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PROZESSE Hiza-Geri, Shuto-Uchi

aus DER SPIEGEL 30/1975

Frankfurter Richter verurteilten einen Karatekampfer wegen Mordes auf Bestellung -- anhand von Unterlagen, die ihm ein Häftling aus der Zelle gestohlen hatte.

Der Staatsanwalt pries das Papier als

»Geständnis«, das Gericht packte zu: ein »erheblicher Beweis«.

Womöglich haben sich die Frankfurter Richter jedoch vergriffen, als sie das angediente Schriftstück letzten Dienstag ihrem Urteilsspruch zugrunde legten. Verteidiger Paul Haag kündigte jedenfalls für den zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Karatekämpfer Uwe Laser Meyer, 27, prompt Revision an: »Eine rechtlich nicht haltbare Verfahrensweise.«

Wahrlich stützte sich die Justiz auf ein Beweisstück von merkwürdigem Inhalt und fragwürdiger Herkunft -- Diebesgut aus dem Knast. Die Sendung kam mit der Post aus der Preungesheimer Vollzugsanstalt, wo Meyer in Untersuchungshaft saß. Bei Gericht am 8. Juli abgestempelt, lag die Schrift am nächsten Tag bei der Staatsanwaltschaft auf dem Tisch, »wo von dort«, so Staatsanwalt Rudolf Nöring, »doch sonst nur Beschwerden kommen«.

Der Absender der willkommenen Botschaft: »ein Feind von Meyer«. Weil ihn dieser einmal »brutal zusammengeschlagen« habe, teilte der anonyme Häftling mit, und er sich dafür »rächen« wolle, habe er Meyer die »Prozeßakte geklaut« -- »ha, ha, ha«.

Und das Beutestück hatte der Rächer dazugelegt: Aufzeichnungen Meyers über den Tod des Arbeiters Erwin Stephan, den der Karatelehrer laut Anklage im Februar letzten Jahres auf dem Gelände einer Frankfurter Spedition ermordete. Meyer hatte der Polizei zwar gestanden, Stephan »in Erregung« getötet zu haben, im Prozeß jedoch schwieg er beharrlich. Jetzt Jubelte Nöring über das Schreiben: »Die Bombe ist geplatzt.«

In dem Brief steckte in der Tat reichlich Brisanz. Da schildert der Angeklagte, wie er seinem Gegner zunächst einen »Mawashi-Geri (Halbkreisfußtritt)« versetzte, dann einen »Shuto-Uchi (Handkantenschlag)« landete und »einige Hiza-Geri (Kniestöße)« anbrachte -- weil »ich meinen Spaß haben« wollte. Es wäre ihm »ein leichtes« gewesen, so die prahlerische Niederschrift, dem wankenden Opfer nun einen »Chi-Mei (tödlicher Stoß, Schlag oder Tritt)« zu verpassen. Aber er hätte ja »beschlossen«, ihn »mit dem Messer« zu töten: »Ich stach dreimal ins Herz.«

Das Gericht machte durch Schriftvergleich den Angeklagten als Autor aus, Sachverständige fanden Übereinstimmungen der geschilderten Schläge und Stiche mit den Verletzungen des Toten -- das Urteil stand fest: Mord, »heimtückisch«, »grausam« und »aus niedrigen Beweggründen« begangen.

Auch den Hintergrund der Hinrichtung auf Bestellung konnten die Richter nun aufklären. Meyer, der in Hannover Karate gelernt hatte und später selbst lehrte, sei im Auftrag eines Dritten »extra«, so die Urteilsbegründung, nach Frankfurt gereist, um Stephan zu töten.

Fundstelle für die Theorie vom dritten Mann: Fetzen aus Meyers Notizen« wie etwa »Angebot angenommen o.k. nach Ffm« oder »DM 3000 aus Frankfurt erhalten«. Da stand auch: »Von dem Angebot, für eine bestimmte Summe einen Menschen zu töten, schwirrten mir die Gedanken im Kopf.«

Was das Gericht für seine Urteilsfindung übernahm, hielt Verteidiger Haag für reines Verwirrspiel des Angeklagten. »Die Aufzeichnungen«, trug er den Richtern vor, seien allein Ausdruck einer »überspitzten Geltungssucht«.

Für die Theorie führte Haag Beispiele an. So hatte sich der bereits mehrfach wegen Diebstahls vorbestrafte Meyer gern als Adliger ausgegeben, beispielsweise als »Hans Jürgen Graf von Ambesser, Baron von Uhle«, und einmal gar in Hamburg den Raub aus einem Panzerwagen (870 000 Mark) auf seine Kappe genommen -- durch ein »märchenhaftes Geständnis«, wie die Fahnder« bei der Festnahme der wahren Täter entdeckten.

Die Revision soll vor allem aber ein Verfahrensfehler stützen. Das Gericht, so Haag, hätte die gestohlenen Aufzeichnungen nicht als Beweismaterial verwerten dürfen. Zwar könnten Tagebücher wie auch Tonbänder mit persönlichen Aufzeichnungen gegen den Willen des Verfassers benutzt werden, wenn, so der Bundesgerichtshof grundsätzlich, »das Interesse des Staates an der Strafverfolgung überwiegt«. Doch wenn jemandem »in der Zelle unter den Augen der Justiz Unterlagen gestohlen werden«, argumentiert der Anwalt, »dann kann diese doch ein Gericht nicht verwenden«. Haag: »Das schlägt noch Wellen.«

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