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»Hoch lebe die Macht der Banken ...«

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz über Ludwig Poullain als Angeklagten in Münster
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 3/1981

Bereits nachdem er einen Tag lang zu Wort kam, muß daran erinnert werden, daß Ludwig Poullain, 61, in Münster als Angeklagter vor Gericht sitzt. Er ist nicht etwa als Sachverständiger, als Gehilfe des Gerichts geladen. Er und kein anderer sieht sich dem Vorwurf des Betrugs, der Untreue und der Bestechlichkeit ausgesetzt.

Kaiser und Könige der Wirtschaft, die sich vor Strafgerichten der Bundesrepublik verantworten (oder auch nur erklären) müssen, pflegen daran zu würgen und dagegen zu wüten, daß man überhaupt die Stirn hatte, sie anzuklagen (beziehungsweise zu laden).

Ludwig Poullain gibt lediglich eine knappe Erklärung zum Inhalt der Anklageschrift ab, die den Schluß, daß die Strafverfolgungsbehörde in dieser Sache tollwütig geworden sein muß, dem Zuhörer überläßt. Die Erklärung drängt diesen Schluß nicht auf, sie macht ihn selbstverständlich.

Und dann trägt Ludwig Poullain zur Person und zur Sache so vor, daß jedermann klar wird -- hier hat man es nicht mit einem Kaiser oder König zu tun (geschweige denn mit einem Angeklagten). Hier tut sich etwas über dem Gipfel der Besetzungsliste dieser Gesellschaft kund. Hier spricht, was war und ist und sein wird, selbst.

Ist das Taktik? Nein, so ist Ludwig Poullain. Wenn man Ludwig Poullain eine Taktik empfehlen könnte, wäre sie ihm (und zwar eine ganz andere) zweifellos nahegelegt worden. Er ist auch im Gerichtssaal und als Angeklagter nicht ein Ludwig Poullain, der eine beispiellose Karriere gemacht hat. Er ist vielmehr der Ludwig Poullain, zu dem der Erfolg gehört. Er hat Taktik nie nötig gehabt.

Ludwig Poullain ist großgewachsen, 1,88 lang, eine Erscheinung, deren sicheres Auftreten man nicht elegant nennen darf, weil das die Erscheinung versammelnde und ausdrückende Bullbeißergesicht keinen Zweifel daran läßt, daß man es hier nicht mit einem Schönling, mit einem nur oder allzu kultivierten Menschen, sondern mit einem Mann zu tun hat. Gerade in der Männerwelt des Geldgeschäftes gibt es eine Mitgift in der Gestalt und in der Art sich zu geben, die dazu beiträgt, daß man gefragt wird und gefragt ist.

Ludwig Poullain versäumt es nicht, Personen dankbar zu erwähnen, denen er etwas zu danken hat. Doch diese Erwähnungen laufen darauf hinaus, daß er sich Vorschlägen, Anträgen und Wünschen nicht entziehen konnte. Denn folgt man ihm, so hat er sich, von den Anfängen abgesehen, nie beworben. Es ist um ihn geworben worden.

Man trat an ihn heran. Jedenfalls hat er es so empfunden. Er ist nicht befördert worden, man hat ihn dorthin gebracht, nach ganz oben, wo ein Mann wie er hingehörte. Selbstkritik, Überprüfung des eigenen Weges -das ist ihm allenfalls am Anfang widerfahren, doch später von Zäsuren in seiner Laufbahn, von Stillständen, von quälenden Pausen in ihr, nicht mehr auferlegt worden.

Er bringt kein akademisches Prädikat mit, die mittlere Reife, die Handelsschule und eine Banklehre an der Städtischen Sparkasse in Remscheid hat er auf dem Papier vorzuweisen. Doch von 1950 an ist er Prüfer beim Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Und eines Tages, 1955, er hat in Solingen sein Prüfungsergebnis vorgetragen, sagt man zu ihm: »Machen Sie's besser, bleiben Sie, Poullain.«

Er bleibt und geht auch schon wieder. 1958 wird er Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse in Recklinghausen. 1964 macht man ihn zum Vorstandsmitglied der Landesbank für Westfalen in Münster, deren Generaldirektion er 1966 übernimmt. Und 1968 führt er die Fusion dieser Bank mit der Rheinischen Girozentrale in Düsseldorf zur Westdeutschen Landesbank, zur WestLB durch.

