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Hochschulen: »Jeder wird studieren können«

Die westdeutsche Hochschulpolitik steuert einer radikalen Wende zu. Was der Wissenschaftsrat vor Monaten erstmals anregte und Bundeskanzler Schmidt Anfang Mai als Wahlkampfparole ausgab, halten jetzt auch Universitäten für machbar: Der Numerus clausus soll fallen. Hamburgs Universitätspräsident Peter Fischer-Appelt hat dafür einen Plan entwickelt: Jede Hochschule muß in jedem Fach 25 Prozent mehr Studenten aufnehmen.
aus DER SPIEGEL 22/1976

SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Schmidt fordert im »Regierungsprogramm 1976-1980«, also für den Wahlkampf: »In fast allen Fächern kann und muß der Numerus clausus alsbald ausgesetzt werden.« Das betrifft Sie als Präsident einer Mammutuniversität unmittelbar, was halten Sie davon?

FISCHER-APPELT: Ich würde sagen, daß die Forderung des Bundeskanzlers und seiner Partei allenfalls dem Trend nach richtig ist. Ich habe in Trier auf der Jahresversammlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz vorgeschlagen, die Hochschulen sollten 25 Prozent mehr Bewerber aufnehmen, als es heute geschieht.

SPIEGEL: Wo liegt der Unterschied zwischen Schmidts und Ihrer Forderung?

FISCHER-APPELT: Was der Kanzler fordert, ist die Wunschvorstellung eines Politikers; was ich vorschlage, entspringt der Kalkulation eines Praktikers im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten einer Hochschule.

SPIEGEL: Gilt Ihre Forderung für alle Fächer, also auch für Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie, Tiermedizin, Psychologie?

FISCHER-APPELT: Ja. Finge man an, für ganze Fächer Ausnahmen zu machen, so müßten andere Fächer mehr als 25 Prozent zusätzlich aufnehmen.

SPIEGEL: Wie sind Sie auf 25 Prozent gekommen?

FISCHER-APPELT: Die Geburtenziffer lag Mitte der 50er Jahre bei etwas über 800 000 und stieg im Jahresschnitt Mitte der 60er Jahre auf knapp 1.1 Millionen. also um rund 25 Prozent. Entsprechend größer ist deshalb jetzt der Bedarf an Ausbildungsplätzen, und zwar auf allen Ebenen. Auch die Hochschulen müssen sich auf eine solche Größenordnung einstellen.

SPIEGEL: Es gab in Trier unter den Rektoren und Präsidenten der Hochschulen Widerstand gegen Ihre Forderung. Ihre Zahl von 25 Prozent wurde aus dem offiziellen Papier gestrichen. Würden Sie denn in Hamburg vorangehen wollen, also zu 28 000 Studenten noch 7000 zusätzlich aufnehmen, um so zu zeigen: Seht, es geht?

FISCHER-APPELT: Es kann nicht eine einzelne Hochschule so verfahren, das müssen alle zusammen tun. Ich würde noch weitergehen und sagen: Es hülfe auch nichts, wenn nur die Hochschulen ihre Kapazität erweitern würden. Diese Aufgabe muß von allen Ausbildungseinrichtungen -- Berufsschulen, Industrie, Handwerk gleichermaßen gelöst werden.

SPIEGEL: Meinen Sie, daß man überall die Zahl der Ausbildungsplätze linear erhöhen kann?

FISCHER-APPELT: Man muß es überall versuchen, aber es wird nicht überall gehen.

SPIEGEL: Wo denn nicht?

FISCHER-APPELT: Nehmen Sie die Pharmazie bei uns an der Universität Hamburg, wir haben da sieben Laborsäle mit je 36 Plätzen. Dort können Sie tatsächlich nicht mehr als 36 Studenten hineinzwängen. Wollten wir hier 25 Prozent aufstocken, müßten wir zum Schichtbetrieb übergehen.

SPIEGEL: Warum nicht? Das Bundesverfassungsgericht hält sogar Ferienkurse für zumutbar.

FISCHER-APPELT: Schichtbetrieb ist eine schwierige, aber zu prüfende, keineswegs auszuschließende Möglichkeit. Er erfordert freilich mehr ständiges Lehrpersonal. Weil dies nach dem heutigen Stand nicht zu erwarten ist, wird die Pharmazie in Hamburg wahrscheinlich eher auszunehmen als einzubeziehen sein. Das muß für die Pharmazie an den anderen Hochschulen keineswegs gelten. In anderen Fächern kann es umgekehrt sein.

SPIEGEL: In der Medizin, nehmen wir das härteste aller Nc-Fächer, könnten Sie an der Universität Hamburg 25 Prozent mehr Studenten aufnehmen?

