderts« insgesamt »noch nichts gehört« -- was der Fall hätte sein müssen.

Die Crux des Geschichtsunterrichts war und scheint noch zu sein, daß die zu verarbeitende Stoffmenge Durchgang und Durchblicke bis in die Zeitgegeschichte verstellt. Stupide Gedächtnisleistung, zumeist von älteren Lehrern geschätzt, macht die Schüler geschichtsverdrossen. Interpretation und Analyse historischer Prozesse, vielfach von jüngeren Lehrern praktiziert, setzt häufig bei den Schülern zu viel voraus und überfordert sie deshalb. Dazu geseht sich ein zeitbedingter didaktischer Mangel: Lehrer vermögen das Bedürfnis ihrer -- durch vielfache Reize verwöhnten -- Schüler nach Spannung kaum zu befriedigen; weit eher als zu vergangenen Zeiten schalten die Schüler einfach ab.

Ganz zu schweigen von dem Grundsatzstreit um mehr Geschichte oder mehr Sozialwissenschaft, der heute stärker denn je bis ins Klassenzimmer hinein ausgetragen wird.

Historiker, wie der Vorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, Siegfried Graßmann, behaupten: »Geschichtsunterricht ist eine antiideologische Betätigung; er erzieht nicht zu weltanschaulichen Positionen, er kann aber die Positionen durchschaubar machen.«

»Unser Geschichtslehrer war und ist ein Hitlerfan.«

Gesellchaftswissenschaftler wie der West-Berliner Hochschullehrer Wolf-Dieter Narr, die den hergebrachten Geschichtsunterricht verdrängen, die Stoffauswahl an Gegenwartsbezügen orientieren und die Sozialwissenschaften In den Vordergrund rücken wollen, halten dagegen: »Wer die Geschichte gegen den Sinn aller Geschichtsbetrachtung ... ohne Analyse der Gegenwart einüben will ... dem kann es allein um eine möglichst unkritische Halbmündigkeit gehen.«

Möglich und durchaus modisch wäre, daß Gesellschaftswissenschaftler den Unterricht zur Indoktrination halbmündiger Schüler nutzen. Sicher aber ist, daß Historiker und Geschichtslehrer an Katheder und Pult ein gutes Jahrhundert ideologisiert und indoktriniert haben -- im Dienst von Kaiser und Führer, für Volk und Vaterland -, und das könnten sie auch künftig tun . »Unser Geschichtspauker«, schreibt Berufsschülerin Beate, 17, »war und ist ein Hitlerfan.«

Gewiß ist aber auch, daß die sträfliche Vernachlässigung soziologischer Tatbestände und sozialer Prozesse die Historie in die mißliche Lage gebracht hat, ·in der sie sich heute, zu Recht, wähnt.

»Jede Epoche« sei »unmittelbar zu Gott«, prägte Geschichtspapst Leopold von Ranke Historiker-Generationen. Und noch Friedrich Meinecke, lange Jahre Nestor deutscher Geschichtswissenschaft, hielt die »großen Staatspersönlichkeiten« für die »größten unserer Erkenntnis erreichbaren Realitäten der geschichtlichen Welt«. Mithin war »Die deutsche Katastrophe« (so der Titel eines Meinecke-Buches), eben der Betriebsunfall Hitler, noch 1946 »das Produkt des Zufalls und des Machiavellismus der Massen« -- ebenso unsinnig wie die marxistische Lehre von der in historischen Prozessen waltenden Gesetzmäßigkeit.

»Der traditionelle Geschichtsunterricht hat es nicht vermocht, aus der sehr fülligen und reichen Kenntnis der vorausgegangenen Zeit so etwas wie eine Witterung entstehen zu lassen für die Veränderungen, die 1933 möglich gemacht haben«, urteilt der Bielefelder Pädagoge Hartmut von Hentig: »Hitler war für die gebildeten Deutschen ein unvorhersehbares, höchst zufälliges Ereignis.« Warum?

»Weil man«, so von Hentig weiter, »keine Systemanalyse gelernt hatte, sondern eine weitgehend personalisierte Geschichtsschreibung betrieb.«

Was war jahrelanges zeitgeschichtliches Mühen um den Hitlerismus anderes als Fixation auf Hitler? Und was ist Joachim C. Fests Weltbestseller über Hitler anderes als derartige Verkürzung?

Fest, programmatisch, auf Seite 25 seiner 1190-Seiten-Biographie über Hitler: »Kein anderer hat, in einem nur wenige Jahre dauernden Alleingang, dem Zeitlauf so unglaubliche Beschleunigung gegeben und den Weltzustand verändert wie er; keiner hat eine solche Spur von Trümmern hinterlassen.« »Das hätte es bei Hitler nicht gegeben.«

Und was ist der Fest-Film über Hitler anderes als ein Schinken? Personalisierung auf die Spitze getrieben, die Geschichte auf einen Kopf gestellt. Ästhetisierung historischer Vorgänge, die Massen verabscheut und immer noch glaubt, allein Männer machten Geschichte. Da ist auch nichts mehr zu gewinnen, wenn Fest sich auf die Verteidigungslinie zurückzieht, er ·habe halt nur ein Psychogramm gestalten wollen. Was taugt ein Psychogramm, wenn Milieu nicht vorkommt?

