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2000: Wissenschaft Hoch über der Menge

Maschinen eroberten den Luftraum, der Mensch selbst jedoch nicht. Wird mit dem »Skycar« der Menschheitstraum vom Flugmobil für jedermann Wirklichkeit?
aus DER SPIEGEL 52/1999

Mit dem Geist der Aufklärung, der Keimzelle von Demokratie und Dampfmaschine, festigte sich bald eine erhabene Gewissheit: Nichts würde den Menschen länger am Boden halten. »Durch Übung gewitzigt«, prophezeite Jean-Jacques Rousseau, »werden wir uns gleich Adlern in die Lüfte schwingen und das kindische Gehabe der unten auf der Erde kriechenden Menschlein belächeln.«

Besonders originell war die Vision des französisch-schweizerischen Freidenkers nicht. Mehr als zwei Jahrhunderte zuvor hatte Leonardo da Vinci die Flugfähigkeit seiner Gattung wissenschaftlich beglaubigt: »Ein Vogel ist ein Instrument, das nach mathematischen Gesetzen funktioniert, und der Mensch ist fähig, dieses Instrument genau nachzuahmen.« Bisher ist er es nicht, unter anderem deshalb, weil der Renaissance-Visionär laut Flughistoriker Courtlandt Canby »die Kraft und Ausdauer der menschlichen Muskeln überschätzte«.

Leonardos Logik folgend erlebten zahlreiche Flugpioniere wenig Heroisches, verloren jedoch viel - meist ihr Vermögen und ihr Ansehen, nicht selten das Leben.

»Ich werde nie das Bild des Mannes vergessen, der, von großen weißen Flügeln getragen, mit der Geschwindigkeit eines Rennpferds hoch über der Menge dahinglitt«, sagte ein Beobachter Otto Lilienthals. An die 2000 Gleitflüge mit baumwollbespannten Bambus- und Weidendrachen hatte der deutsche Muster-Aeronaut unternommen, ehe er 1896 im märkischen Stölln von einer Turbulenz zu Boden gerissen wurde, sich das Genick brach und starb.

Sieben Jahre später glückten die ersten Motorflüge der Gebrüder Wright, zunächst kümmerliche Hüpfer von wenigen hundert Metern, pünktlich zur philosophischen Ortung der Moderne: Gott tot, Mensch am Himmel.

»Wenn der Mensch fliegen kann, kann er alles«, konstatiert der amerikanische Historiker John Gillikin. »Und wissen Sie was? Er kann fliegen.«

Er kann es nicht. Die Erschließung des Luftraums mit Maschinenkraft gab ihm die Freiheit, Regenwälder mit chemischen Kampfmitteln und Urlaubsinseln mit Ballermann-Brigaden zu kontaminieren. Zum Engel fehlt es weit.

Dem Wunsch, unabhängig von Flugplänen und -plätzen an jedem Ort und zu jeder Zeit abheben und davonfliegen zu können, kommt der Hubschrauber am nächsten. Auch er existierte bereits als Leonardo-Entwurf, wird jedoch niemals zum Massenverkehrsmittel taugen. Baukosten und Energieverbrauch sind viel zu hoch. Gleichwohl arbeiten Ingenieure unverdrossen an preiswerten Individual-Fluggeräten. Rieseninsekten ähnelnde Gestelle mit Auftriebsventilatoren und Raketen-Rucksäcke dokumentieren das so beharrliche wie bislang erfolglose Streben nach dem erschwinglichen Menschenflug, der alle Stauprobleme in Luft auflösen könnte.

Wird nun zum Jahrtausendwechsel auch diese letzte Sehnsucht des Menschen erfüllt? Der amerikanische Multimillionär und Maschinenbauer Paul Moller, der seit über 30 Jahren der Idee des fliegenden Individualverkehrsmittels nachjagt, glaubt sich dem Ziel nahe. Den ersten Prototyp seines jüngsten »Skycar«, eine Art Bat-Mobil fürs Volk mit vier Sitzen und acht Wankelmotoren, will er demnächst der realen Flugerprobung unterziehen.

Dank Schubumlenkung soll das Fiberglas-Vehikel senkrecht starten und auf einem Fleck in der Luft verharren können. In Vorwärtsrichtung strebt Moller eine Höchstgeschwindigkeit von über 600 Stundenkilometern an. Die ersten Exemplare will er für je eine Million Dollar feilbieten, nach angelaufener Serienproduktion jedoch bald das Preisniveau von Luxuslimousinen erreichen. Der Käufer brauche dann nicht einmal eine Fluglizenz, da die Steuerung von einer satellitengestützten Navigationsautomatik übernommen werden soll.

Die US-Weltraumbehörde Nasa entwickelt bereits ein Leitsystem für solche Zwecke. Einer ihrer leitenden Wissenschaftler, Dennis Bushnell, sieht darin »technisch kein großes Problem«. Solange es jedoch noch nicht einmal gelingt, das Verspätungschaos an völlig überlasteten Flughäfen zu lösen, wird sich ein Millionenheer umherschwirrender Himmelsautos erst recht nicht beherrschen lassen.

Fliegen ohne Grenzen und Zwänge ist keine Option für jedermann. Es bleibt ein poetischer Traum, eine »himmlische Kraft, die nur der Genius übt« (Bettina von Arnim). Einzig Verliebte scheinen von dieser Kraft zuweilen ergriffen, wenn sie sich, etwa am »Titanic«-Bug, in Schwerelosigkeit wähnen.

Selbst im Reich der Imagination währt die Fähigkeit zum Fliegen als Metapher einer höheren Daseinsform nicht ewig. So wendet sich im Kinofilm »Hook«, der Hollywood-Apotheose des Luftikus-Märchens Peter Pan, ein Weggefährte und früherer Flugbegleiter des fabelhaften Flattermanns verwirrt an einen Polizisten: »Ich habe vergessen, wie man fliegt.« »Das«, erwidert der Beamte ungerührt, »kommt vor.« CHRISTIAN WÜST

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