Das ist keine Karriere, das ist ein Durchmarsch. Ludwig Poullain ist ja nicht nur eine einnehmende Erscheinung. Er wickelt nacheinander Themen ab, von denen anderen ein einzelnes für ihr Leben genügt hätte. Bis er 1964 zur Landesbank nach Münster geht, aktiviert er die Sparkassen, für die er tätig ist, gegenüber der Landesbank.

Er drängt aus der Enge der öffentlich-rechtlichen Satzungen der Sparkasse heraus ins Unternehmerische, er ist Aktivist einer in der Tat in der Luft liegenden Entwicklung. Anschließend, bei der Landesbank in Münster, wird er, um das an die Sparkassen verlorene Terrain wettzumachen, ein Aktivist gegen die Großbanken, stößt er in ihr Terrain hinein vor.

Mit der Fusion zur WestLB wäre er natürlich, wäre es nicht anders gekommen, noch nicht am Ende gewesen. Er hätte sich nur zu gern auch noch auf ein drittes Thema (von den Themen, von denen jedes einzelne ein Leben ausfüllen kann) geworfen: darauf, aus der WestLB eine Aktiengesellschaft zu machen. Eine »lupenreine AG«, sagt er in Münster, und Gram darüber, daß das nicht möglich war, weil es das Institut um Vorteile gebracht hätte, wird spürbar.

Er hat den Hecht im Karpfenteich der Großbanken mit der WestLB mehr spielen müssen, als daß er dieser Hecht wirklich war. Er beklagt, was der WestLB alles fehlte, von der Bausparkasse über die Hypotheken bis zu den Einlagen. Er war, sagt er, von den Sparkassen abhängig. Sie waren nur scheinbar die Schwächeren gegenüber der Landesbank. Es gab noch eine Vision für ihn am Horizont: eine Fusion Sparkassen-Landesbank ...

Hat er nicht einmal zwischendurch Bilanz mit sich selbst gemacht, seinen Weg analysiert? Haben ihn das Tempo und die Dimensionen nicht ab und an geängstigt, was die eigene Person angeht, was seine Rolle betrifft? 1971, S.83 sagt er, habe er gemerkt, daß er »hudelte«, daß er nur noch reiste. Er hat deshalb eine seiner Positionen aufgegeben.

In Münster spricht er einmal von seiner -- heutigen -- Sicht als der Sicht eines »abgeklärten, weisen Mannes«. Doch so wenig weise und abgeklärt seine Sicht heute ist, dürfte sie ihm früher schon gar nicht möglich gewesen sein. Drei Worte kommen in Münster in seinen Ausführungen immer wieder vor, und er steht ihnen auch heute noch ohne Zweifel an ihnen gegenüber: Gewinnmaximierung, Wettbewerb und aggressiv.

Vor allem das Wort aggressiv ist kennzeichnend für Ludwig Poullain. Als Sparkassenmann war er aggressiv in Richtung Landesbank. Als Mann der Landesbank war er aggressiv in Richtung Großbanken. Er wäre gern noch aggressiver geworden mit einer Aktiengesellschaft, mit einer Fusion aus Sparkassen und Landesbank. In jeder Situation ist die aggressive Geschäftspolitik für ihn das Rezept gewesen, die Herstellung verschärfter Wettbewerbssituationen und die Gewinnmaximierung aus diesem Wettbewerb zu erzielen.

Lothar Bewerunge hat in der »Frankfurter Allgemeinen« den Eindruck ausgezeichnet formuliert, den man bekommt, wenn man Ludwig Poullain zuhört: »Zuweilen sieht es in Münster so aus, als möchte der Angeklagte seine Richter befragen: Kann man gegen den Erfolg überhaupt argumentieren?«

Er hat als ständiger Angreifer Erfolge gehabt. Doch daß der Erfolg von heute der Mißerfolg von morgen sein kann, ist ihm fremd. Er hat den Preis seiner Erfolge nicht bedacht -- die Konsequenzen dieser Erfolge für die eigene Person, für die Selbsteinschätzung, für die Selbstkontrolle schon gar nicht.