FISCHER-APPELT: Nach dem gegenwärtigen Stand der Auslastung nicht. Aber. bei einem erweiterten Lehrangebot müßten im vorklinischen Abschnitt, also in den ersten vier Semestern, die 25 Prozent erbracht werden können. Im klinischen Abschnitt, also in den späteren Semestern, ergeben sich zweifellos Schwierigkeiten, von denen heute nicht gesagt werden kann, ob und wie sie überwunden werden können.

SPIEGEL: Auch wenn in den harten Nc-Fächern die Kapazität um ein Viertel erhöht wird, kommen dort bei weitem noch nicht alle Bewerber unter.

FISCHER-APPELT: Es wird, auch wenn mein Vorschlag realisiert wird, nicht ohne Zulassungsbeschränkungen gehen, und es wird auch in Zukunft nicht jeder Bewerber einen Studienplatz in jedem von ihm gewünschten Fach erhalten. Aber er wird studieren können.

SPIEGEL: Was würde es denn kosten, wenn man dort, wo heute vier studieren, für einen fünften Platz schafft?

FISCHER-APPELT: Man wird Mittel brauchen für Lehraufträge, also für eine zeitlich begrenzte Tätigkeit, für Hilfskräfte und Tutoren, für den Laborbetrieb und für eine längere Öffnung der Bibliotheken, um nur einiges zu nennen. Nach meiner überschlägigen Rechnung wird jeder zusätzliche Student 2000 Mark pro Jahr kosten. Für Hamburg ergäbe sich ein Betrag von 7000 mal 2000 Mark, das macht 14 Millionen Mark pro Jahr.

SPIEGEL: Ist das bei den knappen Kassen nicht schon zuviel?

FISCHER-APPELT: Das glaube ich nicht. Man würde 25 Prozent mehr ausbilden können bei einer Erhöhung des Etats um fünf Prozent. Das ist nicht teuer, sondern billiger als jede Investition, die an anderer Stelle des Ausbildungssystems für neue Plätze aufzuwenden ist, und neue Plätze sind auf jeden Fall nötig.

SPIEGEL: Ihr 25-Prozent-Programm ließe sich nicht ohne Hilfe der Hochschullehrer verwirklichen. Erwarten Sie da Unterstützung oder Widerstand?

FISCHER-APPELT: Der Widerstand wird gar nicht so sehr aus den Hochschulen kommen. Die Zahl der Hochschullehrer, die dem Abiturienten- und Studentenandrang nicht defensiv zusehen wollen, nimmt nach meinen Beobachtungen zu. Das hat auch die Rektorenkonferenz von Trier gezeigt. Schwierigkeiten entstehen eher dadurch, daß sich die Länder untereinander und mit den Hochschulen nicht schnell genug auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. Dabei drängt die Zeit.

SPIEGEL: In den Kultusministerien ist man eher der Ansicht, man müsse die Professoren zwingen, mehr für die Lehre zu tun. Die Erhöhung der sogenannten Lehrdeputate wird schon durchgespielt und durchgerechnet, also die Erhöhung der Zahl der Stunden. die ein Professor unterrichten muß.

FISCHER-APPELT: Davon halte ich überhaupt nichts. Dadurch würde die Initiative und die Bereitschaft der Professoren, Dozenten und Assistenten, die für meinen Vorschlag grundlegend wären, geradezu administrativ erstickt.

SPIEGEL: Sie wollen mehr Studenten ausbilden lassen, ohne daß die Hochschullehrer mehr tun müssen?

FISCHER-APPELT: Das ist kein so großes Kunststück, wie Sie glauben. Natürlich werden die Notmaßnahmen, die jetzt auf der Tagesordnung stehen, mehr, sogar weit mehr von den Hochschullehrern verlangen, als sie derzeit schon leisten, zum Beispiel in der Betreuung der Studenten und bei den Prüfungen.

SPIEGEL: An welche Notmaßnahmen denken Sie?

FISCHER-APPELT: Lassen Sie mich aus einem ganzen Katalog von Maßnahmen nur einige herausgreifen. um zu zeigen, worum es mir geht. Man wird die Studienpläne und Prüfungsordnungen durchforsten, mehr Lehrveranstaltungen im Grundstudium anbieten und sicher auch -- angesichts der auf die Universitäten zukommenden Massen -- die Zahl der Studenten in einer Vorlesung oder einer Übung erhöhen müssen.

SPIEGEL: Ihre Devise scheint zu sein: Machen müssen wir's, also machen wir's lieber freiwillig als unter Druck.

FISCHER-APPELT: Ich würde es nicht so formulieren, aber doch ganz offen sagen: Es ist eine Aufgabe von hohem moralischem Gewicht, die jetzt auf die Hochschulen zukommt; sie können sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Es kann keine Rede davon sein, daß wir auf diese Herausforderung nicht flexibel und angemessen reagieren werden. Die deutschen Hochschulen sind besser als ihr Ruf.

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