Das merken auch Schüler, die ein bißchen mehr von Geschichte verstehen. Nach dem Besuch des Fest-Films mit seinen nicht endenden Sequenzen von Führer-Huldigung und Massen-Karessierung schrieben einige Hamburger Gymnasiasten für den SPIEGEL auf, was ihnen aufgefallen war:

* »Man hätte auf das Sozialverhalten speziell der Deutschen näher eingehen sollen. In diesem Verhalten (Beamtentum, Obrigkeitsdenken), das bereits vor der Hitler-Ära bestanden hat, sehe ich die Hauptursache für die Entstehung des Dritten Reichs.«

* »Fest begnügte sich sträflich vereinfachend damit, Hitler vorzustellen als einen gesellschaftlich isolierten, kontaktgestörten Menschen ... Eigentlich war seine »Karriere« -- Titel des Hitler-Films -- für mich nach dem Film genauso im dunkeln wie vorher.«

* »Ich finde, daß dieser Film zu oberflächlich war. Und zwar, weil er fast keine Hintergründe aufzeigt, die für die steigende Popularität Hitlers wichtig waren.«

* »Ich hatte von diesem Film erwartet, daß Ursachen, Wirkung, Folgen bestimmter Ereignisse näher analysiert worden wären. Statt dessen habe ich erfahren, daß Hitler fast nie an seinem Schreibtisch gesessen hat!!!«

Doch Geschichtsunterricht mitsamt Richtlinien, Lehrplänen und Geschichtsbüchern« Hitler-Platten, Hitler-Kolportagen, Hitler-Filmen vermögen im guten wie im schlechten offenbar wenig gegen die Meinungsmache von Großeltern und Eltern.

Großeltern und Eltern, das zeigt sich in den von Boßmann gesammelten 3042 Schüler-Aufsätzen hinlänglich, sind die wichtigsten Geschichtsquellen für die Nachkriegsgeneration. Weil das so ist, müssen Hitler und Hitlerismus den Jungen unbegreiflich bleiben, solange die Alten selbst an der historischen Erscheinung herumrätseln, die Vergangenheit verdrängen, die eigene Rolle beschönigen, und solange erhebliche Rückstände an stillem Verständnis für Hitler und, vor allem, an Zustimmung für das Regiment von Zucht und Ordnung auszumachen sind:

* »Mein Opa fand ihn prima, weil er sich angeblich so gut um seine Sachen gekümmert hat und voller Ideen steckte« (Hauptschülerin Birgit, 15).

* »Meine Oma erzählt auch heute noch manchmal von ihm. Keiner durfte faul sein« (Realschülerin Ulrike, 12).

* »Mein Vater hat die Platten, und er schwärmt von Adolf Hitler. Er sagt immer, wenn ich Disco sehe: »Diese Schreihälse würde der Sanfte beseitigen"« (Hauptschülerin Kerstin, 12).

Voll schlagen die Parolen der Alten von Zucht und Ordnung und Sauberkeit auf die Jungen durch. Schlimm und .geradezu typisch mutet die Parteinahme gegen die Schwachen, Kranken und gegen die Opfer des Willkürregimes an. Und häufig sind es Unterprivilegierte von heute, die Unterprivilegierten von ehedem Tod und Verderben an den Hals wünschen.

Die Einbahnstraße der Diktatur scheint vielen überschaubarer als der Gegenverkehr in der pluralistischen Gesellschaft. Gewaltherrschaft wird leicht in Kauf genommen, für Gewaltverbrecher gibt es kein Pardon. So preisen sie den Unrechtsstaat, wenn er kurzen Prozeß macht, wo sich der Rechtsstaat schwertut.

Und das liest sich in wörtlichen Zitaten, zusammengefügt aus den Schüleraufsätzen, dann so:

Ich glaube, wenn er heute regieren würde, gäbe es kein Massenmörder aus Braunschweig usw. Hitler wollte eine reine Welt haben. Wenn einer ein Papier hingeschmissen hat, so mußte er dafür büßen. Räuber und Verbrecher wurden erschossen, im Gegensatz von heute: Werden ins Gefängnis gesteckt ein paar Jahre, und sie kommen wieder raus.

Er hat Lebewesen, was verstümmelt, gelähmt, blind, geistesgestört war, töten lassen, weil diese Lebewesen doch nichts vom Leben hatten. Er tötete Kinder, die behindert waren, damit das Land nicht ganz verdooft.

Ein Mann mit solchen Fähigkeiten heute richtig eingesetzt, könnte unseren Staat in die Spitzenmächte der Welt schieben

Hitler, wie er nicht war -- so ist er nun einmal.

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