Er wird gefragt, ob eigentlich in den Gremien der WestLB diskutiert worden ist. Ludwig Poullain spricht daraufhin von der Schwierigkeit, »wenn man keine korrigierenden Elemente« habe: »Stellen Sie sich vor, Sie haben überhaupt kein Echo mehr.«

Der Ludwig Poullain, den man in Münster erlebt, wird sich kaum von dem unterscheiden, der in den Gremien der WestLB auftrat. Er kann sich kein Stichwort entgehen lassen. Ein großer Mann der Wirtschaft, der ihn für eine Aufgabe gewinnen wollte, schickte ihm ein Kästchen Zigarren, um das vorerst gescheiterte Gespräch im Gang zu halten: »Ich wußte damals noch nicht, daß das Bestechung war.« Einmal sagt er in Münster, ein Dummkopf, wer das nicht richtig versteht (er hat keine Geduld mit der Dummheit, und die beginnt für ihn gleich hinter dem Einmaleins): »Hoch lebe die Macht der Banken, sie sei nicht geleugnet.«

Er weiß, was man der Presse hinwerfen muß, was sie verschlingen und bringen wird. Als Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes war einmal Franz Josef Strauß im Gespräch. Ludwig Poullain läßt wissen, daß der Politiker »ein glänzender Sparkassenpräsident geworden« wäre.

Er ermutigt nicht zur Diskussion -- und selbst wenn er fragt, mißrät ihm das. Er fragt den Vorsitzenden Richter, ob er nicht zu breit werde, ob er nicht zu ausführlich vortrage. Doch dann hängt er, wie Mephisto sein »... und läßt sie grüßen«, den Satz an, der natürlich, so wie er gebracht wird, viele im Saal lachen läßt: »Ich mache das hier zum ersten Mal.«

Ludwig Poullain spricht in Münster sehr oft von der Diskretion, von ihrer Bedeutung in seinem Beruf. Doch er krönt diese Hinweise auf die Diskretion mit der Indiskretion, daß ihn der Finanzminister Friedrich Halstenberg einmal gefragt habe, wie er seine Verantwortung geringer halten könne -indem er die Staatsaufsicht über die WestLB in den Sitzungen persönlich wahrnehme oder indem er sich vertreten lasse.

1979 erschien Ludwig Poullains Buch »Tätigkeitsbericht«, nicht gerade ein diskretes, eher ein wüstes Buch. In diesem Buch erwähnt er einen ehemaligen Kollegen, der in der Frage, was von dem Beratungsvertrag zu halten sei, der ihm, Ludwig Poullain, eine Million und später noch einmal 100 000 Mark einbrachte, eine Charakterfrage sah. Und dazu heißt es in Ludwig Poullains Buch: »Es ist in der Tat eine Charakterfrage, wie man über andere urteilt. Über die Moral der Geschichte zu werten steht erst einmal mir selbst zu.«

Ludwig Poullain hält sich strafrechtlich in allen Punkten für unschuldig. Was die Moral des Beratungsvertrages angeht, spricht er in seinem Buch von »einem pseudomoralisch-sophistischen 'Das tut man nicht'«, dem er sich als Chef der WestLB zu Lasten seiner Handlungsspielräume ausgesetzt habe.

Als Angeklagter in Münster fasziniert er schon am ersten Tag, an dem er zu Wort kommt, dadurch, daß er unbeirrt nur eine Konfession kennt: seinen Blick, seine Bewertung der Dinge. Ob er sich ernst, erheitert, aufmerksam oder sogar der Belehrung bedürftig gibt -- es ist für ihn unbegreiflich, daß man etwas anders sieht als er.

Es ist nicht einfach so, daß Ludwig Poullain von seiner Unschuld so überzeugt ist wie fast alle Angeklagten.

Er würgt nicht an der Anklage, und er wütet nicht gegen sie. Sie ist einfach falsch, so falsch, daß sie gar nicht vorhanden ist; daß alle aufstehen und nach Hause gehen könnten, wenn er mit seinen Ausführungen fertig ist.

Wie kann diese Gesellschaft ernsthaft einen Mann anklagen wollen, dem der Erfolg, die Forcierung und Ausweitung des Wettbewerbs und die Gewinnmaximierung so gründlich gelungen sind? Er ist nur total der Angreifer gewesen, den der Erfolg in dieser Gesellschaft verlangt. Da kann doch nichts Strafbares angefallen sein -- und die Moral zu werten steht ohnehin zuerst ihm selbst zu. Die Rolle des Angeklagten gibt es in seinem Repertoire nicht.

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